»Oh, nicht unaufhörlich.« Aral lächelte leicht und nahm ein weiteres Stück Schmorbraten. Sie waren — was für ein Wunder! — endlich allein, in seinem einfachen unterirdischen Apartment für höhere Offiziere. Ein Offiziersbursche hatte ihnen ihr Abendessen auf einem Tablett gebracht und auf dem niedrigen Tisch zwischen ihnen angerichtet. Dann hatte Aral, zu Cordelias Erleichterung, ihn entlassen mit den Worten: »Danke, Korporal, wir brauchen Sie nicht mehr.«
Aral schluckte seinen Bissen hinunter und fuhr fort: »Wer sind sie? Im großen und ganzen alle, die über sich in der Befehlskette einen Offizier haben, der Vordarians Seite gewählt hat, und die entweder nicht den Nerv oder in einigen Fällen nicht den Verstand haben, entweder den Offizier umzulegen oder ihre Einheit zu verlassen und sich anderswo zu melden. Und Gehorsam und Zusammenhalt der Einheiten sind in diese Männer tief eingeprägt. ›Wenn es stürmisch wird, halte dich an deine Einheit‹ ist ihnen buchstäblich eingedrillt worden. Also macht die verhängnisvolle Tatsache, daß ihr Offizier sie in den Verrat führt, es noch natürlicher, daß sie sich an ihre Kameraden klammern. Außerdem«, er grinste düster, »ist es nur dann Verrat, wenn Vordarian verliert.«
»Wird Vordarian verlieren?«
»Solange ich lebe und Gregor am Leben erhalte, kann Vordarian nicht gewinnen.« Er nickte voller Überzeugung. »Vordarian bezichtigt mich aller möglichen Verbrechen, so schnell er sie nur erfinden kann. Am ernstesten ist das Gerücht, das er ausstreut, ich hätte mich mit Gregor aus dem Staub gemacht und würde die Kaiserherrschaft für mich selber suchen. Ich betrachte das als einen Trick, um Gregors Versteck ausfindig zu machen. Er weiß, daß Gregor nicht bei mir ist. Sonst wäre er versucht, hier eine Nuklearbombe reinzuschmeißen.«
Cordelia verzog ihre Lippen voller Abneigung. »Will er also Gregor fangen oder ihn töten?«
»Töten nur, wenn er ihn nicht fangen kann. Wenn die Zeit reif ist, werde ich Gregor an die Öffentlichkeit bringen.«
»Warum nicht schon jetzt?«
Er lehnte sich mit einem müden Lächeln zurück und schob sein Tablett zur Seite, auf dem in seiner Schüssel noch ein paar Bissen Schmorbraten und Brotstückchen übrig waren. »Weil ich sehen möchte, wieviele von Vordarians Streitkräften ich noch vor der Lösung des Knotens zurückgewinnen kann. Zu mir desertieren ist nicht ganz der richtige Ausdruck … rüberkommen, vielleicht. Ich möchte mein zweites Amtsjahr nicht mit der Exekution von viertausend Soldaten beginnen. Allen unterhalb eines bestimmten Ranges kann Pardon gegeben werden mit der Begründung, daß sie durch Eid gebunden waren, ihren Offizieren zu folgen, aber ich möchte auch so viele von den Ranghöheren retten, wie ich kann. Fünf Distriktsgrafen und Vordarian sind dem Untergang geweiht, für sie gibt es keine Hoffnung. Verdammt sei er, daß er das alles angefangen hat.«
»Was tun denn Vordarians Truppen? Ist das ein Sitzkrieg?«
»Nicht ganz. Er verschwendet eine Menge seiner und meiner Zeit, indem er ein paar nutzlose Stützpunkte gewinnen möchte, wie zum Beispiel das Nachschubdepot in Marigrad. Wir gehen darauf ein und ziehen ihn hinein oder hinaus. Das hält Vordarians Kommandeure beschäftigt und lenkt sie von dem wirklich wichtigen Gebiet ab, das sind die Streitkräfte im Weltraum. Wenn ich nur Kanzian hätte!«
»Haben deine Geheimdienstleute ihn schon ausfindig gemacht?« Der hochgeschätzte Admiral Kanzian war einer von den beiden Männern im barrayaranischen Oberkommando, die Vorkosigan als ihm selbst überlegen in strategischen Fragen betrachtete. Kanzian war ein Spezialist für besondere Raumoperationen, die Weltraumstreitkräfte brachten ihm großes Vertrauen entgegen. »An seinen Stiefeln hat kein Pferdemist geklebt«, hatte es Kou einmal, zu Cordelias Amüsement, ausgedrückt.
