Выбрать главу

Und Andrew fügte hinzu: »Dazu kommt etwas, das man >Scha-den-Nutzen-Analyse< nennen kann. Der Arzt muß beurteilen, ob man den Schaden in Kauf nehmen kann, um die Resultate zu erzielen, die er und der Patient wünschen. Manche Medikamente bringen mehr Risiken mit sich als andere. Aber selbst beim simplen Aspirin besteht ein Risiko - manchmal ein durchaus ernsthaftes, denn Aspirin kann innere Blutungen auslösen.«

»Aber bestimmt testen die Pharma-Firmen doch die Medikamente, bevor sie sie verkaufen«, sagte Lisa, »und die FDA ist dazu da, die Risiken festzustellen.«

»Ja, das ist richtig«, bestätigte Celia. »Aber häufig verstehen die Leute einfach nicht, daß den Tests Grenzen gesetzt sind, selbst heutzutage. Wenn ein neues Medikament erprobt wird, wendet man es zuerst bei Tieren an. Und wenn die Versuche erfolgreich verlaufen sind, wird es an Menschen ausprobiert, die sich freiwillig zur Verfügung stellen. Das ganze dauert mehrere Jahre. Aber auch wenn die Versuche an Menschen abgeschlossen sind und das Medikament unbedenklich zu sein scheint, kommt es zunächst nur bei ein paar hundert, vielleicht ein paar tausend Menschen zur Anwendung.«

»Und es kann sein, daß bei keiner einzigen Testperson irgendwelche schädlichen Nebenwirkungen auftreten - oder nur geringfügige, unbedeutende«, ergänzte Andrew.

Celia nickte zustimmend, dann fuhr sie fort: »Aber wenn das Medikament erst einmal auf dem Markt ist und von Zehntausensend, vielleicht sogar Millionen Menschen genommen wird, kann es vorkommen, daß sich bei einigen wenigen, einem winzigen Prozentsatz der Bevölkerung, schädliche Nebenwirkungen einstellen - Reaktionen, die während der Testversuche nicht vorausgesehen werden konnten. Wenn der Prozentsatz jedoch hoch ist und die neu aufgetretenen Reaktionen sich als ernst oder gar lebensgefährlich erweisen, muß das Medikament selbstverständlich aus dem Handel gezogen werden. Das Dilemma ist nur, daß es keine Möglichkeit gibt, sich über ein Medikament ganz sicher zu sein, bevor man es nicht auf breiter Basis angewendet hat.«

»Derartige Reaktionen«, sagte Bruce, »müssen doch bekanntgegeben werden, oder?«

»Aber ja. Und wenn eine pharmazeutische Firma von irgendwelchen schädlichen Nebenwirkungen erfährt, ist sie bei uns gesetzlich verpflichtet, die FDA sofort davon zu unterrichten. Normalerweise geschieht das auch.«

Lisa runzelte die Stirn. »Nur >normalerweise<?«

»Manchmal ist es schwierig zu entscheiden, was bei einem Medikament eine echte Reaktion ist und was irgendeine andere Ursache hat«, erklärte Celia. »Häufig hängt das von der wissenschaftlichen Beurteilung ab, die widersprüchlich ausfallen kann. Und noch etwas darf man nicht vergessen; daß eine übereilte Entscheidung vielleicht ein gutes oder gar lebenswichtiges Medikament verhindern kann.«

»Aber im Falle von Montayne«, wandte Andrew ein, »ist alles ganz anders verlaufen. Eure Mutter hatte mit ihrem Urteil über die aufgetretenen Reaktionen recht, und alle anderen hatten unrecht.«

Celia schüttelte den Kopf. »Das ist auch nicht ganz richtig. Ich bin nur meinem Instinkt gefolgt, ohne wissenschaftliche Begründung, und der Instinkt hätte sich genausogut als falsch erweisen können.«

»Er hat sich aber nicht als falsch erwiesen«, sagte Andrew. »Das ist das Entscheidende. Mehr noch - du hast an dem, woran du geglaubt hast, festgehalten, und dann hast du den Mut gehabt, deine Stellung zu kündigen. So was tun nur ganz wenige. Und deshalb ist deine Familie sehr stolz auf dich.«

Bruce sagte: »Was man nur schwer glauben kann, Mom, ist, daß die Presse und das Fernsehen nicht wußten, was mit Mori-tayne los war - jedenfalls haben sie nicht alles gewußt, bis heute.«

»So was kann vorkommen«, erklärte Andrew, »und es ist auch schon mal vorgekommen, fast auf die gleiche Weise, bei Thalido-jnid nämlich. Ich habe eine Menge darüber gelesen. 1961 und 1962 ignorierte die amerikanische Presse einfach, was sich in Europa bereits als eine Thalidomid-Katastrophe herausgestellt hatte. Selbst als eine amerikanische Ärztin, Dr. Heien Taussig, bei einer Anhörung vor dem Kongreß Dias von behinderten Kindern vorführte, die den Kongreßleuten Schauer über den Rücken jagten, schwieg sich die amerikanische Presse darüber aus.«

»Das ist ja unglaublich«, sagte Lisa.

