»Sergeant, heute nacht kampieren wir hier!«
Die Höhle gefiel Gregor, besonders als Cordelia die Geschichte des Ortes beschrieb. Er tobte in der Höhle herum, wobei er kriegerische Selbstgespräche führte wie: »Zack, zack, zack!«, kletterte in alle Nischen und versuchte, die derben Worte herauszubringen, die in die Wände geritzt waren. Bothari entzündete ein kleines Feuer in der Grube, breitete eine Bettrolle für Gregor und Cordelia aus und übernahm selbst die Nachtwache. Cordelia rollte ein zweites Bettzeug um Proviant für einen Marsch und legte das Bündel griffbereit in die Nähe des Eingangs. Sie breitete das schwarze Arbeitshemd mit dem Namen VORKOS1GAN A. kunstvoll in einer Nische aus, als sei es zum Draufsitzen benutzt und dann vorübergehend vergessen worden, als der Sitzende aufgestanden war.
Zuletzt brachte Bothari ihre lahmenden und nutzlosen Pferde herauf, neu gesattelt und mit Zügeln versehen, und band sie direkt vor der Höhle fest.
Cordelia kam aus dem weitesten Gang zurück, wo sie in etwa einem Viertel Kilometer Entfernung ein fast verbrauchtes Kaltlicht über ein Zehnmeterabhang hatte fallen lassen, der von einem Seil überspannt war.
Das Seil war aus Naturfasern, sehr alt und spröde. Sie hatte sich entschlossen, es nicht zu testen.
»Ich verstehe das nicht ganz, Mylady«, sagte Bothari. »Mit den Pferden dort draußen, wenn jemand kommt und nach uns schaut, dann finden sie uns sofort und wissen genau, wohin wir gegangen sind.«
»Finden, ja«, sagte Cordelia, »wissen, wohin wir gegangen sind, nein. Ohne Kly werde ich Gregor auf keinen Fall in dieses Labyrinth hinabnehmen. Aber die beste Methode, um den Eindruck zu erwecken, wir seien hier, ist, tatsächlich ein bißchen hier zu bleiben.«
In Botharis ausdruckslosen Augen leuchtete endlich Verstehen auf, als er auf die fünf schwarzen Eingänge auf ihren verschiedenen Ebenen blickte.
»Ach so!«
»Das bedeutet, wir müssen noch ein wirkliches Schlupfloch finden. Irgendwo oben in den Wäldern, wo wir uns zu dem Pfad durchschlagen können, über den Kly uns gestern hochgebracht hat. Ich wünsche mir, wir hätten das schon bei Tageslicht getan.«
»Ich verstehe, was Sie meinen, Mylady. Ich werde es mal auskundschaften.«
»Bitte, tun Sie das, Sergeant.«
Er nahm ihr Proviantbündel und verschwand in die dunklen Wälder.
Cordelia steckte Gregor ins Bett und dann hockte sie sich draußen zwischen die Felsen über dem Höhleneingang und hielt Wache. Sie konnte das Tal sehen, das sich grau unter den Baumwipfeln ausdehnte, und sie konnte das Dach von Klys Hütte erkennen. Kein Rauch stieg jetzt aus seinem Schornstein auf. Unter dem Stein würde kein ferner Wärmesensor ihr neues Feuer finden, obwohl dessen Geruch in der kühlen Luft hing und für nahe Nasen erkennbar war. Sie schaute nach sich bewegenden Lichtern am Himmel, bis sie die Sterne mit tränenden Augen nur noch verschwommen sah.
Es dauerte ziemlich lange, bis Bothari zurückkehrte. »Ich habe einen Platz gefunden. Gehen wir sofort dorthin?«
»Noch nicht. Kly könnte noch auftauchen.« Zuerst.
»Dann sind Sie jetzt mit Schlafen an der Reihe, Mylady.«
»O ja.« Die Anstrengungen des Abends hatte die saure Müdigkeit nur teilweise aus ihren Muskeln vertrieben. Sie verließ Bothari, der im Sternenlicht wie ein bizarres Schutzwesen auf dem Kalksteinfelsen hockte, und kroch zu Gregor ins Bett. Schließlich schlief sie ein.
Sie erwachte beim grauen Licht der Morgendämmerung, das aus dem Höhleneingang ein leuchtendes nebliges Oval machte. Bothari bereitete heißen Tee zu, und sie teilten unter sich die kalten Fladen von Pfannenbrot auf, die noch vom vergangenen Abend übrig waren, und knabberten getrocknetes Obst.
»Ich werde noch etwas Wache schieben«, bot Bothari an. »Ich kann ohne meine Medikamente nicht so gut schlafen.«
»Medikamente?«, sagte Cordelia.
