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Man sah das alles ein, aber verkaufen wollte man nicht. Die Sache hatte nämlich einen Haken: Die Pferde waren gezählt und registriert, und jeder Verkauf mußte dem Dorfsowjet gemeldet wer-den, schon wegen der Steuer. Zahlte man aber die Abgaben, Genossen, wir kennen das: Es lohnt sich nicht, solch ein Geschäft. Nur Schwierigkeiten kann man bekommen, vor allem, wenn man die Pferdchen verkauft, die man heimlich in der Scheune hat.

Gegen Abend erst fanden Kolka und Bettina einen Bauern, der bereit war, einen Karren zu verkaufen. Einen kleinen, wackeligen, hochrädrigen Wagen, um den Kolka herumging und sagte:»Ist mit dem der gute alte Noah von den Bergen gekommen, als die Arche landete?«

«Ihr braucht ihn nicht zu kaufen!«schrie der Bauer.»Ein vorzüglicher Wagen ist's! Bestes Holz! Und sieh dir die Räder an! Eisenbänder haben sie sogar! Nur weil ich einen größeren brauche, gebe ich ihn her. Ans Herz ist er mir gewachsen!«

Für hundert Rubel — einen Sündenpreis, wie Kolka jammerte — kaufte er den Karren und versprach, ihn morgen abzuholen. Von dem glücklichen Bauern erfuhr er auch, daß der Nachbar vier Pferde habe, von denen keiner etwas wußte, und so war es klar, daß Kolka an diesem Abend auch zu seinen Pferdchen kam.

Er sagte nur:»Guten Abend, Brüderchen! Ich komme von Fed-ja, nebenan. Er sagte mir, du könntest sechshundert Rubelchen gebrauchen. Sechshundert, von denen die Steuer nichts weiß, und dein Weib auch nicht. Und die zwei Pferdchen, die fehlen. Gott ja, man hat sie dir gestohlen. Mach ein Geschrei, raufe dir den Bart, ruf den Teufel zu Hilfe… aber sechshundert hast du im Sack, Brüderchen.«

Wer sieht so etwas nicht sofort ein? Kolka gab die sechshundert Rubel, streichelte den Pferdchen den Nacken und schrak zusammen, als hinter ihm eine laute Stimme ertönte.

«Wem gehören die Pferde?«

Kolka und Bettina fuhren herum. Der Bauer versteckte sich hinter den Pferdeleibern und stopfte die Rubelscheine vorne in die Hose. Am Zaun lehnte ein Milizionär und sah argwöhnisch zum Haus.

«Mir!«rief Kolka laut zurück.»Ist's verboten, Pferdchen zu haben?«

«Jeden Genossen kenne ich hier! Jedes Pferd! Woher kommen Sie,

Genosse?«

«Aus Dschambapologorsk«, sagte Kolka und lüftete die Mütze.»Weit nach Kasakstan hin. Eine Tante habe ich in Tiflis, sie habe ich besucht. Und nun war ich hier, um Heu zu kaufen. Eine Schande ist's ja mit den Großstädten. Alles haben sie auf dem Markt und in den Kaufhäusern. Seidene Weiberhosen und Unterröcke, Kämme mit vergoldeten Griffen, und Lack, um sich die Nägel zu bemalen, lauter unnützes Zeug. Aber geh einmal hin und sag: Ich möchte einen Karren Heu für meine Pferdchen! — Den Arzt rufen sie sofort, und in eine Anstalt sperren sie dich. Es ist kein schönes Leben in den Städten, Genosse Milizionär.«

Der Milizsoldat sah Kolka nachdenklich an. Es gibt viele dumme Menschen, dachte er. Aber hier ist ein Rindvieh! Und als Kolka sogar näher kam, Bettina hinter sich herzog und rief:»Seht euch meine Wanduscha an! Ein schönes Mädchen ist sie! Doch was trägt sie, so wie ihre Mutter und Großmutter und Urgroßmutter: Hosen aus Baumwolle! Komm, sei lieb, mein Täubchen, und zeig dem Herrn Beamten deine Hosen«, winkte der Milizsoldat erregt ab, schwang sich auf sein Fahrrad und fuhr davon. Mit einem Lächeln sah ihm Kolka nach. Der Bauer kam um die Pferde herum und bekreuzigte sich.

«Gefährlich war das, Brüderchen«, keuchte er und ließ den Angstschweiß über sein Gesicht laufen.»Ihr kennt Wassilij Petrowitsch Atotorian nicht. Ein ganz Scharfer ist er! Zum erstenmal ist er in die Flucht geschlagen.«

Kolka lachte und klopfte dem Bäuerlein auf die Schulter.»Behalt's als Andenken, Brüderchen!«rief er dabei.»Auch ein Atotorian kann einen Kolka nicht in den Hintern treten.«

Als sie in der Nacht endlich wieder nach Hause kamen, müde und erschöpft, aber doch glücklich, Pferde und einen Wagen zu haben, trafen sie Dimitri mit ernster Miene an. Er saß am Tisch und hatte eine Karte vom Mittelmeer ausgebreitet.

