Kly führte sie weitere zwei Stunden durch die Nacht, wobei er ungewohnte Pfade einschlug. In der tiefen Dunkelheit vor der Morgendämmerung kamen sie zu einer Hütte oder einem Haus. Es schien ähnlich gebaut wie Klys Heim, aber ausgedehnter, mit angebauten Zimmern und daran wiederum anderen angebauten Räumen. Das Licht einer winzigen Flamme, von einer Art selbstgefertigter Talgkerze, leuchtete in einem der Fenster.
Eine alte Frau in einem Nachtgewand und einer Jacke, ihr graues Haar zu einem Zopf geflochten, kam zur Tür und winkte sie herein. Ein alter Mann — der allerdings jünger war als Kly — nahm das Pferd und führte es zu einem Stall. Kly schickte sich an, mit ihm zu gehen.
»Ist es hier sicher?«, fragte Cordelia benommen. Wo sind wir hier?
Kly hob die Schultern. »Das Haus hier wurde vorgestern durchsucht. Bevor ich nach meinem Schwiegerneffen schickte. Man hat es als sauber abgehakt.«
Die alte Frau schnaubte verächtlich, in ihren Augen standen düstere Erinnerungen.
»Mit den Höhlen und all den noch nicht überprüften Gehöften und dem See, da wird es eine Weile dauern, bis sie wieder hierher kommen, um ein zweites Mal zu prüfen. Sie suchen immer noch auf dem Grund des Sees, wie ich erfahren habe, sie haben alles mögliche Gerät eingeflogen. Hier ist es so sicher wie nur irgendwo.« Kly ging nach seinem Pferd zu schauen.
Das bedeutete, so unsicher wie überall. Bothari zog schon seine Stiefel aus. Seine Füße mußten übel dran sein. Ihre Füße sahen gräßlich aus, ihre Hausschuhe waren zerrissen, und von Gregors Lumpenschuhen war nicht mehr viel übrig. Sie hatte sich noch nie so nahe am Ende aller Kraft gefühlt, müde bis auf die Knochen, todmüde, obwohl sie früher schon viel längere Strecken zu Fuß gewandert war. Es war, als hätte ihre abgebrochene Schwangerschaft das Leben selbst aus ihr herausgesogen, um es an jemanden anderen weiterzugeben. Sie ließ sich ins Haus führen, mit Brot und Käse und Milch abfüttern und dann in einem kleinen Nebenraum zu Bett bringen, auf eine schmale Liege, nachdem sie Gregor auf einer anderen niedergelegt hatten. Sie würde heute Nacht an Sicherheit glauben, so wie die barrayaranischen Kinder an Väterchen Frost beim Winterfest glaubten: es war wahr, weil sie verzweifelt wünschte, es sollte wahr sein.
Am nächsten Tag tauchte ein zerlumpter Junge von etwa zehn Jahren aus den Wäldern auf, der auf Klys Fuchs ohne Sattel ritt, mit einem Seil als Halfter. Kly hieß Cordelia, Gregor und Bothari sich im Verborgenen halten, während er den Jungen mit ein paar Münzen belohnte und Sonia, Klys Nichte, packte ihm ein paar süße Kuchen ein und schickte ihn auf den Heimweg. Gregor spitzte sehnsüchtig an einer Gardine vorbei durchs Fenster, als das Kind wieder verschwand.
»Ich habe nicht gewagt, selber zu gehen«, erklärte Kly Cordelia.
»Vordarian hat jetzt schon drei Züge Soldaten dort oben.« Er stellte sich innerlich etwas vor und brach in prustendes Gekicher aus. »Aber der Junge weiß nichts, außer, daß der alte Postbote krank war und sein Ersatzpferd brauchte.«
»Die haben doch nicht etwa Schnell-Penta bei dem Kind angewendet, oder?«
»O doch.«
»Wie können die es nur wagen!«
Kly preßte seine schwarzgefleckten Lippen zusammen, aus Mitempfinden für ihre Empörung. »Wenn er Gregor nicht zu fassen bekommt, dann ist Vordarians Putsch wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt. Und das weiß er. Es gibt nur wenig, was er jetzt, bei diesem Stand der Dinge, nicht wagen würde.« Er hielt kurz inne. »Sie können froh sein, daß Schnell-Penta die Folter ersetzt hat, oder?«
Klys Schwiegerneffe half ihm, den Fuchs zu satteln und die Postsäcke festzuschnallen. Der Postbote schob seinen Hut zurecht und stieg auf das Pferd.
»Wenn ich meinen Zeitplan nicht einhalte, dann wird es für den General fast unmöglich sein, Kontakt mit mir aufzunehmen«, erklärte er. »Ich muß los, ich bin schon spät dran. Ich komme wieder zurück. Sie und der Junge sollen drinnen bleiben, außer Sicht, soviel Sie nur können, Mylady.« Er wendete sein Pferd in Richtung auf die Wälder, die ihr Laub schon abgeworfen hatten. Das Tier verschwand schnell im rotbraunen Gebüsch.
