Das Holovid-Bild fuhr fort »… schändlichen Mordes an unserem jungen Kaiser Gregor Vorbarra und des Verrats an seinem heiligen Eid durch den Möchtegern-Usurpator Vorkosigan erklärt der Rat der Grafen den falschen Regenten für treulos, ausgestoßen, aller Macht entkleidet und vogelfrei.
Am heutigen Tag bestätigt der Rat der Grafen Kommodore Graf Vidal Vordarian als Premierminister und amtierenden Regenten für die Prinzessin-Witwe Kareen Vorbarra, der eine geschäftsführende Regierung bildet, bis ein neuer Erbe gefunden ist und vom Rat der Grafen und vom Rat der Minister in Vollversammlung bestätigt wird.«
Er fuhr mit weiteren rechtlichen Einzelheiten fort, während die Kamera auf die Halle schwenkte. »Halten Sie es mal an, Koudelka«, bat Vortala.
Seine Lippen bewegten sich, während er zählte. »Ha! Nicht einmal ein Drittel anwesend. Er kommt überhaupt nicht an ein Quorum heran. Wen meint er damit zum Narren halten zu können?«
»Verzweifelter Mann, verzweifelte Maßnahmen«, murmelte Kanzian, als das Holo auf Koudelkas Tastendruck weiterlief.
»Beobachte Kareen«, sagte Vorkosigan zu Cordelia.
Nach einem Schnitt sah man jetzt wieder Vordarian und die Prinzessin.
Vordarian redete in so schönfärberisch-verschlüsselten Begriffen weiter, daß Cordelia einen Augenblick brauchte, um die Tatsache herauszufinden, daß Vordarian mit der Phrase persönlicher Beschützer eine Verlobung ankündigte. Seine Hand schloß sich ernsthaft über der von Kareen, obwohl sein Blickkontakt nur der Kamera galt. Kareen hob ihre Hand, um einen Ring zu empfangen, ohne daß ihr ruhiger Gesichtsausdruck sich im geringsten veränderte. Das Video schloß mit feierlicher Musik. Ende.
Dankbarerweise blieb ihnen eine nachträgliche Diskussion im betanischen Stil erspart, offensichtlich fragte nie jemand sonderlich nach der Meinung des barrayaranisehen Mannes auf der Straße, zumindest solange ein allgemeiner Aufruhr die Lautstärke nicht so groß werden ließ, daß man sie nicht mehr ignorieren konnte.
»Wie würdest du Kareens Reaktion analysieren?«, fragte Aral Cordelia.
Cordelia hob ihre Augenbrauen. »Welche Reaktion? Wie analysieren? Sie hat ja kein einziges Wort gesagt.«
»Einfach so. Sah sie für dich aus, als hätte sie unter Drogen gestanden? Oder unter Zwang? Oder war das echte Zustimmung? Ist sie auf Vordarians Propaganda hereingefallen, oder was?« Frustriert blickte Vorkosigan auf die Stelle, wo gerade noch das Bild dieser Frau gewesen war. »Sie ist immer sehr reserviert gewesen, aber das war die am wenigsten durchschaubare Vorstellung, die ich je gesehen habe.«
»Lassen Sie es noch einmal laufen, Kou«, sagte Cordelia. Sie ließ ihn an den Stellen anhalten, wo Kareen am besten zu sehen war. Sie betrachtete das erstarrte Gesicht, das jetzt kaum weniger belebt wirkte, als wenn das Holo lief. »Sie sieht nicht benebelt oder sediert aus. Und ihre Augen blicken nicht in der Art zur Seite, wie es bei dem Sprecher der Fall war.«
»Niemand bedroht sie mit einer Waffe?«, mutmaßte Vortala.
»Oder vielleicht ist es ihr einfach egal«, vermutete Cordelia grimmig.
»Zustimmung oder Zwang?«, wiederholte Vorkosigan.
»Vielleicht keines von beiden. Sie hat sich mit dieser Art von Unsinn ihr ganzes erwachsenes Leben beschäftigen müssen … was erwartest du von ihr? Sie hat drei Jahre der Ehe mit Serg überlebt, bevor Ezar sie in seinen Schutz nahm, Sie muß eine echte Expertin darin sein zu erraten, was sie nicht sagen soll und wann sie es nicht sagen soll.«
»Aber sich öffentlich Vordarian zu unterwerfen — wenn sie glaubt, daß er für Gregors Tod verantwortlich ist …«
»Ja, was glaubt sie denn? Wenn sie wirklich denkt, ihr Sohn sei tot — selbst wenn sie nicht glaubt, daß du ihn umgebracht hast —, dann bleibt ihr nur übrig, nach ihrem eigenen Überleben Ausschau zu halten. Warum soll sie dieses Überleben für eine dramatische Sinnlosigkeit riskieren, wenn das Gregor nicht mehr hilft? Was schuldet sie dir, schuldet sie uns, alles in allem? Wir alle haben ihr gegenüber versagt, so weit sie es weiß.«
Vorkosigan zuckte zusammen.
