Jaidee blickt auf. »Wer ist es?«
»Was meinst du damit?«
»Wer ist so wütend, dass du dir in die Hose machst? Und mich bittest, nicht mehr zu kämpfen. Jemand aus dem Handelsministerium, habe ich Recht? Da hat dich jemand bei den Klöten.«
Pracha schweigt einen langen Augenblick. »Ich weiß nicht, wer dahintersteckt. Und es ist besser, dass du es auch nicht weißt. Angriff wäre in diesem Fall nicht die beste Verteidigung. « Er schiebt ein Kärtchen über den Schreibtisch. »Das habe ich heute bekommen. Jemand hat es unter meiner Tür hindurchgeschoben.« Er blickt Jaidee in die Augen, hält seinen Blick. »Es lag hier, in meinem Büro. Das Ministerium ist nicht mehr sicher. Wir sind unterwandert worden.«
Jaidee dreht die Karte um.
Niwat und Surat sind brave Jungs. Vier und sechs sind sie inzwischen. Fast schon junge Männer. Kämpfernaturen. Niwat ist einmal mit einer blutigen Nase und leuchtenden Augen nach Hause gekommen und erzählte Jaidee, er habe ehrenhaft gekämpft und ordentlich Prügel bezogen. Aber er würde trainieren, und das nächste Mal würde er es diesem Heeya zeigen.
Chaya ist darüber verzweifelt. Sie wirft Jaidee vor, er würde ihnen unmögliche Ideen einflüstern. Surat macht Niwat alles nach und ermutigt ihn, sagt ihm, niemand könne ihn besiegen. Er sei ein Tiger. Der Beste der Besten. Bald wäre er der unumschränkte Herrscher von Krung Thep und würde ihnen allen Ehre machen. Surat bezeichnet sich als Trainer und erklärt Niwat, das nächste Mal müsse er fester zuschlagen. Niwat hat keine Angst, verprügelt zu werden. Er hat vor überhaupt nichts Angst. Er ist vier.
Zeiten wie diese sind es, die Jaidee das Herz brechen. Als er im Muay-Thai-Ring stand, hatte er nur ein einziges Mal Angst. Seit er im Dienst des Ministeriums steht, packt ihn oft das nackte Entsetzen. Die Angst gehört dazu. Sie ist ein fester Bestandteil seiner Arbeit. Was sonst könnte die Menschen dazu bringen, Grenzen zu schließen, Städte niederzubrennen, fünfzigtausend Hühner zu schlachten und sie, ohne mit der Wimper zu zucken, unter sauberer Erde und einer dicken Schicht Lauge zu begraben, wenn nicht Angst? Als der Thonburi-Virus ausbrach, trugen er und seine Männer kleine Reispapiermasken, die nicht den geringsten Schutz boten, und schaufelten Vogelkadaver in Massengräber, während ihre Angst sie wie Phii umwaberte. War es möglich, dass der Virus in so kurzer Zeit so große Strecken zurückgelegt hatte? Konnte irgendetwas ihn aufhalten? Würde er sich immer schneller ausbreiten? Würde dieser Virus sie ein für alle Mal auslöschen? Er und seine Männer wurden dreißig Tage in Quarantäne gehalten, während sie auf den Tod warteten, und die Angst war ihr einziger Gefährte. Jaidee arbeitet für ein Ministerium, das nicht gegen alle Bedrohungen, denen es sich gegenübersieht, bestehen kann; er hat Angst, immer.
Er fürchtet sich nicht vor dem Kämpfen, und auch nicht vor dem Sterben — das Warten und die Ungewissheit sind es, die ihm zusetzen, und es bricht ihm das Herz, dass Niwat nichts von den schrecklichen Gefahren weiß, die auf ihn lauern, und dass diese Gefahren allgegenwärtig sind. So viele Dinge kann man nur bekämpfen, indem man abwartet. Jaidee ist ein Mann der Tat. Er hat im Ring gekämpft. Er hat seinen Sueb-Glücksbringer getragen, der im Weißen Tempel von Ajahn Nopadon höchstpersönlich gesegnet worden war, und hat sich ans Werk gemacht. Nur mit dem schwarzen Schlagstock in der Hand hat er im Alleingang die Nam-Aufstände in Katchanaburi niedergeschlagen, indem er mitten unter die Menschenmenge schritt.
Trotzdem, die einzigen Kämpfe, auf die es ankommt, sind diejenigen, die man mit Geduld gewinnt oder verliert: als sein Vater und seine Mutter der Cibiskose erlagen und sich die Lunge aus dem Leib husteten; als seine Schwester und Chayas Schwester beide miterleben mussten, wie ihre Hände dick und rissig wurden, bis sie schließlich ganz von der fa’ gan-Wucherung bedeckt waren, und das, bevor es dem Ministerium gelang, die Genkarte der Chinesen zu stehlen und ein Medikament herzustellen, das wenigstens teilweise half. Jeden Tag beteten sie zu Buddha, rangen innerlich darum, loslassen zu können, und hofften, dass ihre Schwestern in einer besseren Welt wiedergeboren würden als dieser — in einer Welt, in der keine Krankheit ihre Finger in Knüppel verwandelte und ihnen die Gelenke wegfraß. Sie beteten. Und warteten.
