»Schon vorausgefahren«, sagte Cordelia kühl.
Die vage Plausibilität ihrer Erklärung ließ tatsächlich Zweifel in seinem Blick aufflackern. Leider nur für einen Augenblick. »Nun, dann warten Sie nur eine einzige lausige Minute …«
»Leutnant«, unterbrach Sergeant Bothari. »Schauen Sie sich das mal an.« Er wies mit einer Geste auf das hintere Fahrgastabteil des Stabswagens.
Koudelka lehnte sich vor, um zu schauen. »Was ist?«, sagte er ungeduldig.
Cordelia zuckte zusammen, als Botharis offene Hand auf Koudelkas Nacken herabsauste, und sie zuckte wieder, als Koudelkas Kopf mit einem schweren Bums am anderen Ende des Innenraums aufschlug, nachdem Bothari ihn am Hals und Gürtel gepackt und hineingeworfen hatte. Sein Stockdegen fiel klappernd zu Boden.
»Hinein!«, knurrte Bothari angespannt und leise, während er schnell einen Blick zu den Glaswänden des Transportbüros warf.
Droushnakovi warf den Ranzen in den Wagen und schlüpfte hinter Koudelka hinein, wobei sie seine langen, schlaffen Gliedmaßen zur Seite schob. Cordelia hob den Stockdegen auf und zwängte sich hinter Drou in das Fahrzeug. Bothari trat zurück, salutierte, schloß das spiegelnde Verdeck und begab sich dann in das Fahrerabteil.
Sie fuhren langsam los. Cordelia mußte eine unvernünftige panische Angst zügeln, als Bothari am ersten Kontrollpunkt anhielt. Sie konnte die Wachen so deutlich sehen und hören, daß es ihr schwerfiel, sich zu vergegenwärtigen, daß die Männer nur die Spiegelung ihrer eigenen strengen Augen sehen konnten. Aber offensichtlich konnte General Piotr tatsächlich überall nach Belieben passieren. Wie angenehm, General Piotr zu sein. In diesen schwierigen Zeiten hätte vermutlich jedoch auch Piotr nicht nach Basis Tanery einfahren können, ohne daß das hintere Verdeck geöffnet und das hintere Abteil einer Sichtkontrolle unterzogen wurde. Die Wachmannschaft am letzten Tor, die ihnen freie Fahrt nach draußen zuwinkte, war gerade mit einer solchen Überprüfung an einem langen Konvoi von Frachttransportern beschäftigt, die in die Basis hineinwollten. Ihr Eintreffen war gerade das, was Cordelia geplant und worum sie gebetet hatte.
Schließlich richteten Cordelia und Droushnakovi den ausgestreckt liegenden Koudelka zwischen sich auf. Seine erste besorgniserregende Schlaffheit ließ nach. Er blinzelte und stöhnte. Koudelkas Kopf, Hals und oberer Rumpf gehörten zu den wenigen Bereichen seines Körpers, in denen keine künstlichen Nerven angelegt waren, Cordelia vertraute darauf, daß nichts Unorganisches gebrochen war.
Droushnakovis Stimme klang angespannt und besorgt: »Was machen wir mit ihm?«
»Wir können ihn nicht auf die Straße rausschmeißen, er würde zurückrennen und Meldung machen«, sagte Cordelia. »Aber wenn wir ihn irgendwo außer Sicht an einen Baum binden, dann besteht die Möglichkeit, daß er nicht gefunden wird … wir sollten ihn besser fesseln, er kommt zu sich.«
»Ich schaffe ihn schon.«
»Ich fürchte, er ist schon genug geschafft.«
Es gelang Droushnakovi, Koudelkas Hände mit einem Schal aus dem Ranzen zu umwickeln und unbeweglich zu machen, sie war ziemlich gut im Schnüren von Knoten.
»Er könnte sich als nützlich erweisen«, überlegte Cordelia.
»Er wird uns verraten«, sagte Droushnakovi mit gerunzelter Stirn.
»Vielleicht nicht. Jedenfalls nicht, sobald wir auf feindlichem Territorium sind. Sobald der einzige Ausweg der nach vorn ist.«
Koudelkas Augen hörten auf, herumzuirren und irgendwelchen unsichtbaren, verschwommenen Sternen zu folgen, und stellten sich auf die Umgebung ein. Mit Erleichterung stellte Cordelia fest, daß beide Pupillen noch gleich groß waren.
»Mylady — Cordelia«, krächzte er. Seine Hände zogen vergeblich an den seidenen Fesseln. »Das ist verrückt. Sie laufen direkt Vordarians Leuten in die Hände. Und dann wird Vordarian zwei Hebel gegen den Admiral haben statt nur einen. Und Sie und Bothari wissen, wo der Kaiser ist!«
»War«, korrigierte Cordelia. »Vor einer Woche. Er wurde seitdem woandershin gebracht, dessen bin ich mir sicher. Und Aral hat seine Fähigkeit demonstriert, Vordarians Hebelwirkung zu widerstehen, meine ich. Unterschätzen Sie ihn nicht.«
»Sergeant Bothari!« Koudelka lehnte sich nach vorn und sprach in die Sprechanlage. Das vordere Verdeck war jetzt auch ein silberner Spiegel.
