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Hock Sengs Blick schweift über die Rücken der Yellow Cards; er fragt sich, ob er einen von ihnen kennt, und für einen Moment ist er überrascht, dass er nicht unter ihnen kniet.

Dog Fucker führt ihn in den dunklen Turm. Das Kratzen von Rattenkrallen auf Beton ist nicht zu überhören, und der Geruch dicht zusammengedrängter, schwitzender Leiber weht aus den oberen Stockwerken zu ihnen herab. Neben einem Paar gähnender Aufzugschächte klappt Dog Fucker ein angelaufenes Sprachrohr aus Kupfer auf und ruft etwas in barschem Befehlston hinein. Sie warten, wobei sie einander im Auge behalten: Dog Fucker eher gelangweilt, Hock Seng darum bemüht, seine Beklommenheit zu verbergen. Von oben ertönt ein Klappern, Zahnräder klackern, Eisen knirscht über Stein. Ein Fahrstuhl bleibt vor ihnen stehen.

Dog Fucker zerrt das Gitter beiseite und steigt ein. Die Frau, die an der Schalttafel steht, schreit etwas in das Sprachrohr, bevor sie das Gitter zuknallt. Dog Fucker lächelt vielsagend. »Warten Sie hier, Yellow Card.« Und verschwindet nach oben in die Finsternis.

Kurz darauf schweben die Ballastmänner im zweiten Schacht herab. Sie quetschen sich aus dem Fahrstuhl heraus und stürzen gemeinsam zur Treppe. Einer von ihnen bemerkt Hock Seng und fasst seinen Blick falsch auf.

»Es gibt keine weiteren Plätze mehr. Wir sind schon vollzählig. «

Hock Seng schüttelt den Kopf. »Nein, natürlich nicht«, murmelt er, aber die Männer verschwinden bereits im Treppenhaus. Sandalen klatschen über Stufen, während sie himmelwärts eilen, um ein weiteres Mal als Ballast zu dienen.

Hock Seng blickt aus dem Gebäude in das grelle Licht der Tropen hinaus. Zahllose Flüchtlinge drängen sich dort, und alle beobachten sie die Straße; sie haben nichts zu tun, können nirgendwohin gehen.

Ein paar Yellow Cards schlurfen durch den Hausflur. Kleine Kinder schreien, und ihre dünnen Stimmchen werden von dem heißen Beton zurückgeworfen. Von irgendwo über Hock Seng ertönt das Stöhnen von Sex. Die Leute treiben es auf den Fluren wie die Tiere, in aller Öffentlichkeit, weil sie die Hoffnung auf Privatsphäre längst aufgegeben haben. Ihm ist das alles so vertraut. Schon erstaunlich, dass er einmal in ebendiesem Gebäude gewohnt, in ebendiesem Pferch geschmachtet hat.

Die Minuten verstreichen. Vielleicht hat es sich der Kadaverkönig anders überlegt. Dog Fucker hätte längst wieder hier sein müssen. Aus den Augenwinkeln nimmt Hock Seng eine Bewegung wahr; er zuckt zusammen, aber es sind nur Schatten.

Manchmal träumt er, dass sich die Grünen Brigaden in Cheshire verwandelt haben, dass sie sich häuten können und überall dort auftauchen, wo man sie am allerwenigsten erwartet — während er sich im Bad Wasser über den Kopf gießt oder eine Schüssel Reis isst oder über der Latrine hockt … Sie nehmen urplötzlich Gestalt an, stürzen sich auf ihn, schlitzen ihm den Bauch auf und werfen seinen Kopf auf die Straße, den anderen zur Warnung. Wie sie das auch mit Jade Blossom und der älteren Schwester seiner Erstfrau gemacht haben. Und mit seinen Söhnen …

Der Aufzug klappert. Kurz darauf kommt Dog Fucker herabgeschwebt. Die Fahrstuhlführerin ist fort, und Dog Fucker bedient die Bremsen.

»Gut. Sie sind nicht weggelaufen.«

»Es macht mir keine Angst, hier zu sein.«

Dog Fucker mustert ihn von Kopf bis Fuß. »Nein. Natürlich nicht. Schließlich stammen Sie von hier, hab ich Recht?« Er tritt aus der Kabine und macht eine Handbewegung, die Hock Seng nicht zu deuten weiß. Wachmänner lösen sich aus der Dunkelheit — Hock Seng hat sie für Schatten gehalten. Er unterdrückt einen Aufschrei, doch Dog Fucker entgeht nicht, dass er zusammenzuckt. Der Thai lächelt. »Durchsucht ihn.«

Hände gleiten Hock Seng über die Rippen und seine Beine hinab, betatschen seine Genitalien. Dann bedeutet ihm Dog Fucker, er soll in den Fahrstuhl steigen. Nachdem der Thai ihr Gewicht abgeschätzt hat, ruft er etwas in das Sprachrohr.

