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»Ich höre«, sagte Celia. »Ich stimme Ihnen nicht zu, aber ich höre.«

»Kein Mensch benötigt all die verschiedenen Varianten von Valium, die die pharmazeutischen Firmen in Konkurrenz zueinander herstellen. Es ist für niemanden von Vorteil, wenn fünf verschiedene Valiumpräparate im Handel sind. Aber nachdem Va-lium sich als ein so großartiger finanzieller Erfolg erwiesen hat, haben andere Firmen sofort monate-, ja jahrelange Forschungen angestellt, haben wertvolle wissenschaftliche Zeit und enorme Summen investiert, nicht etwa um Neues und Nützliches hervorzubringen, sondern nur um auch ein Valium - unter einem anderen Namen - auf den Markt zu bringen. Sie haben Valiumvarian-ten hergestellt, indem sie geringfügige Veränderungen am Molekül vornahmen und daraufhin ein eigenes Patent beantragen konnten.«

»Jeder weiß, daß es >Trittbrett<-Medikamente gibt«, unterbrach Celia geduldig, »sicher mehr als nötig, aber manchmal führen sie auch zu neuen Entwicklungen; und außerdem sichern sie den Pharma-Firmen, die unsere Gesellschaft nun mal braucht, in Zeiten der Erprobung und vor einem eventuellen großen Durchbruch die Existenz.«

»O mein Gott!« Dr. Stavely fuhr sich mit der Hand an den Kopf. »Glauben Sie dieses Branchen-Gewäsch etwa wirklich? Es geht ja nicht nur um Valium. Jedes wichtige Medikament, das irgendeine Firma herausbringt, wird von den anderen nachgemacht. Und aus diesem Grund sollte die pharmazeutische Forschung von der Regierung gelenkt und kontrolliert werden, wobei die Arzneimittelfirmen für die Kosten aufzukommen hätten.«

»Das kann doch nicht Ihr Ernst sein«, sagte Celia. »Sie wollen die Arzneimittelforschung von denselben Politikern kontrollieren lassen, die die Sozialversicherung kaputtgemacht haben, die Staatsgelder verschleudern, die es nicht einmal fertigbringen, den Staatshaushalt auszugleichen und die ihre eigenen Mütter opfern würden, um Wählerstimmen zu gewinnen? Dann gäbe es noch heute kein Penicillin! Zugegeben, das bestehende System ist nicht gerade ideal, aber es ist noch immer besser und auch moralischer als das, was Sie vorschlagen.«

Dr. Stavely sprach weiter, als habe sie Celia nicht gehört. »Ihre feine Branche mußte erst mit Gesetzen dazu gezwungen werden, vor den Nebenwirkungen und Gefahren der Medikamente zu warnen. Sie beschränkt sich dabei aber auf das äußerste Minimum und läßt manche Hinweise einfach in den Akten verschwinden.«

»Das ist doch Unsinn! Wir sind dem Gesetz nach verpflichtet, Nebenwirkungen an die FDA zu melden«, protestierte Celia. »Sicher, es mag vorgekommen sein, daß jemand es unterlassen hat . . .«

»Unsere Organisation weiß von einer ganzen Reihe solcher Fälle, und wahrscheinlich gibt es noch eine ganze Menge mehr, von denen wir nichts wissen. Widerrechtliches Zurückhalten von Informationen. Aber ist es je gelungen, die Justizbehörden dazu zu bewegen, eine Untersuchung in Gang zu bringen? Nein! Weil es auf dem Capitol Hill eine ganze Armee bezahlter Lobbyisten gibt, die . . .«

Nun gut, dachte Celia, sie war gekommen, um Meinungen zu hören, und sie bekam sie zu hören. Aus den gnädig gewährten zehn Minuten war eine volle Stunde geworden. Unter anderem erwähnte Dr. Stavely eine Kontroverse, die es vor kurzem gegeben hatte und von der Celia ebenfalls wußte. Eine pharmazeutische Firma (nicht Felding-Roth) hatte Schwierigkeiten mit einem ihrer Produkte, das intravenös verabreicht wurde und in Krankenhäusern Verwendung fand. Einige Flaschen mit dem angeblich sterilen Inhalt hatten beschädigte Verschlußkappen, wodurch Bakterien eindringen konnten, die zu Blutvergiftungen und bei mehreren Patienten sogar zum Tod führten.

Die Zahl der beschädigten Flaschen war, wie man wußte, sehr gering, und möglicherweise waren inzwischen alle aus dem Verkehr gezogen; eine Wiederholung würde es nicht geben, da der Fehler in der Herstellung inzwischen entdeckt und behoben worden war. Ein Verbot dieses Präparats würde zu einem Versorgungsengpaß in den Krankenhäusern führen und wahrscheinlich weitere Todesfälle nach sich ziehen. Seit Wochen diskutierten Hersteller, FDA und Krankenhäuser nun schon darüber. Dr. Stavely fand das empörend und nannte es »ein beschämendes Beispiel dafür, wie eine pharmazeutische Firma eine Sache verschleppt, nur weil sie sich weigert, ein gefährliches Mittel zurückzurufen«.

