Die Schwerkraft reißt sie nach unten. Die Männer und ihre Projektile verschwinden. Sie kracht in den Balkon, schlägt mit dem Kinn auf ihre Knie. Verdreht sich dabei den Fuß. Metall kreischt. Sie rollt sich ab und kracht in das Geländer. Es gibt nach, geht in tausend Stücke, und Emiko wird in die Luft geschleudert. Sie greift nach einer geborstenen Kupferbalustrade. Bekommt sie fassen. Baumelt an einem Stück Metall, weit unter sich die Straße.
Um sie herum gähnt das Nichts, grenzenlos, verlockend. Eine heiße Bö zerrt an ihr. Keuchend zieht sich Emiko auf den schiefen Balkon hinauf. Sie zittert am ganzen Körper, und ihre Glieder schmerzen. Trotzdem gehorchen ihr Arme und Beine noch. Sie hat sich bei dem Sturz nicht einen einzigen Knochen gebrochen. Optimal. Sie schwingt sich mit einem Bein auf den Balkon hinauf, und kurz darauf befindet sie sich in Sicherheit. Metall knirscht. Der Balkon gibt unter ihrem Gewicht nach, die uralten Bolzen lösen sich. Sie verbrennt innerlich. Am liebsten wäre sie einfach liegen geblieben. Bis sie abrutscht und endgültig den Halt verliert …
Von oben sind Stimmen zu hören.
Emiko hebt den Blick. Weißhemden spähen über den Rand des Dachs und zielen mit ihren Federpistolen auf sie. Scheiben prasseln wie silbrige Regentropfen herab. Querschläger schlitzen ihr die Haut auf, schlagen Funken auf Metall. Die Angst verleiht ihr ungeahnte Kräfte. Sie wirft sich durch die Balkontür. Optimal. Glas splittert. Schlitzt ihr die Handflächen auf. Funkelnde Scherben hüllen sie ein, dann hat sie die Tür hinter sich gelassen und rennt wie ein Blitz durch das Apartment. Menschen starren sie an, bestürzt, unfassbar langsam …
Wie erstarrt.
Emiko bricht durch eine weitere Tür, bleibt im Flur stehen. Weißhemden kreisen sie ein. Sie stößt sie beiseite. Ihre überraschten Schreie klingen bleiern. Sie lässt sie hinter sich, stürzt die Treppe hinunter. Hinunter, immer weiter hinunter. Die Weißhemden bleiben hinter ihr zurück. Schreie folgen ihr.
Ihr Blut kocht. Das Treppenhaus steht in Flammen. Sie stolpert. Lehnt sich gegen die Wand. Selbst der heiße Beton ist kühler als ihre Haut. Ihr wird schwindlig, aber sie taumelt trotzdem weiter. Die Rufe der Männer werden lauter. Ihre Stiefel hallen über die Stufen.
Immer im Kreis rennt sie die Treppe hinunter. Sie drängt sich an zahllosen Menschen vorbei, an den Hausbewohnern, die von der Razzia aufgescheucht wurden. Dabei ist ihr so heiß, dass sie alles nur noch wie durch einen Schleier wahrnimmt.
Ihre Haut ist von winzigen Schweißperlen übersät — mehr dringt durch ihre auf so absurde Weise konstruierten Poren nicht heraus. In der feuchten Hitze verschafft ihr das kaum Kühlung. Noch nie zuvor hat sie Feuchtigkeit auf ihrer Haut verspürt. Immer ist sie trocken …
Sie streift im Vorbeilaufen einen Mann. Überrascht weicht er vor ihrer glühenden Haut zurück. Sie verbrennt! Zwischen diesen Menschen kann sie nicht untertauchen. Ihre Arme und Beine bewegen sich so abgehackt wie die Seiten eines computeranimierten Kinderbuchs — schnell, schnell, schnell, zack, zack, zack. Alle starren sie an.
Sie verlässt das Treppenhaus und quetscht sich durch eine Tür, stolpert einen Flur entlang, lehnt sich keuchend gegen eine Wand. Sie kann kaum noch die Augen offen halten; das Feuer in ihrem Innern droht sie zu verzehren.
Ich bin gesprungen, denkt sie.
Ich bin gesprungen.
Adrenalin pur. Das Entsetzen fährt ihr in die Glieder; vom Amphetamin high, wird ihr schwindlig. Ein Aufziehmädchen, das das Flattern bekommt. Ihr Blut kocht. Vor Hitze droht sie das Bewusstsein zu verlieren. Sie schmiegt sich an die — vergleichsweise — kühle Wand.
