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»Ganz wie Sie möchten . . .« Ingram warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Ich werde mit Gironde-Chimie telefonieren. Es ist noch nicht zu spät, und ich kenne dort jemanden, mit dem ich schon früher zu tun hatte. Trotzdem glaube ich nicht . . .«

»Tun Sie's«, sagte Celia. »Tun Sie's sofort!«

Eine Stunde später berichtete Bill erleichtert:

»Kein Grund zur Sorge. Ich habe lange mit meinem Freund bei Gironde-Chimie gesprochen. Er weiß alles über die beiden Fälle, die im France-Soir erwähnt werden. Er sagt, sie seien genauestens untersucht worden, und es gäbe keinen Grund zur Aufregung, nicht einmal Zweifel seien angebracht. Seine Firma hat ein Experten-Team nach Nouzonville entsandt, und dieselben Leute sind auch nach Spanien geflogen, um dort den Fall zu prüfen.«

»Hat er Ihnen weitere Einzelheiten genannt?« fragte Celia.

»Ja.« Bill blickte auf einen Notizzettel, den er in der Hand hielt. »In beiden Fällen besteht eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit der Sache in Australien. Erinnern Sie sich daran?«

»Ich kenne den australischen Bericht.«

»Beide Mütter haben einen ganzen Sack anderer Medikamente eingenommen und außerdem reichlich Alkohol konsumiert, während der gesamten Schwangerschaft. Bei dem französischen Kind gibt es Mongolismus in der Familie, und Vater und Großvater von dem Baby in Spanien sind Epileptiker.«

»Aber beide Mütter haben Montayne genommen?«

»Stimmt. Und mein französischer Gewährsmann, Jacques Saint-Jean, ein promovierter Chemiker, hat mir gesagt, daß Gi-ronde-Chimie zuerst genau wie Sie besorgt war. Schließlich stehe für seine Firma genausoviel auf dem Spiel wie für Felding-Roth, sagte er, vielleicht sogar noch mehr. Man ist aber zu dem Schluß gekommen, daß Montayne absolut nichts mit den Mißbildungen der Babys zu tun hat. Darüber waren sich Wissenschaftler und Arzte völlig einig. Was sie allerdings vermuten, ist, daß manche Medikamente, die die beiden Frauen außerdem eingenommen haben, in der Kombination mit Montayne gefährlich sein könnten . . .«

»Ich möchte die Berichte lesen«, sagte Celia. »Wie schnell können Sie Kopien besorgen?«

»Beide Berichte befinden sich bereits bei uns.«

»Bei uns?«

Bill nickte. »Hier in der Zentrale. Jacques Saint-Jean sagte mir, daß Vincent Lord sie hat. Sie wurden uns vor ein paar Wochen von Gironde-Chimie zur Information zugeschickt. Soll ich Vincent Lord fragen . . .«

»Nein«, sagte sie. »Das mache ich selbst. Das ist alles, Bill.«

»Wenn Sie mir die Bemerkung erlauben«, seine Stimme klang besorgt, »ich glaube nicht, daß wir uns deswegen Sorgen . . .«

»Ich sagte, das ist alles!« fuhr sie ihn an, unfähig, sich noch länger zu beherrschen.

»Warum wollen Sie sie sehen?« fragte Vincent Lord Celia, als sie ihn in seinem Büro aufsuchte.

»Weil ich glaube, daß ich solche Informationen lesen sollte, statt aus zweiter Hand davon zu erfahren«, sagte Celia gereizt.

»Falls Sie mit >zweiter Hand< mich meinen . . . Glauben Sie nicht, daß ich vielleicht mehr davon verstehe und mir ein Urteil bilden kann?« sagte Lord höhnisch.

»Und wie lautet Ihr Urteil?«

»Daß beide Fälle unmöglich etwas mit Montayne zu tun haben können. Sie wurden von qualifizierten Fachleuten sorgfältig untersucht. Meine persönliche Meinung - die übrigens Gironde-Chimie mit mir teilt -, ist, daß die betreffenden Familien nur Geld herausholen wollen. So was kommt immer wieder vor.«

»Weiß Sam von den Vorfällen in Frankreich und Spanien?«

Lord schüttelte den Kopf. »Von mir nicht. Sie schienen mir nicht wichtig genug, um ihn damit zu belästigen.«

»Nun gut«, sagte Celia. »Ich will jetzt nicht darüber streiten, ob das richtig war. Aber ich möchte die Berichte trotzdem gern selbst lesen.«

