»Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden!« schrie sie ihn an.
Jetzt verlor Andrew die Beherrschung.
»Ich wage es, weil ich gesehen habe, wie du dich verändert hast. Wie du dich in elf Jahren immer ein bißchen mehr verändert hast. Von Verantwortungsbewußtsein zu Unbekümmertheit und Sorglosigkeit, während du mitgeholfen hast, nutzlosen Plunder über den Ladentisch zu schieben. Und wie du dich jetzt verhältst
- wie du scheinheilige Argumente vorbringst, um etwas, von dem du weißt, daß es schlecht ist, zu rechtfertigen, nur weil du es nicht zugeben willst, nicht einmal vor dir selbst!« Seine Stimme wurde noch lauter. »Was ist aus dem Mädchen mit seinen Idealen geworden, das mir das Lotromycin gebracht hat und die Ethik des Pharma-Geschäfts heben wollte, aus diesem Mädchen, das aufrecht und stark war, und das sich nicht gescheut hat, bei einer New Yorker Verkaufstagung unlautere Verkaufspraktiken öffentlich zu kritisieren? Willst du wissen, was mit ihr geschehen ist? Ich glaube, sie hat sich verkauft.«
Andrew hielt inne, dann fragte er scharf: »Hat es sich gelohnt
- um des Ehrgeizes und der Beförderung willen?«
»Du Schwein!« Ohne zu überlegen, griff Celia nach einem ihrer Schuhe und warf ihn in Andrews Richtung. Ihr Ziel war nicht zu verfehlen. Der spitze Absatz des Schuhs traf ihn an der linken Gesichtshälfte und riß eine klaffende Wunde, aus der Blut quoll. Aber Celia sah es nicht. Sie war allem gegenüber blind und schleuderte ihm ihre Worte ins Gesicht.
»Was gibt dir das Recht, so verdammt erhaben über Moral und Ideale zu reden? Was ist denn mit deinen Idealen geschehen? Wo waren sie, als du damals nichts wegen Noah Townsend unternommen, sondern zugelassen hast, daß er fünf Jahre lang weiterpraktizierte, während er die ganze Zeit drogensüchtig und eine Gefahr für sich und andere war? Schieb ja nicht die Schuld auf das Krankenhaus! Ihre Untätigkeit entschuldigt nicht deine eigene! Das weißt du genau! Und der Patient«, wütete Celia weiter, »der Junge, dieser Wyrazik? War es wirklich Noah, der ihn umgebracht hat, oder warst nicht du es? Du, weil du Noahs wegen nichts unternommen hast, weil du überhaupt nichts getan hast, bis es zu spät war. Liegst du nachts nicht manchmal wach und denkst darüber nach und hast ein schlechtes Gewissen? Das solltest du haben! Und fragst du dich nicht manchmal, ob es nicht noch andere Patienten gegeben hat, die wegen Noah in diesen fünf Jahren sterben mußten, andere, von denen du nichts weißt und die gestorben sind, weil du so verdammt wenig getan hast? Hörst du mich, du selbstgerechter Heuchler? Antworte!«
Plötzlich hielt Celia inne, nicht nur, weil ihr die Worte ausgegangen waren, sondern weil sie noch nie einen so gequälten Ausdruck auf Andrews Gesicht gesehen hatte.
»O mein Gott! Was habe ich getan!« sagte sie erschrocken.
Dann sah sie in Andrews Gesicht plötzliches Entsetzen, folgte seinem starren Blick und drehte sich auf dem Absatz herum. Zwei kleine Gestalten in Pyjamas waren ins Zimmer gekommen.
In ihrer unbeherrschten Wut hatten sie beide Lisa und Bruce im Schlafzimmer nebenan vergessen.
»Mommy! Daddy!« Es war Lisas Stimme, von Tränen erstickt.
Bruce schluchzte unkontrolliert.
Celia lief mit ausgestreckten Armen auf beide zu, Tränen ran-nen ihr übers Gesicht. Aber Lisa war schneller. Sie wich ihrer Mutter aus und lief zu Andrew.
»Daddy, du hast dir weh getan!« Sie sah den Schuh, an dessen Absatz Blut klebte, und rief: »Mommy, wie konntest du das tun!«
Andrew fuhr sich mit der Hand ans Gesicht, das noch immer blutete. Überall schien Blut zu sein - an seinen Händen, seinem Hemd, auf dem Fußboden.
Jetzt klammerte sich auch Bruce an seinen Vater, während Ce-lia hilflos und schuldbewußt dastand.
