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Der Diener strampelt sich weiterhin ab und lässt Joule um Joule in die Feder fließen, zwängt immer mehr Energie in die winzige Kapsel. Der Kadaverkönig beobachte ihn und versucht zu verbergen, wie erstaunt er darüber ist, dass der Vorgang so lange geht. Seine Augen stehen weit offen. Der Diener hat bereits mehr Energie in die Kapsel hineingepresst, als eine Feder dieser Größe eigentlich aufnehmen können sollte. Das Rad wimmert, während der Diener weiter in die Pedale tritt. Hock Seng sagt: »Ein Mann wie dieser wird die ganze Nacht brauchen, um sie aufzuladen. Sie sollten es mit einem Megodonten versuchen.«

»Wie funktioniert sie?«

Hock Seng zuckt mit den Achseln. »Es gibt eine neue Schmierlösung, die es möglich macht, dass die Federn mit weit größerer Spannung aufgeladen werden, ohne zu brechen oder zu blockieren.«

Der junge Mann pumpt weiterhin Energie in die Feder. Diener und Leibwächter versammeln sich um ihn und schauen voller Ehrfurcht zu, wie er sich abstrampelt.

»Erstaunlich«, murmelt der Kadaverkönig.

»Wenn Sie ein effektiveres Tier davorspannen — einen Megodonten oder ein Muli zum Beispiel —, dann geht beim Kalorientransfer fast nichts verloren«, sagt Hock Seng.

Der Blick des Kadaverkönigs ruht auf der Feder, während sein Diener sie weiter aufzieht. »Wir werden Ihre Feder testen, Hock Seng. Wenn sie die Energie genauso gut abgibt, wie sie sie aufnimmt, dann bekommen Sie Ihr Schiff. Bringen Sie mir die Baupläne und die technischen Daten. Mit Leuten wie Ihnen mache ich gerne Geschäfte.« Er gibt einem Diener ein Zeichen, er möge Schnaps bringen. »Auf einen neuen Geschäftspartner!«

Hock Seng wird vor Erleichterung fast schwarz vor Augen. Zum ersten Mal, seit ihm vor langer Zeit in einer Gasse Blut über die Hände lief, seit ein Mann ihn vergebens um Gnade angefleht hat, fließt Alkohol durch seine Adern, und er ist es zufrieden.

13

Jaidee erinnert sich noch gut daran, wie er Chaya zum allerersten Mal begegnete. Er hatte gerade einen seiner frühen Muay-Thai-Kämpfe hinter sich gebracht; er hat vergessen, gegen wen er angetreten war, aber er weiß noch, wie er aus dem Ring stieg, wie die Leute ihm gratulierten, wie alle sagten, er wüsste sich sogar besser zu bewegen als Nai Khanom Tom. In jener Nacht trank er Laolao und taumelte dann mit seinen Freunden auf die Straße hinaus. Sternhagelvoll, wie sie waren, kickten sie lachend einen Takraw-Ball durch die Gegend, ganz außer sich über Jaidees Sieg und von dem großartigen Gefühl, am Leben zu sein.

Und dann sah er Chaya, die gerade dabei war, das Ladengeschäft ihrer Eltern zu schließen und die Holzvertäfelung vor den Schaufenstern zu befestigen, in denen Ringelblumen auslagen und wiedererschaffene Jasminblüten, die als Tempelgabe dienten. Als er sie anlächelte, musterte sie ihn und seine Freunde nur angewidert. Jaidee dagegen kam es so vor, als hätte er sie bereits in einem früheren Leben gekannt, als würden sich zwei Liebende begegnen, die füreinander bestimmt waren.

Er hatte sie angestarrt, völlig fassungslos, was seinen Freunden natürlich nicht entgangen war — Suttipong und Jaiporn und die anderen, die alle starben, als die Furchen-Epidemie ausbrach und sie in die Pufferzone abkommandiert wurden, um die Dörfer niederzubrennen, die bereits befallen waren, alle lange tot —, aber er weiß noch gut, dass sie seinen entgeisterten Blick bemerkten, seine plötzliche alberne Verliebtheit, und wie sie sich über ihn lustig machten. Chaya musterte ihn mit ostentativer Verachtung, bis er schließlich davonstolperte.

Jaidee war es immer leichtgefallen, sich eine Freundin anzulachen; entweder bewunderten die Mädchen seine Tapferkeit beim Kickboxen, oder ihnen gefiel seine weiße Uniform. Aber Chaya hatte einfach nur durch ihn hindurchgeblickt und sich abgewandt.

