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Cordelias Herz pochte laut. Sie lehnte sich in Richtung auf das Holovid, als könnte sie hindurchsteigen. »Brachte er etwas mit sich mit?«, fragte sie atemlos. »Wie einen Kanister, etwa einen halben Meter hoch — mit einer Menge blinkender Lichter und großen roten Buchstaben obendrauf, die sagen ›Hier Oben‹? Sieht höllisch geheimnisvoll aus, bereitet garantiert jeder Sicherheitswache Kopfzerbechen — wie heißt er, Major?«

»Er brachte nichts mit außer den Kleidern, die er am Leib trägt. Er ist in keiner guten Verfassung. Sein Name ist Vaagen, Hauptmann Vaagen.«

»Ich bin gleich bei Ihnen.«

»Nein, Mylady! Der Mann tobt praktisch. Könnte gefährlich sein, ich kann nicht zulassen, daß Sie …«

Cordelia ließ ihn zu einem leeren Zimmer sprechen. Droushnakovi mußte in Laufschritt fallen, um sie einzuholen. Cordelia brauchte weniger als sieben Minuten bis zu den Sicherheitsbüros am Hauptportal und hielt im Korridor an, um Luft zu holen. Um ihre Seele zurückzuholen, die ihr aus dem Mund davonfliegen wollte. Ruhig. Ruhig. Toben würde offensichtlich nicht das Eis bei Sircoj brechen.

Sie hob das Kinn und betrat das Büro. »Sagen Sie Major Sircoj, daß Lady Vorkosigan hier ist, um ihn zu sprechen«, sagte sie dem Sekretär, der beeindruckt seine Augenbrauen hob und sich gehorsam über seine Kommunikationskonsole beugte.

Sircoj erschien nach einigen endlos scheinenden Minuten — durch jene Tür, notierte sich Cordelia seine Route im Kopf. »Ich muß Hauptmann Vaagen sprechen.«

»Mylady, er könnte gefährlich sein«, begann Sircoj genau da, wo sie ihn vorhin abgeschnitten hatte. »Er könnte auf eine unerwartete Weise programmiert sein.«

Cordelia überlegte, ob sie unerwarteterweise Sircoj am Hals packen und versuchen sollte, ihm Vernunft einzutrichtern. Unklug. Sie holte tief Atem. »Was wollen Sie mich tun lassen? Kann ich ihn wenigstens über das Vid sehen?«

Sircoj sah nachdenklich aus. »Das könnte in Ordnung gehen. Eine Überprüfung unserer Identifikation, und wir können das aufnehmen. Sehr gut.«

Er nahm sie in einen anderen Raum mit und schaltete einen Monitor ein. Cordelia atmete mit einem leichten Stöhnen aus.

Vaagen war allein in einem Haftraum und ging ständig hin und her. Er trug grüne Uniformhosen und ein weißes Hemd mit braunen Flecken. Er hatte sich schrecklich verändert im Vergleich zu dem schmucken und energischen Wissenschaftler, den sie zuletzt in seinem Labor im Militärkrankenhaus gesehen hatte. Beide Augen waren umgeben von purpurroten Flecken, ein Lid war so geschwollen, daß es fast geschlossen war, der Schlitz war beängstigend blutig gerötet. Er bewegte sich nach vorn gekrümmt. Er hatte nicht mehr gebadet, nicht mehr geschlafen, seine Lippen waren geschwollen …

»Holen Sie einen Sanitäter für diesen Mann!« Als Sircoj zusammenfuhr, wurde sich Cordelia bewußt, daß sie geschrien hatte.

»Er ist schon durch die Triage gegangen, sein Zustand ist nicht lebensbedrohend. Wir können erst dann anfangen, ihn zu behandeln, wenn er sicherheitsüberprüft ist«, sagte Sircoj hartnäkkig.

»Dann verbinden Sie ihn online mit mir«, sagte Cordelia durch ihre zusammengebissenen Zähne. »Drou, gehen Sie zurück ins Büro, rufen Sie Aral. Sagen Sie ihm, was hier vor sich geht.«

Sircoj blickte besorgt drein ob dieser Entwicklung, hielt sich aber tapfer an seine Prozeduren. Weitere endlose Sekunden, während jemand zurück in die Haftzone ging und Vaagen an eine Kommunikationskonsole holte.

Sein Gesicht kam endlich über den Bildschirm, Cordelia konnte sehen, wie ihr eigenes Gesicht in der leidenschaftlichen Intensität des seinen reflektiert wurde. Endlich verbunden.