»Ich weiß zufällig etwas darüber«, sagte Celia. »Heute morgen hörte ich, daß die FDA beschlossen hat, jede weitere Anwendung der Infusionsflüssigkeit zu verbieten. Über das Wochenende wird eine entsprechende Verlautbarung vorbereitet und am Montagmorgen auf einer Pressekonferenz bekanntgegeben werden.«

Dr. Stavely sah die Besucherin scharf an. »Sind Sie sicher?«

»Absolut.« Sie hatte die Information von einem äußerst zuverlässigen Angestellten der betroffenen Firma erhalten.

Dr. Stavely machte sich eine Notiz. Dann kamen sie auf Montayne zu sprechen.

»Wir werden nichts unversucht lassen«, erklärte Dr. Stavely, »um zu verhindern, daß dieses ungenügend erprobte Mittel auf den Markt kommt.«

Celia hatte diese einseitigen Tiraden satt. »Montayne als ungenügend erprobt zu bezeichnen ist lächerlich! Außerdem hat die FDA bereits die Zulassung erteilt.«

»Diese Zulassung muß im öffentlichen Interesse rückgängig gemacht werden.«

»Und warum?«

»Es hat in Australien einen Fall gegeben . . .«

»Der australische Fall ist uns bekannt«, sagte Celia mißmutig. Und sie legte Dr. Stavely dar, wie die medizinischen Experten die vor Gericht aufgestellten Behauptungen entkräftet hatten.

»Ich kann die Meinung dieser Experten nicht teilen«, erklärte Dr. Stavely. »Haben Sie die Protokolle der Gerichtsverhandlung gelesen?«

»Ich habe Berichte gelesen, die sich eingehend damit befaßt haben.«

»Ich habe gefragt, ob Sie die Protokolle gelesen haben.«

»Nein«, gab Celia zu.

»Dann tun Sie es, und maßen Sie sich nicht an, ohne diese Informationen weiter über Montayne zu sprechen.«

Celia seufzte. »Ich glaube nicht, daß es Sinn hat, noch weiterzureden.«

»Das habe ich Ihnen ja gleich gesagt.« Zum zweiten Mal tauchte auf Dr. Stavelys Gesicht ein schwaches Lächeln auf.

Celia nickte. »Und damit hatten Sie recht - auch wenn es so ungefähr das einzige war, womit Sie recht hatten.«

Dr. Stavely hatte sich schon wieder ihrer Akte zugewandt. Sie blickte nur kurz auf. »Auf Wiedersehen, Jordan.«

»Auf Wiedersehen«, sagte Celia und ging durch die trostlosen Büros hinaus auf die ebenso trostlose Straße.

Als Celia am späten Nachmittag von Manhattan nach Morris-town zurückfuhr, dachte sie über Dr. Stavely nach, deren Enga-gement an Besessenheit zu grenzen schien. Menschen wie sie waren in der Regel humorlos, nahmen sich selbst sehr ernst und waren so daran gewöhnt, alles nur schwarz oder weiß zu sehen, daß sie für die Zwischentöne kein Empfinden hatten, die doch weit häufiger vorkamen.

Allerdings war die Vorsitzende der BSM offenbar gut informiert, beredt, vorzüglich organisiert und besaß einen scharfen Verstand. Ihre medizinische Qualifikation gab ihr automatisch das Recht, gehört zu werden, wenn es um rezeptpflichtige Medikamente ging. Manche Ansichten, die sie vertrat, waren gar nicht so weit von denen entfernt, die Celia vor vierzehn Jahren selbst gehabt hatte, als sie sich über »Trittbrett«-Medikamente und »molekulares Roulette« in ähnlicher Weise ausgelassen hatte. Und es waren Sam Hawthornes Argumente, die Celia ihr an diesem Nachmittag entgegengehalten hatte - ohne von ihrer Gültigkeit selbst überzeugt zu sein.

Aber Dr. Stavely hatte sehr einseitig Stellung bezogen, als sie die negativen Aspekte der pharmazeutischen Industrie hervorhob und die vielen positiven, humanitären Beiträge dieses Industriezweigs außer acht ließ. Celia hatte einmal gehört, wie die Pharma-Industrie der Vereinigten Staaten als »nationaler Schatz« bezeichnet wurde, und fand, daß diese Beschreibung im großen und ganzen zutraf. Und Dr. Stavelys Vorstellung, daß die Regierung die Arzneimittelforschung kontrollieren sollte, war naiv und absurd. Alles in allem aber waren sie und ihre Organisation starke Gegner, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen durfte.