Выбрать главу

Sie zögert noch immer.

»Ja?«, fragt er.

»Ich habe gehofft, ich bekomme noch meinen offenen Lohn.«

»Natürlich.« Hock Seng geht zu dem Tresor mit der Handkasse, öffnet ihn, greift hinein und holt eine Handvoll rotes Papier heraus. In einem Anfall leichtfertiger Großzügigkeit, den er selbst nicht versteht, reicht er ihr das ganze Bündel. »Hier. Nimm das.«

Mai ringt nach Luft. »Khun! Vielen Dank.« Sie verbeugt sich tief. »Vielen Dank.«

»Nicht der Rede wert. Leg dir etwas davon zurück …«

In der Fabrikhalle werden Stimmen laut. Menschen schreien. Hock Seng fühlt Panik in sich aufsteigen. Das Fließband blockiert. Die Warnglocke läutet mit Verspätung.

Hock Seng eilt zur Tür und blickt hinunter. Ploi winkt den anderen Arbeitern und deutet auf die Tore. Die Männer und Frauen verlassen ihren Arbeitsplatz und rennen hinaus. Hock Seng reckt den Hals.

»Was ist los?«, fragt Mai.

»Ich weiß es nicht.« Er dreht sich um und läuft zu den Fensterläden hinüber, reißt sie auf. Auf der Gasse an der Rückseite der Fabrik marschieren Weißhemden in Reih und Glied. Er hält die Luft an. »Weißhemden.«

»Kommen sie hierher?«

Hock Seng bleibt ihr die Antwort schuldig. Er blickt über die Schulter zum Tresor hinüber. Mit ein wenig Zeit … Nein. Er benimmt sich wie ein Narr. In Malaya hat er zu lang gewartet; er wird denselben Fehler nicht ein zweites Mal begehen. Er hastet zu dem Tresor mit der Handkasse und holt das gesamte Geld heraus. Stopft es in einen Beutel.

»Kommen sie hierher, weil jemand krank ist?«, fragt Mai.

Hock Seng schüttelt den Kopf. »Das spielt keine Rolle. Komm her.« Er geht zu einem der anderen Fenster hinüber und öffnet die Läden. Dahinter kommt das Dach der Fabrik zum Vorschein, das in der Sonne gleißt.

Mai blickt auf die heißen Ziegel hinaus. »Was soll das?«

»Ein Fluchtweg. Yellow Cards sind immer auf das Schlimmste vorbereitet.« Mit einem Lächeln hilft er ihr auf den Sims. »Wir leiden an Verfolgungswahn, musst du wissen.«

19

»Haben Sie Akkarat gegenüber betont, dass Zeit bei diesem Angebot ein entscheidender Faktor ist?«, fragt Anderson.

»Was beschweren Sie sich denn?« Carlyle prostet Anderson mit einem Glas warmem Bier zu. »Immerhin hat er Sie noch nicht von Megodonten vierteilen lassen.«

»Ich kann ihn mit Geld und Rohstoffen versorgen. Und was wir im Gegenzug dafür verlangen, ist nicht viel. Die Zeiten haben sich geändert.«

»Die Dinge stehen gut für ihn. Vielleicht glaubt er, dass er Sie gar nicht braucht. Immerhin kriechen die Weißhemden vor ihm zu Kreuze. So viel Einfluss hatte er nicht mehr seit dem Debakel am 12. Dezember.«

Anderson zieht eine wütende Grimasse. Er greift nach seinem Glas, stellt es dann jedoch wieder hin. Die warme Brühe ist ihm zuwider. Er hat sowieso schon einen dicken Kopf vom Sato und von der Hitze. Allmählich hat er den Eindruck, dass Sir Francis die Farang loswerden möchte, sie mit leeren Versprechen und warmem Whisky abspeist — kein Eis heute, es tut mir so leid. Die wenigen anderen Gäste, die an der Theke stehen, wirken ebenso betäubt wie er.

»Sie hätten zugreifen sollen, als ich Ihnen mein erstes Angebot gemacht habe«, stellt Carlyle fest. »Dann würden Sie jetzt nicht derart im eigenen Saft schmoren.«

»Als Sie mir Ihr erstes Angebot gemacht haben, waren Sie ein Aufschneider, der gerade ein ganzes Luftschiff verloren hatte.«

Carlyle lacht. »Tja, wenn Sie nur da schon begriffen hätten, was hinter den Kulissen wirklich passiert.«

Anderson schenkt Carlyles Sticheleien keine Beachtung. Natürlich ärgert es ihn, dass Akkarat sein Angebot so beiläufig ausgeschlagen hat. Andererseits fällt es ihm zunehmend schwer, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Er muss unablässig an Emiko denken. Jeden Abend eilt er ins Ploenchit, nimmt sie ganz für sich in Anspruch, überschüttet sie mit Baht. Auch wenn Raleigh den Rachen nicht voll bekommen kann, die Gesellschaft des Aufziehmädchens ist immer noch ein billiges Vergnügen. In ein paar Stunden wird die Sonne untergehen, und sie wird erneut auf die Bühne stöckeln. Als er ihr das erste Mal dabei zugeschaut hat, erwiderte sie seinen Blick und flehte ihn stumm an, sie vor dem zu bewahren, was gleich geschehen würde.

