Mizumi-sensei hatte sie gelehrt, dass die Natur eines Neuen Menschen in zwei Teile zerfällt. Die böse Hälfte wird vom animalischen Hunger der Gene beherrscht — von den zahlreichen Tricksereien der Genhacker, die sie zu dem gemacht haben, was sie sind. Ausgeglichen wird dies von ihrem zivilisierten Selbst, das zwischen Nische und animalischen Begierden zu unterscheiden weiß. Das seinen Platz in der Hierarchie ihres Landes und ihres Volkes kennt und begreift, was ihr jeweiliger Patron für sie getan hat, indem er ihnen das Leben schenkte. Dunkel und Licht. In-Yo. Zwei Seiten derselben Münze, zwei Seiten derselben Seele. Mizumi-sensei hat ihnen geholfen, mit ihrer Seele ins Reine zu kommen, sie hat sie darauf vorbereitet, ehrenhafte Diener zu sein.
Ehrlich gesagt, denkt Emiko nur deshalb so schlecht von Gendo-sama, weil er sie so geringschätzig behandelt hat. Er war ein schwacher Mann. Oder vielleicht war sie, wenn sie ehrlich ist, nicht alles, was sie hätte sein können. Sie hat sich ihm nicht bis zum Letzten unterworfen. Das ist die traurige Wahrheit. Mit dieser Schande muss sie leben, während sie sich alle Mühe gibt, ohne die liebende Hand eines Patrons auszukommen. Aber vielleicht hat dieser seltsame Gaijin … Sie wird nicht zulassen, dass ihre zynische, animalische Seite heute Abend die Oberhand gewinnt; sie wird sich ihren Träumen hingeben.
Emiko verlässt den Slum ihres Hochhauses und tritt in die kühle Abendluft Bangkoks hinaus. Auf den in grünes Licht getauchten Straßen herrscht eine ausgelassene Stimmung. In Woks werden Nudeln gebraten, damit die Bauern, die auf dem Markt ihre Erzeugnisse verkauft haben, noch eine einfache Mahlzeit zu sich nehmen können, bevor sie zu ihren fernen Feldern zurückkehren. Emiko schlendert über den Nachtmarkt; mit dem einen Auge hält sie nach Weißhemden Ausschau, mit dem anderen nach etwas zu essen.
Schließlich entdeckt sie einen Stand mit gegrillten Meeresfrüchten und entscheidet sich für Tintenfisch mit Chilisoße. Am Rande des Kerzenscheins fühlt sie sich einigermaßen sicher. Ihr Pha Sin verbirgt die Bewegungen ihrer Beine. Jetzt muss sie nur noch auf ihre Arme achten, und wenn sie sich Zeit lässt und sie nahe am Körper hält, mag man ihre Bewegungen für Geziertheit halten.
Bei einer Frau und ihrer Tochter kauft Emiko einen Teller mit gebratenem U-Tex-Phad Seeu in gefalteten Bananenblättern. Die Frau brät die Nudeln über blauem Methan, was illegal, aber weit verbreitet ist. Emiko sitzt an der behelfsmäßigen Theke, und die Gewürze brennen ihr im Mund. Hin und wieder wirft ihr jemand einen seltsamen Blick zu, und manche verziehen angewidert das Gesicht, aber sie tun nichts. Einige der Leute kennt sie sogar. Die anderen haben ohnehin schon genug Sorgen, auch ohne sich in die Angelegenheiten der Aufziehmenschen und Weißhemden zu mischen. Das mag seltsam sein, aber es ist zu ihrem Vorteil. Die Weißhemden sind so unbeliebt, dass die Leute, wenn es irgend geht, nichts mit ihnen zu tun haben wollen. Emiko schaufelt sich die Nudeln in den Mund und denkt einmal mehr über die Worte des Gaijin nach.
Eine Zuflucht für Neue Menschen.
Sie versucht, es sich vorzustellen. Ein ganzes Dorf voller Leute, deren abgehackte Bewegungen und deren glatte Haut sie verraten. Wie sehr sie sich danach sehnt!
Aber da ist auch ein entgegengesetztes Gefühl. Nicht etwa Angst. Sondern etwas, das sie nie erwartet hätte.
Abscheu?
Nein, das ist ein zu starkes Wort dafür. Eher so etwas wie Widerwillen, weil so viele von ihrer Art vor ihren Pflichten schmählich davongelaufen sind. Nur unter sich leben, und nicht einer von ihnen kann es mit Gendo-sama aufnehmen. Eine ganze Stadt voller Neuer Menschen, und niemand, dem sie dienen!
Emiko schüttelt entschlossen den Kopf. Was hat es ihr denn gebracht, dass sie so unterwürfig war? Jetzt muss sie Leuten wie Raleigh gehorchen. Und Kannika.
