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Sie nickt unsicher. Er klatscht in die Hände, damit sie sich endlich in Bewegung setzt. »Schnell jetzt! Schnell! Wenn es nicht anders geht, dann schleif sie über den Boden!« Er deutet auf die beiden Männer. »Bald wimmelt es hier nur so von Arbeitern. Einer ist schon zu viel, wenn es darum geht, ein Geheimnis für sich zu behalten. Und wir sind zu viert! Hilf mir, diese Zahl auf zwei zu reduzieren. Alles ist besser als vier.« Der Tod.

Sie schnappt ängstlich nach Luft, doch dann werden ihre Augen schmal. Entschlossen geht sie in die Hocke und müht sich mit Kit ab. Hock Seng wartet noch einen Moment, um sich zu überzeugen, dass sie seinen Anweisungen folgt, und schlüpft dann hinaus.

In der Fertigungshalle wird immer noch gelacht; die Arbeiter verstauen ihr Mittagessen. Niemand hat es eilig. Die Thai sind faul. Wenn das chinesische Yellow Cards wären, hätten sie längst mit der Arbeit angefangen, und alles wäre verloren. Dieses eine Mal ist Hock Seng froh, dass er mit Thai zusammenarbeitet. Ihm bleibt noch ein wenig Zeit. Er schlüpft durch den Seiteneingang hinaus.

Die Gasse ist leer. Hohe Fabrikmauern säumen den schmalen Durchgang. Hock Seng hastet zur Phosri Street und ihrem Gewirr aus Frühstücksbuden, dampfenden Nudeln und schmutzigen Kindern. Eine Fahrradrikscha rast an der Mündung der Gasse vorbei.

»Wei!«, ruft er laut. »Samloh! Samloh! Warten Sie!« Aber er ist zu weit weg.

Er hinkt zur Kreuzung, wobei er sein kaputtes Knie schont. Dort angekommen, entdeckt er eine weitere Rikscha. Er winkt dem Fahrer. Der Mann schaut sich um, ob ein Konkurrent in der Nähe ist, und tritt dann halbherzig in die Pedale; er gleitet die leichte Steigung hinauf und kommt auf Hock Seng zugerollt.

»Schneller!«, schreit Hock Seng. »Kuai yidian, du Hundeficker! «

Der Fahrer ignoriert die Beleidigung und lässt sein Fahrrad ausrollen. »Sie haben nach mir gerufen, Khun?«

Hock Seng steigt ein und deutet in die schmale Gasse. »Ich habe Fahrgäste für dich, wenn du dich beeilst.«

Der Thai wendet ächzend. Die Kette des Fahrrads klackert gemächlich. »Doppelter Fahrpreis. Schnell, schnell!« Er fuchtelt wild in der Luft herum.

Der Fahrer strengt sich nur unwesentlich mehr an. Die Rikscha bewegt sich so schnell wie ein behäbiger Megodont. Vor ihnen taucht Mai auf. Für einen Moment befürchtet Hock Seng, sie könnte so dumm sein und die Kranken herausschaffen, bevor die Rikscha sie erreicht hat, aber Kit ist nirgendwo zu sehen. Erst als der Fahrer schon abbremst, zerrt sie den ersten halb bewusstlosen Arbeiter auf die Gasse.

Der Rikschafahrer zuckt zusammen, als er den Kranken sieht, aber Hock Seng beugt sich über seine Schulter und zischt: »Dreifacher Fahrpreis.« Er packt Kit und wuchtet ihn auf den Sitz der Rikscha, bevor der Thai protestieren kann. Mai verschwindet wieder in der Fabrik.

Der Rikschafahrer mustert Kit misstrauisch. »Was ist mit ihm?«

»Er ist betrunken«, sagt Hock Seng. »Er und sein Freund. Wenn der Chef sie erwischt, feuert er sie.«

»Der sieht mir nicht aus, als wäre er betrunken.«

»Du irrst dich.«

»Nein. Der sieht aus, als ob …«

Hock Seng starrt den Thai an. »Die Weißhemden werden ihr Netz ebenso über dich werfen wie über mich. Er sitzt in deiner Rikscha und atmet dieselbe Luft wie du.«

Der Fahrer reißt entsetzt die Augen auf. Hock Seng nickt, ohne den Blick von ihm abzuwenden. »Es hat keinen Sinn, sich jetzt zu beschweren. Ich sage, dass sie betrunken sind. Sobald du zurück bist, bekommst du den dreifachen Fahrpreis.«

Mai kommt mit dem zweiten Arbeiter aus der Tür, und Hock Seng hilft ihr, ihn auf den Sitz zu hieven. Mai steigt zu dem Fahrer hinauf. »Krankenhäuser«, sagt Hock Seng und beugt sich dann dicht zu ihr hin. »Aber zwei verschiedene, ja?«

Mai nickt bestimmt.

