»Besser als ich erwartet hatte, wirklich. Los, los!«
Das Verdeck wurde geschlossen und sie stiegen in die Luft empor Die Ventilatoren begannen zu rotieren und sorgten für gefilterte Luft. Farbige Lichter vom Armaturenbrett beleuchteten die Gesichter von Kou und Drou. Eine Schutzhülle aus Technologie. Cordelia blickte über Droushnakovis Schulter auf die Systemanzeigen und dann nach oben durch das Verdeck: ja, dunkle Umrisse folgten ihnen, schützende Armeeflieger. Bothari sah sie auch, und seine Augen verengten sich anerkennend. Ein Teil der Spannung wich aus seinem Körper.
»Es ist gut, Sie zu sehen …«, irgendein subtiles Signal der Körpersprache der beiden, eine verborgene Reserve, hielt Cordelia davon ab, hinzuzufügen: wieder zusammen. »Ich nehme an, die Beschuldigung über die Sabotage an der Kommunikationskonsole wurde richtig klargestellt?«
»Sobald wir die Gelegenheit hatten, anzuhalten und diesen Wachkorporal mit Schnell-Penta zu behandeln, Mylady«, antwortete Droushnakovi. »Er hatte nicht den Mumm, vor der Befragung Selbstmord zu begehen.«
»War er der Saboteur?«
»Ja«, antwortete Koudelka. »Er hatte beabsichtigt, zu Vordarians Truppen zu entkommen, wenn sie einträfen, um uns zu schnappen. Vordarian hat ihn anscheinend schon Monate vorher angestiftet.«
»Das erklärt unsere Sicherheitsprobleme, nicht wahr?«
»Er gab Informationen über unsere Route weiter, an dem Tag des Attentats mit der Schallgranate.« Koudelka rieb sich an seinen Schläfen bei dieser Erinnerung.
»Also stand Vordarian dahinter!«
»Ja, das wurde bestätigt. Aber dieser Wächter scheint nichts über das Soltoxin gewußt zu haben. Wir haben ihn auf Herz und Nieren untersucht. Er war kein Verschwörer auf hoher Ebene, nur ein Werkzeug.«
Schlimme Gedanken kamen ihr, aber: »Hat sich Illyan schon gemeldet?«
»Noch nicht. Admiral Vorkosigan hofft, daß er sich in der Hauptstadt verbirgt, wenn er nicht bei den ersten Kämpfen getötet wurde.«
»Hm. Nun gut, es wird Sie sicher freuen zu hören, daß es Gregor gut geht …«
Koudelka unterbrach sie mit erhobener Hand: »Verzeihen Sie mir, Mylady. Der Admiral hat befohlen — Sie und der Sergeant sollen niemandem Informationen über Gregor geben außer dem Grafen und ihm selbst.«
»In Ordnung. Verdammtes Schnell-Penta. Wie geht es Aral?«
»Es geht ihm gut, Mylady. Er hat mir befohlen, Sie auf den neuesten Stand über die strategische Lage zu bringen …«
Zum Teufel mit der strategischen Lage, wie geht es meinem Baby? Leider schienen beide unauflösbar miteinander verwikkelt.
»… und alle Fragen zu beantworten, die Sie haben.«
Sehr gut. »Wie geht es unserem Baby? Pi… Miles?«
»Wir haben nichts Schlimmes gehört, Mylady.«
»Was bedeutet das?«
»Es bedeutet, daß wir nichts gehört haben«, warf Droushnakovi bedrückt ein.
Koudelka warf ihr einen zornigen Blick zu, den sie mit einem Achselzucken überging. »Keine Nachrichten, das kann gute Nachrichten bedeuten«, fuhr Koudelka fort. »Während es stimmt, daß Vordarian die Hauptstadt besetzt hält …«
»Und deshalb auch das Militärkrankenhaus, ja«, sagte Cordelia.
»Und er Namen von Geiseln veröffentlicht, die mit irgend jemandem in unserer Kommandostruktur verwandt sind, wurde Ihr … Ihr Kind in den Listen nicht erwähnt. Der Admiral meint, daß Vordarian einfach nicht erkennt, daß das, was in den Replikator übertragen wurde, lebensfähig ist. Er weiß nicht, was er hat.«
»Noch nicht«, fiel Cordelia ein.
»Noch nicht«, gestand Koudelka widerstrebend ein.
»Also gut. Fahren Sie fort.«
»Die Gesamtsituation ist nicht so schlecht, wie wir zuerst befürchtet hatten. Vordarian hält Vorbarr Sultana, seinen eigenen Distrikt und dessen Militärstützpunkte, und er hat Truppen in Vorkosigans Distrikt geschickt, aber er hat nur etwa fünf Distriktsgrafen als ergebene Verbündete.
