Carlyle schiebt einen Fensterladen auf. Dahinter kommt ein Ziegeldach zum Vorschein, das sich über die ganze Länge der Fabrik erstreckt. »Schauen Sie sich das mal an.«
Anderson runzelt die Stirn. »Da hat er immer an der Verriegelung rumgemacht. Und ich dachte, er hatte Angst, jemand könnte einbrechen.«
»Ich glaube, er hat sich verdrückt.« Carlyle lacht. »Sie hätten ihn rauswerfen sollen, als Sie noch die Gelegenheit dazu hatten.«
Wieder hallt das Knallen von Stiefeln zu ihnen herauf — auf der Straße ist kein anderes Geräusch mehr zu hören.
»Immerhin, er hat Vorsorge getroffen!«
»Sie wissen doch, was die Thai sagen: »Wenn irgendwo ein Yellow-Card wegrennt, ist ihm bestimmt ein Megodont auf den Fersen.«
Anderson lässt noch ein letztes Mal den Blick durch das Büro schweifen und lehnt sich dann aus dem Fenster. »Kommen Sie! Wollen doch mal sehen, wohin sich mein Assistent verzogen hat.«
»Im Ernst?«
»Wenn er den Weißhemden aus dem Weg gehen wollte, dann sollten wir seinem Beispiel folgen. Ganz offensichtlich hatte er einen Plan.« Anderson zieht sich hoch und klettert in die Sonne hinaus. Fast verbrennt er sich an den Dachziegeln die Hände. Er richtet sich auf und schüttelt sie. Dabei kommt er sich vor, als stünde er in einer Bratpfanne. Er schaut sich auf dem Dach um, während er langsam ein- und ausatmet. Weiter hinten erhebt sich die Chaozhou-Fabrik. Anderson geht ein paar Schritte, dreht sich dann um und ruft: »Ja. Ich glaube, er ist hier entlang.«
Carlyle steigt auf das Dach hinaus. Sein Gesicht glänzt vor Schweiß, und sein Hemd ist nass. Vorsichtig gehen sie über die rötlichen Ziegel, während die Luft um sie herum zu kochen scheint. Schließlich stehen sie am Rand des Daches und blicken auf eine schmale Gasse hinab, die von der Thanon Phosri nicht einzusehen ist. Auf der anderen Seite hängt eine Leiter an der Mauer.
»Ich fass es nicht.«
Beide starren Sie die drei Stockwerke hinunter. »Ihr alter Chinese ist da rübergesprungen?«, fragt Carlyle.
»Sieht so aus. Und dann ist er die Leiter runtergelettert.« Anderson runzelt die Stirn. »Ziemlich tief.« Ohne es zu wollen muss er über Hock Sengs Einfallsreichtum lächeln. »Kluger Kerl.«
»Das ist ein ganz schönes Stück.«
»Halb so schlimm. Und wenn Hock Seng …«
Anderson spricht seinen Satz nicht zu Ende, denn in dem Moment segelt Carlyle an ihm vorbei und über die Gasse hinweg. Er landet auf der anderen Seite und rollt sich ab. Kurz darauf ist er wieder auf den Beinen und winkt Anderson aufmunternd zu.
Anderson beißt sich auf die Unterlippe und nimmt Anlauf. Bei der Landung klappern ihm die Zähne. Bis er aufgestanden ist, verschwindet Carlyle bereits über dem Rand des Daches und klettert die Leiter hinunter. Anderson folgt ihm, wobei er sein linkes Knie schont, das er sich zerschrammt hat. Carlyle schaut sich bereits suchend um, als Anderson neben ihm landet.
»In dieser Richtung liegt die Thanon Phosri, und da warten unsere Freunde auf uns«, sagt er. »Das ist keine gute Idee.«
»Hock Seng leidet an Verfolgungswahn«, entgegnet Anderson. »Er hat bestimmt irgendwo einen Fluchtweg ausgespäht. Und der führt ganz sicher nicht auf die Hauptstraße.« Er geht in die andere Richtung. Fast sofort sieht er einen Spalt zwischen zwei Fabrikmauern.
Carlyle schüttelt voller Bewunderung den Kopf. »Nicht übel.« Sie quetschen sich in den schmalen Durchgang und folgen ihm mehr als einhundert Meter weit, bis sie vor einer rostigen Blechtür stehen. Als sie diese beiseiteschieben, blickt ein Großmütterchen von ihrer Wäsche auf. Sie stehen in einem winzigen Hinterhof. Überall hängen Kleider an Leinen, und das Sonnenlicht, das durch den feuchten Stoff fällt, bildet einen Regenbogen. Die alte Frau bedeutet ihnen mit einer Handbewegung weiterzugehen.
