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»Möchtest du mir etwas sagen? Oder möchtest du dein Geheimnis für dich behalten? Komm schon, raus damit.«

Sie ringt verzweifelt nach Luft. »Nein! Khun! Ich schwöre es! Ich habe nichts zu verbergen! Aber … Aber …«

»Ja?«

Sie sinkt kraftlos gegen ihn. »Die Weißhemden«, flüstert sie. »Wenn die Weißhemden herausfinden, dass …«

»Ich gehöre nicht zu den Weißhemden.«

»Es geht um Kit. Kit ist krank. Und Srimuang. Beide sind krank. Bitte. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Bitte sagen Sie dem Farang nichts. Alle wissen, dass der Farang damit droht, die Fabrik zu schließen. Bitte. Meine Familie braucht … Bitte. Bitte.« Inzwischen schluchzt sie hemmungslos, fleht ihn an, sie zu retten, als wäre das Messer gar nicht da.

Hock zieht eine Grimasse und zieht das Messer weg. Er fühlt sich plötzlich alt. Was die Angst aus ihm gemacht hat! Jetzt verdächtigt er schon dreizehnjährige Mädchen, dass sie ihn umbringen wollen. Ihm ist übel. Er kann ihr nicht in die Augen schauen. »Warum hast du das nicht gleich gesagt«, murmelt er barsch. »Dummes Mädchen. Bei so etwas darf man sich nicht zieren.« Er hebt sein Hemd an und schiebt das Messer zurück in die Scheide. »Bring mich zu deinen Freunden.«

Vorsichtig wischt sie ihre Tränen ab. Sie ist nicht nachtragend. Wie viele junge Menschen ist sie anpassungsfähig. Nun, da die Krise vorüber ist, führt sie ihn aus dem Büro hinaus.

Unten in der Fertigungshalle treffen nach und nach die Arbeiter ein. Die großen Tore gehen klappernd auf, und die Sonne strömt herein. Dung- und Staubpartikel tanzen im Licht. Mai führt ihn durch den Klärraum, stapft durch den farblosen Staub der Rückstände und geht weiter in den Stanzraum.

Über ihnen trocknen die Algen in den Gittersieben und erfüllen die Fabrik mit ihrem Fischgestank. Mai führt ihn an der Stanzmaschine vorbei und schlüpft unter dem Fließband hindurch. Auf der anderen Seite stehen die Algentanks in stillen Reihen, voller Salz und Leben. Bei mehr als der Hälfte ist die Produktion ganz offensichtlich nur unzureichend. Ihre Oberfläche ist kaum von Algen bedeckt, obwohl der Überstand nach einer Nacht, in der nichts abgeschöpft wurde, mindestens zehn Zentimeter hoch sein müsste.

»Dort«, flüstert Mai und deutet mit dem Finger. Kit und Srimuang liegen beide an der Wand. Die beiden Männer starren mit stumpfem Blick zu Hock Seng empor. Hock Seng geht neben ihnen in die Hocke, berührt sie jedoch nicht.

»Haben sie zusammen gegessen?«

»Ich glaube nicht. Sie sind nicht miteinander befreundet.«

»Könnte es Cibiskose sein? Rostwelke? Nein.« Er schüttelt den Kopf. »Ich bin ein dummer alter Mann. Es ist keines von beidem. Sie haben kein Blut auf den Lippen.«

Kit stöhnt und versucht sich aufzusetzen. Hock zuckt zurück und unterdrückt den Drang, sich die Hände an seinem Hemd abzuwischen. Der andere, Srimuang, sieht noch schlimmer aus.

»Wofür war dieser Mann verantwortlich?«

Mai zögert. »Ich glaube, er war für die Tanks zuständig. Er hat das Fischmehl für die Algen hineingekippt.«

Hock Seng bekommt eine Gänsehaut. Zwei Todkranke. Die ausgerechnet neben den Tanks liegen, die auf Hock Sengs Drängen wieder in Betrieb genommen wurden, um Mr Anderson zufriedenzustellen. War das Zufall? Ihn schaudert, und er betrachtet den Raum mit neuen Augen. Überall ist der Boden feucht, und in der Nähe der rostigen Abflussgitter bilden sich Wasserlachen. Ein Algenfilm überzieht jede feuchte Oberfläche, gespeist von den überschüssigen Nährstoffen. Falls etwas mit den Tanks nicht in Ordnung ist, können sich die Keime ungehindert ausbreiten.

Hock Seng wischt sich instinktiv die Hände ab und hält dann inne, wobei er schon wieder eine Gänsehaut bekommt. Der graue Puder aus dem Klärraum klebt ihm an den Fingern — er hat den Vorhang beiseitegeschoben, als er hindurchgegangen ist. Er ist von potenziellen Krankheitsüberträgern umgeben. Über ihm hängen die Trockengitter; in dem trüben Licht des Lagerhauses scheint ihre Zahl endlos zu sein, und alle sind sie mit Überstand beschmiert, der allmählich schwarz wird. Von einem der Gitter fällt ein Wassertropfen herab. Klatscht neben seinem Fuß auf den Boden. In dem Moment wird ihm erst bewusst, was er da hört. Wenn die Fabrik voller Menschen war, hat er es nie wahrgenommen. Aber jetzt, in der Stille des anbrechenden Morgens, ist es überalclass="underline" das sanfte Prasseln des Regens von den Gittern über ihnen.