Cordelia fand Klys letzten Rat nur allzu leicht zu befolgen. Sie verbrachte den größten Teil der nächsten vier Tage auf ihrem Bett. Wie in einem Nebel vergingen die Stunden in stumpfem Schweigen, es war ein Rückfall in die erschreckende Müdigkeit, die sie nach der Operation zur Plazentaübertragung und deren fast lebensgefährlicher Komplikationen erlebt hatte. Gespräche gaben keine Ablenkung. Die Bergbewohner waren genauso wortkarg wie Bothari. Über ihnen lag die Drohung mit SchnellPenta, dachte Cordelia. Je weniger man wußte, desto weniger konnte man sagen. Die Augen der alten Sonia musterten Cordelia neugierig, aber sie fragte nie mehr als nur: »Haben Sie Hunger?« Cordelia wußte nicht einmal ihren Familiennamen.
Baden. Nach dem ersten Bad verzichtete Cordelia auf weitere. Das alte Ehepaar arbeitete den ganzen Nachmittag hindurch, um genügend Wasser für Cordelia und Gregor zu holen und zu erhitzen. Ihre einfachen Mahlzeiten erforderten fast ebensoviel Anstrengung. Hier oben gab es kein Lasche ziehen, um Inhalt zu erhitzen. Technologie, der beste Freund einer Frau. Hier erschien Technologie nur in der Form eines Nervendisruptors in der Hand eines zielsicheren Soldaten, der einen rücksichtslos jagte wie ein Tier.
Cordelia zählte nach, wieviele Tage seit dem Putsch vergangen waren, seit die ganze Hölle ausgebrochen war. Was geschah in der großen weiten Welt? Welche Reaktionen kamen von den Streitkräften im Weltraum, von den Botschaften anderer Planeten, vom eroberten Komarr? Würde Komarr das Chaos für eine Revolte ausnützen, oder hatte Vordarian die Komarraner auch überrumpelt? Aral, was tust du jetzt dort draußen?
Obwohl Sonia keine Fragen stellte, brachte sie dann und wann von draußen Fetzen lokaler Neuigkeiten mit. Vordarians Truppen, die ihr Hauptquartier in Piotrs Residenz hatten, waren nahe daran, die Suche auf dem Grund des Sees aufzugeben. Hassadar war abgeriegelt, aber immer wieder entkamen Flüchtlinge. Die Kinder von irgend jemand waren herausgeschmuggelt worden und hielten sich jetzt bei Verwandten in der Nähe auf. In Vorkosigan Surleau waren die meisten Familien von Piotrs Gefolgsleuten entkommen, ausgenommen die Frau und die sehr betagte Mutter von Gefolgsmann Vogti, die in einem Bodenwagen weggebracht worden waren, niemand wußte, wohin.
»Und, ach ja, sehr seltsam«, fügte Sonia hinzu, »sie haben Karla Hysopi mitgenommen. Das ergibt keinen Sinn. Sie war nur die Witwe eines ausgeschiedenen Armeesergeanten, was für einen Nutzen versprechen sie sich von ihr?«
Cordelia erstarrte. »Haben Sie auch das Baby mitgenommen?«
»Baby? Donnia hat nichts über ein Baby erzählt. War es ein Enkelkind?«
Bothari saß am Fenster und schärfte sein Messer an Sonias Küchenschleifstein. Er hielt mitten in der Bewegung inne und sah auf.
Seine Augen begegneten Cordelias erschrecktem Blick. Sein Gesichtsausdruck änderte sich fast nicht, nur seine Kinnbacken strafften sich, aber der plötzliche Anstieg der Spannung in seinem Körper ließ Cordelias Magen sich zusammenkrampfen. Er blickte wieder auf das hinab, was er tat und machte dann einen längeren, festeren Zug, der über den Schleifstein zischte wie Wasser auf glühenden Kohlen.
»Vielleicht … weiß Kly etwas mehr, wenn er zurückkommt«, sagte Cordelia mit zitteriger Stimme.
»Vielleicht«, sagte Sonia unsicher. Endlich ritt Kly, seinem Zeitplan entsprechend, am Abend des siebten Tages auf seinem Fuchs auf die Lichtung.
Wenige Minuten später kam hinter ihm Gefolgsmann Esterhazy geritten. Er war in die Kluft eines Bergbewohners gekleidet und ritt auf einem mageren Bergpferd mit dünnen Beinen, nicht auf einem von Piotrs großen, prächtigen Tieren. Sie brachten ihre Pferde weg und kamen dann zu einem Abendessen, das Sonia anscheinend schon seit achtzehn Jahren immer an diesem Abend von Klys Rundritt zubereitete.