Emiko sieht ihn erstaunt an. »Sie nicht?«
»In meiner Heimat können wir sie gar nicht schnell genug umbringen«, sagt er. »Selbst Grahamiten zahlen für ihr Fell mit barer Münze. Wahrscheinlich die einzige Sache, bei der ich mit ihnen übereinstimme.«
»Mmm, ja.« Emiko runzelt nachdenklich die Stirn. »Für diese Welt sind sie wohl zu vollkommen, glaube ich. Ein natürlicher Vogel hat jetzt fast keine Chance mehr.« Sie lächelt leicht. »Stellen Sie sich vor, sie hätten die Neuen Menschen zuerst gemacht!«
Funkelt da Schalk in ihren Augen? Oder ist es Melancholie? «
»Was, meinst du, wäre dann geschehen?«, fragt Anderson.
Emiko erwidert seinen Blick nicht, sondern beobachtet die Katzen, die zwischen den Essenden umherhuschen. »Die Genfledderer haben von den Cheshire zu viel gelernt.«
Mehr sagt sie nicht, aber Anderson kann erraten, was ihr durch den Kopf geht. Wenn ihresgleichen zuerst erschaffen worden wäre, bevor die Genfledderer dazulernten, wäre sie nicht steril gemacht worden. Sie würde sich nicht auf diese abgehackte Art und Weise bewegen, die sie immer und überall verrät. Vielleicht wäre ihr Design sogar so vollkommen wie das der Aufziehsoldaten, die jetzt in Vietnam kämpfen — tödlich und furchtlos. Ohne das Vorbild der Cheshire hätte Emiko vielleicht die Gelegenheit gehabt, die Menschheit zu verdrängen, einfach weil sie besser war. Stattdessen ist sie eine genetische Sackgasse, dazu verurteilt — wie SoyPRO und TotalNutrient Wheat —, nur einen einzigen Lebenszyklus zu durchlaufen.
Eine weitere Schattenkatze flitzt über die Straße, ein flüchtiges Flackern in der Dunkelheit. Eine Hightech-Hommage an Lewis Carroll; es bedurfte nur weniger blinder Passagiere an Bord von Luftschiffen und Klippern, um innerhalb von kürzester Zeit ganze Tierarten auszurotten, die nicht dafür ausgerüstet waren, sich einer unsichtbaren Bedrohung zu erwehren.
»Unser Fehler wäre uns irgendwann aufgefallen«, gibt Anderson zu bedenken.
»Ja. Natürlich. Aber möglicherweise nicht rechtzeitig.« Unvermittelt wechselt sie das Thema. Deutet mit einer Kopfbewegung auf einen Tempel, der sich am Nachthimmel abzeichnet. »Sie sind hübsch, nicht wahr? Gefallen Ihnen die Tempel hier?«
Anderson fragt sich, ob sie das Thema gewechselt hat, um einem Streit aus dem Weg zu gehen, oder ob sie nicht eher fürchtet, er könnte ihr Hirngespinst zerpflücken. Er betrachtet die Chedi und Bot, die den Tempel schmücken. »Sie sind weit ansehnlicher als das, was die Grahamiten bei mir zu Hause errichten.«
»Grahamiten.« Sie verzieht das Gesicht. »Die machen sich solche Sorgen um Nische und Natur. Sind so sehr damit beschäftigt, Noahs Arche zu bauen, und das, nachdem die Sintflut bereits Wirklichkeit geworden ist.«
Anderson muss an Hagg denken und wie erschüttert der Priester angesichts der Zerstörungen war, die der Elfenbeinkäfer anrichtet. »Wenn sie könnten, würden sie uns verbieten, unseren Heimatkontinent zu verlassen.«
»Das ist unmöglich, glaube ich. Die Menschen breiten sich eben immer weiter aus. Füllen neue Nischen.«
Die goldene Filigranverzierung des Tempels schimmert matt im Mondlicht. Die Welt rückt tatsächlich wieder näher zusammen. Anderson musste nur ein paar Mal von einem Luftschiff in einen Klipper und von einem Klipper in ein Luftschiff umsteigen, und schon klappert er auf der anderen Seite des Planeten durch dunkle Straßen. Es ist erstaunlich. Für seine Großeltern war es noch unmöglich, zwischen einem Vorort und dem Stadtzentrum hin und her zu pendeln. Sie erzählten ihm oft Geschichten, wie sie verlassene Straßenzüge erkundeten, auf der Suche nach irgendwelchen Dingen, die sie gebrauchen konnten. Ganze Stadtteile waren während der Ölkontraktion zerstört worden! Zehn Meilen waren eine weite Reise gewesen. Jetzt dagegen …
Vor ihnen tauchen aus einer Gasse weiße Uniformen auf.
Emiko wird bleich und lehnt sich an ihn. »Bitte, halten Sie mich fest.«
Anderson versucht sie abzuschütteln, aber sie klammert sich an ihn. Die Weißhemden sind stehen geblieben und blicken ihnen entgegen. Das Aufziehmädchen presst sich fester an ihn. Anderson muss sich zusammennehmen, um sie nicht von der Rikscha zu stoßen und die Flucht zu ergreifen. Das hat ihm jetzt gerade noch gefehlt!