«Soweit sind wir noch nicht, Söhnchen«, sagte Kolka und ließ sich in den Sessel fallen.»Noch sind wir im Kaukasus.«»Ich nicht mehr, Väterchen.«

«Was soll das?«Kolka sah seinen Ziehsohn verblüfft an. Ernst war Dimitri wie noch nie, und er hatte Wanda Fjodorowa um die Hüfte gepackt und starrte weiter auf die Karte.»Wir haben Pferdchen und Wagen!«rief der Alte.

«Und ich habe eine Flugkarte nach Beirut«, sagte Dimitri dumpf.

«Nach Beirut?«Bettina atmete tief auf.»Was willst du in Beirut?«

«Ich komme von der Inspektion«, erzählte Dimitri und ballte dabei die Fäuste,»da läßt mich der Generaldirektor kommen. Dimitri Sergejewitsch, sagt er, Sie sind ein guter Mann, ich weiß es. Man lobt Sie allenthalben. Ein kluger Kopf sind Sie und genau der Bürger, der unser Vaterland im Ausland vertreten kann.«

«Bravo!«rief Kolka.

«Sie fliegen übermorgen nach Beirut, sagt der Generaldirektor weiter. Eine Tagung ist dort. Internationales Treffen der Ölingenieure zum Erfahrungsaustausch. Wen schicke ich lieber als Sie, Dimitri Sergejewitsch? Sie werden den anderen Ingenieuren in der Welt erzählen, wie fortschrittlich wir hier in Tiflis sind. Ich wüßte dazu keinen Besseren als Sie!«

Dimitri griff in die Tasche und warf einen Packen Papiere auf den Tisch. Bettina erkannte sofort das Luftticket. Die anderen Papiere waren Fragebogen für den Zoll.

«Nun habe ich den Flugschein!«schrie Dimitri.»Ich muß übermorgen nach Beirut!«

«Und warum schreist du, Söhnchen?«fragte Kolka ruhig.

«Unser Plan, Väterchen!«

«Kann er besser sein?«Kolka legte seinen Zeigefinger auf den Namen Beirut.

«Du fliegst hierhin. Auf Staatskosten sogar, mein kluger Junge. Und in Beirut verläßt du die Kommission und stellst dich als politischer Flüchtling unter den Schutz der Deutschen Botschaft. Wir werden, wenn wir Teheran erreicht haben, mit dem Flugzeug ebenfalls nachkommen nach Beirut, und die Familie ist wieder zusammen. Geht es einfacher, Dimitri?«

«Ich lasse euch nicht allein durch die Berge zur Grenze ziehen!«rief Dimitri.»Du bist alt, Wanduscha ist ein Mädchen und kennt nicht unser rauhes Land. Ihr würdet elend zugrunde gehen.«

«Hat man das schon mal gehört?«sagte Kolka rauh.»Er nennt mich einen alten Mann. Bin ich ein zittriger Greis, he? Sieh es dir an, du Dummkopf.«

Zum Ofen ging er. Dort stand neben dem Gasherd ein alter Kohleofen, den Kolka nicht mehr benutzte, weil sie schon seit Jahren mit Öl heizten.

«Um Himmels willen, laß ihn stehen!«schrie Dimitri.»Einen Bruch hebst du dir.«

«Bin ich ein Zwerg?«schrie Kolka. Er umfaßte den schweren Kohleofen mit beiden Armen, stemmte ihn hoch bis zur Decke, es krachte gegen die Balken, Putz und Mörtel rieselten herab, und oben fiel der grusinische Maler Arkadij L. Bederian aus dem Bett, aber er merkte es nicht, denn er war wieder besoffen. Dann warf Kolka den Ofen von sich wie einen großen Stein, er knallte auf die Dielen, zwei Bretter brachen, und unten hörte man einen grellen Aufschrei, denn die unter ihnen wohnende Witwe Djura Halikowa dachte, ein Erdbeben zerstöre nun das Haus und ihr Leben.

«So!«sagte Kolka und rieb sich die Hände.»Bin ich ein alter Mann?«

Bettina lachte laut, und dann wurde sie plötzlich ganz still.

«So hat dich Mutter nie geschildert«, sagte sie leise.

Kolka Iwanowitsch nickte und nagte an der Unterlippe.

«So wird man, mein Töchterchen, wenn man grausamer als ein Wolf sein muß.«

Das Zimmer, in dem Oberleutnant Wolter stand, war kärglich eingerichtet und klein. Vom Fenster aus sah man auf einen Parkplatz. -An der Wand hing ein Bild des Bundespräsidenten. Der Schreibtisch war hell gebeizt und schmucklos. Ein paar einfache Stühle, ein runder Tisch mit einem Aschenbecher — das war alles, was in dem Zimmer stand. Keine Blume, keine Vase, nur ein Telefon mit vielen Knöpfen für eine Direktwahl innerhalb des Hauses.