»Gibt es viele Ärzte, die das auch zugeben?« fragte Bruce.
»Leider nein«, antwortete Andrew. »Sehr oft werden die Apotheker nicht als medizinische Kollegen angesehen, die sie doch in Wirklichkeit sind.« Er lächelte. »Natürlich machen auch Apotheker Fehler. Und manchmal bringen die Patienten selbst etwas durcheinander, indem sie die verschriebene Dosis verdoppeln oder gar verdreifachen - wie sie später im Ambulanzwagen zugeben -, nur weil sie sich eine schnellere Wirkung erhoffen.«
»Und all das«, sagte Celia entschieden, »ist mehr, als ein müder Pharma-Mensch wie ich an einem Tag verdauen kann. Ich glaube, ich werde jetzt versuchen, ein bißchen zu schlafen.«
Sie schlief die meiste Zeit während des restlichen Fluges.
Zu Celias Erstaunen wartete am Kennedy Airport ein Firmenwagen mit Chauffeur auf sie, um sie nach Morristown zu bringen. Der Chauffeur, den sie flüchtig kannte, überreichte ihr ei-nen versiegelten Umschlag, der einen Brief von Seth Feingold enthielt.
Liebe Celia, willkommen zu Hause - in jeder Hinsicht!
Wagen und Chauffeur mit den besten Empfehlungen vom Aufsichtsrat für Ihren ausschließlichen und ständigen Gebrauch als geschäftsführende Vizepräsidentin.
Kollegen und Untergebene - der Unterzeichnete eingeschlossen - freuen sich darauf, Sie wiederzusehen, wenn Sie sich von Ihrer Reise ausgeruht haben.
Ihr sehr ergebener Seth Im Haus der Jordans in Morristown gab es ein freudiges Wiedersehen mit Winnie und Hank April - Winnie war gewaltig in die Breite gegangen, ihre Entbindung stand in wenigen Wochen bevor. Während alle sie umarmten, warnte Winnie: »Drückt mich nicht so fest, ihr Lieben, sonst kommt der kleine Kerl noch in diesem Augenblick zur Welt.«
Andrew lachte. »Ich habe kein Baby mehr auf die Welt gebracht, seit ich Stationsarzt im Krankenhaus war - das ist lange her-, aber ich werde mir natürlich Mühe geben.«
Hank, der nie soviel sprach wie seine Frau, strahlte vor Glück und beschäftigte sich damit, das Gepäck auszuladen.
Ein wenig später tauschten Winnie, Celia und Andrew in der Küche Neuigkeiten aus, als Celia plötzlich ein schrecklicher Gedanke kam.
Sie hatte fast Angst zu fragen, aber dann tat sie es doch: »Winnie, hast du in deiner Schwangerschaft irgend etwas eingenommen ?« »Sie meinen gegen die Übelkeit am Morgen?« »Ja«, erwiderte Celia mit wachsender Angst. »So was wie dieses Montayne?« Winnie deutete auf ein Exemplar des Newark Star-Ledger vom selben Morgen, der auf dem Küchentisch lag und auf dessen Titelseite ein Artikel über Mon-tayne prangte.
Celia nickte bedrückt.
»Mein Arzt hat mir ein paar Proben gegeben und gesagt, ich soll es nehmen«, berichtete Winnie. »Das hätte ich auch fast getan. Mir war morgens immer so schlecht. Aber . . .« Sie warf Andrew einen Blick zu. »Kann ich es sagen, Dr. Jordan?«
»Ja«, versicherte er.
»Aber bevor Sie weggefahren sind, hat Dr. Jordan mir gesagt -er hat gesagt, das müsse ein Geheimnis zwischen uns bleiben -, wenn mir also jemand Montayne gäbe, dürfte ich es auf keinen Fall einnehmen, sondern sollte es im Klo runterspülen. Und das habe ich getan.«
Winnie sah mit Tränen in den Augen erst die Zeitung und dann Andrew an. »Dieses Baby hat mir ganz schön zu schaffen gemacht. Deshalb . . . Gott segne Sie, Dr. Jordan!«
Erleichtert nahm Celia Winnie in die Arme.
5
Sam Hawthorne sah aus wie ein wandelnder Leichnam.
Sein Anblick schockierte Celia in den ersten Tagen nach ihrer Rückkehr zu Felding-Roth so sehr, daß sie es nicht fertigbrachte, ihn anzusprechen. Deshalb war es Sam, der als erster das Wort ergriff.
