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Als hätte er sie gar nicht gehört, sagte er: »Ich bin fertig. Das wissen Sie.«

»Nein. Das weiß ich nicht.«

»Ich wollte zurücktreten. Aber die Rechtsanwälte sagen, daß ich das nicht tun darf, noch nicht. Ich muß an meinem Platz bleiben.« Und voller Bitterkeit fuhr er fort: »Man muß das Gesicht wahren. Um die Firma zu schützen. Um diesen Schakalen von Rechtsanwälten mit ihren verdammten Prozessen nicht noch mehr in die Hand zu geben. Deshalb bleibe ich noch eine Weile hier auf diesem Stuhl - wegen der Aktionäre.«

»Ich bin froh, daß es so ist«, sagte Celia. »Sie werden zur Leitung der Firma gebraucht.«

Er schüttelte den Kopf. »Dafür sind Sie doch da. Hat man Ihnen das nicht gesagt? So hat es der Aufsichtsrat beschlossen.«

»Seth hat mich erst teilweise informiert. Aber ich brauche Sie.«

Er sah sie an, in seinen Augen lag wortloser Schmerz.

Celia traf plötzlich eine Entscheidung. Sie ging zur Tür und schob von innen einen Riegel vor. Auf gleiche Weise verschloß sie auch die Tür zum Sekretariat. Dann hob sie den Telefonhörer ab. »Hier ist Mrs. Jordan. Ich bin bei Mr. Hawthorne. Wir möchten nicht gestört werden.«

Sam saß noch immer, ohne sich zu rühren, an seinem Schreibtisch.

»Haben Sie schon mal geweint, seit es passiert ist?« fragte sie ihn.

Er schien überrascht, dann schüttelte er den Kopf. »Wozu?«

»Manchmal hilft es.«

Sie beugte sich zu ihm und nahm ihn in den Arm. »Sam«, flüstere sie, »lassen Sie sich gehen.«

Einen Augenblick entzog er sich ihr, starrte ihr ins Gesicht, unsicher, zitternd, dann, ganz plötzlich, als sei ein Damm gebrochen, legte er wie ein Kind den Kopf an ihre Schulter und weinte.

Seit Celias erstem Treffen mit Sam wurde immer deutlicher, daß er ein gebrochener Mann war und zur Leitung der Firma wenig oder gar nichts beitragen konnte. Celia war darüber tief betroffen, mußte sich aber mit dieser Situation abfinden.

Sam kam jeden Tag mit seinem silbergrauen Rolls-Bentley in die Firma, den er in der obersten Etage des Parkhauses, dem sogenannten »Laufsteg«, abstellte. Gelegentlich trafen er und Celia gleichzeitig dort ein, Celia in ihrem Firmenwagen mit Chauf-feur, über den sie sehr froh war, denn er ermöglichte es ihr, unterwegs zu arbeiten. Dann ging sie gemeinsam mit Sam zum Hauptgebäude, und zuweilen ergab sich dabei ein kurzes Gespräch.

Niemand fragte, was Sam in seinem Büro eigentlich tat, aber abgesehen von ein paar unwesentlichen Mitteilungen kam von ihm nichts. Bei Konferenzen, die immer rechtzeitig angekündigt wurden, fehlte Sam stets.

Schon vom zweiten Tag ihrer Rückkehr an gab es nicht den geringsten Zweifel, daß Celia die Firma leitete.

Wichtige Entscheidungen, die die Firmenpolitik betrafen, wurden ihr überlassen. Andere Probleme, die in der Luft hingen, wurden ihr zur Lösung vorgelegt. Sie kümmerte sich um alles -so prompt, so vernünftig und so zielbewußt, wie es für sie typisch war.

Die Besprechungen mit den Rechtsanwälten nahmen den größten Teil ihrer Zeit in Anspruch.

Als Folge der Publicity, die Montayne zuteil wurde, als die Firma es aus dem Handel zog, hatte es die ersten gerichtlichen Klagen gegeben. Manche schienen berechtigt. Inzwischen waren in den USA einige Fälle aufgetaucht, die denen in den anderen Ländern ähnelten.

Ganz bestimmt würden weitere folgen. Aufgrund einer vertraulichen, firmeninternen Schätzung mußte man in den USA mit über vierhundert behinderten Kindern rechnen, deren Mißbildungen auf Montayne zurückzuführen waren. Zu dieser Zahl war man aufgrund von Statistiken aus Frankreich, Australien, Spanien, Großbritannien und anderen Ländern gelangt. Die Berechnungen stützten sich auf die Zeitspanne, während der Mon-tayne in diesen Ländern im Handel gewesen war, sowie auf die verkaufte Menge und die entsprechenden Zahlen für die Vereinigten Staaten.

