Выбрать главу

Akkarat richtet sich entrüstet auf. »Unmöglich.« Der Wagen biegt ab und fährt immer schneller die Thanon Rama XII. entlang. Bangkok rast in einer Folge verschwommener Bilder an ihnen vorbei, während Akkarats Eskorte ihnen den Weg freiräumt.

»Nicht als unser Eigentum.« Anderson hebt beschwichtigend die Hand. »Wir wollen nur Proben davon.«

»Der Samenbank haben wir es zu verdanken, dass wir nicht von Ihresgleichen abhängig sind. Als Rostwelke und Rüsselkäfer den Globus heimsuchten, ist es uns nur dank dieses Schatzes gelungen, die schlimmsten Seuchen fernzuhalten. Trotzdem ist unser Volk massenweise gestorben. Als Indien und Burma und Vietnam fielen, haben wir standgehalten. Und jetzt verlangen Sie von uns, dass wir Ihnen unsere beste Waffe überlassen!« Akkarat lacht. »Ich wäre glücklich, wenn General Pracha sich Augenbrauen und Haare abrasieren und, von allen verachtet, in einem Waldkloster leben müsste, aber in diesem Punkt wenigstens stimme ich mit ihm überein. Kein Farang wird je unser Allerheiligstes berühren. Sie mögen unserem Land einen Arm und oder ein Bein rauben, aber nicht den Kopf und ganz bestimmt nicht das Herz.«

»Wir benötigen neues genetisches Material«, sagte Anderson. »Wir haben den Großteil unserer Möglichkeiten ausgeschöpft, doch die Seuchen mutieren immer weiter. Wir haben kein Problem damit, unsere Forschungsergebnisse mit Ihnen zu teilen. Und sogar unseren Profit.«

»Bestimmt haben Sie den Finnen dasselbe Angebot gemacht. «

Anderson beugt sich vor. »Finnland war eine Tragödie, und das nicht nur für uns. Wenn wir die Welt weiterhin ernähren wollen, müssen wir der Cibiskose, der Rostwelke und dem japanischen Rüsselkäfer einen Schritt voraus bleiben. Einen anderen Weg gibt es nicht.«

»Wollen Sie damit sagen, dass Sie die ganze Welt Ihren patentierten Samen unterworfen und uns alle versklavt haben — und jetzt erst begreifen, dass sie dabei sind, uns alle mit sich in die Hölle zu reißen?«

»So formulieren die Grahamiten das auch gerne.« Anderson zuckt mit den Schultern. »Das alles ändert nichts an der Tatsache, dass die Rüsselkäfer und die Rostwelke uns keine Zeit mehr lassen. Und wir sind die Einzigen, die über die Ressourcen verfügen, uns aus diesem Schlamassel wieder herauszuholen. Unsere Hoffnung ist, dass wir irgendwo in Ihrer Samenbank auf etwas stoßen, das uns dabei hilft, das Problem zu lösen.«

»Und wenn Ihnen das nicht gelingt?«

»Dann spielt es keine Rolle mehr, wer über das Königreich herrscht. Wenn uns die nächste Mutation der Cibiskose erwischt, werden wir uns alle das Blut aus der Lunge husten.«

»Ich kann Ihnen unmöglich helfen. Das Umweltministerium wacht über die Samenbank.«

»Ich hatte den Eindruck, als stünde ein Wechsel in der Zuständigkeit bevor.«

Akkarat runzelt die Stirn. »Sie wollen nur Proben, sonst nichts? Sie bieten uns Waffen, Technologie, finanzielle Hilfe — und mehr wollen Sie dafür nicht?«

Anderson nickt. »Eine Sache noch. Wir suchen einen Mann namens Gibbons.« Er beobachtet Akkarat genau.

»Gibbons?« Akkarat zuckt mir den Achseln. »Nie gehört.«

»Ein Farang. Ein ehemaliger Angestellter. Wir hätten ihn gerne zurück. Er hat gegen unser Recht auf geistiges Eigentum verstoßen.«

»Und das ärgert Sie maßlos, habe ich Recht?« Akkarat lacht. »Es ist äußerst interessant, einen Menschen wie Sie einmal tatsächlich kennenzulernen. Natürlich sprechen wir alle über die Kalorienmänner, die auf Koh Angrit hocken, wie Dämonen oder Phii Krasue, und Pläne schmieden, sich des Königreichs zu bemächtigen; aber Sie …« Er mustert Anderson eingehend. »Ich könnte Sie hinrichten, von Megodonten vierteilen und den Milanen und Krähen vorwerfen lassen. Niemand würde auch nur den kleinen Finger heben. Früher kam es zu Protestkundgebungen und Aufständen, wenn nur das kleinste Gerücht die Runde machte, ein Kalorienmann schleiche durch unsere Straßen. Und jetzt sitzen Sie hier. Und platzen fast vor Selbstvertrauen.«

