Er schien nur müde zu sein, sonst sah er gut aus. Ihr tat es ums Herz weh, als sie ihn anschaute, und dennoch … Dir zu folgen hat mich hierher gebracht. Nicht auf das Barrayar meiner Hoffnungen, sondern auf das Barrayar meiner Ängste.
Mit einem stimmlosen »Ha!« umarmte er sie und zog sie fest an sich. Sie erwiderte seine Umarmung. Das tut gut. Geh weg, Welt! Aber als sie aufblickte, wartete die Welt immer noch, in der Gestalt von sieben Beobachtern, die alle dienstliche Anliegen hatten.
Er hielt sie etwas von sich weg und musterte sie besorgt von oben bis unten. »Du siehst schrecklich aus, lieber Captain.«
Wenigstens war er höflich genug, nicht zu sagen: Du riechst schrecklich.
»Nichts, das nicht ein Bad beheben könnte.«
»Das ist es nicht, was ich gemeint habe. Du mußt zu allererst auf die Krankenstation.« Er wandte sich um und sah Sergeant Bothari ihm am nächsten stehen.
»Sir, ich muß mich beim Herrn Grafen melden«, sagte Bothari.
»Mein Vater ist nicht hier. Er ist in meinem Auftrag auf einer diplomatischen Mission bei einigen seiner alten Freunde. Hier, Sie, Kou — nehmen Sie Bothari und versorgen Sie ihn mit Quartier, Essensgutscheinen, Ausweisen und Kleidern. Ich erwarte Ihren persönlichen Bericht sofort, wenn ich mich um Cordelia gekümmert habe, Sergeant.«
»Jawohl, Sir.« Koudelka ging mit Bothari weg.
»Bothari war erstaunlich«, vertraute Cordelia Aral an. »Nein — das ist ungerecht. Bothari war Bothari, und ich sollte überhaupt nicht erstaunt sein. Ohne ihn hätten wir es nicht geschafft.«
Aral nickte und lächelte leicht: »Ich dachte, er würde zu dir passen.«
»Das tat er wirklich.«
Droushnakovi, die ihren alten Platz neben Cordelia in dem Moment wieder einnahm, wo Bothari ihn verließ, schüttelte zweifelnd den Kopf und folgte, als Aral Cordelia den Korridor hinabführte. Die anderen gingen etwas unsicher hinterher.
»Habt ihr schon mehr über Illyan gehört?«, fragte Cordelia.
»Noch nicht. Hat Kou dich informiert?«
»In groben Zügen, ausreichend für den Augenblick. Ich nehme an, ihr habt auch nicht mehr über Padma und Alys Vorpatril erfahren?«
Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Aber sie sind auch nicht auf der Liste von Vordarians bestätigten Gefangenen. Ich glaube, sie verstecken sich in der Stadt. Vordarians Seite läßt Informationen durchsickern wie ein Sieb: wir würden es wissen, wenn eine Verhaftung von solcher Bedeutung stattgefunden hätte. Ich kann mich nur fragen, ob unsere eigenen Einrichtungen auch so durchlässig sind. Das ist der Ärger mit diesen verdammten zivilen Raufhändeln, jedermann hat einen Bruder …«
Eine Stimme vom Ende des Korridors meldete sich laut: »Sir! O Sir!« Nur Cordelia fühlte, wie Aral zusammenzuckte, sein Arm machte einen Ruck unter ihrer Hand.
Ein Stabsangehöriger führte einen großen Mann in schwarzer Felduniform mit den Abzeichen eines Obersten am Kragen auf sie zu. »Hier sind Sie ja, Sir. Oberst Gerould ist hier aus Marigrad.«
»Oh, gut. Ich muß mich jetzt mit diesem Mann befassen …« Aral blickte schnell umher und sein Blick fiel auf Droushnakovi. »Drou, bitte bringen Sie statt meiner Cordelia zur Krankenstation. Sorgen Sie dafür, daß sie untersucht wird, sorgen Sie — sorgen Sie dafür, daß sie alles bekommt, was sie braucht.«
Der Oberst war kein Schreibtischpilot vom Hauptquartier. Er sah aus, als sei er tatsächlich soeben von irgendeiner Front eingeflogen, wo immer auch die Front in diesem Kampf um Loyalität war. Seine Kampfuniform war schmutzig und zerknittert und sah aus, als habe er darin geschlafen, ihr Gestank nach Rauch war stärker als Cordelias Gerüche aus den Bergen. Sein Gesicht war von Erschöpfung gezeichnet. Aber er sah nur grimmig aus, nicht geschlagen. »Der Kampf in Marigrad wurde von Haus zu Haus geführt, Admiral«, berichtete er ohne lange Einleitung.
