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«Gähen wir!«

Oberst Jassenskij drehte sich um und verließ mit stampfenden Schritten das Zimmer. Auf dem Flur wartete er auf General Oro-nitse, der sich noch von Andresen verabschiedete. Schließlich war er ein höflicher Mensch.

«Sie muß einen Grund gehabt haben, warum sie als einzige im Flugzeug verschwunden ist«, sagte Jassenskij und steckte sich eine Papirossa an.»Es kann kein Schock gewesen sein. Auch keine Angst. Ein Mädchen, das Angst hat, sucht Schutz, aber es läuft nicht in eine dunkle Nacht hinein, in einem fremden Land. Das hat andere Gründe, Genosse General.«

«Wie Sie wollen, Safon Kusmajewitsch. «Oronitse hob die Schultern.»Ihr Leute vom GRU seht hinter jedem schwanzlosen Fuchs einen Agenten! Tun Sie, was Sie für richtig halten. Was schlagen Sie also vor?«

«Zunächst Nachrichtensperre über dieses Vorkommnis.«

«Die besteht schon, Genosse. «Oronitse lächelte.»Das ist immer das erste. Und weiter?«

«Wir suchen das Mädchen!«

«Weidmannsheil!«

«Ihr Humor in Ehren, Genosse General, aber das ist ein ernster Fall. Wir werden die Genossen in Rolandseck einschalten müssen. Diese Bettina Wolter ist eine Westdeutsche. Wissen wir, mit welchen Aufträgen man dort Stewardessen in die Luft schickt?«Oberst Jas-senskij sog nervös an seiner Papirossa.»Ich sage Ihnen, Fjodor Ni-kolajewitsch: Wenn wir das Mädchen innerhalb drei Tagen nicht haben — und das ist ein langer Toleranzraum —, dann bin ich überzeugt, daß wir eine Laus im Pelz haben. Und Sie können sich darauf verlassen, daß ich mich so lange kratzen werde, bis ich sie unter den Fingernägeln zerdrücke.«

General Oronitse schwieg. Natürlich. Was soll man darauf noch sagen?

Das Wäsche- und Ausstattungsgeschäft der Witwe Agnes Wolter in Göttingen lag in einer Nebenstraße, fern des großstädtischen Verkehrs, und war ein kleiner Laden mit einem schmalen Schaufenster. Frottierhandtücher, bedruckte Decken, Badetücher, Bettbezüge in weißem Damast und buntem Druck, Bettücher, Aussteuerwaren mit verstärkter Mitte, Gedecke mit sechs Servietten, Spitzendeckchen, Bademäntel und Waschlappen, Fäustlinge, weich und sehr saugfähig, lagen hinter der blanken Scheibe. Aber sie lockten kaum Kun-den heran. Wer bei Agnes Wolter kaufte, war Stammkunde, durch Weitersagen informiert, und so hatte es sich durch Göttingen geflüstert, daß man bei Agnes Wolter gut und billig kaufen könne und sie eine so nette, tapfere und immer freundliche Frau sei. Manches war zwar im Konsum oder im Kaufhaus noch billiger, und die Auswahl war auch größer, aber weder Konsum noch Kaufhaus hatten den Mann im Krieg verloren und hatten es nötig gehabt, mit eigenen Händen die Trümmer wegzuräumen und selbst — 1947 war's — mit Truffel und Speisbottich Stein auf Stein zu mauern. Nach dem Tode ihres Mannes in russischer Gefangenschaft hatte sie ihre beiden Kinder großgezogen, ohne Hilfe, nur mit ihrem Mut zum Leben und ihrer Energie, für die Kinder zu schaffen.

So entstand das Geschäft wieder, das kleine Wohnhaus, der Laden. Das Schicksal der Witwe Wolter sprach sich herum. Als das Wirtschaftswunder kam, ging es an Agnes Wolter vorbei. Die Wunderschlucker, eben die Kaufhäuser, wurden zur Konkurrenz, die den zaghaften Einzelhandel in die Knie zwang. Aber Agnes Wolter klagte nie. Das lag ihr gar nicht. Sie lebte, sie konnte ihre Kinder satt machen, sie gab ihnen eine gute Ausbildung. Wolfgang machte sein Abitur mit einer glatten Zwei und ging zur Bundeswehr und wurde aktiver Offizier. Bettina, ein überaus kluges Kind, bestand schon mit achtzehn Jahren ihre Reifeprüfung und meldete sich dort, worüber Agnes Wolter zum erstenmal verzweifelt war: Sie wurde Stewardeß.

Aber auch das war nun vorbei, an alles gewöhnt man sich, auch an die tägliche Sorge: Kommt sie wieder aus Karatschi oder Tokio, ist sie gut angekommen in New York oder Toronto? Bettina verhalf ihr sogar durch einen Direktor zu einem großen Auftrag: Agnes Wolter durfte zweihundert Badetücher liefern. (Sie wurden später zu Weihnachten verschenkt, aber das wußte Agnes Wolter nicht und erfuhr es auch nie.)