»Ich bin ein Verstoß gegen die Quarantänebestimmungen«, flüstert sie, »so wie die transgenen Rüsselkäfer der Japaner. Wenn sie sehen, wie ich mich bewege, bin ich verloren. Sie werden mich kompostieren!« Sie schmiegt sich an ihn. »Es tut mir leid. Bitte.« Ihr Blick ist flehentlich auf ihn gerichtet.
In einem plötzlichen Anfall von Mitleid schließt er sie in die Arme, um ihr das bisschen Schutz zu geben, das ein Kalorienmann illegalem japanischem Gesindel bieten kann. Die Soldaten des Ministeriums rufen ihnen etwas zu, doch sie lächeln dabei. Anderson lächelt zurück und nickt kurz mit dem Kopf. Eine Gänsehaut läuft ihm über den Rücken. Die Blicke der Weißhemden folgen ihnen. Einer von ihnen grinst breit und sagt etwas zu einem Kameraden, während er den Schlagstock, der an seinem Handgelenk hängt, kreisen lässt. Emiko zittert unbeherrscht, ihr Lächeln zu einer Maske erstarrt. Anderson drückt sie fester an sich.
Bitte verlangt nicht nach Schmiergeld. Nicht jetzt. Bitte.
Sie gleiten vorbei.
Hinter ihnen fangen die Weißhemden an zu lachen, entweder über den Farang, der das Mädchen umklammert hält, oder über etwas völlig anderes, das rein gar nichts mit ihnen zu tun hat. Aber das spielt keine Rolle, denn sie verschwinden in der Ferne, und er und Emiko sind wieder sicher.
Zitternd löst sie sich von ihm. »Vielen Dank«, flüstert sie. »Es war leichtsinnig von mir, das Haus zu verlassen. Sehr dumm.« Sie streicht sich das Haar aus dem Gesicht und sieht ihn an. Die Soldaten des Ministeriums sind fast außer Sichtweite. Sie ballt die Hände. »Dummes Mädchen«, murmelt sie. »Du bist keine Cheshire, die verschwinden kann, wie es ihr gefällt. Wütend schüttelt sie den Kopf über sich selbst. »Dumm. Dumm. Dumm.«
Anderson beobachtet sie gebannt. Emiko ist für eine andere Welt gemacht, nicht für diese brutale, drückend heiße Metropole. Bald wird die Stadt sie verschlingen. Das ist unübersehbar.
Sie bemerkt, dass er sie anschaut. Schenkt ihm ein melancholisches Lächeln. »Nichts währt ewig.«
»Nein.« Anderson stockt fast der Atem.
Sie starren einander an. Ihre Bluse hat sich wieder geöffnet, und sein Blick fällt auf ihren Hals, auf die Rundung ihrer Brüste. Sie macht sich nicht die Mühe, etwas vor ihm zu verbergen. Schaut ihn nur an, ernst und durchdringend. Macht sie das mit Absicht? Will sie ihn ermutigen? Oder liegt es einfach in ihrer Natur, ihn zu verführen? Vielleicht kann sie gar nicht anders. Eine Reihe von Instinkten, die ihrer DNA eingeschrieben sind, so wie Cheshire Jagd auf Vögel machen. Anderson beugt sich zögerlich zu ihr hinüber.
Emiko schreckt nicht zurück — im Gegenteil, sie bewegt sich auf ihn zu. Ihre Lippen sind weich. Anderson streicht ihr mit der Hand über die Hüfte, schiebt ihre Bluse auf und forscht dort weiter. Sie stöhnt und reckt sich ihm entgegen, und ihre Lippen öffnen sich. Gefällt ihr das? Oder fügt sie sich nur? Ist sie überhaupt in der Lage, ihn abzuweisen? Ihre Brüste pressen sich an ihn. Ihre Hände gleiten seinen Körper hinunter. Er zittert wie ein sechzehnjähriger Junge. Haben die Genhacker Pheromone in ihre DNA eingebaut? Ihr Körper wirkt wie ein Rauschmittel.
Ohne auf die Straße, auf Lao Gu oder irgendetwas anderes zu achten, legt er ihr die Hand auf die Brust, berührt er ihre vollkommene Haut.
Das Herz des Aufziehmädchens beschleunigt sich unter seiner Handfläche wie das eines Kolibris.
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Jaidee empfindet eine gewisse Achtung für die Chinesen aus Chaozhou. Ihre Fabriken sind groß und gut geführt. Sie haben schon vor Generationen im Königreich Wurzeln geschlagen und fühlen sich Ihrer Majestät der Kindskönigin in tiefer Loyalität verpflichtet. Sie unterscheiden sich grundlegend von den jämmerlichen chinesischen Flüchtlingen, die aus Malaya in das Land geströmt kommen und hoffen, hier Unterstützung zu finden, nachdem sie es sich dort mit den Einheimischen verdorben haben. Wären die Chinesen aus Malaya nur halb so klug wie die Chaozhou, wären sie schon vor Generationen zum Islam konvertiert und mit dem Gewebe der Gesellschaft in ihrer Wahlheimat nahtlos verflochten.