Kurz darauf stehen sie in einer kleinen Soi, die wiederum in eine Folge labyrinthischer Gassen übergeht, die sich durch einen behelfsmäßigen Slum winden. Hier leben die Kulis, die an den Schleusen arbeiten und Güter von den Fabriken zum Meer befördern. In den engen Gassen kauern die Arbeiter über Nudeln und gebratenem Fisch. WeatherAll-Hütten. Schweiß und das Halbdunkel überhängender Dächer. Der Qualm von gebratenem Chili brennt ihnen im Hals, und hustend halten sie sich die Hände vor den Mund, während sie sich durch die entsetzliche Hitze kämpfen.
»Wo zum Teufel sind wir?«, murmelt Carlyle. »Ich hab völlig die Orientierung verloren.«
»Spielt das eine Rolle?«
Sie bahnen sich einen Weg vorbei an Hunden, die wie betäubt in der Sonne liegen, an Cheshire, die auf Abfallhaufen hocken. Schweiß läuft Anderson über das Gesicht. Der leichte Rausch, den er sich im Sir Francis angetrunken hat, ist längst verflogen. Dunkle Gassen und schmale Soi winden sich zwischen den Hütten hindurch. Sie müssen sich an Fahrrädern vorbeiquetschen, an Stapeln mit Altmetall und Kokosnussplanen.
Vor ihnen öffnet sich ein Durchgang. Sie stolpern in das diamantene Sonnenlicht hinaus. Anderson atmet tief durch — die Luft ist hier vergleichsweise frisch. Erst jetzt wird ihm bewusst, wie sehr ihn die Enge zwischen den Hütten bedrückt hat. Das hier ist zwar noch keine breite Straße, aber es herrscht immerhin ein gewisser Verkehr. »Das kommt mir bekannt vor«, sagt Carlyle. »Hier in der Nähe ist irgendwo eine Kaffeebude, wo einer meiner Leute gerne hingeht.«
»Wenigstens hat es hier keine Weißhemden.«
»Ich muss zurück ins Victory«, fährt Carlyle fort. »Ich habe dort Geld im Tresor.«
»Wie viel ist Ihr Kopf wert?«
Carlyle zieht eine Grimasse. »Hm. Vielleicht haben Sie Recht. Aber ich muss wenigstens irgendwie Verbindung zu Akkarat aufnehmen. Und herausfinden, was los ist. Damit wir überlegen können, was wir als Nächstes tun sollen.«
»Hock Seng und Lao Gu sind beide untergetaucht«, entgegnet Anderson. »Für den Augenblick sollten wir dem Beispiel der Yellow Cards folgen. Wir können eine Rikscha zum Sukhumvit-Khlong nehmen und von dort ein Boot zu meiner Wohnung. So halten wir uns von den Industriegebieten fern. Und von diesen ganzen verfluchten Weißhemden.«
Er winkt eine Rikscha heran und macht sich nicht einmal die Mühe, um den Fahrpreis zu feilschen, als er und Carlyle einsteigen.
Anderson entspannt sich allmählich — sie sind den Weißhemden entkommen. Fast schämt er sich für seine Angst. Vielleicht wären sie einfach nur die Straße entlangmarschiert und hätten ihn in Ruhe gelassen. Vielleicht sind sie völlig grundlos über die Dächer geflüchtet. Vielleicht … Frustriert schüttelt er den Kopf. Es fehlt ihnen einfach an Informationen.
Hock Seng hat nicht abgewartet. Er hat sich einfach das Geld geschnappt und ist davongerannt. Bei der Vorstellung, wie sein Assistent über die Gasse springt, muss er lachen.
»Was ist denn da so komisch?«
»Ach, nur Hock Seng. Er hat alles genau geplant. Bis in die kleinste Einzelheit. Kaum gibt es Schwierigkeiten — wusch! Schon verschwindet er durchs Fenster hinaus.«
Carlyle grinst. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie sich einen geriatrischen Ninja halten.«
»Ich dachte immer …« Anderson verstummt. Der Verkehr gerät ins Stocken. Er steht auf und erhascht einen Blick auf weiße Uniformen. »Scheiße.« Die Soldaten des Umweltministeriums blockieren die Straße.
Carlyle taucht neben ihm auf. »Ein Kontrollpunkt?«
»Sieht so aus, als wären es nicht nur die Fabriken.« Anderson schaut sich um, sucht einen Fluchtweg, aber sie sind zwischen zahllosen Fußgängern und Radfahrern eingekeilt.
»Sollten wir rennen?«
Anderson lässt den Blick über die Menge schweifen. Neben ihnen steht ein anderer Rikschafahrer auf seinen Pedalen, sieht sich das Geschehen an und setzt sich wieder hin, wobei er verärgert seine Klingel betätigt. Der Fahrer ihrer Rikscha folgt seinem Beispiel.