Weshalb sich Sydow nicht in Sicherheit brachte, wusste er zunächst selbst nicht so genau. Schließlich hatte er allen Grund, möglichst schnell das Weite zu suchen. Trotzdem konnte er seinen Blick von den beiden T-34 Panzern, die nur noch 50 Meter von ihm entfernt waren, nicht abwenden. Nicht davon und auch nicht von den beiden jungen Männern, die den Mut aufbrachten, sie mit Steinen zu bewerfen. Einer nach dem anderen, als gäbe es die todbringende 85-mm-Kanone, welche sie und die Umstehenden auf der Stelle in Stücke reißen würde, überhaupt nicht.
Sydow konnte sich einfach nicht losreißen, wie elektrisiert von der denkwürdigen Szenerie. Er sah die beiden jungen Männer, hörte die aufmunternden Rufe der übrigen Passanten, roch das Dieselöl, welches durch den Auspuff der russischen Panzer drang, nur eines sah er nicht: die Vopos, die dabei waren, auf der gegenüberliegenden Straßenseite Position zu beziehen. Hätte er sie rechtzeitig bemerkt, wäre er natürlich in Deckung gegangen. So aber blieb er einfach stehen, den Salven, die in diesem Moment abgefeuert wurden, schutzlos ausgeliefert.
Bei der Kugel, die ihn kurz darauf traf, handelte es sich um einen Querschläger, der seinen Vordermann nur knapp verfehlt, vom nahen S-Bahn-Schild abgeprallt und seinen linken Oberschenkel gestreift hatte. Sydow verspürte einen stechenden Schmerz, dann wurde ihm auch schon schwarz vor Augen und er verlor das Gleichgewicht. Durch die Menge der Schaulustigen, die das Geschehen vom Potsdamer Platz aus verfolgte, ging ein Aufschrei des Entsetzens, wovon Sydow allerdings kaum etwas mitbekam. Die Hand an den Oberschenkel gepresst, lag er zusammengekrümmt am Boden, während einer der beiden Panzer plötzlich ausscherte und sich wie ein vorsintflutliches Ungeheuer auf ihn zubewegte. Die Luft erzitterte vom Dröhnen seiner Ketten, ein Geräusch, das die aufgeregten Rufe der Umstehenden, ja sogar alle übrigen Laute erstickte. Es war totenstill, und er, Tom Sydow, dem drohenden Schicksal hilflos ausgeliefert.
Das hast du nun davon!, schoss es ihm durch den Kopf. Ein paar lumpige Meter noch und er wäre in Sicherheit gewesen. In letzter Sekunde, halb ohnmächtig und zu keinem klaren Gedanken mehr fähig, rappelte sich Sydow schließlich auf. Ohne die kräftigen Arme, die sich im gleichen Moment unter seine Achseln schoben, ihn emporrissen und im Eiltempo mit sich fortschleiften, wäre er dazu jedoch kaum fähig gewesen. Sydow war wie benebelt, und so nahm er die Sanitäter, die sich wenige Minuten später seiner annahmen, kaum wahr. Er war in Sicherheit, viel mehr konnte er an einem Tag, an dem sein Leben gleich mehrfach in Gefahr geraten war, anscheinend nicht erwarten.
Und er war wieder im Westen.
*
»Bitte recht freundlich, Herr Kommissar!«
Sydow traute seinen Augen nicht, als sich das Konterfei eines ihm wohlbekannten Reporters der ›Morgenpost‹ ins Blickfeld schob, und obwohl die amerikanische Sanitäterin lautstark protestierte, schwang er die Füße von der Tragbahre, entstieg dem Krankenwagen, ließ den piekfein gekleideten Star unter den Berliner Boulevardreportern einfach stehen und humpelte wütend von dannen, ohne einen Blick für die bis an die Zähne bewaffneten GIs, die unweit von ihm Stellung bezogen hatten.
Zu allem Überfluss auch noch der schöne Theodor. Am heutigen Tage blieb ihm wirklich nichts erspart.
»Warum so abweisend, Herr Kommissar?«, rief ihm Theodor Morrell, König unter den Westberliner Schürzenjägern, über die Köpfe der herandrängenden Schaulustigen hinterher. Eine Mühe, die er sich ebenso gut hätte sparen können. Sydow war stinksauer, wäre es ihm nicht so dreckig gegangen, hätte er diesem aufgeblasenen Schnüffler gezeigt, was eine Harke ist. In diesem Fall aber präsentierte er ihm einfach die kalte Schulter, löste sich aus der Menge, die den Potsdamer Platz bevölkerte, und hielt Ausschau nach einem Taxi, das ihn von hier aus ins Café Kranzler bringen sollte. Es war fünf nach halb eins, höchste Zeit also. Er war gespannt, was sich inzwischen zugetragen und was Krokowski aus dem Mann, der heute Morgen in aller Herrgottsfrühe angeschossen worden war, herausgekitzelt hatte.