»Na, ist das nicht ein erhebendes Gefühl, in Ruhm und Ehren zurückzukehren, recht behalten zu haben und unbescholten dazustehen?«
Die unfreundlichen Worte, mit krächzender Stimme hervorgebracht, versetzten ihr einen weiteren Schock. Es war sieben Monate her, seit Celia Sam zum letzten Mal gesehen hatte. In dieser Zeit schien er um mindestens zehn Jahre gealtert zu sein. Sein Gesicht war hager und blaß, seine Augen blickten trüb und lagen in tiefen Höhlen, und seine Schultern waren gebeugt. Er hatte erschreckend an Gewicht verloren.
»Nein, Sam«, sagte Celia, »ich fühle mich gar nicht besonders gut. Ich bin nur traurig, und es tut mir schrecklich leid - wegen Ihres Enkels. Und was meine Rückkehr betrifft, so bin ich nur hier, um zu helfen.«
»Ach, ja, dachte ich mir's doch, daß Sie . . .«
»Sam«, unterbrach sie ihn, »können wir nicht irgendwo hingehen, wo wir ein bißchen ungestörter sind?«
Celia war gerade von einer Besprechung mit Seth Feingold und mehreren Direktoren gekommen, und sie standen auf dem Gang. Das Büro des Präsidenten war nicht weit entfernt. Schweigend gingen sie hinein.
Drinnen drehte Sam sich zu ihr um. Seine Stimme hatte noch immer den rauhen, mürrischen Klang. »Ich dachte mir, daß es Ihnen leid tun würde. Aber warum sagen Sie nicht, was Sie wirklich denken?«
»Vielleicht ist es besser, wenn Sie mir sagen, was ich denke«, entgegnete sie ruhig.
»Verdammt! Ich weiß selbst, daß es von mir verantwortungslos war, kriminell, Juliet das Montayne zu geben, als es noch nicht einmal zugelassen war. Daß ich es bin, ich allein, der schuld daran ist, daß Juliets und Dwights Baby, mein Enkelsohn, so ist -die sinnlose Hülle eines Menschen, nichts als ein . . .« Sam erstickte an den letzten Worten und wandte sich ab.
Celia stand, von Kummer und Mitgefühl überwältigt, schweigend da und überlegte, was sie sagen sollte. Schließlich begann sie:
»Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen, Sam - und das scheint im Augenblick das beste zu sein -, ja, das habe ich gedacht. Und ich glaube, das denke ich noch immer.«
Sam sah sie an, hing an jedem Wort von ihr, während sie fortfuhr:
»Aber es gibt auch noch anderes, an das Sie sich erinnern sollten. Daß man hinterher immer klüger ist als vorher. Daß wir alle Fehler gemacht haben, als es um die Beurteilung . . .«
»Sie nicht. Nicht diesen. Nicht all die Fehler, die ich gemacht habe.« Noch immer klang Bitterkeit aus seinen Worten.
»Ich habe andere gemacht«, sagte Celia. »Jeder, der Verantwortung trägt, begeht Fehler. Und wie schwerwiegend die Folgen sind, ist oft reine Glückssache.«
»Dieser Fehler war der schlimmste, den man sich vorstellen kann.« Sam ließ sich hinter seinem Schreibtisch in den Sessel fallen. »Und all die anderen Kinder, auch die noch ungeborenen. Ich bin dafür verantwortlich . . .«
»Nein«, sagte sie mit Bestimmtheit. »Das ist nicht wahr. Genauso wie alle anderen haben Sie sich auf Gironde-Chimie und die wissenschaftlichen Gutachten verlassen. Sie stehen nicht allein da. Die anderen, die auch die Verantwortung getragen haben, dachten genauso wie Sie.«
»Außer Ihnen. Wieso sind Sie nicht darauf reingefallen?«
»Zuerst war ich ja auch dafür«, wandte sie ein.
Sam stützte den Kopf in die Hände. »O Gott! Was habe ich nur angerichtet!« Er sah Celia an. »Celia, ich bin ungerecht und gemein zu Ihnen, nicht wahr?«
»Das macht nichts.«
Er sprach jetzt leiser, nicht mehr so gereizt. »Es tut mir leid, ganz ehrlich. Ich glaube, ich bin nur neidisch auf Sie. Und ich wünschte, ich hätte auf Sie gehört, Ihren Rat befolgt.«
Dann sprach er nur noch in abgehackten Sätzen. »Kann nicht schlafen. Liege Stunde für Stunde wach, grüble, erinnere mich, fühle meine schwere Schuld. Mein Schwiegersohn spricht nicht mit mir. Meine Tochter will mich nicht sehen. Lilian will uns allen helfen, weiß aber nicht, wie.«
Sam zögerte, fuhr dann fort: »Und da ist noch etwas, von dem Sie nichts wissen.«
»Was weiß ich nicht?«
Er wandte den Kopf ab. »Das werde ich Ihnen nie sagen.«
»Sam«, drängte Celia, »Sie müssen sich zusammennehmen. Es hilft nichts und niemandem, wenn Sie sich quälen.«