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»So vorsichtig.« Carlyle lässt seine Zigarette fallen und tritt sie aus. »Ich hätte Sie für ein bisschen abenteuerlustiger gehalten.«

Anderson lacht. »Ich bin nicht hier, um Abenteuer zu erleben. Das überlasse ich gerne den Besoffenen dort drüben …« Fassungslos verstummt er.

Er hat Emiko unter den Gästen entdeckt — bei der Delegation aus Japan. Für einen kurzen Monet hat er einen Blick auf ihre Bewegungen erhascht, wie sie zwischen den Geschäftsleuten und Beamten hin und her geht, die sich um Akkarat drängen, lächeln und sich unterhalten.

»Herr im Himmel.« Carlyle holt tief Luft. »Ist das ein Aufziehmensch? Auf dem Gelände des Ministeriums?«

Anderson will etwas erwidern, aber ihm bleiben die Worte im Hals stecken.

Nein, er hat sich geirrt. Das ist nicht Emiko. Die Bewegungen sind dieselben, aber das Mädchen ist eine andere. Sie trägt teure Kleider und eine goldene Halskette. Aber sie sieht Emiko zum Verwechseln ähnlich. Sie hebt mit einer abgehackten Bewegung die Hand und schiebt sich eine seidenschwarze Locke hinters Ohr. Ähnlich, aber nicht identisch.

Andersons Herz beginnt wieder zu schlagen.

Das Aufziehmädchen hört sich an, was Akkarat sagt, und lächelt liebenswürdig. Sie dreht sich um und stellt ihm einen Mann vor, den Anderson von den Bildern des Geheimdienstes kennt: ein führender Manager von Mishimoto. Ihr Patron sagt etwas zu ihr; sie verneigt sich kurz vor ihm und eilt zu den Rikschas hinüber, auf sonderbare Weise anmutig.

Wie sehr sie Emiko gleicht! Wie überlegt und elegant sie einen Fuß vor den anderen setzt! Alles an ihr erinnert ihn an das verzweifelte Aufziehmädchen, das er kennt. Er muss schlucken, wenn er daran denkt, wie sie, klein und allein, in seinem Bett lag. Und ihn nach Informationen über die Dörfer der Aufziehmenschen ausfragte. Wie ist es dort? Wer lebt dort? Haben sie da wirklich keinen Patron? Wie verzweifelt sehnt sie sich doch nach dem geringsten Hoffnungsschimmer! Und wie sehr sie sich doch von dem eleganten Aufziehmädchen unterscheidet, die sich selbstsicher zwischen den Weißhemden und den Beamten bewegt.

»Ich glaube nicht, dass die in den Tempel hineindurfte«, sagt Anderson schließlich. »Die Weißhemden haben sie sicherlich draußen warten lassen.«

»Trotzdem, die kochen doch bestimmt vor Wut.« Carlyle legt den Kopf schräg und blickt zu der japanischen Delegation hinüber. »Wussten Sie, dass Raleigh auch so ein Spielzeug hat? Er stellt sie in den Hinterräumen seines Clubs zur Schau.«

Anderson räuspert sich. »Ach? Das ist mir neu.«

»Aber ja. Die fickt mit allem und jedem. Sollten sie sich mal ansehen. Wirklich grotesk.« Carlyle lacht leise. »Erstaunlich. Fast könnte man meinen, der Beschützer der Königin hätte sich in sie vergafft.«

Der Somdet Chaopraya starrt das Aufziehmädchen mit weit aufgerissenen Augen an, wie eine Kuh, der man einen Schlag auf den Kopf versetzt hat, bevor sie geschlachtet wird.

Anderson runzelt die Stirn — das schockiert sogar ihn. »Etwas Derartiges kann er sich nicht erlauben. Nicht mit einem Aufziehmenschen.«

»Wer weiß? Sein Ruf ist nicht unbedingt der beste. Er soll ein recht ausschweifendes Leben führen, habe ich mir sagen lassen. Als der alte König noch am Leben war, hat er sich zusammengerissen. Aber jetzt …« Carlyle verstummt. Mit einer Kopfbewegung deutet er zu dem Aufziehmädchen hinüber. »Es würde mich nicht wundern, wenn die Japaner ihm in Bälde ein Geschenk machen, als Zeichen ihres guten Willens. Niemand widersetzt sich dem Somdet Chaopraya.«

»Also ist auch er bestechlich.«

»Natürlich. Aber der Somdet Chaopraya wäre es wert. Ich habe gehört, dass er fast überall im Palast das Sagen hat. Seine Macht kennt kaum noch Grenzen. Und es würde bestimmt nichts schaden, sich mit ihm gutzustellen — der nächste Putsch kommt bestimmt.« Carlyle beißt sich auf die Unterlippe. »Alle bemühen sich, Ruhe zu bewahren, aber unter der Oberfläche kocht es. Pracha und Akkarat können so nicht weitermachen. Sie liegen schon seit dem Putsch am 12. Dezember miteinander im Clinch. Wenn wir auf der richtigen Seite Druck ausüben, können wir mitentscheiden, wer schließlich die Oberhand gewinnt.«