»Aber, aber, Herr Kommissar«, beschwichtigte ihn Morrell, nicht geneigt, sich so ohne Weiteres abschütteln zu lassen. Hinter der Fassade des Gigolo steckte ein profunder Menschenkenner und geschulter Beobachter, auch wenn er so aussah, als sei er zu den Dreharbeiten für einen Revuefilm unterwegs. »So war das doch nicht gemeint.«
Trotz der Schmerzen, die ihn quälten, hielt Sydow zähneknirschend inne und wirbelte herum.
»Zu deiner Information, Theo«, giftete er, kaum fähig, sich auf den Beinen zu halten, »vor gerade einmal zehn Minuten haben mich die Amis wieder zusammengeflickt. Streifschuss. So was drückt bekanntlich auf die Laune, Herr Morrell. Und wenn wir gerade dabei sind: Solltest du dich noch mal an Molli ranpirschen und dir Informationen über laufende Ermittlungen verschaffen, kannst du dich auf was gefasst machen, verstanden? Meine Sekretärin aushorchen – dreister geht es ja wohl nicht!«
Wie auf Kommando setzte Morrell seine Unschuldsmiene auf, und die graubraun schimmernden Augen nahmen einen treudoofen Ausdruck an. »Das sagt gerade der Richtige. Oder wollen Sie etwa behaupten, es habe Sie mal eben so nach drüben verschlagen? Aus Spaß an der Freude und um ein bisschen auf den Putz zu hauen?«
»Ich zähle jetzt bis drei, Theo. Wenn du bis dahin nicht die Kurve gekratzt hast, kriegst du dermaßen was vor den Latz geknallt, dass du deine Weibergeschichten die nächsten paar Monate vergessen kannst, ist das klar?«
»Alles, bloß das nicht, Herr Kommissar!«, wehrte Morrell händeringend ab. »Etwas Schlimmeres könnte mir wirklich nicht passieren.«
»Hast du eigentlich nichts Besseres zu tun, als Fotos von mir zu schießen?«
»Jetzt kommen Sie schon«, warf der Boulevardreporter besänftigend ein, darauf bedacht, nicht noch mehr Unmut zu erregen. Im Umgang mit Gesetzeshütern war er zwar einiges gewohnt, auf eine Auseinandersetzung mit Sydow, den er sehr schätzte, wollte er es dennoch nicht ankommen lassen. »Sie wissen ebenso gut wie ich, was von einem Angehörigen meiner Zunft erwartet wird.«
»Und das wäre?«
»Sensationsmeldungen, Herr Kommissar. Das Volk giert geradezu danach. Traurig, aber wahr. Noch ein paar Fotos wie das von den beiden Steinewerfern, und ich kann vorzeitig in Rente gehen.«
»Soll das etwa heißen, du …«, begann Sydow, brach jedoch unvermittelt ab, um das Taxi herbeizuwinken, das er auf der gegenüberliegenden Straßenseite erspäht hatte.
»Das soll heißen, dass ich mein Tagespensum erfüllt habe – genau«, versetzte Morrell mit Blick auf Sydows schmerzverzerrte Miene, als dieser Anstalten machte, in das bereitstehende Taxi zu steigen. »Mehr als erfüllt, um es genau zu sagen.«
»Wie heißt sie denn?«, hänselte ihn Sydow, begrüßte den Fahrer mit einem Kopfnicken und ließ sich erschöpft auf den Beifahrersitz fallen. »Komm schon, Morrell, mirkannst du es ruhig sagen.«
Zu seinem Erstaunen reagierte der schöne Theodor nicht so, wie es Sydow erwartet hatte. Der Reporter drehte den Spieß um und fuhr mit dem Zeigefinger genüsslich über den sorgsam zurechtgestutzten Oberlippenbart. »Bei allem Respekt, Herr Kommissar. Heißen wäre vermutlich zutreffender.« Im Mundwinkel des 42-Jährigen, der erheblich jünger wirkte, bildeten sich zarte Grübchen. »Hier, Herr Kommissar – frisch aus der Dunkelkammer«, versetzte Morell und reichte ihm die Schwarz-Weiß-Aufnahme, die er aus seinem Jackett gezogen hatte und auf der zwei Männer in einem amerikanischen Straßenkreuzer abgebildet waren, an Sydow weiter. »Als Wiedergutmachung sozusagen.«
»Besten …« Einigermaßen verblüfft, brach Sydows Dankesbezeugung jäh ab. Als fürchte er, einer Halluzination zu unterliegen, irrte sein Blick zwischen Morrell und dem Fahrer des Chevrolet hin und her. »Wo hast du denn die Aufnahme her, Theo?«, brach es schließlich aus ihm hervor, was der Angesprochene mit einem amüsierten Stirnrunzeln quittierte.