»Die Zeiten ändern sich.«

»Nicht so sehr, wie Sie glauben. Sind Sie tapfer oder nur töricht?«

»Ich könnte Sie dasselbe fragen«, sagte Anderson. »Nicht viele Menschen wagen es, die Weißhemden zu provozieren, und rechnen damit, ungestraft davonzukommen.«

Akkarat lächelt. »Wären Sie letzte Woche zu mir gekommen und hätten mir Geld und Unterstützung geboten, wäre ich dankbar gewesen.« Er zuckt mit den Achseln. »Angesichts der neusten Entwicklungen werde ich über Ihr Angebot immerhin nachdenken.« Er tippt gegen das Fenster, und der Fahrer fährt rechts ran.

»Sie können von Glück reden, dass ich gute Laune habe. Es gab Tage, da hätte ich einen Kalorienmann, ohne zu zögern, in blutige Stücke gerissen und hinterher vor Freude in die Hände geklatscht.« Er bedeutet Anderson, er solle aussteigen. »Wie gesagt, ich werde über Ihr Angebot nachdenken.«

15

Eine Zuflucht für Neue Menschen.

Der Gedanke daran erfüllt Emiko mit Hoffnung — jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde. Die Erinnerung an den Gaijin Anderson, an seine Überzeugung, dass es diesen Ort wirklich gibt. Wie er sie in der Finsternis berührt und ernst anschaut, ihr das Gesagte mit einem Kopfnicken bestätigt hat.

Und so starrt sie Raleigh jetzt jeden Abend an und fragt sich, was er weiß und ob sie es wagen kann, ihn zu fragen, was er im Norden gesehen hat. Einen Weg in die Freiheit vielleicht? Dreimal hat sie sich ihm genähert, und drei Mal hat ihre Stimme versagt, und die Frage blieb unausgesprochen. Jede Nacht kommt sie nach Hause, völlig erschöpft von dem, was Kannika ihr antut, und wenn sie dann schläft, träumt sie von einem Ort, wo die Neuen Menschen in Sicherheit wohnen können, ohne einen Patron.

Emiko kann sich noch gut daran erinnern, wie Mizumi-sensei im Kaizen-Studio zu den jungen Neuen Menschen sprach, die im Kimono vor ihr knieten und ihren Lehren lauschten.

»Was seid ihr?«

»Neue Menschen.«

»Worin besteht eure Aufgabe?«

»Wir leben, um zu dienen.«

»Wer ist euer Herr und Meister?«

»Unser Patron ist unser Herr und Meister.«

Mizumi-sensei war schnell mit der Rute bei der Hand, einhundert Jahre alt und furchterregend. Als eine der ersten Neuen Menschen war ihre Haut so gut wie gar nicht gealtert. Wer wusste schon, wie viele Zöglinge sie bereits in ihrem Studio unterwiesen hatte? Mizumi-sensei war allgegenwärtig, stand ihren Schützlingen mit Rat und Tat zur Seite. Ihr Zorn war grausam, doch sie blieb immer fair. Und ihr Glaube, dass die Neuen Menschen nur ihren Patronen treu dienen mussten, um einen höheren Daseinszustand zu erlangen, war unerschütterlich.

Mizumi-sensei machte sie alle mit den Lehren über Mizuko Jizo Bodhisattva bekannt, der sogar für die Neuen Menschen Barmherzigkeit empfand, und der sie nach ihrem Tod in seinem Ärmel verstecken würde, um sie aus dieser Höllenwelt der genmanipulierten Spielsachen herauszuschmuggeln und sie dem wahren Zyklus des Lebens zuzuführen. Zu dienen, das war nicht nur Pflicht, sondern auch eine Ehre, und ihren Lohn würden sie im nächsten Leben erhalten, als wahre Menschen. Ihre Unterwürfigkeit würde die schönsten Früchte tragen.

Wie sehr Emiko Mizumi-sensei gehasst hatte, als Gendo-sama sie verlassen hatte!

Doch bei dem Gedanken, wieder einen Patron zu haben, schlägt ihr Herz schneller: ein weiser Mann, der sie bei der Hand nimmt und in eine andere Welt führt, der, anders als Gendo-sama, ihr alles gibt, was sie braucht.

Wieder ein Mann, der dich anlügt? Der dich verraten wird?

Sie wischt den Gedanken beiseite. Das ist die andere Emiko, die so denkt, nicht ihr höchstes Selbst. Als wäre sie nicht mehr als eine Cheshire, die nur darauf aus ist, sich den Bauch vollzuschlagen, die, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, welche Nische ihr zusteht, alles für sich in Anspruch nimmt. Das ist einem Neuen Menschen nicht angemessen!