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Andrew hörte aufmerksam zu, stellte gelegentlich eine Frage. Schließlich sagte er: »Mehr hättest du gar nicht tun können.«

»Es gab auch nichts mehr zu tun«, sagte Celia. »Aber jetzt muß ich entscheiden, was ich tun soll.«

»Mußt du das denn gleich entscheiden? Warum nimmst du dir nicht ein paar Tage frei? Wir könnten beide irgendwo hinfahren. Wenn du ein bißchen Abstand gewonnen hast, kannst du dir alles in Ruhe durch den Kopf gehen lassen, und wenn du zurückkommst, tust du, was du für richtig hältst.«

Sie lächelte dankbar. »Ich wünschte, ich könnte mir die Zeit nehmen. Aber so lange kann ich es nicht hinausschieben.«

Andrew ging zu Celia und gab ihr einen Kuß. »Du weißt, daß ich dir in jeder Hinsicht helfen werde. Aber vergiß das eine nicht: Ich bin immer stolz auf dich gewesen, und das werde ich auch in Zukunft sein, wie auch immer du dich entscheidest.«

Celia sah ihren Mann liebevoll an. Ein Mann mit weniger Format hätte sie jetzt an ihren Streit im Hotel in San Francisco erinnert, als Andrew sich geweigert hatte, seine Zweifel an Mon-tayne oder seine Einstellung aufzugeben, schwangeren Frauen überhaupt keine Medikamente zu verabreichen. Damals hatte Celia ihn gehässig, wie sie jetzt fand, darauf hingewiesen, daß seine Argumentation mit Vorurteilen belastet oder gar überholt sei.

Wenn sie in ihrem gegenwärtigen Dilemma Andrews Maßstäbe anlegte - wie würde sie sich dann entscheiden? Sie brauchte ihn gar nicht erst zu fragen. Sie wußte es. Sie erinnerte sich auch an einen Rat, den ihr jemand anders vor Jahren einmal gegeben hatte.

»Sie besitzen etwas, Celia - eine Gabe, einen Instinkt -, um beurteilen zu können, was richtig ist... Nutzen Sie Ihre Begabung, Celia. . . Und sollten Sie Macht erlangen, dann haben Sie die Kraft, das zu tun, woran Sie glauben . . . Lassen Sie sich von Kleingeistern nichts ausreden. . . «

Ihr wurde warm ums Herz, als sie an Eli Camperdown dachte. Der frühere Präsident von Felding-Roth hatte diese Worte kurz vor seinem Tod in seinem Haus am Mount Kemble Lake zu ihr gesagt.

»Noch etwas Brandy!« fragte Andrew. »Nein, danke.«

Sie trank ihr Glas aus, sah Andrew an und erklärte entschlossen: »Ich kann nicht dabei mithelfen, Montayne auf den Markt zu bringen. Ich werde kündigen.«

In all den vierundzwanzig Jahren bei Felding-Roth war ihr noch nie etwas so schwergefallen. Celias handgeschriebener Brief an Sam war kurz.

Mit großem persönlichen Bedauern kündige ich hiermit meine Stellung als Verkaufsleiterin für rezeptpflichtige Produkte bei Felding-Roth.

Meine Gründe kennen Sie. Daher ist es nicht nötig, nochmals auf sie einzugehen.

Ich möchte betonen, daß ich die Jahre, in denen ich für Fel-ding-Roth tätig sein durfte, als ein besonderes Privileg ansehe - zu den größten Privilegien aber gehörten Ihre persönliche Unterstützung und Ihre Freundschaft. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar - und werde es immer bleiben.

Ich verlasse Felding-Roth Pharmaceuticals ohne Bitterkeit.

Ich wünsche der Firma und ihren Mitarbeitern in jeder Hinsicht Erfolg.

Celia schickte den Brief durch einen Boten ins Büro des Präsiden-en und folgte ihm eine halbe Stunde später persönlich. Sie wurde sofort in Sams Büro geführt. Hinter ihr schloß sich leise die Tür. Sam sah von den Papieren auf, in denen er gerade las. Seine Gesichtszüge waren hart, seine Stimme klang kalt. »Sie wollten mich sprechen. Warum?«

Etwas unsicher erwiderte sie: »Ich war lange für diese Firma tätig und habe die meiste Zeit für Sie gearbeitet. Ich finde, daß ich nicht einfach weggehen kann . . .«

Er unterbrach sie so wütend, wie sie ihn noch nie gesehen hatte: »Aber genau das tun Sie doch! Sie gehen einfach weg -weg von Ihren Freunden, Kollegen und all den anderen, die sich auf Sie verlassen haben. Sie werfen einfach alles hin, zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, da die Firma Sie dringend braucht. Das ist unloyal . . .«

»Meine Kündigung hat nichts mit Loyalität und Freundschaft zu tun«, protestierte sie.