Hock Seng steht unvermittelt auf; er muss sich zusammenreißen, um nicht in Panik auszubrechen.

Sei kein Narr. Du weißt nicht mit Sicherheit, dass es an den Algen liegt. Der Tod kommt in vielerlei Gestalt. Sie können sich alle möglichen Krankheiten eingefangen haben.

Kits Atem kommt nur noch stoßweise, doch in der Stille ist er nicht zu überhören; seine Brust hebt und senkt sich wie ein Blasebalg.

»Glauben Sie, das ist eine Epidemie?«, fragt Mai.

Hock Seng schaut sie wütend an. »Sag nicht so was! Möchtest du, dass die Dämonen uns heimsuchen? Oder die Weißhemden? Wenn sich das herumspricht, werden sie die Fabrik schließen. Und wir verhungern wie die Yellow Cards.«

»Aber …«

Draußen in der Haupthalle sind laute Stimmen zu hören.

»Sei still, Kind.« Hock Seng macht eine herrische Handbewegung und versucht verzweifelt, einen klaren Gedanken zu fassen. Es wäre eine Katastrophe, wenn die Weißhemden hier auftauchen würden. Dann hätte der fremde Teufel endlich einen Vorwand, Hock Seng zu feuern und die Fabrik dichtzumachen. Und er müsste wieder in den Hochhäusern Zuflucht suchen, wo er wahrscheinlich verhungern würde. Dabei stand er kurz davor, seine Pläne zu verwirklichen! Er durfte jetzt nicht sterben.

In der Fertigungshalle rufen die Arbeiter einander Begrüßungen zu. Ein Megodont ächzt. Türen fahren klappernd auf. Die Hauptschwungräder erwachen grollend aus ihrem Schlummer, als jemand einen Testlauf durchführt.

»Was sollen wir machen?«, fragt Mai.

Hock Seng lässt den Blick über die Tanks und Maschinen schweifen. Durch die immer noch leeren Räume. »Bist du die Einzige, die weiß, dass sie krank sind?«

Mai nickt. »Ich habe sie so vorgefunden, als ich hereingekommen bin.«

»Bist du sicher? Hast du es auch bestimmt niemandem gegenüber erwähnt, als du nach mir gesucht hast? Und ist auch niemand hier hereingekommen? Und hat die beiden gesehen und sich vielleicht gedacht, es wäre besser, sich einen Tag freizunehmen?«

Mai schüttelt den Kopf. »Nein. Ich war alleine. Am Stadtrand nimmt mich immer ein Bauer auf seinem Langschwanzboot mit, die Khlongs hinunter. Ich bin immer sehr früh hier.«

Hock Seng mustert die beiden Kranken und dann das Mädchen. Vier Menschen in einem Raum. Vier. Bei dem Gedanken verzieht er das Gesicht. Was für eine Unglückszahl! Sz. Vier. Sz. Der Tod. Drei ist eine bessere Zahl, oder Zwei …

Oder Eins.

Eins ist die ideale Zahl, um ein Geheimnis zu wahren. Ohne sich dessen bewusst zu sein, wandert Hock Sengs Hand zu dem Messer. Das Mädchen. Eine schlimme Sache. Aber weniger schlimm als die Zahl vier.

Das Mädchen hat die langen schwarzen Haare zu einem Knoten hochgebunden, damit sie sich nicht im Fließband verfangen. Ihr Hals ist ungeschützt. Ihre Augen schauen ihn vertrauensvoll an. Hock Seng wendet den Blick ab, betrachtet noch einmal prüfend die beiden Kranken, grübelt über die unheilvollen Zahlen nach. Vier, vier, vier. Der Tod. Eins ist besser. Eins ist am besten. Er atmet tief durch und fällt eine Entscheidung. Er streckt den Arm nach ihr aus. »Komm her.«

Sie zögert. Er legt die Stirn in Falten und winkt sie zu sich heran. »Du möchtest doch deinen Job behalten, oder?«

Sie nickt bedächtig.

»Dann komm her. Diese beiden müssen ins Krankenhaus, habe ich Recht? Hier können wir ihnen nicht helfen. Und zwei kranke Männer, die neben den Algentanks liegen, sind nicht gut für uns. Nicht, wenn wir weiterhin etwas zu essen haben wollen. Ich möchte, dass du sie zum Seiteneingang bringst. Dort werde ich auf dich warten. Geh nicht durch die Haupthalle. Nimm den Weg unter dem Fließband hindurch. Hast du verstanden?«