»Du bist wie eine verdammte Cheshire an einem Kadaver. « Raleigh steht unvermittelt auf. »Gibst einfach keine Ruhe, was?
Emiko zuckt zusammen. Raleigh mag alt sein, aber er ist trotzdem ein Gaijin, vor der Großen Kontraktion geboren und herangewachsen. Sie weicht einen Schritt zurück, erschrocken über seine plötzliche Größe. Raleigh lächelt grimmig. »So ist es recht — vergiss bloß nicht, wo du hingehörst! Wenn du nach Norden möchtest, gut und schön. Aber erst, wenn ich dich ziehen lasse. Und nicht bevor du dir jeden einzelnen Baht verdient hast, mit dem ich die Weißhemden schmiere.«
»Wie viel ist das?«
Sein Gesicht läuft rot an. »Mehr als du bisher erarbeitet hast!«
Sie weicht vor ihm zurück, doch Raleigh packt sie und zieht sie mit einem Ruck zu sich heran. Seine Stimme ist leise und rau vom Whisky. »Du warst mir einmal nützlich, also kann ich nachvollziehen, dass sich ein Aufziehmädchen jetzt für etwas Besseres hält. Aber machen wir uns nichts vor — du gehörst mir.«
Seine knochige Hand betatscht ihre Brust, greift nach einer Brustwarze und verdreht sie. Sie wimmert vor Schmerz und spürt, wie alle Kraft sie verlässt. Seine blassblauen Augen verfolgen schlangengleich jede ihrer Bewegungen.
»Du gehörst mir, von Kopf bis Fuß«, murmelt er. »Wenn mir morgen einfällt, dich kompostieren zu lassen, ist es vorbei mit dir. Das würde niemanden kümmern. In Japan mögen die Leute große Stücke auf Aufziehmenschen halten. Hier seid ihr nur Gesindel!« Er drückt erneut zu. Sie schnappt nach Luft, verzweifelt darum bemüht, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er lächelt. »Du gehörst mir. Vergiss das nie.«
Er lässt sie unvermittelt los. Emiko taumelt einen Schritt nach hinten und hält sich an der Theke fest.
Raleigh wendet sich wieder seinem Drink zu. »Ich werde dich wissen lassen, wenn du genug verdient hast, um nach Norden zu gehen«, sagt er. »Aber du wirst dafür arbeiten, und zwar hart. Schluss mit deiner Pingeligkeit! Wenn ein Mann dich haben will, dann gehst du mit ihm und machst ihn so glücklich, dass er wiederkommt. Normale Mädchen, die normalen Sex zu bieten haben, habe ich genug. Wenn du nach Norden gehen willst, dann solltest du dich bemühen, deinen Kunden mehr zu bieten als sie.«
Er kippt seinen Drink hinunter und knallt das Glas auf die Theke, damit Daeng ihm nachschenkt.
»Jetzt hör auf hier rumzuschmollen, und mach dich an die Arbeit.«
16
Missmutig betrachtet Hock Seng den Tresor, der ihm direkt gegenüber an der Wand steht. Es ist früher Morgen im Büro von SpringLife, und eigentlich sollte er eifrig daran arbeiten, ein Kontobuch zu fälschen, bevor Mr Lake eintrifft, aber er kann sich auf nichts anderes konzentrieren als den Tresor. Das stählerne Ungetüm macht sich über ihn lustig, vom Rauch der Opfergaben eingehüllt, die nicht das Mindeste dazu beigetragen haben, seine Türen zu öffnen.
Seit dem Vorfall auf den Ankerplätzen ist er stets verriegelt, und der fremde Teufel schaut Hock Seng unentwegt über die Schulter und fragt ihn, wie es mit diesem und jenem Konto steht, neugierig und beharrlich. Und noch immer wartet der Kadaverkönig. Hock Seng hat sich erneut mit ihm getroffen, zweimal sogar. Jedes Mal war sein Geschäftspartner sehr geduldig gewesen, doch Hock Seng spürt seinen wachsenden Ärger — irgendwann wird er die Sache selbst in die Hand nehmen. Wenn Hock Seng noch lange wartet, hat er seine Chance verspielt.
