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Während der Fahrt und des Essens, das in entspannter und herzlicher Atmosphäre verlief, kamen Celia und Andrew mit keinem Wort auf ihren Streit im Hotel zurück. Celia hatte beschlossen, die Sache mit Montayne auf sich beruhen zu lassen und in Gegenwart ihres Mannes das Thema nicht wieder zur Sprache zu bringen. Schließlich konnte es jedem mal passieren, daß er gegenüber einer Sache blind war, und das war jetzt eindeutig bei Andrew der Fall.

9

Als Sam Hawthorne nach seinem Gespräch mit Celia den Telefonhörer aufgelegt hatte, wünschte er, in bezug auf die FDA-Ge-nehmigung von Montayne nicht so impulsiv gewesen zu sein.Es war unklug und indiskret.

Er mußte besser auf sich aufpassen - vor allem nach der vor einer Stunde mit Vincent Lord geführten Unterhaltung und der gemeinsam getroffenen Entscheidung. Diese Entscheidung konnte katastrophale Folgen haben, wenn herauskam, worum es dabei ging - aber das durfte nie geschehen, niemals. Um so wichtiger war es, die Zulassung von Montayne, wenn sie erst einmal erfolgt war, ganz natürlich aussehen zu lassen. So, wie es ja auch normal wäre, wenn es diese arroganten, unerträglichen, kriminellen Bürokraten bei der FD A nicht gäbe.

Es war wirklich Pech, daß der Zulassungsantrag für Montayne ausgerechnet bei Dr. Gideon Mace gelandet war.

Sam Hawthorne war Mace noch nie persönlich begegnet, und er legte auch keinen besonderen Wert darauf. Er hatte von Vince Lord und anderen schon mehr als genug über den Mann gehört und über die Schwierigkeiten, die er Felding-Roth gemacht hatte, zuerst mit der sinnlosen Verzögerung des Staidpace-Antrags vor zwei Jahren und jetzt bei Montayne. Warum gab man Leuten wie Mace solche Macht, überlegte Sam, unter der ehrbare Geschäftsleute zu leiden hatten, die von den Maces dieser Welt nichts weiter als Fairneß verlangten?

Zum Glück waren Leute wie Mace in der Minderheit - auch bei der FD A. Und dennoch - Mace existierte nun mal. Er saß in diesem Augenblick auf dem Montayne-Antrag, machte Gesetze geltend, wandte Verfahrenstaktiken an, um ihn zu verzögern. Daher mußte man einen Weg finden, um Gideon Mace auszuschalten.

Und sie besaßen die Mittel dazu. Zumindest besaß Felding-Roth sie in der Person von Vince Lord.

Zu der Zeit, als Vince Beweise für die Kriminalität von Dr. Mace gesammelt, das heißt für zweitausend Dollar gekauft hatte, war Sam entsetzt gewesen bei dem Gedanken daran, das Material könnte je auf die von Vince angedeutete Art und Weise benutzt werden.

Aber das hatte sich geändert. Die derzeitige Situation war viel zu heikel, zu wichtig, als daß man sich von Skrupeln leiten lassen sollte. Und das war ein weiterer Grund für seinen Zorn: Zorn darüber, daß ein Krimineller wie Mace andere ebenfalls zu kriminellen Handlungen veranlaßte.

Zum Teufel mit Mace!

Aber war man erst einmal an die Spitze eines großen Unternehmens gelangt, mußte man zuweilen unangenehme Entschei-dungen treffen und Handlungen gutheißen, die man normalerweise als unmoralisch angesehen und abgelehnt hätte. Wenn man Verantwortung für so viele Menschen trug - Mitarbeiter, Aktionäre, Vertreter und Kunden -, dann mußte man zuweilen die Zähne zusammenbeißen und tun, was nötig war, auch wenn es noch so unangenehm oder gar widerwärtig sein mochte.

Das hatte Sam vor einer Stunde getan, als er dem Vorschlag von Vincent Lord zustimmte, Dr. Gideon Mace mit einem Strafverfahren zu drohen, wenn er Montayne nicht freigab.

Erpressung. Es hatte keinen Sinn, sich hinter einem anderen Wort zu verstecken oder etwas vertuschen zu wollen. Es war und blieb Erpressung, und das war ebenfalls eine kriminelle Handlung.

Vince hatte Sam seinen Plan dargelegt. Und er hatte ihm deutlich erklärt: »Wenn wir nicht nutzen, was wir in den Händen haben, wenn wir auf Mace keinen Druck ausüben, dann können Sie jeden Gedanken daran, Montayne im Februar oder überhaupt innerhalb des nächsten Jahres auf den Markt zu bringen, vergessen.«

»Könnte es wirklich noch ein ganzes Jahr dauern?« wollte Sam wissen.