Andere Gerichtsverfahren waren von werdenden Müttern angestrengt worden, die Montayne eingenommen hatten. Sie verlangten eine Entschädigung für die Angst, die sie vor der Geburt ihres Kindes ausstehen mußten, und verklagten Felding-Roth vor allem wegen Fahrlässigkeit. Eine Minderheit handelte in betrügerischer Absicht, wie man annahm, aber auch mit ihr mußte man sich befassen.

Was die Kosten insgesamt betraf, so hatte Celia erfahren, daß Felding-Roth eine Produkt-Haftpflicht-Versicherung abgeschlossen hatte, die sich auf hundertfünfunddreißig Millionen Dollar belief. Außerdem verfügte die Firma über eine stille Reserve, die für den gleichen Zweck zurückgestellt worden war und zwanzig Millionen Dollar ausmachte.

»Diese hundertfünfundfünfzig Millionen hören sich großartig an, und vielleicht decken sie auch alle Ansprüche, die auf uns zukommen«, sagte Childers Quentin, ein Rechtsanwalt, zu Celia. »Aber ich würde mich nicht darauf verlassen. Wahrscheinlich müssen Sie noch mehr lockermachen.«

Quentin, ein weißhaariger Mann von über siebzig mit sehr höflichen Manieren, war der Chef einer Anwaltskanzlei in Washington, die auf Probleme der Pharma-Industrie spezialisiert war, vor allem auf Schadenersatzverfahren.

Quentin wurde, wie Celia erfuhr, von seinen Kollegen »Mister O. C. Fixit« genannt; die Abkürzung kam von »out of court« -weil er dafür bekannt war, Streitigkeiten außergerichtlich beizulegen. »Er hat die Nerven eines Pokerspielers«, bemerkte ein Rechtsanwalt der Firma, »denn er scheint genau zu wissen, wie weit er gehen kann, um Schadenersatzansprüche zu befriedigen, ohne vor Gericht gehen zu müssen.«

Celia beschloß gleich von Anfang an, Childers Quentin volles Vertrauen zu schenken.

»Was Sie und ich versuchen müssen, meine Liebe«, informierte er sie, als spräche er mit seiner Lieblingsnichte, »ist, möglichst schnell Vergleiche herbeizuführen, die vernünftig und großzügig sind. Das ist außerordentlich wichtig, um eine derart katastrophale Situation in den Griff zu bekommen. Und was die Großzügigkeit betrifft - so müssen Sie sich folgendes immer vor Augen halten: Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, daß ein Montayne-Fall vor Gericht kommt und mit der Anerkennung einer Multimillionen-Dollar-Entschädigung endet. Damit wäre für alle anderen ein Präzedenzfall geschaffen und die Firma ruiniert.«

»Besteht denn eine Chance, alles außergerichtlich zu regeln?« fragte Celia.

»Eine bessere, als Sie vielleicht denken.« Er erklärte es ihr:

»Wenn einem Kind schwerer, nicht wiedergutzumachender Schaden zugefügt wird - wie das bei Montayne der Fall ist -, dann reagieren die Eltern zunächst mit Verzweiflung, danach mit Zorn. In ihrem Zorn wollen sie diejenigen bestrafen, die ihnen diesen Kummer zugefügt haben; daher gehen sie zu einem Rechtsanwalt. Vor allem aber wollen die Eltern - wie sich gezeigt hat - unbedingt ihren Auftritt vor Gericht.

Aber wir Rechtsanwälte sind pragmatisch. Wir wissen, daß Fälle, die vor Gericht kommen, verloren werden können, und nicht immer aus Gründen der Gerechtigkeit. Wir wissen außerdem, daß überlastete Gerichte, Verzögerungstaktiken der Verteidigung und ähnliches dazu führen können, daß Jahre vergehen, bis es zur Verhandlung kommt. Und dann können, selbst wenn der Prozeß gewonnen wird, jahrelange Berufungen die Dinge weiter in die Länge ziehen.

Außerdem wissen die Rechtsanwälte, daß, wenn der erste Zorn verraucht ist, ihre Klienten müde und desillusioniert werden. Die Vorbereitungen auf den Prozeß bestimmen ihr Leben, beschäftigen sie pausenlos, erinnern sie ständig an ihren Kummer. Und deshalb wünschen sich die Leute eine schnelle Einigung, damit sie ihr normales Leben wiederaufnehmen können.«

»Ja«, sagte Celia, »das kann ich gut verstehen.«

»Aber es kommt noch etwas hinzu. Die Rechtsanwälte für Schadenersatzansprüche, mit denen wir es zu tun haben werden, haben häufig vor allem auch ihre eigenen Interessen im Auge. Viele nehmen einen Fall nur auf der Basis einer Erfolgsprovision von einem Drittel - oder mehr - der erzielten Summe an. Und Rechtsanwälte haben eine Menge Rechnungen zu bezahlen . . .« Quentin zuckte die Achseln. »Das sind Menschen wie du und ich. Die möchten ihr Geld auch gern bald haben, nicht erst in unsicherer ferner Zukunft. Das ist ein Faktor, der sich auf gütliche Einigungen positiv auswirkt.«