Ihr Vater zuckte die Achseln. »Manche Reporter sind eben faul. Diejenigen, die bei den Anhörungen hätten dabeisein sollen, waren nicht anwesend und haben später nicht mal das Protokoll gelesen. Aber einer war absolut nicht faul - Morton Mintz, ein Reporter der Washington Post. Er hat die einzelnen Stücke des Puzzles zusammengesetzt und daraus die Thalidomid-Story gemacht und war damit allen anderen um eine Nasenlänge voraus. Natürlich war seine Story eine Sensation, genau wie jetzt bei Montayne.«

»Ihr müßt wissen«, sagte Celia zu den Kindern, »daß euer Vater von Anfang an gegen Montayne war.«

»Weil du geahnt hast, daß Montayne all diese schrecklichen Dinge anrichten würde?« fragte Lisa.

»Absolut nicht«, erwiderte Andrew. »Als Arzt vertrete ich allerdings die Meinung, daß man kein Medikament einnehmen soll, nur um ein Gefühl des Unwohlseins zu beseitigen, bei dem es sich ganz offensichtlich um einen zeitlich begrenzten Zustand handelt.«

»Was soll das heißen, >zeitlich begrenzter Zustand<?« fragte Lisa.

»Übelkeit während der Schwangerschaft, zum Beispiel, ist ein >zeitlich begrenzter Zustand<. Das ist normal und auf die ersten Monate der Schwangerschaft beschränkt. Nach einiger Zeit vergeht es von allein und ohne Schäden zurückzulassen. In dieser Zeit irgendwelche Medikamente einzunehmen - außer wenn eine medizinische Notwendigkeit vorliegt - ist unsinnig und im-ttier mit einem Risiko verbunden. Als ihr unterwegs wart, hat eure Mutter nichts eingenommen. Darauf habe ich geachtet.«

Andrew sah seine Tochter an. »Und wenn es mal bei dir soweit ist, wirst du auch nichts nehmen, kleines Fräulein. Und wenn du ein kräftiges, gesundes Baby haben willst: keinen Alkohol und keine Zigaretten, hörst du?«

»Ich verspreche es«, sagte Lisa.

Celia hatte plötzlich eine Ahnung, wie sich aus der Montayne-Erfahrung vielleicht eines Tages sogar etwa Positives ergeben könnte.

»Wir Ärzte haben in vielem, was die Medikamente betrifft, auch schuld. Zum einen verschreiben wir sie zu häufig - oft auch unnötigerweise - und zum Teil deshalb, weil wir wissen, daß es Patienten gibt, die sich betrogen fühlen, wenn sie die Arztpraxis ohne ein Rezept verlassen. Zum ändern läßt sich mit dem Ausfüllen eines Rezepts das Gespräch mit einem Patienten ganz leicht beenden, damit der nächste hereinkommen kann.«

»Das sind ja tolle Geständnisse heute«, sagte Bruce. »Was machen Ärzte denn sonst noch alles falsch?«

»Viele von uns kennen sich mit Medikamenten nicht besonders gut aus - jedenfalls nicht so gut, wie wir eigentlich sollten, vor allem wissen wir sehr wenig über Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten untereinander. Natürlich ist es unmöglich, alle Informationen im Kopf zu behalten, aber gewöhnlich kümmern sich die Ärzte gar nicht erst darum oder sind zu stolz, in Gegenwart des Patienten in einem Buch nachzuschlagen.«

»Zeige mir einen Arzt, der sich nicht scheut, etwas in Gegenwart eines Patienten nachzuschlagen«, sagte Celia, »und ich zeige dir einen guten, verantwortungsbewußten Arzt. Euer Vater ist so einer. Ich habe es selbst erlebt.«

Andrew lächelte. »Natürlich bin ich, was Medikamente betrifft, im Vorteil - dank eurer Mutter.«

»Werden von den Ärzten viel schlimme Fehler mit Medikamenten gemacht?« fragte Lisa.

»Das kommt häufig vor«, sagte Andrew. »Es gibt aber auch Fälle, in denen ein wachsamer Apotheker einen Arzt vor einem Fehler bewahrt, indem er ein Rezept in Frage stellt. Gewöhnlich wissen Pharmazeuten besser über Medikamente Bescheid als Ärzte.«