Hock Seng kritzelt Zahlen in das Kontobuch, damit nicht auffällt, wie viel Geld er sich beim Kauf einer Behelfsspindel abgezweigt hat. Sollte er den Tresor einfach ausrauben? Und das Risiko eingehen, dass der Verdacht auf ihn fällt? In der Fabrik hat er Zugriff auf schweres Werkzeug, mit dem er sich innerhalb weniger Stunden durch den Stahl brennen könnte. Wäre das besser, als den Kadaverkönig warten zu lassen und zu riskieren, dass der Pate aller Paten seine eigenen Leute schickt? Hock Seng grübelt darüber nach, welche Möglichkeiten ihm bleiben. Doch wie er sich auch entscheidet, er beschwört damit Gefahren herauf, bei denen ihn das kalte Grausen packt. Wenn der Tresor beschädigt wird, klebt sein Gesicht bald an sämtlichen Laternenpfählen. Und gerade jetzt sollte man sich nicht mit einem fremden Teufel anlegen. Je mächtiger Akkarat wird, umso einflussreicher werden die Farang. Jeder Tag bringt neue Nachrichten darüber, wie die Weißhemden gedemütigt werden. Der Tiger von Bangkok ist jetzt ein Mönch mit rasiertem Kopf und ohne Familie oder Besitz.
Was wäre, wenn Mr Lake ganz verschwinden würde? Ein anonymes Messer in den Bauch, während er die Straße entlangschlendert vielleicht? Das wäre ein Leichtes. Billig, sogar. Für fünfzehn Baht würde sich Lachender Chan dazu gerne bereiterklären, und der fremde Teufel würde Hock Seng keinen Ärger mehr machen.
Es klopft an der Tür, und er blickt erschrocken auf. Rasch lässt er das Kontobuch unter dem Schreibtisch verschwinden. »Ja?«
Mai, das magere Mädchen von der Fertigungsstraße, steht auf der Türschwelle. Sie verneigt sich, und Hock Seng entspannt sich ein wenig. »Khun. Es gibt Probleme.«
Mit einem Lappen wischt er sich den Schweiß von den Händen. »Ja? Was denn?«
Ihr Blick schweift unruhig durch das Büro. »Es wäre besser, wenn Sie sich das selbst anschauen.«
Sie riecht geradezu nach Angst. Die Härchen in Hock Sengs Nacken richten sich auf. Sie ist kaum mehr als ein Kind. Er hat ihr hin und wieder einen Gefallen getan. Sie ist sogar in die engen Schächte unter der Spindel gekrochen, um die Kettenglieder zu untersuchen, bevor sie die Fertigungsstraße wieder in Betrieb nahmen, und hat sich damit wiederholt einen Bonus verdient … und trotzdem, etwas an ihrem Gebaren erinnert ihn an die Malaysier, die über sein Volk hergefallen sind. Damals konnten ihm auch seine Arbeiter, die so loyal und dankbar waren, plötzlich nicht mehr in die Augen schauen. Wenn er wirklich schlau gewesen wäre, hätte er vorausgesehen, dass das Blatt sich wendete. Hätte begriffen, dass die Tage der malaiischen Chinesen gezählt waren. Dass sogar ein Mann von seinem Format — der freigebig für wohltätige Zwecke spendete und sich um die Kinder seiner Angestellten kümmerte, als wären es seine eigenen — mit einem Bein im Grab stand.
Und jetzt steht Mai vor ihm und weicht seinem Blick aus. Sind sie gekommen, um ihn zu holen? Heimlich, still und leise? Mit einem harmlos wirkenden Mädchen als Köder? Steht das Ende der Yellow Cards bevor? Geht der Kadaverkönig zum Angriff über? Hock Seng tut so, als ließe ihn das alles kalt, und lehnt sich auf seinem Stuhl zurück. »Wenn du etwas zu sagen hast«, murmelt er, »dann sag es.«
Sie zögert. Ihre Angst ist unübersehbar. »Ist der Farang hier?«
Hock Seng wirft einen Blick auf die Uhr an der Wand. Sechs Uhr. »Nein. Der kommt erst in ein oder zwei Stunden. Früher ist er selten da.«
»Bitte, kommen Sie doch!«
Es hat ihn also wieder eingeholt. Er nickt. »Ja, natürlich.«
Er steht auf und geht zu ihr hinüber. Sie ist wirklich hübsch. Natürlich schicken sie ein hübsches Mädchen. Wie harmlos sie wirkt! Er kratzt sich den Rücken, hebt dabei den Saum seines Hemdes an und zieht das Messer hervor. Während er sich ihr nähert, hält er es noch verborgen. Wartet bis zum letzten Augenblick …
Er packt sie an den Haaren und zieht sie mit einem Ruck zu sich heran. Drückt ihr das Messer an die Kehle.
»Wer hat dich geschickt? Der Kadaverkönig? Die Weißhemden? Wer?«
Sie keucht auf, kann sich jedoch nicht befreien, ohne dass er ihr die Gurgel durchschneidet. »Niemand!«
»Hältst du mich für einen Narren?« Er drückt etwas fester zu, und die Klinge schneidet ihr in die Haut. »Wer ist es?«
»Niemand! Ich schwöre es!« Sie zittert vor Angst, aber Hock Seng lässt sie nicht los.