Die Freundlichkeit, die Lord in der letzten Zeit an den Tag gelegt hatte, war im Laufe des Gesprächs verschwunden. Jetzt sagte er bissig: »Sollten Sie sich einbilden, genügend wissenschaftliche Kenntnisse zu besitzen, um zu einem eigenen Urteil kommen zu können, muß ich Sie leider daran erinnern, daß Ihr kümmerliches Chemieexamen schon sehr lange zurückliegt und Sie wohl nicht mehr ganz auf dem laufenden sein dürften.«

Celia, die Streit vermeiden wollte, erwiderte ruhig: »Ich bilde mir nichts ein, aber ich würde die Berichte trotzdem gern lesen.«

Zu ihrer Überraschung befanden sie sich nicht, wie sie erwartet hatte, in der Ablage. Lord zog mit mürrischem Gesicht einen Schlüssel aus der Jackentasche und öffnete damit eine Schublade seines Schreibtischs, in der ein Aktenordner lag. Lord entnahm ihm ein paar Blätter und händigte sie Celia aus.

»Danke«, sagte sie. »Sie bekommen sie zurück.«

An diesem Abend blieb Celia trotz ihrer Müdigkeit sehr lange auf, um die Berichte von Gironde-Chimie und den größten Teil des Gerichtsprotokolls aus Australien zu lesen. Letzteres bereitete ihr die meisten Sorgen.

In dem Protokoll waren mehrere wesentliche Punkte enthalten, die in der Kurzfassung, die sie gelesen hatte, nicht erwähnt worden waren.

Die Australierin war - in der Kurzfassung - als charakter-schwach bezeichnet worden. Es hieß, daß sie außer Montayne noch eine Reihe anderer Medikamente genommen habe, Alkoholikerin und Kettenraucherin sei. Das stimmte. Was aber ebenfalls stimmte und nicht in der Kurzfassung stand: daß die Mutter des mißgebildeten Kindes trotz allem intelligent war, was mehrere Zeugen bestätigten. Außerdem hatte es in der Familie der Frau bisher weder Geisteskrankheiten noch körperliche Gebrechen gegeben.

Die zweite Information, die für Celia neu war: daß die Frau bereits zwei normale, gesunde Kinder zur Welt gebracht hatte.

In der Kurzfassung hatte gestanden, daß die Frau nicht wüßte, wer der Vater des letzten Kindes sei, aber aus dem ungekürzten Prozeßprotokoll ging hervor, daß sie die Namen von vier Männern angegeben hatte, die alle von einem Arzt befragt worden waren. Bei keinem der Männer oder deren Familien waren je geistige oder körperliche Behinderungen aufgetreten.

Die französischen und spanischen Berichte, die sie von Vincent Lord erhalten hatte, enthielten im wesentlichen das, was Bill Ingram ihr erzählt hatte. Und sie bestätigten in allen Einzelheiten, daß Gironde-Chimie tatsächlich alles getan hatte, um die beiden Fälle von Fachleuten sorgfältig untersuchen zu lassen.

Trotzdem steigerten die drei Dokumente Celias Unbehagen; denn eine Tatsache ließ sich nicht wegdiskutieren: daß alle drei Frauen, die weit voneinander entfernt lebten und körperlich und geistig behinderte Kinder zur Welt gebracht hatten, während ihrer Schwangerschaft Montayne eingenommen hatten.

Nach dem Studium der Akten stand ihr Entschluß fest: Sie mußte Sam Hawthorne darüber informieren - über die Tatsachen und über ihre eigene zunehmende Besorgnis.

12

Eine als »dringend« deklarierte Mitteilung, die Celia an Sam Hawthorne geschickt hatte und die am Vormittag bei ihm eingetroffen war, hatte Sam veranlaßt, für 16.30 Uhr eine Konferenz der obersten Firmenleitung einzuberufen.

Schon auf dem Gang vor dem Büro des Präsidenten konnte Ce-lia durch die offene Tür dröhnendes Gelächter hören.

Als sie das Vorzimmer betrat, sah ihr die eine der beiden Sekretärinnen lächelnd entgegen. »Hallo, Mrs. Jordan.«

»Hört sich an, als sei eine Party im Gange, Maggie.«

»Stimmt auch gewissermaßen.«

Die Sekretärin deutete auf eine zweite offene Tür. »Warum gehen Sie nicht hinein? Ich glaube, Mr. Hawthorne möchte Ihnen eine Neuigkeit mitteilen.«

Das Zimmer war voller Zigarrenrauch. Celia sah Sam, Vincent Lord, Seth Feingold, Bill Ingram und mehrere andere, außerdem Glen Nicholson, einen Firmenveteranen, der die Herstellung leitete, Dr. Starbut, der für die Arzneimittelprüfung, und Julian Hammond, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig war. Alle pafften dicke Zigarren, auch Ingram, den Celia noch nie hatte rauchen sehen.