Andrew rettete die ausweglose Situation.
»Nein!« sagte er zu den Kindern. »Das dürft ihr nicht tun! Ihr dürft keine Partei ergreifen! Mommy und ich waren dumm. Wir hatten beide unrecht, und wir schämen uns dafür. Wir werden später über alles reden. Aber wir sind noch immer eine Familie. Wir gehören zusammen.«
Dann, ganz plötzlich, hielten sich alle vier so fest umschlungen, als wollten sie sich nie wieder trennen.
Ein wenig später machte Lisa sich los und ging ins Badezimmer, um ein nasses Handtuch zu holen, mit dem sie ihrem Vater geschickt das Blut abwischte.
Viel später, als die Kinder wieder im Bett waren und schliefen, liebten Andrew und Celia sich mit so leidenschaftlicher, wilder Unbeherrschtheit, wie es schon lange nicht mehr geschehen war, so als hätte ihre Hitzigkeit Gefühle freigelegt, die nun miteinander verschmolzen.
Danach redeten sie, obgleich sie erschöpft waren, bis tief in die Nacht hinein und führten die Diskussion am nächsten Tag fort. »Es war ein Gespräch«, sagte Andrew später, »das überfällig war und das wir immer wieder hinausgeschoben hatten.«
Beide gaben zu, daß in den gegenseitigen Beschuldigungen unerfreuliche Wahrheiten steckten. »Ja«, gestand Celia, »ich habe manche Wertbegriffe verdrängt, die ich einmal hatte. Und es hat tatsächlich Augenblicke gegeben, in denen ich mein Gewissen zum Schweigen gebracht habe. Ich bin nicht stolz darauf, und ich würde gern dahin zurückkehren, wo ich früher einmal stand, aber ich muß gestehen, daß ich nicht sicher bin, ob ich das noch kann.«
»Ich schätze«, sagte Andrew, »es hängt alles damit zusammen, daß man älter wird. Man wird klüger, reifer, gewiß. Aber man hat auf dem Weg auch gelernt, daß es Hindernisse gibt, die sich durch Idealismus nicht überwinden lassen, und daher nimmt man es mit den Idealen nicht mehr so genau.«
»Ich will versuchen, es von jetzt an besser zu machen«, sagte Celia. »Damit das, was mit uns geschehen ist, nicht umsonst war.«
»Das gilt wohl für uns beide«, bestätigte Andrew. Vorher hatte er zu Celia gesagt: »Du hast eine offene Wunde berührt, als du fragtest, ob ich nicht manchmal wach liege und über den Tod von Wyrazik und möglicherweise von anderen nachdenke. Hätte ich Wyrazik retten können, wenn ich Noahs wegen schon früher etwas unternommen hätte? Ja, das hätte ich, und es hat keinen Sinn, es zu leugnen und sich etwas vorzumachen. Das einzige, was sich wirklich sagen läßt, ist, daß es wohl keinen Mediziner gibt, der rückblickend nicht irgend etwas hätte besser machen können. Aber man kann aus seinen Fehlern lernen.«
Als Andrew am nächsten Tag mit drei Stichen im Gesicht die Praxis des einheimischen medico verließ, bemerkte der mit einem Lächeln: »Wahrscheinlich bleibt eine Narbe zurück, Doktor. Sie wird Ihrer Frau als Erinnerung dienen.« Da Andrew die Wunde mit einem Sturz beim Klettern erklärt hatte, bewies das, wie klein Quito war und wie schnell sich hier Gerüchte verbreiteten.
»Es tut mir schrecklich leid«, sagte Celia ein paar Stunden später, als sie mit den Kindern Mittag aßen.
»Muß es nicht«, versicherte Andrew. »Fast hätte ich das gleiche getan. Aber du hattest eben als erste einen Schuh zur Hand. Und außerdem kann ich nicht so gut zielen wie du.«
»Du darfst dich darüber nicht lustig machen«, sagte Celia vorwurfsvoll.
In diesem Augenblick machte Bruce, der während der ganzen Mahlzeit geschwiegen hatte, den Mund auf: »Werdet ihr euch jetzt scheiden lassen?« Sein kleines, ernstes Gesicht war angespannt, und man sah deutlich, daß ihn diese Frage schon die ganze Zeit quälte.
Andrew wollte mit einem Scherz darüber hinweggehen, als Celia ihn mit einer Handbewegung davon abhielt. »Brucie«, sagte sie sanft, »ich verspreche und schwöre dir, daß das in unserem ganzen Leben nicht passieren wird.«