»Ich dachte, Sie wären längst unterwegs in den Wald«, sagt Kanya.
Jaidee lässt sich neben ihr nieder und zupft sein Gewand zurecht. Er starrt auf das stinkende Wasser des Khlong hinaus. Die Äste eines Mangobaums spiegeln sich in dem vom Mondschein erhellten flüssigen Silber. »Es dauert lange, ein Kloster zu finden, das sich mit meinesgleichen beschmutzen möchte. Sogar Phra Kritipong scheint es sich noch einmal überlegen zu wollen, wenn es um einen Feind des Handelsministeriums geht.«
Kanya verzieht das Gesicht. »Alle reden davon, dass Akkarat immer mehr an Einfluss gewinnt. Er spricht bereits offen darüber, den Import von Aufziehmenschen zu erlauben.«
Jaidee schaut sie erschrocken an. »Davon habe ich noch nichts gehört. Ein paar Farang vielleicht, aber …«
»Bei allem Respekt für die Königin, aber Aufziehmenschen zetteln keinen Aufruhr an«, zitiert Kanya mit gequälter Miene. Sie drückt den Daumen in die harte Schale einer Mangostan und löst deren violette Haut ab, die in der Dunkelheit fast schwarz erscheint. »Torapee, der in die Fußstapfen seines Vaters tritt.«
Jaidee zuckt mit den Schultern. »Alles verändert sich.«
Kanya beißt sich auf die Unterlippe. »Wie soll man gegen so viel Geld etwas ausrichten? Geld ist Macht. Wer denkt da noch an seinen Patron oder an seine Verpflichtungen, wenn das Geld sich so hoch auftürmt wie die Wellen vor den Deichen? « Ihre Augen funkeln wütend. »Wir kämpfen nicht gegen das ansteigende Meer, sondern gegen Geld.«
»Geld ist verlockend.«
Kanya zieht eine Grimasse. »Nicht für Sie. Sie waren schon ein Mönch, bevor man Sie in eine Zelle geworfen hat.«
»Vielleicht gebe ich deshalb einen so schlechten Novizen ab.«
»Sollten Sie nicht inzwischen den Kuti tragen?«
Jaidee grinst. »Darin hab ich mich so eingeengt gefühlt.«
Kanya erstarrt und mustert ihn eindringlich. »Sie lassen sich nicht weihen?«
»Ich bin ein Kämpfer, kein Mönch.« Er zuckt mit den Schultern. »Was soll das bringen, wenn ich in meiner Zelle sitze und meditiere? Für eine Weile wusste ich nicht mehr ein noch aus. Dass ich Chaya verloren habe, hat mir den Verstand geraubt.«
»Sie wird zurückkehren. Davon bin ich überzeugt.«
Jaidee lächelt seinen Schützling traurig an. Welcher Glaube! Welche Hoffnung! Erstaunlich, dass eine Frau, die so selten lächelt und eine Welt voller Melancholie vor Augen hat, in diesem Fall — gerade in diesem Fall — glauben kann, dass sich die Ereignisse zum Positiven wenden.
»Nein. Das wird sie nicht.«
»Natürlich wird sie das!«
Jaidee schüttelt den Kopf. »Und ich dachte immer, Sie wären die Skeptikerin.«
Kanya ist anzusehen, wie sehr sie das alles peinigt. »Sie haben alles getan, um ihre Kapitulation öffentlich zu machen. Sie haben gänzlich das Gesicht verloren. Sie müssen sie einfach freilassen!«
»Das werden sie nicht. Ich fürchte, sie war schon innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden tot. Ich habe mich nur an die Hoffnung geklammert, weil ich verrückt nach ihr bin.«
»Sie wissen nicht mit Sicherheit, dass sie tot ist. Vielleicht halten Sie sie noch gefangen.«
»Wie Sie richtig bemerkt haben — ich habe vollständig das Gesicht verloren. Wenn es ihnen darauf angekommen wäre, hätten sie sie bereits freigelassen. Aber ganz offensichtlich hatten sie anderes im Sinn.« Jaidee betrachtet die stille Wasseroberfläche des Klong. »Ich muss Sie um einen Gefallen bitten.«
»Alles, was Sie wollen.«
»Leihen Sie mir Ihre Federpistole.«
Kanya reißt die Augen auf. »Khun …«
»Keine Sorge. Ich bring sie zurück. Sie müssen mich auch nicht begleiten. Ich brauche nur eine gute Waffe.«
»Ich …«
Jaidee grinst. »Ich komm schon klar. Es gibt keinen Grund, zwei Karrieren zu ruinieren.«
»Sie haben es auf das Handelsministerium abgesehen.«
»Akkarat muss begreifen, dass der Tiger noch immer Zähne hat.«
»Sie wissen nicht mit Sicherheit, dass diejenigen, die Kanya entführt haben, für das Handelsministerium arbeiten.«
»Für wen sonst?« Jaidee zuckt mit den Schultern. »Ich habe mir viele Feinde gemacht, aber letztlich kommt dafür nur einer infrage.«
»Ich werde Sie begleiten.«
»Nein. Sie bleiben schön hier. Sie müssen ein Auge auf Niwat und Surat haben. Das ist alles, worum ich Sie bitte, Leutnant.«
»Bitte tun Sie das nicht. Ich werde Pracha anflehen, dass er …«
Jaidee fällt ihr ins Wort, bevor sie etwas Hässliches ausspricht. Es gab eine Zeit, da hätte er zugelassen, dass sie ihm gegenüber das Gesicht verliert, dass ihre Entschuldigungen aus ihr herausströmen wie ein Wasserfall während des Monsuns. Aber damit ist es jetzt vorbei.