Ich brauche Wasser. Eis.
Emiko versucht, ihren Atem wieder unter Kontrolle zu bekommen. Sie horcht, ob die Weißhemden ihr auf den Fersen sind, doch ihr ist so schwindlig, dass sie fast nichts mehr wahrnimmt. In welchem Stockwerk ist sie? Wie weit ist es noch bis ins Erdgeschoss?
Lauf weiter. Lauf weiter.
Stattdessen bricht sie zusammen.
Der Boden fühlt sich kühl an. Ihr Atem pfeift. Ihr Büstenhalter ist zerfetzt. Blut läuft ihr über Arme und Hände, wo sie durch die Glasscheibe gebrochen ist. Sie streckt sich aus, spreizt die Finger, presst die Hände auf die Fließen, kann gar nicht genug von dem kühlen Boden bekommen. Schließt die Augen.
Steh auf!
Aber sie kann nicht mehr. Sie versucht, ihren Herzschlag zu beruhigen, lauscht auf ihre Verfolger. Aber sie kann kaum noch atmen. Ihr ist heiß, und der Boden ist so wunderbar kühl.
Hände packen sie. Ein Aufschrei, und sie wird wieder fallen gelassen. Und erneut gepackt. Dann sind die Weißhemden über ihr, schleppen sie die Treppe hinunter, und sie ist ihnen dankbar, froh darüber, dass sie bald unten sind, dass sie sie in die herrliche Nachtluft hinaustragen, auch wenn sie die ganze Zeit brüllen und sie schlagen.
Die Wörter branden über sie hinweg. Nichts davon versteht sie. Es ist so laut und dunkel, und ihr ist schwindlig von der Hitze. Sie sprechen nicht Japanisch, sie sind nicht einmal zivilisiert. Keiner von ihnen ist optimal …
Wasser ergießt sich über sie. Sie würgt und hustet. Noch ein Schwall, es dringt ihr in Mund und Nase.
Sie wird geschüttelt. Angeschrien. Wieder geschlagen. Fragen. Immer wieder Fragen.
Sie packen sie an den Haaren und zwingen sie mit dem Gesicht nach unten in einen Eimer Wasser, versuchen, sie zu ertränken, sie zu bestrafen, sie zu töten, und sie denkt die ganze Zeit nur: Danke, danke, danke, denn irgendein Wissenschaftler hat sie optimiert, und gleich wird dieses schmächtige Mädchen, das sie anschreien und schlagen, abgekühlt sein.
22
Die Weißhemden sind überalclass="underline" Sie kontrollieren Ausweise, stolzieren über Märkte, konfiszieren Methan. Hock Seng hat Stunden gebraucht, um die Stadt zu durchqueren. Gerüchten zufolge sind alle malaiischen Chinesen in den Yellow-Card-Hochhäusern interniert worden. Sie sollen nach Süden transportiert werden, zurück über die Grenze, der Gnade der Grünen Brigaden ausgeliefert. Hock Seng lauscht auf das leiseste Flüstern, während er durch die Gassen schleicht, um zu seiner Barschaft und den Edelsteinen zurückzugelangen; Mai, die hier geboren ist, schickt er voraus, damit sie mit ihrem einheimischen Akzent Fragen stellen kann.
Als die Nacht hereinbricht, sind sie noch immer weit von ihrem Ziel entfernt. Das Geld, das er SpringLife gestohlen hat, lastet schwer auf ihm. Manchmal hat er Angst, Mai könnte sich plötzlich gegen ihn wenden und ihn den Weißhemden melden — bestimmt würde sie dafür mit einem Teil der Scheine belohnt, die er bei sich trägt. Dann wieder hält er sie für eine seiner Töchter und hofft inständig, sie vor allem beschützen zu können, was ihnen droht.
Ich verliere den Verstand, denkt er bei sich. Jetzt halte ich schon ein albernes Thaimädchen für mein eigenes Kind.
Doch er vertraut dem zarten Kind, der Tochter eines Fischfarmers — schließlich hat sie ihm bisher immer gehorcht, als er noch über ein Mindestmaß an Autorität verfügte. Er betet, dass sie seine jetzige Hilflosigkeit nicht ausnutzen wird.
Schließlich wird es ganz dunkel.
»Wovor fürchten Sie sich denn so?«, fragt Mai.
Hock Seng zuckt mit den Achseln. Sie begreift nicht, wie komplex die Verhältnisse in der Stadt geworden sind — wie sollte sie auch? Für sie ist das nur ein Spiel. Ein wenig beängstigend, das schon, aber trotzdem ein Spiel.