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Somchai runzelt die Stirn, während er über Jaidees Schulter hinweg die Akte überfliegt. »Aber der ist doch auf keinen Fall wichtig genug! Das ist kein Mann mit Einfluss.«

Jaidee schüttelt den Kopf. »Nein. Er hat Macht. Ich hab gesehen, wie er mich angeschaut hat. Er hat an der Zeremonie teilgenommen, bei der ich degradiert wurde.« Er beißt sich auf die Unterlippe. »Hier steht keine Adresse. Nur Krung Thep.«

Von draußen ist das Schlurfen von Schritten zu hören. Plötzlich stehen zwei Männer mit gezogenen Federpistolen in der Tür. »Halt!«

Jaidee verzieht das Gesicht und hält die Akte hinter dem Rücken versteckt. »Ja? Gibt es irgendein Problem?« Die Wachleute kommen herein und schauen sich um.

»Wer sind Sie?«

Jaidee wirft Somchai einen belustigten Blick zu. »Haben Sie nicht gesagt, ich sei berühmt?«

Somchai zuckt mit den Schultern. »Nicht jeder ist ein Muay-Thai-Fan.«

»Aber jeder spielt. Sie hätten wenigstens auf meine Kämpfe wetten können.«

Die Wachleute kommen näher. Sie befehlen Jaidee und Somchai, auf die Knie zu gehen. Als die beiden hinter sie treten, um ihnen Handschellen anzulegen, rammt Jaidee dem einen den Ellenbogen in den Bauch. Wirbelt herum und erwischt ihn mit dem Knie am Kopf. Der andere Wachmann feuert Klingen in dichter Folge ab, bis Somchai ihm einen Handkantenschlag auf die Kehle versetzt. Er lässt seine Pistole fallen und geht zu Boden — aus seiner zertrümmerten Luftröhre dringt ein Röcheln.

Jaidee packt den anderen Wachmann und zieht ihn zu sich heran. »Kennst du diesen Mann?« Er hält das Bild aus der Akte hoch. Der Wachmann reißt die Augen auf und schüttelt den Kopf, versucht, zu seiner Pistole zu kriechen. Jaidee befördert sie mit einem Fußtritt außer Reichweite und versetzt ihm einen Tritt in den Rücken. »Du erzählst mir jetzt alles über ihn! Er arbeitet hier. Für Akkarat.«

Der Wachmann schüttelt erneut den Kopf. »Nein!«

Jaidee tritt ihm ins Gesicht. Blut fließt. Er kniet neben den winselnden Mann. »Raus damit, oder dir ergeht es wie deinem Freund.«

Der Blick des Wachmanns schweift zu seinem Kollegen hinüber, der an seiner zerschmetterten Luftröhre erstickt.

»Raus damit«, sagt Jaidee.

»Das wird nicht nötig sein.«

In der Tür steht der Mann, den Jaidee gesucht hat.

An ihm vorbei strömen bewaffnete Männer in das Zimmer. Jaidee zieht seine Pistole, aber sie feuern bereits, und Klingen bohren sich ihm in den Arm. Er lässt die Pistole fallen. Blut schießt hervor. Er dreht sich um, will zum Fenster stürzen, wird jedoch von mehreren Angreifern zu Boden gerissen und rutscht über den nassen Marmor. Irgendwo in weiter Ferne hört er Somchai brüllen. Die Arme werden ihm mit Fesseln aus Rattan auf den Rücken gebunden.

»Legt ihm einen Druckverband an!«, befiehlt der Unbekannte. »Ich möchte nicht, dass er verblutet.«

Jaidee senkt den Blick. Sein ganzer Arm ist rot. Einer der Wachleute macht sich daran zu schaffen. Jaidee ist schwindlig. Hat er bereits so viel Blut verloren, oder liegt es an der Mordlust, die ihm beinahe den Verstand raubt? Er wird auf die Füße gerissen. Somchai wird von zwei Wachmännern festgehalten; aus seiner Nase rinnt Blut, die Augen sind zugeschwollen. Seine Zähne sind rot. Hinter ihm auf dem Boden liegen zwei reglose Männer.

Der Neuankömmling mustert sie eingehend. Jaidee erwidert trotzig seinen Blick.

»Hauptmann Jaidee. Sollten Sie nicht in einem Kloster sein?«

Jaidee versucht, mit den Schultern zu zucken. »In meinem Kuti war es nicht hell genug. Da dachte ich, ich könnte ebenso gut hier Buße tun.«

Sein Gegenüber lächelt andeutungsweise. »Das lässt sich einrichten.« Er nickt seinen Männern zu. »Bringt sie rauf.«

Die Wachleute zerren ihn und Somchai aus dem Zimmer und den Korridor entlang. Vor einem Fahrstuhl bleiben sie stehen. Ein richtiger Fahrstuhl, mit einer Leuchtanzeige und Bildern des Ramakian an den Wänden. Jeder Knopf ist ein kleines Dämonenmaul, und vollbusige Frauen, die Saw Duang und Jakae spielen, säumen die Einfassung. Die Türen schließen sich.