Vorkosigan verzog das Gesicht. »Dann möchte ich nichts davon hören. Kommen Sie mit mir ins Taktikzentrum — was ist das da an Ihrem Arm, Oberst?«
Ein breites Stück aus weißem Tuch und ein schmalerer Streifen Braun umgaben den linken oberen schwarzen Ärmel des Offiziers.
»Identifikation, Sir. Wir konnten nicht unterscheiden, auf wen wir im Nahkampf schossen. Vordarians Leute tragen Rot und Gelb, das ist vermutlich das ähnlichste, was sie für Kastanienbraun und Gold haben. Und das hier soll natürlich Braun und Silber für Vorkosigan sein.«
»Das ist es, was ich befürchtet habe.« Vorkosigan blickte äußerst streng drein. »Nehmen Sie es ab! Verbrennen Sie es! Und sagen Sie das auch allen Ihren Untergebenen. Sie haben schon eine Uniform, Oberst, die Ihnen vom Kaiser gegeben wurde. Dafür kämpfen Sie. Lassen Sie die Verräter ihre Uniformen ändern.«
Der Oberst war erschrocken über Vorkosigans Vehemenz, aber einen Herzschlag später hatte er es begriffen: er riß den Stoff hastig von seinem Arm und steckte ihn in die Tasche. »Ganz recht, Sir.«
Es fiel Aral spürbar schwer, Cordelias Hand loszulassen. »Ich besuche dich in deinem Quartier, Liebste. Später.«
Später in dieser Woche, wenn dies so weiterging. Cordelia schüttelte hilflos den Kopf, nahm seine stämmige Gestalt in einem letzten Blick in sich auf, als könnte sie mit ihrer Intensität ihn irgendwie digitalisieren und für erneute Projektion abspeichern, dann folgte sie Droushnakovi in das unterirdische Labyrinth von Basis Tanery. Wenigstens bei Drou konnte Cordelia Vorkosigans Durchlaufplan beiseiteschieben und zuerst auf einem Bad bestehen. Fast ebenso gut war, daß sie in einem Schrank in Arals Unterkunft ein halbes Dutzend neuer Kleidungsstücke in ihrer korrekten Größe fand, die etwas von Drous im Palast trainiertem guten Geschmack verrieten.
Der Standortarzt hatte keine Krankenkarte: Cordelias medizinische Unterlagen waren gegenwärtig natürlich alle hinter den feindlichen Linien in Vorbarr Sultana. Er schüttelte den Kopf und begann, die Daten für ein neues Formular an seinem Berichtsterminal einzutippen. »Es tut mir leid, Lady Vorkosigan. Wir müssen einfach am Punkt Null beginnen. Bitte haben Sie Nachsicht mit mir. Habe ich richtig verstanden, daß Sie ein Frauenleiden hatten?«
Nein, die meisten meiner Leiden kamen von Männern. Cordelia biß sich auf die Zunge. »Ich hatte eine Plazentaübertragung, lassen Sie mich mal überlegen, drei plus«, sie mußte es an ihren Fingern abzählen, »vor ungefähr fünf Wochen.«
»Verzeihen Sie, was hatten Sie?«
»Ich hatte eine Entbindung durch Kaiserschnitt. Es ging nicht sonderlich gut.«
»Ich verstehe. Fünf Wochen post partum.« Er machte sich eine Notiz.
»Und was sind Ihre gegenwärtigen Beschwerden?«
Ich mag Barrayar nicht. Ich möchte nach Hause, mein Schwiegervater will mein Baby umbringen, die Hälfte meiner Freunde rennen um ihr Leben, und ich kann keine zehn Minuten mit meinem Mann allein sein, den ihr vor meinen Augen aufbraucht, meine Füße tun weh, mein Kopf tut weh, meine Seele tut weh … es war alles zu kompliziert. Der arme Mann vor ihr wollte nur irgend etwas haben, das er in sein Formular eintragen konnte, er wollte keinen Aufsatz. »Erschöpfung«, brachte Cordelia schließlich heraus.
»Aha.« Sein Gesicht erhellte sich und er gab diese Aussage an seinem Gerät ein. »Erschöpfung post partum. Das ist normal.« Er blickte auf und sah sie ernsthaft an: »Haben Sie schon daran gedacht, mit einem Gymnastikprogramm zu beginnen, Lady Vorkosigan?«
KAPITEL 14
»Wer sind denn Vordarians Leute?«, fragte Cordelia Aral deprimiert. »Ich bin vor ihnen wochenlang davongerannt, aber es ist, als hätte ich sie nur kurz in einem Rückspiegel gesehen. Kenne deinen Feind, und all das. Woher bekommt er seinen unaufhörlichen Nachschub an Schlägern?«