»Vaagen! Was ist geschehen?«

»Mylady!« Seine Hände verkrampften sich, zitterten, als er sich auf sie aufstützte und in Richtung der Aufnahmeapparatur lehnte. »Die Idioten, die Trottel, die Ignoranten, dumme …« — er sprudelte hilflose Beschimpfungen hervor, dann holte er Luft und begann noch einmal, schnell, knapp, als könnte man ihm ihr Bild jeden Augenblick wegschnappen.

»Wir dachten zuerst, wir könnten unbehelligt bleiben, nachdem die Kämpfe der ersten beiden Tage abgeflaut waren. Wir versteckten den Replikator im Militärkrankenhaus, aber niemand kam. Wir warteten in Ruhe ab und schliefen abwechselnd im Labor. Dann gelang es Henri, seine Frau aus der Stadt zu schmuggeln, und wir blieben beide zurück.

Wir versuchten, die Behandlung im Geheimen fortzusetzen. Dachten, wir könnten einfach warten, bis alles vorbei wäre, bis Hilfe käme. Die Lage mußte sich ja verändern, in die eine oder andere Richtung …

Wir hatten schon fast aufgehört, Vordarians Leute zu erwarten, aber sie kamen. Letzten … — gestern«, er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, als suchte er irgendeine Verbindung zwischen der wirklichen Zeit und einer Alptraumzeit, wo die Uhren verrückt spielten. »Vordarians Kommando. Kam nach dem Replikator zu suchen. Wir sperrten das Labor zu, sie brachen ein. Forderten ihn. Wir lehnten ab, lehnten ab zu sprechen, sie konnten keinen von uns beiden mit Schnell-Penta behandeln. Also schlugen sie uns zusammen. Sie prügelten ihn systematisch zu Tode, als wäre er ein Niemand, all die Intelligenz, all die Bildung, all die Verheißung zerstört, zu Boden geschlagen von einem stammelnden Trottel, der einen Gewehrkolben schwingt …« Tränen rannen über sein Gesicht herab.

Cordelia stand bleich und wie vom Blitz getroffen, ein schlimmer, schlimmer Anfall von mangelhaftem deja vu, Sie hatte die Laborszene schon tausendmal in ihrem Kopf durchgespielt, aber nie hatte sie dabei Dr. Henri erschlagen auf dem Boden oder Vaagen bewußtlos geprügelt gesehen.

»Dann gingen sie auf das Labor los. Auf alles, auf alle Behandlungsberichte. Alle Arbeiten von Henri über Verbrennungen sind futsch. Sie mußten das nicht tun. Alles verloren!« Seine Stimme schnappte über, heiser vor Wut.

»Haben sie … den Replikator gefunden? Ausgeleert?« Sie konnte es sehen, sie hatte es immer wieder und wieder gesehen, wie er ausgeschüttet wurde.

»Sie haben ihn schließlich gefunden. Aber sie nahmen ihn dann mit. Und dann ließen sie mich gehen.« Er schüttelte den Kopf.

»Nahmen ihn mit«, wiederholte sie stupide. Warum? Was für einen Sinn hat es, die Technologie mitzunehmen und nicht die Techniker? »Und ließen Sie gehen. Damit Sie zu uns gerannt kommen, vermute ich. Um uns das zu melden.«

»Sie haben es kapiert, Mylady.«

»Wohin, was meinen Sie? Wohin haben sie ihn genommen?«

Vorkosigans Stimme erklang neben ihr: »In die Kaiserliche Residenz, sehr wahrscheinlich. All die wichtigen Geiseln werden dort gefangen gehalten. Ich werde sofort den Nachrichtendienst darauf ansetzen.« Er stand da wie angewurzelt, mit grauem Gesicht. »Es scheint, wir sind nicht die einzige Seite, die den Druck erhöht.«

KAPITEL 15

Innerhalb von zehn Minuten nach Vorkosigans Ankunft im Sicherheitsposten am Hauptportal lag Hauptmann Vaagen flach auf einer Schwebebahre und war auf seinem Weg zum Lazarett, während man den besten Trauma-Arzt der Basis zur Untersuchung rief. Cordelia dachte voll Bitterkeit über die Natur der Befehlskette nach: alle Wahrheit und guten Gründe und dringende Notwendigkeit waren offensichtlich nicht genug, um jemandem außerhalb dieser Kette ursächliche Macht zu verleihen.

Eine weitere Befragung des Wissenschaftlers hatte zu warten bis nach seiner medizinischen Behandlung. Vorkosigan nutzte die Zeit, um Illyan und dessen Abteilung auf das neue Problem anzusetzen. Cordelia nutzte die Zeit, um im Wartebereich des Lazaretts im Kreis herumzulaufen.

Droushnakovi beobachtete sie mit stiller Sorge, sie war nicht so töricht, beruhigende Versicherungen anzubieten, von denen sie beide wußten, daß sie nichtssagend waren.