Und doch … Ein ganzer Stamm aus Neuen Menschen, die sich im Dschungel zusammendrängen? Wie wäre es, einen zweieinhalb Meter großen Arbeiter in den Armen zu halten? Sich ihn zum Geliebten zu nehmen? Oder eines der Tentakelmonster aus Gendo-samas Fabriken, mit zehn Armen wie eine Hindugottheit und einem sabbernden Mund, das nichts anderes vom Leben erwartet als Nahrung und eine Aufgabe für seine Hände? Wie soll es einer solchen Kreatur möglich sein, sich nach Norden durchzuschlagen? Warum sind sie dort, im Dschungel?
Sie unterdrückt ihren Ekel. Schlimmer als Kannika ist es bestimmt nicht. Ihr ist eingetrichtert worden, schlecht von den Neuen Menschen zu denken, obwohl sie selbst zu ihnen gehört. Wenn sie logisch denkt, weiß sie, dass kein Neuer Mensch schlimmer sein kann als der Kunde gestern Abend, der sie gefickt und dann auf ihr ausgespuckt hat, bevor er gegangen ist. Sich einem glatthäutigen Neuen Menschen hinzugeben, wäre bestimmt nicht schlimmer.
Aber was für ein Leben würde sie in einem solchen Dorf führen? Würde sie Kakerlaken essen und Ameisen und den Rest der Blätter, die noch nicht dem Rüsselkäfer erlegen sind?
Raleigh ist eine Kämpfernatur. Du auch?
Sie rührt mit ihren kurzen RedStar-Bambusessstäbchen in den Nudeln. Wie wäre es, niemandem mehr dienen zu müssen? Würde sie das Wagnis auf sich nehmen? Bei der Vorstellung wird ihr ganz schummrig. Was würde sie ohne einen Patron überhaupt tun? Eine Bäuerin werden? Vielleicht in den Bergen Opium anbauen? Eine silberne Pfeife rauchen und ihre Zähne schwärzen, wie es, Gerüchten zufolge, einige der seltsamen Damen aus den Bergstämmen tun? Sie lacht in sich hinein. Kann sie sich das überhaupt vorstellen?
Sie ist so sehr in Gedanken versunken, dass es ihr fast entgangen wäre. Nur pures Glück — die Bewegung eines Mannes am Tisch gegenüber, sein bestürzter Blick und wie er den Kopf senkt und sich ganz auf sein Essen konzentriert — rettet sie. Sie erstarrt.
Mit einem Mal ist es auf dem Nachtmarkt ganz still geworden.
Und dann, wie hungrige Gespenster, tauchen die Männer in Weiß hinter ihr auf und reden in ihrem raschen Singsang mit der Frau, die am Wok steht. Die Frau beeilt sich, sie unterwürfig zu bedienen. Emiko zittert am ganzen Körper, die Nudeln auf halbem Wege zwischen Schüssel und Mund, ihr Gewicht plötzlich zu groß für ihre Arme. Sie möchte die Essstäbchen beiseitelegen, doch sie kann nichts tun. Wenn sie sich bewegt, verrät sie sich, und so bleibt sie reglos sitzen, während die Weißhemden auf ihr Essen warten und sich unterhalten.
»… endlich den Bogen überspannt. Ich hab gehört, dass Bhirombhakdi durch die Büros gerannt ist und herumgeschrien hat, er würde ihn einen Kopf kürzer machen. ›Jaidee ist zu weit gegangen, das werde ich ihm heimzahlen! ‹«
»Nach der Razzia hat er hat jedem Einzelnen seiner Leute 5000 Baht gegeben.«
»Das nützt ihnen einen Scheißdreck, nachdem er jetzt degradiert worden ist.«
»Trotzdem, 5000 Baht! Kein Wunder, dass Bhirombhakdi Gift und Galle gespuckt hat. Er muss eine halbe Million verloren haben.«
»Und Jaidee kam einfach wie ein Megodont hereingestürmt. Der Alte hat ihn bestimmt für den Bullen Torapee gehalten, der in die Fußstapfen seines Vaters treten wollte. Und der es auf ihn abgesehen hatte.«
»Damit ist es jetzt vorbei.«
Als sie sich an ihr vorbeidrängen, läuft es Emiko kalt den Rücken hinunter. Das ist das Ende. Sie wird die Essstäbchen fallen lassen, und sie werden das Aufziehmädchen bemerken, das ihnen in der Menge bisher nicht aufgefallen ist, obwohl sie in ihrer selbstbewussten Männlichkeit fast mit ihr zusammenstoßen, obwohl die Hand eines der Weißhemden sie im Nacken berührt. Plötzlich wird sie nicht mehr unsichtbar sein. Sie wird vor ihnen stehen, unverkennbar, ein Neuer Mensch mit abgelaufenen Papieren und Importlizenzen, und sie werden sie kompostieren, und sie wird so schnell recycelt werden wie Dung oder Zellulose, ihre abgehackten Bewegungen werden sie verraten, als hätte ihr jemand die Exkremente eines Glühwürmchens auf die Stirn geschmiert.