»Vielleicht sogar noch länger. Mace braucht doch bloß von uns eine Wiederholung der . . .«

Lord hielt inne, als Sam die Hand hob. Man brauchte sich ja nur daran zu erinnern, wie Mace die Zulassung von Staidpace über ein Jahr lang hinausgezögert hatte.

»Es gab mal eine Zeit«, sagte Sam zum Leiter der Forschungsabteilung, »da haben Sie gesagt, daß Sie das, was Sie jetzt vorschlagen, allein erledigen wollten, ohne mich mit hineinzuziehen.«

»Ich weiß«, erwiderte Lord, »aber damals wollten Sie unbedingt wissen, wofür ich die zweitausend Dollar brauche, und dann habe ich meine Meinung geändert. Ich gehe ein Risiko ein, und ich sehe nicht ein, warum ich es allein tragen soll. Ich werde zwar trotzdem an der vordersten Front stehen und Mace gegenübertreten müssen, aber ich möchte, daß Sie darüber Bescheid wissen und damit einverstanden sind.«

»Sie wollen doch nicht etwa vorschlagen, daß wir irgend etwas schriftlich festhalten?«

Lord schüttelte den Kopf. »Das ist ein weiteres Risiko, das ich auf mich nehme. Wenn es rauskommt, können Sie leugnen, daß diese Unterhaltung je stattgefunden hat.«

Sam war klar, was Vince wollte, und er verstand ihn - wenn man ganz oben angelangt war, fühlte man sich einsam, und Vince wollte seine Einsamkeit mit ihm teilen.

»In Ordnung«, sagte Sam. »Es gefällt mir zwar nicht, aber ich bin einverstanden. Tun Sie, was getan werden muß.« Und scherzhaft fügte er hinzu: »Ich hoffe, Sie haben kein Tonbandgerät dabei.«

»Wenn das so wäre«, erwiderte Lord, »würde ich Sie und mich selbst eines Verbrechens überführen.«

Als der Leiter der Forschungsabteilung zur Tür ging, rief Sam ihm nach: »Vince!«

Lord drehte sich um. »Ja?«

»Danke«, sagte Sam. »Nur - danke. Das ist alles.«

Jetzt brauchte man lediglich abzuwarten, dachte Sam. Abzuwarten und darauf zu vertrauen, daß die FDA ihre Zulassung für Montayne schnell und ohne Umschweife erteilte.

Seit ihrer letzten Begegnung hatte Dr. Gideon Mace sich in mancher Beziehung verändert. Der FDA-Beamte sah älter, aber auch gesünder aus als früher, was Vince überraschte. Sein Gesicht war nicht mehr so rot, die Äderchen an der Nase fielen kaum noch auf. Den zerschlissenen Anzug hatte er gegen einen neuen eingetauscht, und er trug auch eine neue Brille. Er wirkte gelöster, und wenn man ihn auch nicht gerade freundlich nennen konnte, so war er doch wenigstens nicht aggressiv. Ein Grund für die Veränderung - wie Vincent Lord durch seine Kontakte mit der Behörde wußte - war, daß Mace mit dem Trinken aufgehört hatte und den Anonymen Alkoholikern beigetreten war.

Aber abgesehen von Maces persönlicher Veränderung war alles beim alten geblieben. Die FDA-Zentrale war noch genauso unpersönlich und schäbig. In dem winzigen Büro, in dem Mace an seinem Schreibtisch saß, stapelten sich noch mehr Akten als früher. Selbst auf dem Fußboden mußte man über Akten und Ordner steigen.

Lord deutete auf die Aktenstöße. »Ist hier irgendwo auch unser Montayne-Antrag dabei?«

»Zum Teil«, lautete die Antwort. »Ich habe nicht für alles Platz. Sie sind wegen Montayne hier, nehme ich an.«

»Ja«, bestätigte Lord. Er hatte Mace gegenüber Platz genommen und hoffte immer noch, daß es nicht nötig sein würde, die Fotokopien zu verwenden, die sich in seiner Aktentasche befanden.

»Ich mache mir ernsthaft Sorgen wegen des Falles in Australien.« Maces Stimme klang im Gegensatz zu früher vernünftig. »Sie wissen, was ich meine?«

Lord nickte. »Die Frau im australischen Busch. Ja, der Fall kam vor Gericht, wurde aber niedergeschlagen, außerdem hat es eine Untersuchung seitens der Regierung gegeben. Beide Male wurden die Vorwürfe sorgfältig geprüft und Montayne von jeder Schuld freigesprochen.«