Bei Seths letzten Worten überlief es Celia eiskalt. Sie hatte das schreckliche Gefühl zu wissen, was als nächstes kommen würde.
»Letzte Woche stellten die Ärzte fest, daß Juliets Kind durch das Medikament Schaden genommen hat.« Seths Stimme war brüchig, er konnte kaum weitersprechen. »Sams Enkelsohn ist geistig behindert und kann seine Glieder nicht bewegen - ein vor sich hinvegetierendes Etwas.«
Celia schrie vor Kummer und Schmerz auf, dann fragte sie ungläubig: »Aber wie konnte Sam das nur tun? Zu der Zeit war Montayne doch noch gar nicht zugelassen.«
»Es gab Probepackungen für Ärzte, wie Sie wissen. Sam hat niemandem etwas gesagt, außer Juliet. Ich nehme an, er war so überzeugt von Montayne, daß es für ihn kein Risiko bedeutete. Natürlich war das auch seine ganz persönliche Angelegenheit. Und ein bißchen Stolz wird ebenfalls dabeigewesen sein.
Schließlich war es Sam, der Montayne bei Gironde-Chimie eingekauft hat.«
»Ja, ich weiß.« In Celias Kopf ging alles durcheinander. Seth unterbrach ihre Gedanken.
»Ich sagte, daß wir Sie brauchen, Celia, und das stimmt. Wie Sie sich vorstellen können, ist Sam im Augenblick zu nichts zu gebrauchen. Aber das ist nur die eine Seite. Hier geht alles drunter und drüber. Wir sind wie ein angeschlagenes, steuerloses Schiff, und wir brauchen Sie, damit Sie den Schaden abschätzen und die Führung übernehmen. Außerdem sind Sie die einzige, die über genügend Wissen und Erfahrung verfügt. Hinzu kommt, daß alle etwas auf Ihr Urteil geben - auch der Aufsichtsrat -, vor allem jetzt. Und, ach ja - Sie würden als Vizepräsidentin zurückkommen.«
Vizepräsidentin von Felding-Roth. Nur eine Stufe unter dem Präsidenten und mehr, als sie als Verkaufsleiterin gewesen wäre, die Beförderung, die sie durch ihre Kündigung eingebüßt hatte. Es gab einmal eine Zeit, dachte Celia, da hätte sie sich über ein Angebot wie dieses gefreut, hätte es als einen Meilenstein in ihrem Leben angesehen. Jetzt bedeutete es ihr plötzlich so wenig.
»Sie werden sich vielleicht denken können«, fuhr Seth fort, »daß ich nicht allein bin, daß einige Mitglieder des Aufsichtsrats bei mir sind und diesem Gespräch zuhören. Wir warten hier und hoffen, daß Ihre Antwort positiv ausfällt.«
Celia sah, wie Andrew ihr vom Bad her Zeichen machte. Zum zweiten Mal während dieses Gesprächs sagte sie: »Einen Augenblick bitte.«
Andrew legte den Hörer des Nebenapparates auf und kam ins Zimmer. Celia bedeckte die Sprechmuschel mit der Hand und fragte ihn: »Was meinst du?«
»Das mußt du selbst entscheiden«, sagte er. »Aber vergiß das eine nicht: Wenn du zurückgehst, dann wird es keine Rolle mehr spielen, daß du vorher gekündigt hattest und gar nicht da warst. Ein Teil der Montayne-Verantwortung wird dann auch auf dich fallen.«
»Ich weiß.« Celia überlegte. »Aber ich war so lange bei der Firma. Es waren gute Jahre, und jetzt brauchen sie mich. Doch ich werde nur zurückgehen, wenn . . .«
Sie nahm den Telefonhörer wieder auf.
»Seth, ich habe genau zugehört, was Sie gesagt haben. Ich werde das Angebot annehmen, aber nur unter einer Bedingung.«
»Und die wäre?«
»Montayne muß noch heute aus dem Handel gezogen und die Öffentlichkeit über seine Gefährlichkeit informiert werden. Nicht morgen, nicht nächste Woche, und es darf auch nicht abgewartet werden, welche Entscheidung die FDA trifft. Es muß noch heute geschehen.«
»Celia, das ist unmöglich. Ich habe Ihnen doch gesagt, daß unsere Rechtsanwälte uns davor gewarnt haben - wegen der Schuldfrage. Dadurch könnten wir Schadenersatzforderungen auslösen, die in die Millionen gehen und unsere Firma ruinieren.«
»Prozesse wird es auf jeden Fall geben.«
»Das wissen wir auch. Aber wir wollen nicht alles noch schlimmer machen. Inzwischen können wir mit Ihnen hier beraten . . .«
»Ich will nicht darüber beraten. Ich will, daß etwas geschieht. Ich will die Verlautbarung noch heute im Fernsehen und im Radio hören und innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden in allen Zeitungen des Landes lesen. Ich werde abwarten. Und wenn nichts geschieht, kommen wir nicht ins Geschäft.«
Jetzt sagte Seth: »Einen Augenblick bitte.«
Celia konnte am anderen Ende der Leitung gedämpfte Stimmen hören. Offenbar gab es Meinungsverschiedenheiten. Dann hörte sie, wie Seth sagte: »Sie läßt sich nicht davon abbringen«, und einen Augenblick später: »Natürlich meint sie es ernst. Und vergessen Sie nicht, daß wir sie mehr brauchen als sie uns.«
Die Diskussion in New Jersey dauerte noch ein paar Minuten, das meiste konnte Celia nicht verstehen. Schließlich kam Seth wieder ans Telefon.