»Ja, Leutnant?«, erwiderte Botharis monotoner Bass.
»Ich befehle Ihnen, mit diesem Fahrzeug umzukehren.«
Eine kurze Pause. »Ich bin nicht mehr im Dienst der Kaiserlichen Armee, Sir. Ich bin im Ruhestand.«
»Das hat Piotr nicht befohlen! Sie sind Graf Piotrs Mann.«
Eine längere Pause, eine leisere Stimme, »Nein. Ich bin Lady Vorkosigans Hund.«
»Sie haben Ihre Medikamente nicht genommen!«
Wie so etwas über eine rein akustische Verbindung übertragen werden konnte, dessen war sich Cordelia nicht sicher, aber in der Luft vor ihnen schwebte ein hündisches Grinsen.
»Machen Sie mit, Kou«, redete Cordelia auf ihn ein. »Unterstützen Sie mich. Machen Sie mit beim Glück. Machen Sie mit beim Leben. Machen Sie mit beim Adrenalinstoß.«
Droushnakovi lehnte sich mit einem scharfen Lächeln auf den Lippen herüber und flüsterte in Koudelkas anderes Ohr: »Schauen Sie die Sache so an, Koudelka: Wer sonst wird Ihnen je eine Chance für einen Einsatz im Feld geben?«
Seine Augen wanderten hin und her, zwischen links und rechts, zwischen den beiden Frauen, die ihn gefangen hatten. Der Motor des Bodenwagens jaulte auf, während sie in das einfallende Zwielicht davonschossen.
KAPITEL 16
Illegales Gemüse. Cordelia saß in gedankenverlorener Betrachtung zwischen Säcken voll Blumenkohl und Schachteln mit gezüchteten Brillbeeren, während der Luftkissenlaster sich quietschend und hustend dahinbewegte. Gemüse aus dem Süden, das nach Vorbarr Sultana auf einer ebenso heimlichen Route wie der ihren unterwegs war. Sie war sich fast sicher, daß in diesem Haufen auch ein paar Säcke mit dem gleichen grünen Kohl waren, mit dem sie vor zwei oder drei Wochen schon einmal gereist war und der in seinen Wanderungen den seltsamen wirtschaftlichen Zwängen des Krieges folgte.
Die Distrikte, die Vordarian kontrollierte, standen jetzt unter einem strikten Embargo durch die Distrikte, die loyal zu Vorkosigan hielten.
Obwohl noch lange niemand Hunger leiden würde, waren angesichts der Hamsterei und des bevorstehenden Winters die Lebensmittelpreise in der Hauptstadt Vorbarr Sultana sprunghaft gestiegen. Auf diese Weise wurden arme Leute angeregt, ihre Chancen zu ergreifen. Und ein armer Mann, der schon eine Chance ergriffen hatte, war nicht abgeneigt, seiner Ladung gegen ein Schmiergeld noch ein paar unregistrierte Fahrgäste hinzuzufügen.
Diesen Plan hatte Koudelka ausgeheckt, der seine heftige Mißbilligung aufgegeben hatte, nachdem er fast unwillkürlich in ihren strategischen Überlegungen hineingezogen worden war.
Es war Koudelka gewesen, der die Großhandelslager für landwirtschaftliche Produkte in der Stadt in Vorinnis’ Distrikt ausfindig gemacht und die Laderampen nach unabhängigen Händlern abgesucht hatte, die dort mit ihren Frachten starteten. Allerdings war es Bothari, der über die Höhe der Bestechung entschieden hatte, die Cordelia erbärmlich gering vorkam, aber genau richtig war für die Rolle der verzweifelten Landleute, die sie jetzt spielten.
»Mein Vater war Lebensmittelhändler«, hatte Koudelka etwas befangen erklärt, als er ihnen seinen Plan schmackhaft machte. »Ich weiß, was ich tue.«
Cordelia hatte einen Augenblick lang gerätselt, was der wachsame Blick zu bedeuten hatte, den er dabei auf Droushnakovi richtete, bis sie sich erinnerte, daß Drous Vater Soldat war. Kou hatte von seiner Schwester und seiner verwitweten Mutter erzählt, aber erst in diesem Augenblick war Cordelia bewußt geworden, daß Kou seinen Vater nicht aus irgendeinem Mangel an Liebe zwischen ihnen beiden aus seiner Erinnerung verdrängt hatte, sondern weil der Status seines Vaters ihm gesellschaftlich peinlich war. Koudelka hatte ein Veto dagegen eingelegt, einen Fleischtransporter als Transportmittel zu wählen: »Der wird eher von Vordarians Wachen angehalten«, erklärte er, »weil sie dann dem Fahrer Steaks abnehmen können.« Cordelia war sich nicht sicher, ob er aus Erfahrungen beim Militär oder im Lebensmittelhandel oder bei beiden sprach. Auf jeden Fall war sie dankbar, daß sie nicht mit gräßlichen gekühlten Tierleichen reisen mußte.