Es dauerte Monate, bis er den Mut aufbrachte, sich ihr wieder zu nähern. Als er dem Geschäft ihrer Eltern zum ersten Mal einen Besuch abstattete, zog er sich gut an, kaufte Tempelgaben, nahm sein Wechselgeld entgegen und ging wortlos hinaus. Im Laufe der darauffolgenden Wochen schaute er öfter vorbei und unterhielt sich hin und wieder mit ihr, stets darum bemüht, einen guten Eindruck zu machen. Anfangs dachte er, dass sie in ihm den betrunkenen Narren wiedererkannte, der versuchte, seine Entgleisung wiedergutzumachen. Im Laufe der Zeit stellte sich jedoch heraus, dass sie den arroganten Kerl, der ihr in jener Nacht auf der Straße über den Weg gelaufen war, vollständig vergessen hatte.

Jaidee erzählte ihr nie von jener ersten Begegnung, nicht einmal, nachdem sie geheiratet hatten. Zu beschämend war es, was sie in jener Nacht auf der Straße in ihm gesehen hatte. Wie konnte er zugeben, dass der Mann, den sie liebte, mit diesem Dummkopf identisch war?

Und jetzt sieht er sich gezwungen, etwas weit Schlimmeres zu tun. Niwat und Surat schauen ihm dabei zu, wie er seine weiße Ausgehuniform anzieht. Sie wirken sehr ernst, während er sich auf etwas vorbereitet, was seine Söhne als Erniedrigung erleben werden. Er kniet vor sie hin.

»Was auch immer ihr heute erlebt — denkt stets daran, es gibt nichts, wofür ihr euch schämen müsst.«

Sie nicken feierlich, aber er weiß, dass sie ihn nicht verstanden haben. Sie sind zu jung, um zu begreifen, wie sehr er unter Druck steht und wozu ihn die Umstände zwingen. Er drückt sie an sich, und dann geht er in das grelle Sonnenlicht hinaus.

Kanya wartet in einer Fahrradrikscha auf ihn, die Augen voller Mitleid. Doch sie ist viel zu höflich, um auszusprechen, was ihr auf dem Herzen liegt.

Schweigend fahren sie durch die Straßen. Vor ihnen taucht das Ministerium auf, und sie rollen durch das Tor. Diener mit ihren Rikschas drängen sich in der Einfahrt und warten, bis ihre Herren zurückkehren. Also sind die Zeugen bereits eingetroffen.

Ihre Rikscha drängelt sich an den parkenden Fahrzeugen vorbei bis zum Tempel. Wat Phra Seub wurde auf dem Gelände des Ministeriums errichtet, um den Märtyrer der Biodiversität zu ehren. Hier legen die Weißhemden ihr Gelübde ab, hier werden sie in aller Form zu Hütern des Königreichs geweiht, bevor sie ihren ersten Dienstgrad erhalten. Und hier …

Jaidee zuckt zusammen, und fast wäre er vor Wut aufgesprungen. Überall auf den Stufen des Tempels laufen Farang umher. Ausländer auf dem Gelände des Ministeriums! Kaufleute und Fabrikbesitzer und Japaner — schwitzende, stinkende Kreaturen mit Sonnenbrand, die in das Allerheiligste des Ministeriums eindringen.

»Jai yen yen«, murmelt Kanya. »Darauf hat Akkarat bestanden. Es ist Teil der Abmachungen.«

Jaidee kann seine Entrüstung nicht verbergen. Aber es kommt noch schlimmer: Neben dem Somdet Chaopraya steht Akkarat und sagt etwas zu ihm — vielleicht erzählt er ihm einen Witz. Die beiden sind viel zu gut miteinander befreundet. Jaidee wendet den Blick ab und entdeckt auf der obersten Stufe des Tempels General Pracha, der mit ausdrucksloser Miene alles beobachtet. An ihm vorbei in den Tempel hinein strömen die Brüder und Schwestern, mit denen zusammen Jaidee gearbeitet und gekämpft hat. Bhirombhakdi ist ebenfalls da; er lächelt breit, weil er sich nun für die verlorenen Einnahmen rächen kann.

Die Leute bemerken, dass Jaidee eingetroffen ist. Schweigen senkt sich auf die Menge herab.

»Jai yen yen«, murmelt Kanya erneut, und dann steigen sie aus, und er wird hineineskortiert.

Goldene Statuen des Buddha und von Phra Seub blicken voller Gelassenheit auf die Versammlung herab. Die Bildteppiche an den Wänden des Tempels zeigen Szenen vom Untergang des Alten Reiches: wie die Farang ihre Seuchen auf die Erde loslassen, wie Tiere und Pflanzen zugrunde gehen, als ganze Ökosysteme zerfallen; wie Seine Majestät König Rama XII. seine jämmerlichen Streitkräfte zur letzten Schlacht aufmarschieren lässt, von Hanuman und seinen Affenkriegern flankiert. Bilder von Krut und Kirtimukha und einer Armee halbmenschlicher Kala, die sich der ansteigenden Meere und allgegenwärtigen Seuchen zu erwehren suchen. Jaidees Blick schweift über die Vertäfelung — er weiß noch gut, wie stolz er war, als er hier geweiht wurde.