»Gut. Kluges Mädchen.« Hock Seng tritt zurück. »Na los! Beeilt euch!«

Die Rikscha setzt sich in Bewegung, und zwar deutlich schneller als zuvor. Hock Seng blickt ihr nach. Die Köpfe des Fahrers und der drei Fahrgäste hüpfen auf und ab, während die Räder über das Pflaster holpern. Er verzieht das Gesicht. Wieder vier! Eine schlechte Zahl, ohne Frage. Er versucht, seine Angst zu unterdrücken, und fragt sich, ob er überhaupt noch in der Lage ist, klar zu denken. Er wird immer mehr zu einem alten Mann, der sich vor seinem eigenen Schatten fürchtet.

Wäre es nicht besser, wenn Mai und Kit und Srimuang im trüben Wasser der Chao Phraya schwimmen würden, Futter für die Rotflossen-Plaa? Wenn sie nur namenlose Körperteile wären, die zwischen den dahinziehenden Leibern hungriger Karpfen langsam untergingen?

Vier. Sz. Der Tod.

Ein Schauder läuft ihm den Rücken hinunter — wenn er sich nur nicht angesteckt hat. Unwillkürlich wischt er sich die Hände an seiner Hose ab. Er muss ein Bad nehmen. Sich mit Chlorbleiche abreiben und hoffen, dass das genügt. Die Rikscha verschwindet mit ihrer verseuchten Fracht hinter der nächsten Häuserecke. Hock Seng geht wieder hinein, zurück in die Fertigungshalle, wo die Fließbänder rattern und die Arbeiter einander ihren morgendlichen Gruß zurufen.

Bitte lass es Zufall sein, betet er. Bitte lass es nicht das Fließband sein.

17

Wie viele Nächte hat er jetzt schon nicht mehr geschlafen? Eine? Zehn? Zehntausend? Jaidee kann sich nicht mehr erinnern. Hellwach bei Mondschein und traumverloren, wenn die Sonne am Himmel stand, ist ihm jegliches Zeitgefühl abhandengekommen, ein Tag folgt auf den anderen, gleichförmig und bar jeder Hoffnung. Opfergaben und Sühnegebete, die unbeantwortet bleiben. Wahrsager und ihre Prophezeiungen. Generäle und ihre Beteuerungen. Morgen. Ganz bestimmt in drei Tagen. Einiges spricht dafür, dass sie nachgeben, und es gehen Gerüchte um über den Aufenthaltsort einer Frau.

Geduld.

Jai yen.

Kaltes Blut.

Nichts.

Entschuldigungen und Demütigungen in den Zeitungen. Eine Beichte von seiner eigenen Hand. Noch mehr falsche Geständnisse, die von Habgier und Korruption berichten. 200 000 Baht, die er nicht zurückzahlen kann. Leitartikel und Schmähreden in den Flüsterblättern. Von seinen Feinden verbreitete Geschichten, er habe gestohlenes Geld für Huren ausgegeben, für einen privaten Vorrat U-Tex-Reis, den er für seine Familie angelegt hat, falls eine Hungersnot eintritt. Der Tiger war auch nur einer von zahllosen korrupten Weißhemden.

Geldbußen werden auferlegt. Sein ganzer Besitz beschlagnahmt. Sein Haus niedergebrannt, ein Scheiterhaufen, während seine Schwiegermutter laut wehklagt und seine Kinder, längst seines Namens beraubt, mit ausdrucksloser Miene zuschauen.

Laut Beschluss wird er seine Buße nicht in einem nahe gelegenen Kloster ableisten. Stattdessen wird er in die Wälder von Phra Kritipong verbannt, wo die Elfenbeinkäfer das Land in eine Wüste verwandelt haben und neue Versionen der Rostwelke von Burma herüberwehen. In der Einöde soll er über sein Damma nachdenken. Ihm wurden die Augenbrauen abrasiert, und sein Kopf ist kahlgeschoren. Falls er seine Buße überleben sollte, wird er für den Rest seines Lebens im Süden die Flüchtlingslager der Yellow Cards bewachen: eine Arbeit, die den rangniedrigsten Weißhemden vorbehalten ist.

Und noch immer keine Nachricht von Chaya.

Ist sie am Leben? Ist sie tot? Steckt das Handelsministerium dahinter? Oder jemand anderes? Ein Jao Por, angesichts von Jaidees Dreistigkeit erzürnt? Oder jemand vom Umweltministerium? Bhirombhakdi, der verärgert ist, dass Jaidee sich nicht an die Spielregel gehalten hat? War es eine Geiselnahme oder Mord? Wurde sie getötet, als sie um ihre Freiheit kämpfte? Befindet sie sich noch immer in dem Raum mit den Betonwänden, in dem das Foto aufgenommen wurde, irgendwo in der Stadt, in einem überhitzten Hochhaus, und wartet darauf, dass er sie rettet? Oder liegt ihre Leiche in einer dunklen Gasse, wo Cheshire über sie herfallen? Schwimmt sie vielleicht im Chao Phraya, Futter für die Bodhi-Karpfen Rev 2.3, die das Ministerium mit solchem Erfolg gezüchtet hat? Ihm ist nichts geblieben außer Fragen. Er ruft in den Brunnenschacht hinein, aber kein Echo antwortet ihm.