Von hoch oben ertönt ein Klappern — die Männer drängen sich in die Ballastkabine. Und dann schweben sie empor, durch sämtliche Ebenen der Hölle. Die Hitze wird immer drückender. Tief im Herzen des Gebäudes, das der tropischen Sonne schutzlos ausgesetzt ist, herrschen Temperaturen wie in einem Hochofen.

Hock Seng weiß noch gut, wie es war, hier im Treppenhaus zwischen den Leibern der anderen Flüchtlinge zu schlafen und in dem Gestank verzweifelt nach Luft zu schnappen. Weiß noch genau, wie sich ihm der Magen gegen das Rückgrat drückte. Und dann erinnert er sich plötzlich an das Blut auf seinen Händen, heiß und klebrig. An den anderen Yellow Card, der hilfesuchend die Arme nach ihm austreckt, noch während er ihm mit der messerscharfen Kante seiner abgebrochenen Whiskyflasche die Gurgel aufschlitzte.

Hock Seng schließt die Augen und schiebt die Erinnerung beiseite.

Du warst am Verhungern. Dir blieb nichts anderes übrig.

Aber es fällt ihm schwer, das zu glauben.

Sie gleiten immer weiter hinauf. Eine leichte Brise streicht ihm über den Rücken. Die Luft wird kühler. Es duftet nach Hibiskus und Zitrone.

Ein Stockwerk huscht vorbei, in dem alle Trennwände und Fenster herausgenommen worden sind — eine Promenade, die auf die Stadt hinausgeht, gepflegte Gärten, Linden, die offene Balkone säumen. Hock Seng fragt sich voller Staunen, wie viele Eimer Wasser wohl hier hinaufgetragen, wie viele Kalorien aufgewendet werden müssen. Was ist das für ein Mann, der über solche Macht verfügt? Die Vorstellung ist ebenso aufregend wie furchteinflößend. Er ist seinem Ziel so nahe!

Als sie das oberste Stockwerk des Hochhauses erreichen, liegt die sonnendurchflutete Stadtlandschaft unter ihnen: Die goldenen Türme des Palastes, in dem die Kindskönigin Hof hält und der Somdet Chaopraya die Fäden zieht; der Chedi des Mongkut geweihten Tempels auf seinem Hügel — das einzige Gebäude, das noch stehen wird, falls die Deiche brechen; die Ruinen der Expansionsviertel. Und um sie herum nichts als der Ozean.

»Eine schöne Aussicht, was, Yellow Card?«

Auf dem weitläufigen Dach ist ein weißer Pavillon errichtet worden. Er raschelt sachte in der salzigen Brise. In seinem Schatten hat sich der Kadaverkönig auf einem Rattansessel ausgestreckt. Der Mann ist fett. Einen so fetten Menschen hat Hock Seng nicht mehr gesehen, seit Pearl Koh in Malaya den Markt für rostwelkeresistente Zibetbäume eroberte. Vielleicht nicht ganz so fett wie Ah Deng, der einen Süßigkeitenstand in Penang betrieb, aber trotzdem, der Mann ist erstaunlich fett, zieht man in Betracht, wie teuer Kalorien geworden sind.

Hock Seng nähert sich ihm langsam und verneigt sich vor ihm, bis sich seine aneinandergelegten Handflächen fast über seinem Kopf befinden — ein Zeichen äußersten Respekts.

Der Fette mustert Hock Seng eingehend. »Sie möchten mir ein Geschäft vorschlagen?«

Hock Seng stockt der Atem. Er nickt. Sein Gegenüber wartet geduldig. Ein Diener bringt kalten, gesüßten Kaffee und reicht ihn dem Kadaverkönig. Er trinkt einen Schluck. »Haben Sie Durst?«, fragt er.

Hock Seng besitzt die Geistesgegenwart, den Kopf zu schütteln. Der Kadaverkönig zuckt mit den Schultern. Trinkt einen weiteren Schluck. Schweigt. Vier Diener in weißen Anzügen kommen herbeigeschlurft. Sie tragen einen Tisch, über den weißes Leinen drapiert ist, und stellen ihn vor ihm ab. Der Kadaverkönig nickt Hock Seng zu.

»Kommen Sie schon, übertreiben Sie es nicht mit der Höflichkeit. Essen Sie. Trinken Sie.«

Aus dem Nichts taucht ein Stuhl auf. Der Kadaverkönig bietet Hock Seng gebratene U-Tex-Bandnudeln an, einen Salat aus Krabben und grünen Papayas sowie Laab Mu, Gaeng Gai und gedämpften U-Tex-Reis. Dazu gibt es eine Platte mit Papayaschnitzen. »Haben Sie keine Angst. Die Hühner sind das neueste Modell, und die Papayas sind frisch gepflückt. Sie stammen von meiner Plantage im Osten. Seit zwei Anbauperioden keine Spur von Rostwelke mehr.«