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»Haben Sie geschlafen?«, fragt Pai.

Kanya reibt sich die Augen. »Wie spät ist es?«

»Die zweite Morgenstunde. Die Sonne ist schon vor einiger Zeit aufgegangen.« Geduldig wartet Pai, bis sie sich gesammelt hat. Ein pockennarbiger Mann, der eigentlich ihr Vorgesetzter sein müsste, doch Kanya hat ihn längst überholt. Er gehört noch zur alten Garde. Einer von Jaidees Anhängern, der sich an die Zeit erinnern kann, in der das Umweltministerium nicht verlacht, sondern gefeiert wurde. Ein guter Mann. Einer, über dessen Bestechungsgelder Kanya ganz genau Bescheid weiß. Pai mag korrupt sein, aber da sie genau weiß, an wen er sich verkauft, hält sie ihn trotzdem für vertrauenswürdig.

»Wir haben noch einen entdeckt«, wiederholt er.

Kanya richtet sich auf. »Wer weiß alles davon?«

Pai schüttelt den Kopf.

»Ist das an Ratana weitergeleitet worden?«

Er nickt. »Es wurde nicht einmal als verdächtiger Todesfall eingestuft. Deswegen war es auch so schwer, ihn ausfindig zu machen. Es ist, als würde man eine Elritze in einem Reisfeld suchen.«

»Nicht einmal ein Vermerk?« Kanya holt scharf Luft, dann stößt sie ein verärgertes Zischen aus. »Die sind alle unfähig! Niemand hat im Hinterkopf, wie sich diese Dinge entwickeln. Sie vergessen alle so schnell.«

Pai nickt verhalten, während er die Tirade seiner Vorgesetzten über sich ergehen lässt. Es kommt ihr vor, als ob die Furchen und Löcher in seinem Gesicht sie anstarren würden. Noch so eine entstellende Krankheit. Kanya kann sich nicht mehr erinnern, ob sie von transgenen Rüsselkäfern ausgelöst wurde oder von mutierten Phii-Bakterien. »Damit sind es also zwei?«, ist alles, was Pai nach ihrem Ausbruch sagt.

»Drei.« Kanya denkt kurz nach. »Ein Name? Haben wir einen Namen?«

Wieder schüttelt Pai den Kopf. »Sie waren vorsichtig.«

Kanya nickt verdrossen. »Suchen Sie in allen Verwaltungsbezirken nach Menschen, die einen Verwandten vermissen. Drei Vermisste. Lassen Sie Fotos anfertigen.«

Pai zuckt mit den Achseln.

»Haben Sie eine bessere Idee?«

»Vielleicht findet die Gerichtsmedizin etwas, das allen drei gemeinsam ist«, schlägt er vor.

»Ja, gut. Prüfen Sie das auch nach. Wo ist Ratana jetzt?«

»Sie hat die Leiche zu den Gruben bringen lassen und wollte Sie dann dort treffen.«

Kanya verzieht das Gesicht. »Natürlich.« Sie ordnet die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch und überlässt Pai seinen aussichtslosen Suchaktionen.

Beim Verlassen des Verwaltungsgebäudes überlegt sie, was Jaidee wohl an ihrer Stelle getan hätte. Ihm flogen die Ideen meist nur so zu. Manchmal überkam ihn die Erleuchtung mitten auf der Straße, und dann gab es kein Halten mehr — dann rannten sie auf der Suche nach dem Seuchenherd durch die ganze Stadt, und immer wieder hatte Jaidee richtiggelegen. Es machte Kanya ganz krank, dass das Königreich sich jetzt auf sie verlassen musste anstatt auf ihn.

Ich bin käuflich, schießt es ihr durch den Kopf. Ich wurde gekauft. Ich bin käuflich.

In ihrer Anfangszeit als Akkarats Maulwurf im Umweltministerium hatte sie zu ihrer Überraschung festgestellt, dass die kleinen Vergünstigungen, die sie dort erhielt, zum Leben ausreichten. Die wöchentlichen Einnahmen von den Straßenhändlern, damit sie einen anderen Brennstoff als das Methan mit Herstellungsnachweis verwenden durften. Das gute Gefühl einer Nachtschicht, während der sie durchgeschlafen hatte. Ein sorgloses Dasein. Selbst unter Jaidee war es noch angenehm gewesen. Doch jetzt musste sie aufgrund widriger Umstände plötzlich richtige Arbeit leisten — und noch dazu Arbeit von großer Wichtigkeit. Außerdem hatte sie mittlerweile so lange unter zwei Herren gedient, dass sie nicht mehr sagen konnte, welcher davon eigentlich das Sagen hatte.