»Klingt teuer.«

»Nicht für Ihre Auftraggeber. Ein wenig Gold hier, ein wenig Jade da. Etwas Opium.« Er senkt die Stimme. »Nach Ihren Maßstäben wird es vielleicht sogar günstig.«

»Hören Sie auf, mich überzeugen zu wollen. Was ist jetzt mit dem Treffen mit Akkarat — klappt das oder nicht?«

Carlyle klopft Anderson auf den Rücken und lacht. »Himmel, ich liebe es, mit Farang Geschäfte zu machen. Sie sagen wenigstens, was sie wollen. Keine Sorge. Ich habe bereits alles arrangiert.« Und damit schreitet er zu der japanischen Delegation zurück, um ein paar Worte mit Akkarat zu wechseln. Schließlich wirft Akkarat Anderson einen abschätzenden Blick zu. Anderson verneigt sich tief. Akkarat nickt Anderson nur kurz zu, wie es sich für einen Mann seines Ranges geziemt.

Vor den Toren des Umweltministeriums will Anderson gerade nach Lao Gu rufen, damit dieser ihn zur Fabrik zurückfährt, als rechts und links von ihm wie aus dem Nichts zwei Thai auftauchen.

»Hier entlang, Khun.«

Sie packen Anderson an den Ellenbogen und führen ihn die Straße entlang. Einen Moment lang glaubt Anderson, dass er von den Weißhemden entführt wird, doch dann sieht er die Kohlendiesellimousine. Er bezwingt seine Paranoia und steigt ein.

Wenn sie mich umbringen wollten, dann würden sie einen passenderen Zeitpunkt abwarten.

Die Tür fällt ins Schloss. Ihm gegenüber sitzt Handelsminister Akkarat.

»Khun Anderson.« Akkarat lächelt. »Ich danke Ihnen, dass Sie sich Zeit für mich nehmen.«

Anderson schaut sich in dem Wagen um und fragt sich, ob er gegebenenfalls fliehen kann, oder ob der Fahrer die Türen verriegelt hat. Das Schlimmste an seinem Job ist der Augenblick, in dem er seine Karten auf den Tisch legt und zu viele Menschen plötzlich zu viel wissen. Wie in Finnland, als Peters und Lei mit einer Schlinge um den Hals hilflos um sich traten und über der Menschenmenge in die Höhe gezogen wurden.

»Khun Richard hat mir gesagt, dass Sie ein Angebot für mich haben«, ermuntert ihn Akkarat.

Anderson zögert. »Wie man hört, haben wir gemeinsame Interessen.«

»Nein.« Akkarat schüttelt den Kopf. »Ihr Land hat in den vergangenen fünfhundert Jahren immer wieder versucht, das Königreich zu vernichten. Wir haben nichts gemeinsam.«

Anderson lächelt vorsichtig. »Natürlich sind wir in vieler Hinsicht unterschiedlicher Meinung.«

Der Wagen fährt los. »Das ist keine Frage des Blickwinkels«, sagt Akkarat. »Seit Ihre ersten Missionare an unseren Küsten anlangten, haben Sie versucht, uns auszulöschen. Während der Alten Expansion hat Ihr Volk versucht, uns alles zu nehmen, was wir hatten. Sie haben unserem Land die Arme und Beine abgetrennt. Nur dank der Weisheit und der starken Hand unseres Königs konnten wir das Schlimmste verhindern. Aber noch immer haben Sie uns nicht in Ruhe gelassen. Als die Große Kontraktion über uns kam, hat Ihre heilige globale Ökonomie dazu geführt, dass wir maßlos überspezialisiert waren und beinahe verhungert sind.« Er mustert Anderson grimmig. »Und dann sind Ihre Kalorienseuchen über uns hereingebrochen. Fast hätten Sie uns allen Reis genommen.«

»Ich wusste nicht, dass der Handelsminister Verschwörungstheorien Glauben schenkt.«

»Für wen arbeiten Sie? Für AgriGen? PurCal? Total Nutrient Holdings?«

Anderson breitet die Hände aus. »Ich habe mir sagen lassen, dass Sie Interesse daran hätten, einer stabileren Regierung an die Macht zu verhelfen. Ich kann Ihnen bestimmte Ressourcen anbieten, sofern wir zu einer Übereinkunft kommen.«

»Und was verlangen Sie im Gegenzug?«

Anderson blickt ihm mit ernster Miene in die Augen. »Zugang zu Ihrer Samenbank.«