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»Wie schnell … geschah das alles?«

»Schnell. Es gab noch keinen Hinweis auf irgendwelche Schwierigkeiten, als ich um Mittag in der Hauptstadt war. Das Ganze muß gleich nach meiner Abfahrt ausgebrochen sein.«

Ein Frösteln, das nichts mit dem Regen zu tun hatte, überfiel beide kurz, als sie sich erinnerten, warum Piotr diese Reise heute unternommen hatte.

»Hat die Hauptstadt … einen großen strategischen Wert?«, fragte Cordelia und wechselte damit das Thema, da sie nicht wieder den wunden Punkt berühren wollte.

»In manchen Kriegen hätte sie einen. Nicht in diesem. Das ist kein Krieg um Territorium. Ich frage mich, ob Vordarian das erkennt. Es ist ein Kampf um Loyalitäten, um die Herzen von Menschen. Kein physisches Objekt in der Hauptstadt hat mehr als nur vorübergehende taktische Bedeutung. Vorbarr Sultana ist allerdings ein Kommunikationszentrum, und Kommunikation ist viel. Aber es ist nicht das einzige Zentrum. Der Umgehungskreislauf wird seinen Dienst tun.«

Wir haben überhaupt keine Kommunikation, dachte Cordelia stumpf. Hier draußen in den Wäldern im Regen. »Aber wenn Vordarian gerade jetzt das kaiserliche Militärhauptquartier besetzt hält …«

»Was er jetzt im Augenblick besetzt hält, ist, wenn ich mich nicht ganz täusche, ein sehr großes Gebäude voller Chaos. Ich bezweifle, ob überhaupt ein Viertel der Männer auf ihrem Posten ist, und die Hälfte von denen hecken Sabotageakte zugunsten der jeweiligen Seite aus, die sie insgeheim bevorzugen. Die übrigen sind unterwegs, um unterzutauchen oder zu versuchen, zu ihren Familien außerhalb der Stadt zu gelangen.«

»Wird Oberst Vorpatril ganz — wird Vordarian Lord und Lady Vorpatril belästigen, was meinst du?« Alys Vorpatrils Niederkunft stand nahe bevor. Als sie Cordelia im Militärkrankenhaus besucht hatte — war das erst vor zehn Tagen gewesen? —, da war aus ihrem gleitenden Schritt ein schweres, plattfüßiges Gewatschel geworden und aus ihrem Bauch eine hohe, schwankende Wölbung. Ihr Doktor hatte ihr einen großen Jungen versprochen. Er sollte Ivan genannt werden. Sein Kinderzimmer war schon komplett eingerichtet und voll ausgeschmückt, hatte sie gestöhnt, wobei sie ihren Bauch in ihrem Schoß zurechtschob, und jetzt wäre eine gute Gelegenheit … jetzt war keine gute Gelegenheit mehr.

»Padma Vorpatril wird die Liste anführen. Er wird auf jeden Fall gejagt werden. Er und Aral sind jetzt die letzten Nachkommen von Prinz Xav, falls irgend jemand Narr genug ist, diese verdammte Thronfolgedebatte wieder zu beginnen. Oder wenn Gregor irgend etwas passiert.« Er biß nach dem letzten Satz die Zähne zusammen, als könnte er das Schicksal mit seinen Zähnen zurückhalten.

»Lady Vorpatril und das Baby auch?«

»Vielleicht Alys Vorpatril nicht. Der Junge auf jeden Fall.«

Aber das konnte man gerade zum jetzigen Zeitpunkt nicht exakt auseinanderhalten.

Endlich hatte sich der Wind gelegt. Cordelia konnte hören, wie die Zähne der Pferde Pflanzen abrissen, ein beständiges Mampfmampf-mampf.

»Werden die Pferde nicht von ihren Wärmesensoren angezeigt werden? Und wir auch, obwohl wir die Stromzellen abgeworfen haben? Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie uns auf die Dauer übersehen sollten?« Waren die Soldaten jetzt schon über ihnen, Augen in den Wolken?

»Ha, alle Menschen und Tiere in diesen Hügeln werden von ihren Wärmesensoren angezeigt werden, wenn sie erst mal anfangen, damit in die richtige Richtung zu zielen.«

»Alle? Ich habe noch gar keine gesehen.«

»Wir sind bis jetzt an ungefähr zwanzig kleinen Gehöften vorbeigekommen. All die Leute und ihre Kühe, ihre Ziegen und ihr Rotwild, ihre Pferde und ihre Kinder. Wir sind wie Strohhalme in einem Heuschober. Aber es wird trotzdem gut für uns sein, wenn wir uns bald teilen. Wenn wir es bis zum Pfad am Fuße des Amie-Passes noch schaffen, bevor der Morgen um ist, dann hab ich ein paar gute Ideen.«

Als Bothari sie wieder auf Rose hinaufschob, ging die tiefe Schwärze in Grau über. Das Licht der Dämmerung sickerte in die Wälder, als sie sich wieder in Bewegung setzten. Die Baumzweige waren Kohlestriche im tropfenden Nebel. Sie klammerte sich in stummem Elend an den Sattel, während Bothari sie hinter sich herzog. Gregor schlief tatsächlich noch die ersten zwanzig Minuten des Rittes mit offenem Mund, schlaff und bleich, in Piotrs Arm.

