»Wie er sich vor Akkarat auf dem Boden gewälzt hat — das hätte er nicht tun sollen. Dabei haben wir alle das Gesicht verloren.«
Eine Weile herrscht Stille. Dann sagt einer von ihnen: »Tantchen, mir scheint, dein Methan hat die falsche Farbe.«
Die Frau beißt sich auf die Unterlippe. Das Lächeln ihrer Tochter spiegelt ihre Unsicherheit wider. »Wir haben dem Ministerium letzte Woche ein Geschenk gemacht«, sagt sie.
Der Mann, der Emiko im Nacken berührt, ergreift das Wort, während er sie ganz beiläufig streichelt. »Dann sind wir wohl falsch informiert worden.«
Das Lächeln der Frau wirkt sichtlich gezwungen. »Vielleicht ist mein Gedächtnis auch schlecht.«
»Nun, ich kann gerne in deiner Akte nachschauen.«
»Das ist nicht nötig. Ich werde meine Tochter sofort losschicken. Und warum nehmen Sie sich nicht diese beiden Fische? Sie werden nicht gut genug bezahlt, um ordentlich zu essen.« Sie nimmt zwei große Tilapia vom Grill und hält sie den Männern hin.
»Das ist sehr freundlich von dir, Tantchen. Ich habe Hunger. « Mit dem in Bananenblätter gewickelten Plaa unter dem Arm wenden sich die Weißhemden ab und setzen ihren Weg über den Nachtmarkt fort, ohne auf den Schrecken zu achten, den sie dabei verbreiten.
Kaum sind sie fort, verschwindet das Lächeln der Frau. Sie dreht sich zu ihrer Tochter um und drückt ihr ein Bündel Geldscheine in die Hand. »Geh zur Polizei hinüber, und achte darauf, dass du das Geld Sergeant Siriporn gibst, und keinem anderen. Ich möchte nicht, dass die beiden wiederkommen. «
Die Stelle, wo der Uniformierte sie berührt hat, brennt ihr im Nacken. Das war knapp. Viel zu knapp. Seltsam, wie sie manchmal vergisst, dass sie auf der Flucht ist. Wie sie sich manchmal einredet, dass sie ein Mensch ist. Emiko schaufelt sich den Rest der Nudeln in den Mund. Sie darf es nicht länger aufschieben. Sie muss ganz offen mit Raleigh reden.
»Ich möchte fort von hier.«
Raleigh dreht sich auf seinem Barhocker um und mustert sie erstaunt. »Tatsächlich?« Er lächelt. »Emiko, hast du einen neuen Patron?«
Um sie herum plaudern und lachen die anderen Mädchen, die eben erst eintreffen, verneigen sich vor dem Geisterhaus, und manche legen sogar Opfergaben hinein, in der Hoffnung auf einen liebenswürdigen Kunden oder einen reichen Patron.
Emiko schüttelt den Kopf. »Keinen neuen Patron. Ich möchte nach Norden gehen. Zu den Dörfern, in denen die Neuen Menschen leben.«
»Wer hat dir denn davon erzählt?«
»Es gibt sie also?« An seinem Gesichtsausdruck erkennt sie, dass sie existieren. Ihr Herz fängt an zu hämmern. Sie sind nicht nur ein Gerücht. »Es gibt sie also!«, wiederholt sie mit Nachdruck.
Er mustert sie eingehend. »Vielleicht.« Er bedeutet Daeng, dem Bartender, ihm noch einen Drink zu bringen. »Aber ich muss dich warnen — das Leben im Dschungel ist nicht einfach. Wenn es zu einer Missernte kommt, fresst ihr dort Insekten. Und zu jagen, gibt es auch nicht viel, nachdem die Rostwelke und der japanische Rüsselkäfer den größten Teil des Futters vernichtet haben.« Er zuckt mit den Achseln. »Ein paar Vögel.« Er wendet sich wieder Emiko zu. »Du solltest in der Nähe des Wassers bleiben. Da draußen überhitzt du nur. Glaub mir. Das Leben dort ist verdammt hart. Wenn du wirklich von hier weg willst, solltest du dir einen neuen Patron suchen.«
»Die Weißhemden hätten mich heute fast erwischt. Wenn ich hierbleibe, sterbe ich.«
»Ich bezahle sie dafür, dass sie dich in Ruhe lassen.«
»Nein. Ich war auf dem Nachtmarkt …«
»Was zum Teufel hattest du dort verloren? Wenn du was essen willst, dann komm gefälligst hierher!«, faucht Raleigh zornig.