»Nein, aber Vordarian hat ihn auch nicht. Er ist verschwunden. Ich hoffe bei Gott, daß er nicht in irgendein dummes Straßenkreuzfeuer geriet und jetzt unidentifiziert irgendwo in einem Leichenhaus liegt. Was für ein Verlust das wäre!«
»Würde es helfen, nach oben zu starten? Um die Weltraumkräfte auf deine Seite zu bringen?«
»Warum mache ich mir deiner Meinung nach die Mühe, Basis Tanery zu halten? Ich habe die Vor- und Nachteile einer Verlegung meines Feldhauptquartiers auf ein Raumschiff erwogen. Ich denke, der Zeitpunkt ist noch nicht gekommen, jetzt könnte es falsch interpretiert werden als der erste Schritt zum Davonlaufen.«
Davonlaufen. Was für ein verführerischer Gedanke. Weit, weit weg von all diesem Irrsinn, bis all das auf die bloße Dimension eines nebensächlichen Füllsels in einem galaktischen Nachrichtenvid reduziert wäre. Aber … von Aral davonlaufen? Sie betrachtete ihn genau, als er sich auf dem gepolsterten Sofa zurücklehnte und auf die Reste seines Abendessens starrte, ohne sie zu sehen. Ein müder Mann mittleren Alters in einer grünen Uniform, ohne besonders gutes Aussehen (vielleicht abgesehen von seinen scharfen grauen Augen), ein hungriger Intellekt in ständigem innerem Krieg mit von Furcht getriebener Aggression, beide gespeist von einem Leben voller bizarrer Erfahrungen, barrayaranischer Erfahrungen.
Du hättest dich in einen glücklichen Mann verlieben sollen, wenn du Glück wolltest. Aber nein, du hast dich in die atemberaubende Schönheit des Schmerzes verknallt …
Und die beiden werden ein Fleisch sein. Wie sehr hatte sich diese alte fromme Formel als wahr herausgestellt. Ein kleines bißchen Fleisch, gefangen in einem Uterusreplikator hinter den feindlichen Linien, band sie nun zusammen wie siamesische Zwillinge. Und wenn der kleine Miles starb, würde dann dieses Band zertrennt?
»Was … was machen wir hinsichtlich Vordarians Geiseln?«
Er seufzte. »Das ist die harte Nuß im Mittelpunkt. Wenn man ihm auch alles andere wegnimmt, was wir schrittweise tun, dann hat Vordarian noch über zwanzig Distriktsgrafen und Kareen in seiner Gewalt. Und einige hundert geringere Leute.«
»Solche wie Elena?«
»Ja. Und die Stadt Vorbarr Sultana selbst, zum Beispiel. Er könnte am Ende drohen, die Stadt zu atomisieren, um die Möglichkeit zu erzwingen, den Planeten verlassen zu können. Ich habe mit der Idee gespielt, mich auf Verhandlungen einzulassen. Und ihn dann später mit einem Attentat zu beseitigen. Ich kann ihn einfach nicht frei davonkommen lassen, es wäre ungerecht gegenüber allen, die schon aus Loyalität zu mir gestorben sind. Welches Opferfeuer könnte diese verratenen Seelen befriedigen? Nein.
Also planen wir verschiedene Optionen für Rettungsaktionen für das Ende. Der Augenblick, wenn die Verschiebung an Menschen und Loyalitäten ein kritisches Stadium erreicht und Vordarian wirklich beginnt, in Panik zu geraten. In der Zwischenzeit warten wir ab. Am Ende … würde ich Geiseln opfern, bevor ich Vordarian gewinnen ließe.«
Sein abwesender Blick war jetzt schwarz.
»Sogar Kareen?« Alle Geiseln? Auch die kleinsten?
»Sogar Kareen. Sie ist eine Vor. Sie versteht es.«
»Der sicherste Beweis, daß ich keine Vor bin«, sagte Cordelia niedergeschlagen. »Ich verstehe nichts von dieser … stilisierten Verrücktheit. Ich denke, ihr gehört alle in Therapie, bis zum letzten Mann.«
Er lächelte leicht. »Meinst du, Kolonie Beta könnte überredet werden, uns ein Bataillon von Psychiatern als humanitäre Hilfe zu schicken? Vielleicht den, mit dem du deinen letzten Streit hattest?«
Cordelia schnaubte. Nun ja, die barrayaranische Geschichte war von einer Art unheimlicher, dramatischer Schönheit, abstrakt gesehen, aus der Distanz. Ein Spiel der Leidenschaften. Betrachtete man sie aber aus der Nähe, dann wurde die Stupidität des Ganzen spürbarer, und wie bei einem Mosaik löste sich alles in sinnlose Einzelteilchen auf.
Cordelia zögerte, dann fragte sie: »Spielen wir das Geiselspiel?« Sie war sich nicht sicher, ob sie die Antwort hören wollte.
Vorkosigan schüttelte den Kopf. »Nein. Das waren für mich in all den Wochen die härtesten Auseinandersetzungen, Männern in die Augen zu blicken, die Frauen und Kinder droben in der Hauptstadt haben, und dann nein zu sagen.«