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Und so sitzt er nun im ärmlichen Kuti eines Mönches auf dem Gelände der Tempelanlage von Wat Bowonniwet und wartet auf eine Antwort aus dem Kloster in Phra Kritipong, ob die Mönche dort bereit sind, sich seiner anzunehmen. Er trägt das Weiß eines Novizen. Er wird kein Orange für ihn geben. Niemals. Er ist kein Mönch. Ihm ist eine besondere Buße auferlegt. Sein Blick schweift über die rostigen Wasserflecken an der Wand, den Flaum von Schimmel und Fäulnis.

Auf eine Wand ist ein Bobaum gemalt, unter dem der Buddha sitzt und der Erleuchtung harrt.

Leiden. Alles ist Leiden. Jaidee starrt den Bobaum an. Ein weiteres Relikt der Vergangenheit. Das Ministerium hat ein paar davon künstlich konserviert — einige wenige, die nicht unter dem Ansturm der sich in ihrem Inneren vermehrenden Elfenbeinkäfer zerfallen sind. Die Käfer haben sich in den verschlungenen Stamm gegraben, dort sind ihre Jungen geschlüpft, und von dort sind sie ausgeschwärmt, immer weiter zum nächsten Opfer …

Alles ist vergänglich. Nicht einmal Bobäume sind da eine Ausnahme.

Jaidee fasst sich an die Brauen, streicht über die blassen Halbmonde über seinen Augen, wo früher Haare wuchsen. Er hat sich noch immer nicht an seinen glattrasierten Kopf gewöhnt. Alles verändert sich. Er starrt zu dem Bobaum und dem Buddha hinauf.

Ich habe geschlafen. Die ganze Zeit über habe ich geschlafen und nichts begriffen.

Doch jetzt, während er den gemalten Bobaum betrachtet, verschiebt sich etwas.

Nichts währt ewig. Ein Kuti ist eine Zelle. Er sitzt in einem Gefängnis, während diejenigen, die Chaya entführt haben, leben und trinken und huren und lachen. Nichts ist von Dauer. Das ist die zentrale Lehre des Buddha. Keine Karriere, keine Institution, keine Ehefrau, kein Baum … Alles ist Veränderung; Veränderung ist die einzige Wahrheit.

Er streckt die Hand nach dem Gemälde aus und fährt die abblätternde Farbe mit dem Finger nach. Ob derjenige, der es gemalt hat, wohl einen lebenden Bobaum vor Augen hatte? Hat er in einer weit zurückliegenden, glücklicheren Zeit gelebt? Oder musste er eine Fotografie verwenden? Eine Kopie von einer Kopie anfertigen?

Wird in tausend Jahren noch irgendjemand wissen, was ein Bobaum war? Werden die Enkel von Niwat und Surat wissen, dass es noch andere Feigenbäume gab, die auch alle längst ausgestorben sind? Werden sie wissen, dass es viele, viele Bäume gab und viele verschiedene Arten von Bäumen? Nicht nur Gates-Teak und transgene PurCal-Bananen, sondern noch viele, viele andere Pflanzen?

Werden sie begreifen, dass wir nicht schnell genug und nicht klug genug waren, um sie alle zu retten? Dass wir uns entscheiden mussten?

Die Grahamiten, die auf den Straßen von Bangkok predigen, reden alle von ihrer Heiligen Schrift und den Geschichten über Erlösung, die darin zu finden sind: Geschichten über ihren Noah Bodhisattva, der auf seinem großen Bambusfloß alle Tiere und Bäume und Blumen gerettet und ihnen geholfen hat, das Wasser zu überqueren; auf sein Floß hatte er alles gehäuft, was auf der Welt in die Brüche gegangen war, und dann hatte er sich auf die Suche nach Land begeben. Aber jetzt gibt es keinen Noah Bodhisattva mehr. Jetzt gibt es nur noch Phra Seub, der den Schmerz angesichts des Verlustes fühlt, aber nur wenig dagegen tun kann, und die kleinen Lehmbuddhas des Umweltministeriums, die das ansteigende Wasser nur mit bloßem Glück zurückhalten.

Der Bobaum verschwimmt. Jaidees Wangen sind nass von Tränen. Noch immer starrt er zu dem meditierenden Buddha hinauf. Wer hätte erwartet, dass die Kalorienkonzerne Feigen angreifen würden? Wer hätte erwartet, dass auch die Bobäume absterben würden? Die Farang haben vor nichts Respekt, außer vor Geld. Jaidee wischt sich das Wasser aus dem Gesicht. Es ist töricht zu glauben, irgendetwas würde ewig währen. Vielleicht ist sogar der Buddhismus vergänglich.

