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Als ihr Blick wieder klar wurde, konnte sie in dem allgemeinen rotbraunen Hintergrund den kleinen grünen Flecken erkennen, den der rasenbewachsene Abhang vor dem alten Steinhaus bildete. Jenseits des Wassers lag das winzige Dorf.

Bothari war schon vor ihnen da und wartete auf sie, ohne gesehen zu werden, niedergekauert im Gebüsch, während sein schnaufendes Pferd an einen Baum gebunden war. Er stand schweigend auf, näherte sich ihnen und blickte dann besorgt auf Cordelia. Halb fiel, halb glitt sie herab in seine Arme.

»Sie reiten zu schnell für sie, Mylord. Sie ist noch krank.«

Piotr schnaubte: »Sie wird noch viel kränker sein, wenn Vordarians Kommandos uns einholen.«

»Ich schaff’s schon«, keuchte Cordelia zusammengekrümmt. »In einer Minute. Gebt mir — bloß — eine Minute.« Der Wind, der kälter wurde, da die Herbstsonne nach Westen sank, fuhr über ihre heiße Haut hinweg. Der Himmel hatte eine einheitliche schattenlose Milchfarbe angenommen.

Nach und nach konnte sich Cordelia wieder aufrichten, während der Schmerz im Unterleib nachließ. Esterhazy erreichte die Lichtung, als Nachhut bewegte er sich in einem weniger hektischen Schritt.

Bothari nickte in Richtung auf den grünen Fleck: »Da sind sie.«

Piotr kniff die Augen zusammen, Cordelia starrte in die gleiche Richtung. Einige Leichtflieger landeten gerade auf dem Rasen. Keine von Arals Maschinen. Männer in Arbeitsuniformen quollen aus ihnen hervor wie schwarze Ameisen, darunter vielleicht ein oder zwei helle Tupfen in Kastanienbraun und Gold, und ein paar Flecken im Dunkelgrün der Offiziere. Großartig. Unsere Freunde und unsere Feinde tragen alle die gleichen Uniformen. Was sollen wir tun, auf sie alle schießen und dann Gott sie aussortieren lassen?

Piotr sah wirklich sauer drein. Verwüsteten sie dort drunten gerade sein Heim, rissen sie auf der Suche nach den Flüchtigen das Haus ein?

»Wenn sie die Pferde zählen, die im Stall fehlen, werden sie dann nicht wissen, wohin wir gegangen sind und wie?«, fragte Cordelia.

»Ich habe alle rausgelassen, Mylady«, sagte Esterhazy. »Wenigstens haben auf diese Weise alle eine Chance. Ich weiß nicht, wieviel wir zurückbekommen werden.«

»Die meisten von ihnen werden sich bei den Ställen herumtreiben, fürchte ich«, sagte Piotr, »in der Hoffnung auf ihren Hafer. Ich wünschte mir, sie wären so gescheit und zerstreuten sich. Gott allein weiß, auf welche Schändlichkeiten diese Vandalen verfallen, wenn sie sich um ihre ganze andere Beute geprellt sehen.«

Drei Flieger landeten am Rand des kleinen Dorfes. Bewaffnete Männer stiegen aus und verschwanden zwischen den Häusern. »Ich hoffe, Zai hat sie alle rechtzeitig gewarnt«, murmelte Esterhazy.

»Warum sollten sie diese armen Leute belästigen?« fragte Cordelia. »Was wollen sie denn dort?«

»Uns, Mylady«, sagte Esterhazy grimmig. Als sie ihn verwirrt anblickte, fuhr er fort: »Uns, die Gefolgsleute. Unsere Familien. Die machen dort unten Jagd auf Geiseln.«

Esterhazy hatte eine Frau und zwei Kinder in der Hauptstadt, erinnerte sich Cordelia. Und was geschah mit denen jetzt gerade? Hat sie jemand gewarnt? Esterhazy sah aus, als stellte er sich auch diese Fragen.

»Kein Zweifel, Vordarian wird das Geiselspiel spielen«, sagte Piotr. »Er kann jetzt nicht mehr zurück. Er muß gewinnen oder sterben.«

Sergeant Botharis schmale Kinnbacken zuckten, als er durch die dunstige Luft starrte. Hatte irgend jemand daran gedacht, Frau Hysopi zu warnen?

»Sie werden bald mit der Suche aus der Luft anfangen«, sagte Piotr. »Es ist Zeit, in Deckung zu gehen. Ich gehe voran. Sergeant, führen Sie sie.«

Er wendete sein Pferd und verschwand im Gestrüpp, dabei folgte er einem Pfad, der so undeutlich war, daß Cordelia ihn gar nicht erkannt hätte.

Bothari und Esterhazy waren beide nötig, um sie wieder auf ihr Reittier zu heben. Piotr wählte als Gangart den Schritt, nicht um ihretwillen, vermutete Cordelia, sondern den schweißbedeckten Tieren zuliebe. Nach diesem ersten gräßlichen Galopp erschien der Schritt wie eine Atempause. Zuerst.