Das zunehmende Licht enthüllte die Auswirkungen der Nacht. Bothari und Esterhazy waren beide schmutzig und hatten Schrammen, im Gesicht stand ihnen der Stoppelbart, ihre braunsilbernen Uniformen waren zerknittert. Bothari, der seine Jacke für Gregor weggegeben hatte, war hemdsärmelig. Mit dem offenen runden Kragen seines Hemdes sah er aus wie ein verurteilten Verbrecher, der zum Richtblock geführt wurde. Piotrs grüne Generalsuniform hatte die Nacht ziemlich gut überstanden, aber sein stoppelbärtiges Gesicht mit den geröteten Augen sah wie das eines Stadtstreichers aus. Cordelia fühlte sich selbst hoffnungslos durcheinander, mit ihren nassen Haarsträhnen und ihrem Mischmasch aus alten Kleidern und Hausschuhen.

Es könnte schlimmer sein. Ich könnte noch schwanger sein. Falls ich jetzt sterbe, so sterbe ich wenigstens allein. War der kleine Miles jetzt im Augenblick sicherer als sie selbst? Anonym in seinem Replikator in irgendeinem Regal in Vaagens und Henris Labor, das der Geheimhaltung unterlag? Sie betete darum, auch wenn sie es nicht glauben konnte. Ihr barrayaranischen Mistkerle solltet lieber meinen Sohn in Ruhe lassen!

Sie ritten im Zickzack einen langen Abhang hinauf. Die Pferde schnauften wie Gebläse, obwohl sie nur im Schritt gingen, und sie wurden störrisch, weil sie immer wieder über Wurzeln oder Felsen strauchelten. Sie hielten am Grund einer kleinen Mulde an. Sowohl Pferde wie Menschen tranken aus dem trüben Wasserlauf. Esterhazy lockerte die Gurte wieder. Er kraulte die Pferde unter ihren Kopfriemen, sie stießen ihn sanft mit ihren Köpfen und stöberten mit ihren Nüstern nach Leckerbissen in seinen leeren Taschen. Er murmelte ihnen entschuldigend und aufmunternd zu: »Alles in Ordnung, Rose, du kannst dich am Ende des Tages ausruhen. Nur noch ein paar Stunden.« Sie bekamen mehr Zuspruch als Cordelia.

Esterhazy überließ die Pferde Botharis Obhut und begleitete Piotr in die Wälder. Beide krabbelten den Abhang hoch. Gregor beschäftigte sich damit, Pflanzen auszureißen und die Tiere damit aus der Hand zu füttern.

Sie berührten die einheimischen barrayaranischen Pflanzen mit den Lippen und ließen sie dann unordentlich aus ihren Mäulern fallen: ungenießbar. Gregor hob die Büschel immer wieder auf und bot sie den Pferden erneut an, dabei versuchte er sie ihnen an ihren Gebißstangen vorbei in die Mäuler zu schieben.

»Wissen Sie, was der Graf vorhat?«, fragte Cordelia Bothari.

Er zuckte die Achseln. »Er ist unterwegs, um mit irgend jemandem Kontakt aufzunehmen. Das hier geht doch nicht.« Ein Ruck seines Kopfes in unbestimmte Richtung meinte die Nacht, die sie sich im Gestrüpp herumgeschlagen hatten.

Cordelia konnte nur zustimmen. Sie lehnte sich zurück und lauschte auf Leichtflieger, aber sie hörte nur das Geplätscher des Wassers in dem Flüßchen, zu dem das Knurren ihres Magens ein Echo bildete. Sie sprang nur einmal auf, um den hungrigen Gregor davon abzuhalten, einige der möglicherweise giftigen Pflanzen selbst zu probieren.

»Aber die Pferde haben sie gefressen!«, protestierte er.

»Nein!« Cordelia schauderte es, und detaillierte Visionen von ungünstigen biochemischen und hormonellen Reaktionen tanzten in einem molekularen Ringelreihen durch ihren Kopf. »Es ist eine der ersten Gewohnheiten, die man im Betanischen Astronomischen Erkundungsdienst lernen muß, weißt du. Stekke nie unbekannte Dinge in deinen Mund, solange sie nicht vom Labor freigegeben sind. Genaugenommen mußt du sogar vermeiden, deine Augen, deinen Mund und deine Schleimhäute damit in Berührung zu bringen.«