Zusammen mit den anderen Gästen wanken sie hinaus. In der gleißenden Sonne bleiben sie stehen und schauen zu, wie die Weißhemden an ihnen vorbeiströmen. Das Knallen von Stiefeln hallt durch die Straßen. Gewalt liegt in der Luft.
Anderson beugt sich zu Carlyle hinüber. »Da wird doch nicht wieder Akkarat seine Finger im Spiel gehabt haben, oder? Wie bei Ihrem abgestürzten Luftschiff, meine ich.«
Carlyle bleibt ihm die Antwort schuldig, doch sein grimmiger Gesichtsausdruck verrät Anderson alles, was er wissen muss. Hunderte von Weißhemden drängen sich auf den Straßen, und es werden immer mehr. Der uniformierte Fluss nimmt kein Ende.
»Anscheinend haben sie Truppen aus der Provinz hinzugezogen. So viele Weißhemden arbeiten unmöglich in der Stadt.«
»Das sind die Frontkämpfer des Ministeriums — sie sind es, die die Brände legen«, erklärt Carlyle. »Wenn die Cibiskose oder die Hühnergrippe außer Kontrolle gerät.« Er hebt die Hand, um Anderson auf etwas hinzuweisen, überlegt es sich dann jedoch anders, weil er keine Aufmerksamkeit erregen möchte. Stattdessen nickt er. »Sehen Sie die Abzeichen? Der Tiger und die Fackel? Das sind Selbstmordkommandos, nichts anderes. Bei denen hat auch der Tiger von Bangkok angefangen.«
Anderson nickt verbissen. Es ist eine Sache, sich über die Weißhemden zu beschweren und Witze über ihre Dummheit und Bestechlichkeit zu reißen. Es ist etwas völlig anderes, sie so vorbeimarschieren zu sehen. Die Erde bebt unter ihren Stiefeln. Staub wirbelt auf. Ihre Zahl scheint endlos, und Anderson muss sich zusammennehmen, um nicht die Flucht zu ergreifen. Das sind Raubtiere. Anderson ist die Beute. Er fragt sich, ob Peters und Lei eine auch nur annähernd so deutliche Warnung erhielten, bevor in Finnland alles den Bach runterging.
»Haben Sie eine Pistole?«, fragt er Carlyle.
Carlyle schüttelt den Kopf. »Die bringen einen nur in Schwierigkeiten.«
Anderson sucht die Straße nach Lao Gu ab. »Mein Rikschafahrer hat sich verdrückt.«
»Verfluchte Yellow Cards.« Carlyle lacht leise. »Die wissen auch immer, woher der Wind weht. Ich möchte wetten, dass sämtliche Yellow Cards in der ganzen Stadt untergetaucht sind.«
Anderson packt Carlyle am Ellenbogen. »Kommen Sie. Und versuchen Sie, möglichst keine Aufmerksamkeit zu erregen. «
»Wohin gehen wir?«
»Wir wollen mal schauen, was los ist.«
Anderson führt ihn eine Nebenstraße entlang. Sein Ziel ist der Hauptfracht-Khlong, ein Kanal, der direkt ins Meer fließt. Fast augenblicklich sehen sie sich einem Kordon von Weißhemden gegenüber, die ihre Gewehre heben und Anderson und Carlyle bedeuten, einen anderen Weg einzuschlagen.
»Sieht so aus, als würden sie das ganze Viertel abriegeln«, sagt Anderson. »Die Schleusen. Die Fabriken.«
»Quarantäne?«
»Wenn sie hier wären, um Brände zu legen, würden sie Masken tragen.«
»Also ein Putsch? Wie am 12. Dezember?«
Anderson zieht die Augenbrauen hoch. »Ist es dafür nicht ein wenig früh?«
Carlyle betrachtet die Weißhemden. »Vielleicht ist uns General Pracha einen Schritt voraus.«
Anderson zieht ihn in die andere Richtung. »Kommen Sie. Gehen wir zu meiner Fabrik. Vielleicht weiß Hock Seng etwas. «
Überall entlang der Straße holen Weißhemden die Leute aus ihren Geschäften und fordern sie auf, die Türen zu verschließen. Ladenbesitzer befestigen hastig Holzplatten vor ihren Schaufenstern. Eine weitere Kompanie Weißhemden marschiert vorbei.
Als Anderson und Carlyle vor der SpringLife-Fabrik eintreffen, sehen sie gerade noch, wie die Megodonten herausgeführt werden. Anderson schnappt sich einen der Mahout, der sein Tier mit einem Peitschenschlag zum Stehen bringt und Anderson fragend ansieht, während der Megodont schnaubt und ungeduldig mit den Füßen aufstampft. Fließbandarbeiter strömen um das Hindernis herum.