Cordelia fuhr fort: »Vordarian hat sicher ihren Zugang zu Informationen unter Kontrolle. Sie ist vielleicht sogar überzeugt, daß er gewinnt. Sie ist eine Überlebende: bis jetzt hat sie Serg und Ezar überlebt. Vielleicht hat sie die Absicht, euch beide, dich und Vordarian, zu überleben. Vielleicht denkt sie, die einzige Rache, die sie je bekommt, wird sein, lang genug zu leben, um auf all eure Gräber spucken zu können.«
Einer der Stabsoffiziere murmelte: »Aber sie ist eine Vor. Sie hätte ihm widerstehen müssen.«
Cordelia widmete ihm ein strahlendes Lächeln. »Oh, aber man weiß nie, was ein barrayaranische Frau denkt, wenn man nur nach dem geht, was sie vor barrayaranischen Männern sagt. Ehrlichkeit wird hier nicht gerade belohnt, nicht wahr?«
Der Stabsangehörige blickte sie unsicher an. Drou lächelte säuerlich. Vorkosigan atmete laut hörbar aus. Koudelka blinzelte.
»Also, Vordarian wird des Wartens überdrüssig und ernennt sich selbst zum Regenten«, murmelte Vortala.
»Und zum Premierminister«, wies Vorkosigan seinerseits hin.
»In der Tat, er plustert sich auf.«
»Warum greift er nicht gleich nach dem Kaisertum?«, fragte der Stabsoffizier.
»Er sondiert erst das Gelände«, sagte Kanzian.
»Das kommt noch, später im Drehbuch«, meinte Vortala.
»Oder vielleicht eher, wenn wir ihn zwingen zu handeln«, regte Kanzian an. »Der letzte und fatale Schritt. Wir müssen überlegen, wie wir ihn gerade noch ein bißchen nervöser machen.«
»Nicht viel länger«, sagte Vorkosigan bestimmt.
Die geisterhafte Maske von Kareens Gesicht erschien den ganzen Tag vor Cordelias geistigem Auge und kehrte am nächsten Morgen nach dem Aufwachen wieder. Was dachte Kareen? Was fühlte Kareen schließlich?
Vielleicht war sie abgestumpft, wie es der Augenschein vermuten ließ. Vielleicht wartete sie den rechten Augenblick ab. Vielleicht stand sie ganz auf Vordarians Seite. Wenn ich wüßte, was sie glaubt, dann würde ich wissen, was sie tut. Wenn ich wüßte, was sie tut, dann würde ich wissen, was sie glaubt.
Zu viele Unbekannte in dieser Gleichung. Wenn ich Kareen wäre … War das eine gültige Analogie? Konnte Cordelia von sich auf jemand anderen schließen? Konnte das überhaupt jemand? Es gab Ähnlichkeiten zwischen ihnen, Kareen und Cordelia, beide waren Frauen, in vergleichbarem Alter, Mütter von gefährdeten Söhnen … Cordelia nahm Gregors Schuh aus ihrem kleinen Haufen von Erinnerungsstücken aus den Bergen und drehte ihn in ihrer Hand. Mama packte mich, aber mein Schuh ging ab in ihrer Hand. Ich hätte ihn fester zubinden sollen … Vielleicht sollte sie ihrem eigenen Urteil vertrauen. Vielleicht wußte sie genau, was Kareen dachte.
Als die Kommunikationskonsole ertönte, etwa um die Zeit wie der gestrige Anruf, da schoß Cordelia hoch, um sich zu melden. Eine neue Sendung aus der Hauptstadt, neue Beweise, etwas, das diesen Teufelskreis der Unvernunft durchbrechen konnte? Aber das Gesicht, das auf dem Bildschirm erschien, war nicht Koudelka, sondern ein Fremder mit dem Abzeichen des Sicherheitsdienstes am Kragen.
»Lady Vorkosigan?«, begann er respektvoll.
»Ja?«
»Ich bin Major Sircoj, Offizier vom Dienst am Hauptportal. Es ist meine Aufgabe, alle neuen Leute, die sich hier melden, zu überprüfen, Männer, die Verrätereinheiten verlassen haben und so weiter, und alle Nachrichten zu sammeln, die sie mit sich gebracht haben. Wir haben einen Mann hier, der vor einer halben Stunde auftauchte und sagte, er sei aus der Hauptstadt geflohen, und er weigert sich, freiwillig seine Informationen preiszugeben.
Wir haben die Richtigkeit seiner Behauptung bestätigen können, daß er einer Antiverhör-Konditionierung unterzogen wurde — wenn wir ihn mit Schnell-Penta behandeln, dann bringt ihn das um. Er bittet dauernd darum — tatsächlich besteht er sogar darauf —, mit Ihnen zu sprechen. Er könnte ein Attentat auf Sie vorhaben.«