Ein anderer hätte Sie ersetzen sollen, Jaidee. Jemand, der es verdient hat. Das Königreich geht unter, weil wir nicht stark genug sind. Es mangelt uns an Tugend, wir haben den Achtfachen Pfad verlassen, und jetzt kehren die Krankheiten zurück.

Und nun war sie es, die das Unheil aufhalten musste — so wie Phra Seub, nur ohne dessen Stärke und moralische Unfehlbarkeit.

Missmutig durchquert Kanya die Höfe zwischen den Ministerialgebäuden und nickt den Beamten zu, denen sie auf ihrem Weg begegnet. Jaidee, wieso hat Ihr Kamma mich in Ihren Schatten gestellt? Ihr Leben in meine wankelmütigen Hände gelegt? Welcher Schalk steckt dahinter? Vielleicht Phii Oun, der gaunerhafte Cheshire-Geist, stets auf der Suche nach mehr Aas und Kadavern? Erst wenn sich unsere Leichname übereinanderstapeln, wird er zufrieden sein.

Als sie die Tore zur Verbrennungsanlage aufstößt, salutieren die Männer mit den Filtermasken, die dort Wache stehen. Auch Kanya ist mit einer solchen Maske ausgerüstet, lässt sie aber um den Hals baumeln. Als Offizierin ist es ratsam, keinerlei Furcht zu zeigen — außerdem weiß sie, dass die Maske sie sowieso nicht retten kann. Sie vertraut lieber auf ihr Phra-Seub-Amulett.

Die weitläufige Ebene der Gruben breitet sich vor ihr aus. In der roten Erde klaffen große Löcher, die von innen abgedichtet sind, um ein Durchsickern des nahen Grundwassers zu verhindern. Ein Feuchtgebiet, und trotzdem ist die Oberfläche völlig ausgedörrt. Die Trockenperiode scheint niemals aufhören zu wollen. Wird der Monsun dieses Jahr überhaupt noch kommen? Wird er sie retten oder überfluten? Einige Glücksspieler wetten auf nichts anderes als den Regen mit seinen täglich wechselnden Launen. Und seit sich das Klima dermaßen stark verändert hat, können auch die fortschrittlichsten Computer im Umweltministerium nicht länger mit Sicherheit sagen, ob der Monsun eintreffen wird oder nicht.

Ratana steht am Rand einer Grube. Von den brennenden Leichen steigt öliger Rauch auf. Über ihnen ziehen ein paar Raben und Geier ihre Kreise. Irgendwie ist ein Hund auf das Gelände gelangt und drückt sich auf der Suche nach Abfallresten an der Außenmauer entlang.

»Wie ist der bloß hier reingekommen?«, fragt Kanya.

Ratana blickt auf und beobachtet den Hund. »Die Natur findet immer einen Weg«, bemerkt sie matt. »Wenn wir etwas Essbares hinterlassen, wird sie danach greifen.«

»Ihr habt eine weitere Leiche gefunden?«

»Die gleichen Symptome.« Ratana ist in sich zusammengesunken, die Schultern vornübergebeugt. Unter ihnen knistert das Feuer. Ein Geier stößt fast auf sie herab. Ein Uniformierter feuert eine Kanone ab, und mit lautem Kreischen schießt der Geier wieder himmelwärts. Dort zieht er weiter seine Kreise. Ratana schließt für einen Moment die Augen. Fast kommen ihr die Tränen. Dann schüttelt sie den Kopf, wie um sich zu wappnen. Kanya sieht ihr traurig dabei zu und fragt sich, ob eine von ihnen noch am Leben sein wird, wenn diese Seuche über das Land gezogen ist.

»Wir sollten allen Bescheid geben«, sagt Ratana. »General Pracha muss informiert werden. Und auch das Königshaus.«

»Bist du dir denn jetzt ganz sicher?«

Ratana stößt einen Seufzer aus. »Wieder ein neues Krankenhaus. Am anderen Ende der Stadt. Dort ging man davon aus, dass es sich um eine Yaba-Überdosis handelt. Pai ist nur zufällig darauf gestoßen. Er war gerade auf dem Weg zum Bangkok Mercy, um nach Spuren zu suchen, als ihm jemand davon erzählt hat.«

»Zufällig.« Kanya wiegt den Kopf hin und her. »Das hat er mir nicht gesagt. Wie viele mögen es inzwischen wohl sein? Hunderte vielleicht? Tausende?«