»Nein. Offenbar nicht!«

Sam hatte sie nicht gebeten, Platz zu nehmen, also blieb sie stehen.

»Sam«, bat sie, »bitte, verstehen Sie doch! Ich kann nicht, ich kann einfach nicht dabei mithelfen, Montayne zu verkaufen. Das ist für mich eine Frage des Gewissens.«

»Sie nennen es Gewissen«, gab er zurück. »Ich nenne es anders.«

»Wie denn, zum Beispiel?« fragte sie neugierig.

»Zum einen: weibliche Hysterie. Und zum anderen: falsche, uninformierte Selbstgerechtigkeit. Haß, weil Sie nicht bekommen, was Sie wollen; deshalb werfen Sie alles hin.«

Sam funkelte sie an, während sie weitersprach. »Hören Sie! -Sie sind nicht besser als diese Frauen, die Plakate durch die Straßen tragen oder sich an Zäune ketten. Die Wahrheit ist, daß man Sie übertölpelt hat, daß diese blöde Stavely, diese Hexe, Sie eingewickelt hat.«

Er deutete auf die New York Times vom selben Morgen, die aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch lag und eine Erklärung von Dr. Maud Stavely enthielt, die von den beiden Fällen in Frankreich und Spanien gehört hatte und sie nun für ihre eigene Kampagne gegen Montayne verwendete. Celia hatte den Artikel in der Times schon gelesen.

»Was Sie sagen, stimmt nicht«, erwiderte Celia. »Ich habe mich nicht übertölpeln lassen.« Sie beschloß, seine antifeministischen Bemerkungen zu ignorieren.

Als habe er Celias Einwand nicht gehört, knurrte Sam: »Und jetzt werden Sie sich der Stavely und ihrer Bande anschließen, nehme ich an.«

»Nein«, sagte Celia. »Ich werde mich niemandem anschließen werde mich mit niemandem treffen und keine Erklärungen darüber abgeben, warum ich aus der Firma ausscheide. Schließlich habe ich gestern zugegeben, daß ich nur meinem Instinkt gefolgt bin.«

Noch nie hatte sie Sam in einer so fürchterlichen Stimmung erlebt. Trotzdem beschloß sie, einen letzten Versuch zu wagen.

»Ich möchte Sie gern an etwas erinnern«, begann sie, »das Sie einmal zu mir gesagt haben.«

An diesem Morgen war ihr das Gespräch wieder in den Sinn gekommen, das sie mit Sam nach ihrer Rückkehr aus London geführt hatte. Nach Sams Fehlschlag war es ihr gelungen, Martin Peat-Smith für Felding-Roth zu gewinnen, und zwar gerade weil sie Sams Warnung mißachtet und mit Martin über Geld gesprochen hatte. Als Sam davon erfuhr, hatte er am Telefon gesagt: » Wenn es je dazu kommen sollte, daß Sie und ich bei einer wichtigen Sache unterschiedlicher Meinung sind, müssen Sie mich an diesen Vorfall erinnern, bei dem Sie recht hatten und ich nicht.««

Nun erinnerte sie ihn daran, aber es war, als redete sie gegen eine Wand.

»Auch wenn es wahr wäre«, fuhr er sie an, »ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, und es ist für mich nur ein Beweis mehr, daß Sie Ihre gesunde Urteilskraft verloren haben.«

Celia war von einer solchen Traurigkeit erfüllt, daß sie nur noch »Leben Sie wohl, Sam« sagen konnte.

Sie erhielt keine Antwort.

Später, zu Hause, wunderte sich Celia darüber, wie einfach es gewesen war, Felding-Roth zu verlassen. Sie hatte nur ihre persönlichen Dinge aus dem Schreibtisch genommen, sich von ihrer Sekretärin und einigen anderen im Büro verabschiedet - von denen manche Tränen in den Augen gehabt hatten - und war weggefahren.

Auch wenn ihr plötzliches Ausscheiden aus der Firma unvernünftig erscheinen mochte - es war einfach notwendig gewesen. In den vergangenen Wochen hatte sich Celia fast ausschließlich mit Montayne beschäftigt, und da sie diese Arbeit nun nicht mehr guten Gewissens verrichten konnte, hatte es keinen Sinn, noch länger zu bleiben. In ihrer Abteilung war alles so gut durchorganisiert, daß Bill Ingram, der in einigen Wochen ohnehin alles hätte übernehmen sollen, sofort einspringen konnte. Die neue Position würde sie nun nicht mehr übernehmen können - eine schlimme Enttäuschung, nachdem sie so nahe herangekommen war. Aber mit dieser Enttäuschung würde sie leben können.