»Celia, wir akzeptieren Ihre Bedingungen. Was Sie verlangen, wird sofort in die Wege geleitet - innerhalb der nächsten Stunde. Ich garantiere es Ihnen persönlich. Und jetzt . . . wann können Sie hier sein?«
»Ich nehme den nächsten Flug«, erwiderte sie. »Erwarten Sie mich morgen im Büro.«
4
Es gelang ihnen, vier Plätze in einer Maschine der United Airlines zu buchen, die Honolulu nachmittags um zehn vor fünf verließ. Es war ein Nonstop-Flug nach Chicago, wo sie in ein Flugzeug umsteigen sollten, das am folgenden Tag um neun Uhr früh in New York landen würde. Celia nahm sich vor, unterwegs möglichst viel zu schlafen, um ausgeruht bei Felding-Roth zu erscheinen.
Lisa und Bruce, die vorgehabt hatten, noch zwei Tage in Hawaii zu bleiben, beschlossen, mit ihren Eltern nach Hause zurückzukehren.
Bei dem hastig eingenommenen Frühstück in Andrews und Celias Suite, das durch mehrere Telefongespräche unterbrochen wurde, erklärte Andrew den Kindern die Situation um Mon-tayne.
»Ich werde schon noch darüber reden«, hatte Celia gesagt, »aber jetzt nicht. Ich stehe noch unter einem Schock.« Immer noch fragte sie sich, ob es richtig gewesen war, das Angebot anzunehmen und in die Firma zurückzukehren. Aber dann dachte sie an ihre Bedingung, Montayne sofort aus dem Handel zu ziehen, wodurch wenigstens ein paar Kinder und Mütter vor diesem schrecklichen Schicksal bewahrt blieben.
Daß Felding-Roth das Versprechen gehalten hatte, erfuhr sie, kurz bevor sie das Kahala Hilton verließen, um zum Flughafen von Honolulu zu fahren. Im Radio wurde das Musikprogramm wegen einer Sondermeldung unterbrochen, in der es hieß, daß Montayne wegen möglicherweise schädlicher Nebenwirkungen, die noch einer Untersuchung bedurften, bis auf weiteres aus dem Handel gezogen werde. Die Ärzte wurden davor gewarnt, das Medikament weiterhin zu verschreiben, und schwangeren Frauen riet man, das Mittel nicht mehr einzunehmen.
In den darauffolgenden Nachrichtensendungen war Montayne eines der Hauptthemen, und auf dem Flughafen gab es schon eine Nachmittagsausgabe des Honolulu Star-Bulletin, der eine Meldung der Associated Press auf der Titelseite brachte. Ein ganzes Sperrfeuer von Veröffentlichungen hatte eingesetzt und würde nicht so bald versiegen.
Das Flugzeug war ausgebucht, aber sie hatten vier einander gegenüberliegende Plätze im hinteren Teil der Maschine, so daß sie sich ungestört unterhalten konnten. Nach einer Weile sagte Ce-lia: »Vielen Dank für eure Geduld. Nun könnt ihr Fragen stellen, wenn ihr wollt.«
Bruce begann als erster:
»Wie konnte so was nur passieren, Mom - daß ein Medikament erst für okay befunden wird und dann trotzdem diese schlimmen Nebenwirkungen auftreten?«
Celia überlegte sich ihre Worte, bevor sie sprach:
»Woran du zuerst denken mußt«, sagte sie, »ist, daß ein Medikament, jedes Medikament, etwas Fremdes im menschlichen Körper ist. Es wird - gewöhnlich vom Arzt verschrieben - mit der Absicht eingesetzt, irgend etwas, das im Körper falsch läuft, zu korrigieren. Aber es kann nicht nur nützlich sein, es kann auch Schaden anrichten. Die schädlichen Einflüsse nennt man Nebenwirkungen, obwohl es natürlich auch ganz harmlose Nebenwirkungen geben kann.«