»Ja, ich habe meine Pillen in Vorkosigan Surleau gelassen. Ich merke allmählich, wie mein Organismus sie ausscheidet. Die Dinge erscheinen schärfer.«
Cordelia schwemmte einen plötzlich sehr klumpigen Bissen Brot mit einem Schluck heißen Tees hinunter. Aber waren seine psychoaktiven Drogen wirklich therapeutisch, oder in ihrer Auswirkung nur politisch?
»Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie irgendwelche Schwierigkeiten haben, Sergeant«, sagte sie vorsichtig.
»Bis jetzt noch nicht. Außer, daß es schwieriger wird zu schlafen. Sie unterdrücken die Träume.« Er nahm seinen Tee und wanderte zurück auf seinen Posten.
Cordelia unterließ es bewußt, ihren Lagerplatz aufzuräumen. Sie begleitete Gregor zum nächsten Flüßchen, wo sie sich Hände und Gesicht wuschen.
Sie rochen sicher bald wie echte Bergbewohner. Dann kehrten sie zur Höhle zurück, wo Cordelia sich eine Weile auf dem Bett ausruhte. Sie mußte darauf bestehen, daß Bothari bald abgelöst wurde. Wenn doch Kly käme…
Botharis angespannte leise Stimme hallte in der Höhle wider:
»Mylady. Majestät. Zeit zu gehen.«
»Kly?«
»Nein.«
Cordelia rollte auf ihre Füße, stieß einen vorbereiteten Erdhaufen über die letzten Kohlen ihres Feuers, packte Gregor und verfrachtete ihn aus der Höhle hinaus. Er sah plötzlich erschrocken und kränklich aus. Bothari zog die Zügel von den Pferden los, lockerte sie und warf die Geschirre auf einen Haufen mit den Sätteln. Cordelia kletterte ein Stück neben der Höhle hoch und warf einen Blick über die Baumwipfel. Ein Flieger war vor Klys Hütte gelandet. Zwei schwarzuniformierte Soldaten umkreisten sie von beiden Seiten. Ein dritter verschwand unter dem Dach der Veranda. Schwach und verzögert kam aus der Ferne das Geräusch, das verriet, daß Klys Vordertür eingetreten wurde. Nur Soldaten waren in dem Flieger, keine Bergbewohner, weder als Führer noch als Gefangene. Kein Zeichen von Kly.
Bothari nahm Gregor hoch und trug ihn huckepack, und so rannten sie in die Wälder, Rose machte Anstalten, ihnen zu folgen, und Cordelia drehte sich um, winkte mit den Armen und flüsterte verzweifelt: »Nein! Geh weg, du dummes Vieh!«, um sie zu verscheuchen.
Rose zögerte, dann machte sie kehrt, um bei ihrem lahmenden Gefährten zu bleiben.
Sie lief gleichmäßig, ohne Panik. Bothari hatte den Weg gut ausgesucht und nutzte schützende Felsen und Bäume und vom Wasser gegrabene Stufen aus. Sie krabbelten hinauf, hinunter, wieder hinauf, aber als Cordelia gerade dachte, ihre Lungen würden bersten und ihre Verfolger müßten sie aufspüren, da verschwand Bothari an einer steilen Felswand.
»Hierher, Mylady!«
Er hatte eine dünne horizontale Spalte in dem Felsen gefunden, einen halben Meter hoch und drei Meter tief. Sie rollte neben ihm hinein und sah, daß die Nische auf allen Seiten von solidem Fels abgeschirmt wurde, außer auf der Vorderseite, und die war von herabgestürzten Steinen fast blockiert. Ihr Bettzeug und ihr Proviant warteten schon auf sie.
»Kein Wunder«, keuchte Cordelia, »daß die Cetagandaner hier oben Schwierigkeiten hatten.« Ein Wärmesensor mußte direkt in die Höhle gerichtet werden, damit er sie ausfindig machen konnte, und zwar von einem Punkt zwanzig Meter in der Luft über der Schlucht. Und an dieser Stelle gab es Hunderte ähnlicher Spalten.
»Noch besser«, Bothari holte aus der Rolle mit ihrem Bettzeug einen uralten Feldstecher, den er aus Klys Kabine hatte mitgehen lassen, »wir können sie sehen.«
Das Fernglas bestand aus nichts anderem als zwei miteinander verbundenen Röhren mit verstellbaren Glaslinsen, also aus völlig passiven Lichtkollektoren. Es mußte noch aus der Zeit der Isolation stammen. Die Vergrößerung war schwach im Vergleich zum modernen Standard, es gab keine UV- oder InfrarotVerstärkung, keinen Entfernungsmesser-Impuls … also auch keine Stromzelle, die aufspürbare Energiespuren hinterlassen konnte. Flach auf dem Bauch liegend, mit dem Kinn im Geröll, konnte Cordelia den fernen Höhleneingang erspähen, auf dem Abhang, der sich jenseits der Schlucht und eines scharfen Felskamms erhob. Als sie sagte: »Jetzt müssen wir sehr leise sein«, rollte sich Gregor, der ganz bleich im Gesicht war, in Embryohaltung zusammen.