»Wo ist Hock Seng?«, fragt Anderson. »Der Yellow-Card-Boss. Wo?«
Der Mahout schüttelt den Kopf. Immer mehr Arbeiter eilen an ihnen vorbei.
»Waren die Weißhemden hier?«
Der Mahout antwortet so schnell, dass Anderson ihn nicht versteht. Carlyle übersetzt. »Er sagt, dass die Weißhemden auf Rache aus sind. Sie wollen ihren Gesichtsverlust wiedergutmachen. «
Der Mahout macht eine unwirsche Handbewegung, und Anderson tritt beiseite.
Auch aus der Chaozhou-Fabrik auf der anderen Straßenseite werden die Arbeiter evakuiert. Keiner der Läden hat mehr geöffnet, die Garküchen sind alle in die Häuser geschoben worden oder befinden sich in wilder Flucht. Entlang der Straße sind alle Türen geschlossen. Aus Fenstern in den oberen Stockwerken lugen hier und dort Thai heraus, aber auf der Straße sind nur davoneilende Arbeiter und marschierende Weißhemden zu sehen. Die letzten SpringLife-Angestellten hasten vorbei, ohne Carlyle oder Lake die geringste Aufmerksamkeit zu schenken.
»Das wird ja mit jeder Minute schlimmer«, murmelt Carlyle. Unter seiner tropischen Sonnenbräune ist er blass geworden.
Eine weitere Welle Weißhemden biegt um die Ecke — sechs Reihen nebeneinander, eine Schlange, die sich die ganze Straße entlang erstreckt.
Angesichts der abgesperrten Ladengeschäfte stellen sich Anderson die Nackenhaare auf. Fast könnte man meinen, alles bereitet sich auf einen Taifun vor. »Folgen wir dem Beispiel der Eingeborenen und machen wir, dass wir hineinkommen. « Er packt eines der schweren Eisentore und zerrt daran. »Helfen Sie mir!«
Sie brauchen ihre ganze Kraft, um die Tore zu schließen und die schweren Riegel vorzulegen. Anderson versetzt dem Schloss einen letzten Schlag und lehnt sich dann keuchend gegen das heiße Eisen. Carlyle betrachtet die Gitterstäbe. »Heißt das, dass wir jetzt sicher sind oder dass wir in der Falle sitzen?«
»Noch sind wir nicht im Khlong-Prem-Gefängnis. Also können wir wohl davon ausgehen, dass wir es geschafft haben. «
Aber innerlich hegt Anderson Zweifel. Es sind zu viele Variablen im Spiel, und das macht ihn nervös. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie es in Missouri einmal zu Ausschreitungen der Grahamiten kam. Die Lage war angespannt gewesen, es wurden Reden gehalten, und dann entlud sich der Zorn der Menge vulkanartig. Niemand hatte es kommen sehen. Nicht ein einziger Mitarbeiter des Geheimdienstes hatte geahnt, was für ein Hexenkessel unter der Oberfläche brodelte.
Anderson war schließlich auf einem Getreidesilo gelandet und wäre fast am Rauch der brennenden HiGro-Felder erstickt, während er Schuss um Schuss aus einem Federgewehr, das er einem begriffsstutzigen Wachmann abgenommen hatte, auf die Aufständischen abfeuerte und sich die ganze Zeit fragte, wie er sämtliche Vorzeichen hatte übersehen können. Wegen ebendieser Blindheit hatten sie die Anlage verloren. Und jetzt ist es wieder dasselbe. Eine plötzliche Eruption, und er muss überrascht feststellen, dass die Welt, wie er sie sieht, nicht mit derjenigen übereinstimmt, in der er tatsächlich lebt.
Steckt Pracha dahinter, der nach der Macht greift? Oder Akkarat, der für Unruhe sorgt? Oder ist einfach nur eine neue Seuche ausgebrochen? Alles war möglich. Während Anderson zuschaut, wie die Weißhemden vorbeiströmen, kann er fast den Rauch der brennenden HiGro-Silos riechen.
Er winkt Carlyle, ihm in die Fabrik zu folgen. »Wir müssen Hock Seng finden. Wenn jemand irgendetwas weiß, dann er.«
Die Büroräume im Obergeschoss sind jedoch leer. Hock Sengs Räucherstäbchen brennen gleichmäßig, dünne Rauchfäden steigen auf. Überall auf den Schreibtischen liegen Unterlagen verstreut; das Papier raschelt in der sanften Brise der Kurbelventilatoren.
Carlyle lacht, leise und zynisch. »Na, ist Ihnen ein Assistent abhandengekommen?«
»Sieht so aus.«
Der Tresor mit der Handkasse ist nicht verschlossen. Anderson wirft einen Blick hinein. Wenigstens 30 000 Baht fehlen. »Verdammte Scheiße. Der Kerl hat mich bestohlen.«