Es bricht Jaidee das Herz, dass Niwat keine Angst kennt und dass Surat ihn dabei noch anspornt. Es bricht ihm das Herz, dass er sich nicht überwinden kann einzugreifen, und er verflucht sich dafür. Warum muss er den Kindern die Illusion rauben, sie seien unbesiegbar? Warum er? Diese Rolle ist ihm zuwider.
Stattdessen kämpft er spielerisch mit seinen Kindern und brüllt: »Ahh, ihr seid die Söhne eines Tigers! Ihr seid zu wild für mich! Viel zu wild!« Und sie freuen sich und lachen und stürmen wieder und wieder auf ihn los, und er lässt sie gewinnen und zeigt ihnen die Kniffe, die er im Ring gelernt hat, die Tricks, die ein Kämpfer auf der Straße wissen muss, wo die Schlägereien keinen Regeln folgen und wo jeder Champion noch etwas dazulernen kann. Er bringt ihnen bei, wie man kämpft, denn das ist alles, was er kann. Denn auf das Warten, das endlose Warten — darauf kann er sie so oder so nicht vorbereiten.
Das sind seine Gedanken, als er Prachas Karte umdreht. Und dann wird sein Herz plötzlich zum Fremdkörper, ein Steinblock, der in die Tiefe stürzt, als würde sein Innerstes in einen Brunnen fallen und alle Eingeweide mit sich reißen. Der Mensch, der zurückbleibt, ist vollkommen leer.
Chaya.
Gegen eine Wand gelehnt, die Augen verbunden, die Fußgelenke gefesselt. In braunen Lettern, allem Anschein nach mit Blut geschrieben, steht an der Wand: »Mit respektvollen Grüßen an das Handelsministerium.« Chaya hat einen Bluterguss an der Wange. Sie trägt denselben blauen Pha Sin, in dem sie ihm heute Morgen zum Frühstück Gaeng Kiew Wan gerichtet hat, bevor sie sich mit einem Lachen voneinander verabschiedeten.
Sprachlos starrt er die Fotografie an.
Seine Söhne sind Kämpfernaturen, aber mit dieser Art der Kriegsführung sind sie nicht vertraut. Auch er weiß nicht, wie er auf einen solchen Angriff reagieren soll. Ein gesichtsloser Feind, der die Hand nach ihm ausstreckt, ihm mit seiner dämonischen Klaue über die Kehle streicht und Ich kann dir wehtun flüstert, ohne sich jemals zu zeigen.
Jaidee bleiben die Worte im Hals stecken. Schließlich krächzt er: »Ist sie noch am Leben?«
Pracha seufzt. »Das wissen wir nicht.«
»Wer hat das getan?«
»Ich weiß es nicht.«
»Das musst du aber!«
»Wenn ich es wüsste, wäre sie längst hier und in Sicherheit! « Pracha reibt sich das Gesicht und starrt Jaidee wütend an. »Wir haben so viele Beschwerden über dich erhalten, von überallher, dass wir es einfach nicht wissen! Jeder könnte dahinterstecken. «
Wieder droht die Panik Jaidee zu überwältigen. »Was ist mit meinen Söhnen?« Er springt auf. »Ich muss sie …«
»Setz dich hin!« Pracha langt über den Tisch und packt ihn. »Wir haben Männer zu ihrer Schule geschickt. Männer, die dir treu ergeben sind. Sonst konnten wir niemandem trauen. Sie werden ins Ministerium gebracht. Du musst jetzt die Nerven behalten und genau überlegen, in was für einer Lage du dich befindest. Diese Sache darf nicht an die Öffentlichkeit kommen. Wir möchten nicht, dass irgendjemand übereilte Entscheidungen fällt. Wir möchten, dass Chaya unversehrt zu uns zurückkehrt. Zu viel Lärm, und irgendjemand verliert sein Gesicht, und dann wird sie uns ganz bestimmt in blutigen Stücken zugeschickt.«
Jaidee starrt die Fotografie an, die auf dem Tisch liegt. Dann steht er auf und geht unruhig auf und ab. »Dahinter steckt bestimmt das Handelsministerium.« Er denkt an den Abend auf den Ankerplätzen zurück, an den Mann, der ihn und seine Weißhemden von der anderen Seite des Landeplatzes beobachtete. Gleichgültig. Geringschätzig. Wie er einen blutroten Schwall zerkauter Betelnüsse ausspuckte und in die Finsternis verschwand. »Das war das Handelsministerium.«