An diesem 19. Mai zog sie wie jeden Morgen ihre Scherengitter hoch, mit dem sie ihr Geschäft gegen Einbruch sicherte, putzte schnell mit einem Fensterleder über die Scheibe und ging dann ins

Hinterzimmer des Ladens, wo der Kaffeetisch für sie allein gedeckt war. Wie jeden Morgen stellte sie das Radio an, denn es aß sich allein besser in Begleitung flotter Musik. Mit achtundvierzig Jahren ist man noch keine alte Frau, auch wenn die Haare grau geworden sind, denn zuviel Sorgen hatte der Kopf zu speichern gehabt.

Agnes Wolter goß sich Kaffee in die Tasse, griff zur Zeitung und hörte gleichzeitig Musik. Vor neun Uhr kam kein Kunde, das wußte sie aus zehnjähriger Erfahrung. Und — zugegeben — was gibt es Schöneres als einen geruhsamen Morgenkaffee.

Die Musik im Radio schwieg. Die Morgennachrichten. Politik, Innenpolitik, Parteien, Gewerkschaften, Sport. Und dann, nach einem Stocken des Sprechers:

«Soeben kommt folgende Meldung aus der Sowjetunion. Ein viermotoriges Flugzeug vom Typ Zero 9 der Fluggesellschaft DBOA ist heute morgen gegen 4.50 Uhr Ortszeit bei einer mißglückten Notlandung auf dem Flugplatz in Tiflis, Sowjetunion, abgestürzt. Das Flugzeug zerschellte auf dem Boden, brach in der Mitte auseinander, fing Feuer und explodierte trotz Großeinsatz aller verfügbaren Feuerwehren. Bisher sind 19 Tote und 24 zum Teil schwer Verletzte zu beklagen. Die Ursachen werden noch untersucht. Eine Kommission von Sachverständigen ist auf dem Weg nach Tiflis.«

Agnes Wolter hatte zugehört, ohne sich zu rühren. Wie erstarrt saß sie da, die Tasse mit Kaffee, die sie gerade an den Mund führen wollte, in der Hand. Dann aber, mit dem letzten Wort des Nachrichtensprechers, fiel die Tasse aus ihrer Hand und zerschellte auf dem Boden. Der Kaffee spritzte über den Teppich und über die Strümpfe Agnes Wolters.

«Bettina.«, stammelte sie.»Mein Gott, es wird doch nicht Bettina sein. Sie ist in Indien. wenn es die Maschine aus Indien ist. die Maschine. die Maschine. O Gott, mein Gott.«

Agnes Wolter konnte kaum die Hände falten. Aber dann löste sich ihre Erstarrung so plötzlich, wie sie von ihr überfallen worden war. Sie sprang auf und rannte, den Tisch zur Seite stoßend, zum Telefon. Aus dem Radio kam wieder flotte Musik, Schlager, Filmchansons. sie hörte überhaupt nichts mehr, sie drehte mit zitternden Fingern die Nummer der Fluggesellschaft in Hamburg und wartete, bis sich jemand meldete, mit dem Kopf an der Wand, mit geschlossenen Augen.

«Wolter. hier Wolter, Agnes Wolter, die Mutter von Bettina Wolter. Stewardeß bei Ihnen. Indienstrecke. Haben Sie das eben im Radio gehört? Haben Sie schon nähere Angaben? Ist… ist meine Tochter. ich bitte Sie, sagen Sie mir etwas.«

Und die Stimme in Hamburg sagte nüchtern:»Einen Augenblick, ich verbinde Sie mit der Direktion.«

«Meine Tochter.«, stammelte Agnes Wolter, als sich einer der Direktoren meldete.»Der Absturz in Tiflis… ist meine Tochter… bitte!«Alle Kraft verließ sie, sie lehnte sich gegen die Wand und warf den Kopf zurück und schnappte nach Luft.»Sagen Sie doch etwas!«schrie sie in höchster Qual.

«Wir können noch gar nichts sagen, Frau Wolter. «Die Stimme aus Hamburg klang gepreßt.»Wir erwarten selbst noch genaue Meldungen. Aber soviel scheint sicher, daß Ihre Tochter nicht dabei ist.«

«Nicht? War es denn ihr Flugzeug? War es die Maschine aus Karatschi?«

«Bitte, rufen Sie in einer Stunde noch einmal an.«

Klick. Tot die Leitung. Tot wie Bettina.?

Frau Wolter drückte die Gabel hinunter. Rufzeichen. Neue Nummer. Bonn. Das Bundesverteidigungsministerium. Die Anmeldung.»Oberleutnant Wolter. Abteilung IIIc/A? Einen Augenblick. «Und dann die Stimme von Wolfgang.

«Was ist, Mama?«

«Bettina. Junge, hast du gehört. Eben im Radio? Eine Maschine der DBOA! Kann es Bettinas Maschine sein? O Gott, Wolf, Junge, hilf mir, ich werde verrückt! Kann es Bettina sein? Kannst du das feststellen lassen? Keiner hilft mir. In Hamburg weichen sie aus. Junge, ich werde verrückt. Wenn es Bettina ist. «Agnes Wolter sank auf einen Stuhl neben dem Tisch. Ihr Kopf fiel auf die Kante, sie weinte.