»Es tut mir leid. Ich muss fort. Raleigh-san, Sie haben Beziehungen. Sie kennen Leute, die mir helfen können, eine Reiseerlaubnis zu bekommen. Damit ich an den Kontrollen durchgelassen werde.«
Raleigh nimmt seinen Drink entgegen und nippt daran. Der Alte gleicht einer Krähe — wie der Gestalt gewordene Tod sitzt er auf seinem Barhocker und wacht darüber, wie seine Huren eintreffen, eine nach der anderen. Dann betrachtet er Emiko mit kaum verhülltem Ekel — als wäre sie ein Stück Hundescheiße, die an seinem Schuh klebt. Er trinkt noch einen Schluck. »Bis nach Norden ist es ein weiter Weg. Verdammt teuer, das.«
»Ich kann arbeiten.«
Darauf reagiert Raleigh nicht. Der Barkeeper ist anscheinend damit fertig, die Theke auf Hochglanz zu polieren. Er und sein Assistent holen eine Truhe mit Eis von dem Luxushersteller Jai Yem, Nam Yen hervor. Kühle Herzen, kühles Wasser.
Raleigh hält ihm sein Glas hin, und Daeng lässt klimpernd zwei Eiswürfel hineinfallen. Kaum haben sie die isolierte Truhe verlassen, schmelzen sie in der Hitze. Emiko schaut zu, wie die Eiswürfel in der Hitze immer kleiner werden. Daeng gießt Wasser darüber. Emiko hat das Gefühl, gleich zu verglühen. Die offenen Fenster des Clubs lassen so gut wie nichts von der abendlichen Brise herein, und zu dieser frühen Stunde ist es in dem Gebäude noch immer drückend heiß. Von den Yellow Cards, die die Ventilatoren betreiben, ist noch keiner eingetroffen. Wände und Boden des Clubs strahlen eine Hitze ab, die geradezu greifbar ist. Raleigh trinkt einen Schluck von seinem kühlen Wasser.
Emiko schaut ihm zu und wünscht sich, sie könnte schwitzen. »Khun Raleigh. Bitte. Es tut mir leid. Bitte …« Sie zögert. »Bitte geben Sie mir etwas Kaltes zu trinken.«
Raleigh nippt sein Wasser und folgt den Mädchen, die an ihnen vorbeischlendern, mit Blicken. »Es ist verdammt teuer, sich ein Aufziehmädchen zu halten.«
Emiko lächelt betreten — vielleicht kann sie ihn ja beschwichtigen. Schließlich macht Raleigh ein verärgertes Gesicht. »Na schön.« Er nickt Daeng kurz zu. Der Barkeeper reicht Emiko ein Glas mit Eiswasser. Sie gibt sich alle Mühe, es nicht auf einmal hinunterzustürzen, und presst es sich an Gesicht und Nacken. Fast hätte sie vor Erleichterung laut aufgeseufzt. Sie trinkt und drückt es wieder an sich, hält es wie einen Talisman umklammert. »Vielen Dank.«
»Warum sollte ich dir helfen, die Stadt zu verlassen?«
»Weil ich sterbe, wenn ich bleibe.«
»Das ist nicht gut fürs Geschäft. Wie es auch nicht gut fürs Geschäft war, dich einzustellen. Und es ist ganz bestimmt nicht gut fürs Geschäft, einen Haufen Schmiergelder zu bezahlen, damit du in den Norden verschwinden kannst.«
»Bitte. Sagen Sie mir, was ich tun soll. Sie können alles von mir verlangen!«
Er lacht. »Ich hab schon echte Mädchen.« Sein Lächeln verschwindet. »Das Problem ist, Emiko, dass du nichts zu bieten hast. Das Geld, das du jeden Abend verdienst, vertrinkst du wieder. Die Schmiergelder, die ich für dich bezahle, kosten Geld, das Eis, das du verbrauchst, kostet Geld. Wenn ich kein so netter Kerl wäre, würde ich dich auf die Straße jagen, damit die Weißhemden dich kompostieren. Du bist einfach ein schlechtes Geschäft.«
»Bitte.«
»Provozier mich nicht unnötig. Mach dich endlich an die Arbeit! Wenn unsere Gäste eintreffen, will ich, dass du deine Straßenklamotten ausgezogen hast.«
Seine Worte lassen keinen Widerspruch zu. Emiko verbeugt sich automatisch, um sich seinen Wünschen zu fügen, hält dann jedoch inne. Du bist kein Hund, redet sie sich zu. Du bist keine Dienerin. Deine Unterwürfigkeit hat dazu geführt, dass du verstoßen wurdest und jetzt in einer Stadt der Engel unter Dämonen leben musst. Wenn du dich wie eine Dienerin verhältst, wirst du wie ein Hund sterben.
Sie richtet sich auf. »Es tut mir leid, aber ich muss nach Norden gehen, Raleigh-san. Und zwar bald. Wie viel würde das kosten? Ich werde es mir verdienen.«