»Mehr wünsche ich mir gar nicht«, sagt er. »Ich bin es zufrieden. Ich werde dem Handelsministerium einen Besuch abstatten, und ich werde sie büßen lassen. All das ist Kamma. Es war mir nicht bestimmt, Chaya für immer behalten zu dürfen, und auch sie hatte eine andere Bestimmung. Aber ich glaube, dass wir trotzdem noch etwas bewirken können, wenn wir an unserem Damma festhalten. Wir haben alle unsere Pflichten, Kanya. Unserem Patron und unseren Männern gegenüber.« Er zuckt mit den Schultern. »Ich habe viele verschiedene Leben gelebt. Ich war ein Junge und ein Muay-Thai-Champion, ein Vater und ein Hauptmann der Weißhemden.« Er senkt den Blick und betrachtet die Falten seines Novizengewandes. »Und sogar ein Mönch.« Er grinst. »Machen Sie sich keine Sorgen um mich. Ich muss noch eine ganze Reihe von Stadien durchlaufen, bevor ich mit diesem Leben abschließe und Chaya nachfolge.« Seine Stimme wird rau. »Erst muss ich noch etwas erledigen, und bevor ich das nicht getan habe, hält mich niemand auf.«
Kanya sieht ihn mit traurigem Blick an. »Sie können nicht alleine gehen.«
»Nein. Ich werde Somchai mitnehmen.«
Das Handelsministerium: Ungestraft haben sie ihn verspottet, seine Frau geraubt und ein Loch von der Größe einer Durian in ihm zurückgelassen.
Chaya.
Jaidee betrachtet das Gebäude eingehend. Angesichts der gleißenden Lichter kommt er sich vor wie ein Wilder im Dschungel, wie der Medizinmann eines Bergstammes, der einer heranrückenden Armee von Megodonten entgegenblickt. Für einen Moment sinkt ihm fast der Mut.
Ich sollte die Jungs besuchen, denkt er bei sich. Ich könnte nach Hause gehen.
Aber er bleibt hier in der Dunkelheit stehen und beobachtet das hell erleuchtete Handelsministerium, wo Kohle verbrannt wird, als hätte die Große Kontraktion nie stattgefunden, als müsste der Ozean nicht von Deichen zurückgehalten werden.
Irgendwo in diesem Gebäude sitzt ein Mann und schmiedet Pläne. Der Mann, der ihn — wie lange ist das jetzt her? — auf den Ankerplätzen beobachtet hat. Der Betelsaft ausgespuckt hat und davongeschlendert ist, als wäre Jaidee nicht mehr als eine Kakerlake, die es zu zerquetschen galt. Der neben Akkarat saß und schweigend Jaidees Sturz mit ansah. Dieser Mann wird Jaidee zu Chayas letzter Ruhestätte führen. Dieser Mann ist der Schlüssel. Und er hält sich hinter diesen Mauern verborgen.
Jaidee zieht sich in die Dunkelheit zurück. Somchai und er tragen schwarze Straßenkleidung ohne irgendwelche Kennzeichen, um besser mit der Nacht zu verschmelzen. Somchai ist schnell. Einer der Besten. Auf engstem Raum gefährlich, und leise. Er kennt sich mit Schlössern aus, und wie Jaidee ist er hochmotiviert.
Somchai betrachtet das Ministerium mit ernster Miene. Fast wirkt er so ernst wie Kanya, denkt Jaidee. Anscheinend nehmen sie alle irgendwann dieses Gebaren an. Berufsrisiko. Jaidee fragt sich, ob die Thai wirklich jemals gelächelt haben, wie es die Legende erzählt. Jedes Mal, wenn er seine Söhne lachen hört, hat er das Gefühl, im Wald sei eine wunderschöne Orchidee erblüht.