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Er legte sein Besteck auf seinem Tablett ordentlich im ursprünglichen Muster zurecht und fügte in einem nachdenklichen Ton an: »Aber sie blicken nicht weit genug. Das alles ist bis jetzt keine Revolution, nur ein Putsch. Die Bevölkerung ist untätig, oder besser gesagt: sie verhält sich ruhig und abwartend, von einigen Denunzianten abgesehen. Vordarian appelliert an die konservative Elite, an die alten Vor und das Militär. Der Graf kann nicht zählen. Die neue Technokultur bringt so schnell, wie unsere Schulen sie produzieren können, Progressive aus dem gewöhnlichen Volk hervor. Sie sind die Mehrheit der Zukunft. Ich möchte ihnen eine andere Methode als nur bunte Armbänder geben, um die Guten von den Bösen zu unterscheiden. Moralische Oberzeugung ist eine mächtigere Kraft, als Vordarian vermutet. Welcher General auf der alten Erde hat gesagt, daß die Moral sich zur Physik verhält wie drei zu eins? Ach ja, das war Napoleon. Schade, daß er seinen eigenen Rat nicht befolgt hat. Für diesen Krieg hier beziffere ich das Verhältnis auf fünf zu eins.«

»Aber halten sich eure Kräfte die Waage? Wie steht es mit der Physik?«

Vorkosigan hob die Schultern. »Wir haben jeder Zugang zu genug Waffen, um Barrayar zu verwüsten. Rohe Gewalt ist nicht das wirkliche Thema. Aber meine Legitimität ist ein enormer Vorteil, solange Waffen bemannt werden müssen. Daher Vordarians Versuche, diese Legitimität zu unterminieren mit seinen Beschuldigungen, ich hätte Gregor beseitigt. Ich schlage vor, ihn mit seiner Lüge zu fangen.«

Cordelia zitterte. »Du weißt, ich wäre nicht gerne auf Vordarians Seite.«

»Oh, es gibt da noch ein paar Methoden, wie er gewinnen könnte. Mein Tod ist bei ihnen allen erforderlich. Ohne mich als einen Mittelpunkt, den einzigen Regenten, den der verstorbene Ezar eingesetzt hat, was gäbe es da noch zu wählen? Vordarians Anspruch ist dann so gut wie jedermanns.

Wenn er mich umbrächte und Gregor in Besitz bekäme, oder umgekehrt, dann wäre es durchaus denkbar, daß er sich von da an konsolidieren könnte. Bis zum nächsten Putsch und einer Folge von Revolten und Rachemorden, die dann immer weiter und weiter ginge …« Seine Augen verengten sich, als er diese düstere Vision betrachtete. »Das ist mein schlimmster Alptraum. Daß dieser Krieg nicht aufhört, wenn wir verlieren, bis ein weiterer Dorca Vorbarra der Gerechte auftritt, der einem weiteren Blutigen Jahrhundert ein Ende setzt. Gott allein weiß, wann das wäre. Offen gesagt, ich sehe keinen Mann von diesem Kaliber in meiner Generation.«

Schau mal in deinen Spiegel, dachte Cordelia melancholisch.

»Aha, deshalb wolltest du, daß ich zuerst zum Doktor gehe«, neckte Cordelia Aral in der gleichen Nacht. Nachdem Cordelia einige der wirren Vermutungen des Arztes zurechtgerückt hatte, hatte dieser sie gründlich untersucht, seine Verordnung von Gymnastik auf Ruhe abgeändert und ihr erlaubt, mit Vorsicht die ehelichen Beziehungen wieder aufzunehmen.

Aral grinste nur und nahm sie, als wäre sie aus gesponnenem Glas. Sie schloß daraus, daß er sich von dem Soltoxin nahezu vollständig erholt hatte. Er schlief wie ein Stein, nur wärmer, bis die Kommunikationskonsole sie im Morgengrauen weckte. Es mußte da eine Art militärischer Verschwörung funktioniert haben, daß die Konsole nicht schon eher aufgeleuchtet hatte. Cordelia stellte sich vor, wie irgendein Stabsangehöriger vertraulich zu Kou gesagt hatte: »Also, lassen wir den Alten mal wieder in Ruhe bumsen, vielleicht wird er dann etwas sanfter …«

Und doch, der elende Nebel der Erschöpfung hob sich diesmal schneller.

Innerhalb eines Tages war Cordelia auf und erforschte mit Droushnakovi in ihrer Begleitung ihre neue Umgebung.

Sie traf in der Sporthalle der Basis auf Bothari. Graf Piotr war noch nicht zurückgekehrt, und so hatte auch Bothari keine Pflichten, nachdem er Aral seinen Bericht erstattet hatte. »Es ist gut, in Form zu bleiben«, sagte er kurz angebunden zu ihr.