Etwa dreißig der anderen Grafen wurden in der Hauptstadt gefangen, und wir können über ihre tatsächliche Loyalität nichts sagen, solange Vordarian Pistolen an ihre Köpfe hält. Die meisten der dreiundzwanzig übrigen Distrikte haben ihre Eide gegenüber dem Lordregenten wiederholt. Ein paar schwafeln allerdings herum, weil sie Verwandte in der Hauptstadt haben oder in prekären strategischen Positionen sind mit ihren Distrikten als potentiellen Kampfschauplätzen.«
»Und die Streitkräfte im Weltraum?«
»Ja, zu denen wollte ich gerade kommen, Mylady. Über die Hälfte ihres Nachschubs kommt aus den Shuttlehafen in Vordarians Distrikt hoch. Im Augenblick warten sie eher noch auf ein klares Ergebnis, anstatt sich einzumischen und es herbeizuführen. Aber sie haben es abgelehnt, sich offen Vordarian anzuschließen. Es herrscht ein Gleichgewicht, und wer immer es als erster zu seinen Gunsten verschieben kann, wird einen Erdrutsch auslösen. Admiral Vorkosigan ist schrecklich zuversichtlich.«
Cordelia konnte nicht sicher aus dem Ton des Leutnants schließen, ob er überhaupt diese Zuversicht teilte. »Aber er muß ja. Wegen der Moral. Er sagt, Vordarian habe den Krieg in der Stunde verloren, als Negri mit Gregor entkam, und der Rest ist nur Herummanövrieren, um die Verluste zu begrenzen. Aber Vordarian hält Prinzessin Kareen in seiner Gewalt.«
»Zweifellos einer der Verluste, den Aral begrenzen möchte. Geht es ihr gut? Haben Vordarians Schläger sie nicht mißhandelt?«
»Soweit wir wissen, nicht. Sie scheint in ihren eigenen Gemächern in der Kaiserlichen Residenz unter Hausarrest zu stehen. Etliche der wichtigeren Geiseln sind dort eingeschlossen.«
»Ich verstehe.« Sie blickte in der dunklen Kabine zur Seite, auf Bothari, dessen Gesichtsausdruck sich nicht veränderte. Sie wartete darauf, daß er nach Elena fragte, aber er sagte nichts. Droushnakovi blickte düster in die Nacht, seit Kareen erwähnt worden war.
Hatten sich Kou und Drou versöhnt? Sie erschienen kühl, höflich, ganz dienstlich und im Dienst. Aber welche Entschuldigungen auch immer an der Oberfläche ausgetauscht worden sein mochten, Cordelia spürte keine Versöhnung bei ihnen. Die geheime Verehrung und der Wunsch nach Vertrauen waren ganz aus den blauen Augen verschwunden, die ab und zu vom Armaturenbrett zu dem Mann auf dem Passagiersitz aufblickten.
Drous Blicke waren lediglich wachsam.
Lichter glühten voraus auf der Erde, das Lichtergesprenkel einer Stadt mittlerer Größe, und jenseits davon die wirre Geometrie eines ausgedehnten militärischen Raumfährenhafens. Drou absolvierte Code-Prüfung um Code-Prüfung, während sie näher kamen. Sie gingen in einer Spirale auf einen Landeplatz herunter, der für sie erleuchtet und von bewaffneten Wachen umgeben war. Ihre Begleitflieger flogen über ihnen weiter zu ihren eigenen Landezonen.
Die Wachen umringten sie, als sie den Flieger verließen, und eskortierten sie so schnell, wie Koudelkas Schritt es erlaubte, zu einer Liftröhre. Sie fuhren abwärts, nahmen einen Rollsteig und gingen durch Düsentüren wieder hinab. Basis Tanery besaß offensichtlich eine bestens abgesicherte unterirdische Kommandozentrale. Willkommen im Bunker! Und doch wurde Cordelia einen schrecklichen Moment der Verwirrung und des Verlustes lang von einem würgenden Gefühl der Vertrautheit geschüttelt.
Auf Kolonie Beta hatte man mehr Sinn für Innenarchitektur, als sich an diesen kahlen Korridoren hier zeigte, aber ihr war, als wäre sie jetzt auf die Versorgungsebene einer unterirdischen betanischen Stadt hinabgestiegen, wo es sicher und kühl war … Ich möchte nach Hause.
In einem Korridor unterhielten sich drei Offiziere in grünen Uniformen. Einer von ihnen war Aral. Er sah sie. »Danke, meine Herren, Sie sind entlassen«, sagte er mitten in den Satz eines seiner Gesprächspartner, dann bewußter: »Wir werden in Kürze darüber weitersprechen.« Aber die anderen blieben, um zu gukken.