»Wie heißen Sie«, fragt Jaidee.

Sein Gegenüber zuckt mit den Schultern. »Das ist nicht von Belang.«

»Sie sind Akkarats Kreatur.«

Keine Antwort.

Die Türen gehen auf. Sie treten auf das Dach hinaus. Fünfzehn Stockwerke bis zur Straße hinunter. Somchai und er werden vorwärtsgestoßen.

»Na los«, sagt der Unbekannte. »Sie warten hier oben. Dort rüber, wo wir Sie sehen können.«

Die Wachleute richten ihre Federpistolen auf sie und bedeuten ihnen, zum Rand des Daches zu gehen. Sie blicken zu dem schwachen Schein der Methanlampen hinunter.

So ist es also, dem Tod ins Angesicht zu blicken, denkt Jaidee, während er in die Tiefe starrt. Die Straße liegt weit unter ihm. Als warte sie auf ihn.

»Was haben Sie mit Chaya gemacht?«, ruft er dem geheimnisvollen Mann zu.

Dieser lächelt. »Sind Sie deswegen hier? Weil wir sie nicht schnell genug freigelassen haben?«

Jaidee fühlt Hoffnung in sich aufsteigen. Hat er sich vielleicht geirrt? »Sie können mit mir machen, was Sie wollen. Aber lassen Sie meine Frau gehen.«

Der Unbekannte scheint zu zögern. Hat er ein schlechtes Gewissen? Jaidee kann es nicht erkennen, weil er zu weit weg ist. Ist Chaya also unwiderruflich tot? »Lasst sie frei. Machen Sie mit mir, was Sie wollen.«

Der Unbekannte bleibt ihm die Antwort schuldig.

Jaidee fragt sich, ob er etwas hätte anders machen sollen. Es war unbesonnen vom ihm hierherzukommen. Aber er hatte sie bereits verloren. Und der Unbekannte hat ihm nichts versprochen, keine Drohungen ausgestoßen — nichts, dem er hätte entnehmen können, dass sie noch am Leben ist. Hat er sich töricht verhalten?

»Lebt sie noch oder nicht?«, fragt er.

Der Unbekannte lächelt leise. »Ich kann mir vorstellen, dass es wehtut, das nicht zu wissen.«

»Lassen Sie sie frei.«

»Das war nichts Persönliches, Jaidee. Wenn es einen anderen Weg gegeben hätte …« Er zuckt mit den Achseln.

Sie ist tot. Jaidee ist sich dessen sicher. Das alles ist Teil eines Plans. Er hätte sich nicht von Pracha umstimmen lassen dürfen. Er hätte sofort mit all seinen Männer angreifen und dem Handelsministerium eine Lektion erteilen sollen. Er dreht sich zu Somchai um. »Es tut mir leid.«

Somchai zuckt mit den Schultern. »Sie waren schon immer ein Tiger. Das liegt in Ihrer Natur. Das wusste ich, als ich eingewilligt habe, Sie zu begleiten.«

»Trotzdem, Somchai, wenn wir hier sterben …«

Somchai lächelt. »Dann werden Sie als Cheshire wiedergeboren. «

Jaidee bricht in schallendes Gelächter aus. Es tut gut, und er kann gar nicht mehr aufhören. Jede Faser seines Körpers zittert. Sogar die Wachleute müssen kichern. Somchais Lächeln wird breiter und verstärkt seine Heiterkeit.

Hinter ihm Schritte. Eine Stimme. »Was für eine heitere Gesellschaft! Und das alles nur wegen zwei jämmerlichen Dieben.«

Jaidee kann sich nur schwer beherrschen. Er schnappt nach Luft. »Da muss ein Irrtum vorliegen. Wir arbeiten hier.«

»Das bezweifle ich. Drehen Sie sich um.«

Jaidee dreht sich um. Vor ihm steht der Handelsminister. Akkarat, wie er leibt und lebt. Und neben ihm … Jaidees Heiterkeit verlässt ihn wie Wasserstoff, der aus einem Luftschiff entweicht. Akkarat wird von Leibwachen flankiert. Schwarzen Panthern. Die königliche Elite — ein Zeichen der Hochachtung, die der Palast ihm entgegenbringt.

Jaidees Herz wird zu Eis. Im Umweltministerium genießt niemand einen vergleichbaren Schutz. Nicht einmal General Pracha.

Akkarat lächelt angesichts von Jaidees Bestürzung. Er mustert Jaidee und Somchai, als würde er auf dem Markt Buntbarsche in Augenschein nehmen, aber Jaidee ist das gleichgültig. Sein Blick ruht auf dem namenlosen Mann hinter ihm. Der so bescheiden auftritt. Der … Jetzt begreift er plötzlich. »Sie gehören gar nicht dem Handelsministerium an«, murmelt er. »Sie sind dem Palast unterstellt.«