»Haben Sie geschlafen?«

»Nicht viel«, sagte er und nahm seinen Lauf wieder auf. Zwanghaft, zu lang, weit über den Punkt hinaus, wo die aufgewendete Zeit in einem optimalen Verhältnis zum Effekt stand. Er schwitzte, um die Zeit auszufüllen.

Am dritten Tag traf sie auf einem Korridor Leutnant Koudelka, der fast im Laufschritt vorbeistampfte, mit einem vor Aufregung geröteten Gesicht.

»Was ist los, Kou?«

»Illyan ist hier. Und er hat Kanzian mitgebracht.«

Cordelia folgte ihm in einen Besprechungsraum. Droushnakovi mußte noch längere Schritte als sonst machen, um mithalten zu können. Aral saß, flankiert von zwei Stabsmitgliedern, mit seinen verschränkten Händen vor sich auf dem Tisch und lauschte mit äußerster Aufmerksamkeit.

Oberstleutnant Illyan saß auf dem Rand des Tisches und schwang ein Bein im Rhythmus seiner Stimme. Am linken Arm trug er eine Bandage mit gelben Flecken. Er war bleich und schmutzig, aber seine Augen glänzten triumphierend und leicht fiebrig. Er war in Zivilkleidung, die aussah, als hätte er sie aus einer Waschküche gestohlen und wäre dann damit bergab gerollt.

Ein älterer Mann saß neben Illyan — ein Stabsmitglied reichte ihm gerade ein Getränk, das Cordelia als einen Mineraltrunk mit Fruchtgeschmack für metabolisch Erschöpfte erkannte. Der Mann kostete pflichtgemäß davon und machte ein Gesicht, als hatte er eine altmodischere Stärkung wie etwa Brandy vorgezogen. Übergewichtig und von unterdurchschnittlicher Größe, mit grauem Haar dort, wohin sich seine Glatze noch nicht ausgedehnt hatte, sah Admiral Kanzian nicht sehr martialisch aus. Er wirkte großväterlich — allerdings nur, wenn der Großvater Professor an einem Forschungsinstitut war. Sein Gesicht war von einer Intensität des Intellekts geprägt, die dem Begriff Militärwissenschaften wirkliche Bedeutung zu geben schien. Cordelia hatte ihn schon einmal in Uniform getroffen, seine Ausstrahlung von ruhiger Autorität wurde nicht beeinträchtigt durch die Zivilkleidung, ein Hemd und eine Freizeithose, die aus demselben Wäschekorb wie Illyans Kleider gekommen sein mochten.

Illyan sagte gerade: »… verbrachten wir die nächste Nacht in dem Keller. Vordarians Kommando kam am nächsten Morgen wieder, aber … Mylady!«

Sein begrüßendes Lächeln wurde durch einen Anflug von Schuld geschwächt, als er einen schnellen Blick auf ihre Taille warf. Ihr wäre es lieber gewesen, er hätte weiter aufgeregt dahergeredet über seine Abenteuer, aber ihre Ankunft schien ihn zu ernüchtern, als wäre sie der Geist seines denkwürdigsten Scheiterns beim Bankett seines Sieges.

»Es ist wunderbar, Sie beide zu sehen, Simon, Admiral.« Sie nickten sich grüßend zu, Kanzian schickte sich an, aufzustehen, ihm wurde aber von allen bedeutet, sich wieder zu setzen, woraufhin er verwirrt die Lippen verzog. Aral machte ihr ein Zeichen, sie solle sich neben ihn setzen.

Illyan setzte seinen Bericht in einer gestraffteren Weise fort. Seine vergangenen zwei Wochen Versteckspiel mit Vordarians Leuten schienen Cordelias Erlebnissen zu entsprechen, allerdings vor dem weit komplexeren Hintergrund der besetzten Hauptstadt. Aber Cordelia erkannte hinter seinen einfachen Worten die vertrauten Schrecken. Er brachte seine Erzählung schnell zum gegenwärtigen Augenblick. Kanzian nickte gelegentlich bestätigend.

»Gut gemacht, Simon«, sagte Vorkosigan, als Illyan geendet hatte. Er nickte Kanzian zu. »Außerordentlich gut gemacht.«

Illyan lächelte: »Ich dachte, es würde Ihnen gefallen, Sir.«

Vorkosigan wandte sich an Kanzian: »Sobald Sie sich dazu in der Lage fühlen, würde ich Sie gern im Taktikzentrum über die Lage informieren, Sir.«

»Danke, Mylord. Ich war von aller Kommunikation abgeschnitten — ausgenommen Vordarians Nachrichtensendungen —, seit ich aus dem Hauptquartier geflohen bin. Allerdings konnten wir viele Schlüsse aus dem ziehen, was wir sahen. Übrigens stimme ich Ihrer Strategie der Zurückhaltung zu. Bis jetzt war sie gut. Aber Sie sind nahe an ihren Grenzen.«