Er steht auf, rafft sein weißes Novizengewand zusammen und verbeugt sich vor der abblätternden Farbe des Buddhas unter seinem verschwundenen Baum.

Draußen scheint hell der Mond. Einige wenige Methanlampen glimmen; sie werfen nur ein schwaches Licht auf den Pfad, der durch die wiedererschaffenenTeakbäume zu den Toren des Klosters führt. Es ist töricht, nach Dingen zu streben, die nicht wiederzuerlangen sind. Alles stirbt einmal. Für ihn ist Chaya schon dahin. Das ist das Wesen des Wandels.

Die Tore sind unbewacht. Offenbar geht man davon aus, dass er gehorsam ist. Dass er sich mit letzter Kraft an die Hoffnung klammert, Chaya könnte zurückkehren. Dass er sich demütig in sein Schicksal fügt. Wahrscheinlich kümmert es niemanden, was letztlich aus ihm wird. Er hat seinen Zweck erfüllt. Er hat General Pracha einen schweren Schlag versetzt, und das ganze Umweltministerium hat wegen ihm sein Gesicht verloren. Was für eine Rolle spielt es da, ob er bleibt oder geht?

Er tritt auf die nächtlichen Straßen der Stadt der Engel hinaus und eilt durch die sich leerenden Straßen nach Süden, dem Fluss entgegen, dem Großen Palast und den funkelnden Lichtern der Stadt. Zu den Deichen, die die Stadt davor bewahren, unter dem Fluch der Farang zu ertrinken.

Vor ihm erhebt sich der Schrein der Stadtsäulen mit seinen funkelnden Dächern. Vor den Bildnissen des Buddha brennen Opfergaben, von denen süßlicher Rauch aufsteigt. Hier hat Rama XII. verkündet, dass die Stadt Krung Thep nicht aufgegeben würde. Dass sie nicht den Farang anheimfallen würde, so wie Ayutthaya sich vor so vielen Jahrhunderten den Burmesen ergeben hatte.

Während neunhundertundneunundneunzig Mönche ihren Gesang anstimmten, erklärte der König, die Stadt würde gerettet, und von dem Augenblick an betraute er das Umweltministerium mit ihrer Verteidigung. Betraute sie mit dem Bau der großen Deiche und Gezeitenbecken, die die Stadt vor dem Ansturm der Monsunfluten und Taifunwellen schützen sollten. Krung Thep würde standhalten.

Jaidee geht weiter und lauscht dem gleichförmigen Gesang der Mönche, die den ganzen Tag über beten und die Mächte der Geisterwelt um Beistand anrufen. Es gab Zeiten, da kniete auch er auf dem kühlen Marmor des Schreins, verneigte sich vor den Stadtsäulen und flehte den König und die Geister und die Lebenskraft der Stadt um Hilfe an, bevor er sich an seine Arbeit begab. Die Stadtsäulen, so glaubte er damals, verfügten über magische Kräfte. Sie bestärkten ihn in seinem Glauben.

Jetzt geht er in seinem weißen Gewand an ihnen vorüber und würdigt sie keines zweiten Blickes.

Alle Dinge sind vergänglich.

Er setzt seinen Weg fort, läuft durch die dicht besiedelten Viertel hinter dem Charoen Khlong. Das Wasser plätschert leise vor sich hin. Kein Boot gleitet so spätnachts den Kanal entlang. Da sieht er auf einer Veranda eine Kerze flackern. Er schleicht zu ihr hinüber.

»Kanya!«

Seine ehemalige Untergebene dreht sich überrascht um. Sie reißt sich zusammen, aber nicht schnell genug, als dass Jaidee nicht ihre Bestürzung über das erkennen kann, was da vor ihr steht: ein Mann mit geschorenem Kopf und rasierten Augenbrauen, der sie mit einem irren Grinsen begrüßt. Er zieht die Sandalen aus und steigt wie ein weißes Gespenst die Stufen hinauf. Jaidee weiß nur zu gut, wie er aussieht, aber er kann nicht anders, er empfindet auch die Komik der Situation. Rasch öffnet er die Verandatür und schlüpft hindurch.