»Mein Körper gehört nicht mir«, erklärte sie ihm mit ausdrucksloser Stimme, als er sie fragte, warum sie das mit sich machen ließ. »Die Männer, die mich geschaffen haben — sie zwingen mich, Dinge zu tun, die ich nicht kontrollieren kann. Als wären ihre Hände in mir. Wie Puppen, ja?« Sie ballte die Hände, öffnete und schloss sie, ohne sich dessen bewusst zu sein, aber ihre Stimme blieb gedämpft. »Sie haben mir Gehorsam einprogrammiert, in jeder Beziehung.«

Und dann schenkte sie ihm ein reizendes Lächeln und schmiegte sich an ihn, als gäbe es nichts, worüber sie sich zu beklagen hätte.

Sie ist ein Tier. So unterwürfig wie ein Hund. Und doch, wenn er sich zusammenreißt und sie nicht unter Druck setzt, dann kommt ein anderes Aufziehmädchen zum Vorschein. Ein Geschöpf, so kostbar und selten wie ein lebender Bobaum. Ihre Seele, die sich aus der erstickenden Umklammerung der DNA-Stränge löst.

Er fragt sich, ob er sich wohl mehr über den Missbrauch aufregen würde, wenn sie wirklich ein Mensch wäre. Es ist schon seltsam, mit einer künstlich hergestellten Kreatur zusammen zu sein — einer Kreatur, die darauf trainiert ist, ihm zu dienen. Sie gibt selbst zu, dass ihre Seele gespalten ist; dass sie nicht weiß, inwieweit sie Herr ihrer selbst und inwieweit sie ihren Genen ausgeliefert ist. Hat sie ihre Dienstbeflissenheit irgendwelcher Hunde-DNA zu verdanken, die ihr stets den untersten Rang im Menschenrudel diktiert? Oder liegt das an der Ausbildung, von der sie erzählt hat?

Das Geräusch marschierender Stiefel reißt Anderson aus seinen Gedanken. Carlyle reckt den Hals, um zu sehen, was da los ist. Anderson richtet sich auf und stößt dabei fast sein Bierglas um.

Die Straße hat sich in ein Meer weißer Uniformen verwandelt. Fußgänger, Radfahrer und Garküchenbesitzer stieben auseinander, drücken sich verzweifelt an die Wände der umstehenden Gebäude, um den Truppen des Umweltministeriums Platz zu machen. Federgewehre, schwarze Schlagstöcke und blendend weiße Uniformen, so weit das Auge reicht. Die Gestalt gewordene Entschlossenheit marschiert an ihnen vorbei. Das resolute Angesicht einer Nation, die noch nie erobert worden ist.

»Jesus und Noah«, murmelt Carlyle.

Anderson kneift die Augen zusammen. »Das sind verdammt viele Weißhemden.«

Auf ein verstecktes Signal hin lösen sich zwei Weißhemden aus der Kolonne und betreten das Sir Francis. Mit kaum verhülltem Ekel mustern sie die Farang, die benommen in der Hitze herumliegen.

Sir Francis, für gewöhnlich eher unbekümmert, wenn er denn überhaupt anwesend ist, kommt herbeigeeilt und verbeugt sich tief vor den beiden Männern.

Anderson deutet mit einer Kopfbewegung Richtung Tür. »Wir gehen wohl besser, was?«

Carlyle nickt mit ernster Miene. »Möglichst unauffällig, würde ich sagen.«

»Dafür dürfte es zu spät sein. Glauben Sie, die suchen nach Ihnen?«

Carlyle beißt sich auf die Unterlippe. »Eigentlich hatte ich gehofft, sie hätten es auf Sie abgesehen.«

Sir Francis beendet sein Gespräch mit den Weißhemden. Er dreht sich um und ruft seinen Gästen zu: »Es tut mir leid, aber wir haben geschlossen. Alles hat geschlossen. Sie müssen gehen. Sofort.«

Anderson und Carlyle stehen auf, beide etwas unsicher auf den Beinen. »Ich hätte nicht so viel trinken sollen«, murmelt Carlyle.