Sie ritten zwischen Bäumen und Büschen, entlang einer Schlucht, über einen Hügelkamm, und die Hufe der Pferde scharrten über Stein. Cordelia spitzte die Ohren für das Jaulen von Leichtfliegern über ihren Köpfen. Als es einmal kam, führte Bothari sie in einem wilden und schwindelerregenden Gerutschte in eine Schlucht hinunter, wo sie abstiegen und sich minutenlang unter einen Felsvorsprung kauerten, bis das Jaulen verklungen war. Wieder aus der Schlucht herauszukommen war sogar noch schwieriger. Sie mußten die Pferde hinaufführen, wobei Bothari seines den gefährlichen, mit Gestrüpp bewachsenen Hang praktisch hinaufzuziehen schien.

Es wurde dunkler, kälter und windiger. Aus zwei Stunden wurden drei, vier, fünf, und die rauchgraue Dunkelheit wurde pechschwarz. Sie ritten jetzt eng hintereinander, um Piotr nicht zu verlieren. Es begann zu regnen, ein trister schwarzer Nieselregen, der Cordelias Sattel noch schlüpfriger machte.

Um Mitternacht kamen sie auf eine Lichtung, die kaum weniger schwarz als die Schatten war, und Piotr rief endlich zu einem Halt. Cordelia saß mit dem Rücken an einem Baum, vor Erschöpfung ganz betäubt, mit angespannten Nerven, und hielt Gregor. Bothari teilte für Cordelia und Gregor einen Nährriegel, den er in seiner Tasche getragen hatte, und das war ihr einziger Proviant. In Botharis Uniformjacke eingewickelt, schlief Gregor schließlich trotz der Kälte ein. In Cordelias Beinen, auf denen Gregor lag, kribbelte es, aber das Kind war wenigstens ein Klumpen Wärme.

Wo war Aral jetzt? Und wo waren sie selbst überhaupt? Cordelia hoffte, daß Piotr dies wußte. Sie konnten maximal nicht mehr als fünf Kilometer pro Stunde zurückgelegt haben, mit all dem Auf und Ab und all den Haken, die sie geschlagen hatten. Stellte sich Piotr wirklich vor, sie könnten auf diese Weise ihren Verfolgern entkommen?

Piotr, der eine Weile unter seinem eigenen Baum ein paar Meter entfernt gesessen war, stand auf und ging ins Gebüsch, um zu pinkeln, dann kam er zurück, um in der Dunkelheit nach Gregor zu gucken. »Schläft er?«

»Ja. Erstaunlicherweise.«

»Mmm. Jugend«, brummte Piotr. War es Neid?

Sein Ton war nicht so feindselig wie zuvor, und Cordelia wagte zu fragen: »Glaubst du, Aral ist jetzt in Hassadar?« Sie konnte sich nicht ganz dazu bringen zu fragen: Glaubst du, er hat es überhaupt bis Hassadar geschafft?

»Er wird dort gewesen und inzwischen schon weitergegangen sein.«

»Ich dachte, er würde die dortige Garnison alarmieren.«

»Alarmieren und auseinanderschicken, in hundert verschiedene Richtungen. Und welches Kommando hat den Kaiser bei sich? Vordarian wird es nicht wissen. Aber mit etwas Glück wird dieser Verräter dazu verleitet werden, Hassadar zu besetzen.«

»Glück?«

»Eine kleine, aber wertvolle Ablenkung. Hassadar hat für keine der beiden Seiten einen nennenswerten strategischen Wert. Aber Vordarian muß einen Teil seiner — sicherlich zahlenmäßig begrenzten — loyalen Truppen darauf verwenden, es zu halten, tief in einem feindlichen Territorium mit einer langen Guerillatradition. Wir werden gute Informationen bekommen über alles, was die dort machen, aber die Bevölkerung wird sich ihnen verschließen.

Und es ist meine Hauptstadt. Er besetzt die DistriktsHauptstadt eines Grafen mit kaiserlichen Truppen — alle meine Mitbrüder im Grafenstand müssen innehalten und darüber nachdenken. Bin ich der nächste? Aral ist vermutlich zum Raumhafen Basis Tanery weitergegangen. Er muß eine unabhängige Kommunikationslinie mit den Streitkräften im Weltraum aufbauen, falls Vordarian das kaiserliche Hauptquartier wirklich umzingelt hat. Es wird entscheidend sein, wem gegenüber die Leute im Weltraum loyal sind. Ich prophezeie den Ausbruch erheblicher technischer Schwierigkeiten in ihren Funkstationen, während die Schiffskommandanten krampfhaft herausfinden wollen, welche Seite gewinnen wird.« Piotr gab in der Dunkelheit ein makabres Kichern von sich. »Vordarian ist zu jung, um sich an den Krieg von Kaiser Yuri dem Wahnsinnigen zu erinnern. Das ist schlecht für ihn. Er hat genügend Vorteile durch seinen raschen Start gewonnen, sehr ungern würde ich ihm noch mehr einräumen.«