Er verließ das Geschäft und überflog auf dem Rückweg den Zeitungsartikel.
alte Mann war so in seine Zeitung vertieft, dass er den Schatten nicht bemerkte, der sich auf einem Dach ganz in der Nähe bewegte. Hoch oben in der Dunkelheit kauerte ein Beobachter des FBI auf einem Gang vor einer Galerie und hielt seine digitale Hochgeschwindigkeitskamera auf Whistler gerichtet, während er ein Foto nach dem anderen schoss. Sein Gesicht wurde von dem großen Objektiv verdeckt.
Der alte Mann verließ sein Blickfeld. Der Agent klappte seinen Kragen hoch und sprach leise in das Funkgerät, das am Futter seiner Jacke befestigt war. „Objekt bewegt sich in westlicher Richtung.“
In einem Zivilfahrzeug, das ganz in der Nähe geparkt war, saß Agent Cumberland geduckt hinter seinem Lenkrad und spähte aus dem Seitenfenster. Er wagte kaum zu hoffen, dass er richtig liegen könnte. Vor ihm trat ein ungepflegt aussehender Mann aus einem Geschäft und schlenderte langsam den Fußweg entlang, den Blick unverwandt auf eine Zeitung in seinen Händen geheftet.
Im Geiste hörte Cumberland einen Chor Halleluja singen.
Der Mann sah aus, als sei er Anfang sechzig und humpelte leicht. Ehe er die Straße überquerte, blieb er kurz stehen, um Luft zu holen, dann humpelte er auf die andere Seite. Von den Wagen, die ihn passierten, nahm er kaum Notiz, da ihn der Artikel viel zu sehr zu fesseln schien.
Gefährlich sah der Mann nicht aus, aber Cumberland übte seinen Job schon viel zu lange aus, als dass er Menschen noch nach ihrem Äußeren beurteilt hätte. Das lange graue Haar war zwar zerzaust, seine Kleidung wirkte eher wie Lumpen, doch für Cumberland war es so, als dürfe er einen Blick auf den Heiligen Gral werfen.
Abraham Whistler.
Endlich.
Whistler war Blades Komplize und einer der meistgesuchten Kriminellen auf der Liste, die das FBI monatlich erstellte. Der Mann wirkte alt und gebrechlich, aber sein Vorstrafenregister war sogar noch länger als das von Blade. Cumberland konnte sich noch daran erinnern, wie er die lange Liste zum ersten Mal zu Gesicht bekommen hatte. Ungläubig hatte er um eine Kopie gebeten, damit er sie in Ruhe zu Hause studieren konnte, doch die Druckerpatrone war leer gewesen, ehe die Seiten komplett ausgedruckt waren. Brandstiftung, schwerer Einbruch, Entführung, versuchter Mord, Widerstand bei der Festnahme… Ganz gleich, um welches Verbrechen es sich handelte, zu irgendeinem Zeitpunkt hatte Whistler es sicher begangen.
Aber er war nie verhaftet worden.
Cumberland lächelte und hatte dabei das Gefühl, als würde er das zum ersten Mal seit Wochen machen. Er griff nach dem Funkgerät, ohne den Blick von Whistler zu nehmen. Ein Gefühl sagte ihm, der Mann würde in dem Moment verschwunden sein, in dem er in eine andere Richtung sah. „Das ist er“, sagte er in das Funkgerät.
Endlich.
Vor Begeisterung begann sein Puls zu rasen. Cumberland startete den Motor und ließ den Wagen langsam am Straßenrand entlang rollen, ohne die Scheinwerfer einzuschalten.
„Gratuliere, jetzt bist du berühmt. Das hat uns gerade noch gefehlt.“
Whistler warf die Zeitung auf die Werkbank, Blade starrte sie ungerührt an, las interessiert die Schlagzeile und sah sich dann das Foto an.
Er war wirklich gut getroffen, lediglich sein Kinn war etwas ausgeprägter als auf der Zeichnung, und seiner Frisur wurde das Bild auch nicht gerecht.
Whistler schlug mit der flachen Hand auf das Bild und Blade zuckte zusammen. „Blade, jemand hat uns in die Suppe gespuckt. Dein Gesicht ziert die Zeitungen und ist im Fernsehen zu sehen!“ Er zog die Brauen zusammen und fuchtelte mit einer Hand wie wild umher. „Die Medien stürzen sich drauf!“
Blade schnaubte. „Kümmert mich das?“
„Es sollte dich kümmern“, sagte Whistler schroff. „Du hast einen Menschen umgebracht, auch wenn er für die Vampire gearbeitet hat. Für den Rest der Welt bist du jetzt Staatsfeind Nummer Eins!“
Blade sah Whistler von der Seite an. „Ich wusste gar nicht, dass es hier um einen Beliebtheitswettbewerb geht.“
Whistler presste die Lippen zusammen, während er versuchte, seine Wut zu bändigen. „Verdammt, Blade, begreifst du denn nicht?“ Er packte die Zeitung und fuchtelte damit seinem Schützling vor dem Gesicht herum. „Die Scheißkerle werden endlich schlau. Sie starten eine gottverdammte PR-Kampagne!“ Er warf die Zeitung wieder auf die Werkbank. „Jetzt müssen wir uns nicht nur um die Vampire kümmern, sondern der Rest der Welt hat es nun auch noch auf uns abgesehen.“
Whistler wandte sich ab. Seine Gedanken überschlugen sich. Die Vampire hatten ihnen alles genommen, und jetzt wollten sie noch mehr. Sie lebten schon wie die Ratten, sie opferten jeglichen Komfort und ihre geistige Gesundheit, nur um Leben zu retten. Und nun sah es so aus, als würde man ihnen diesen letzten Rest auch noch nehmen.
Das war nun wirklich zu viel.
Whistlers kobaltblaue Augen erfassten die Werkstatt mit all ihren behelfsmäßigen Konstruktionen. Aus ihrem letzten Hauptquartier hatte er gerettet, was noch zu retten gewesen war. Aber das meiste war von den Vampiren völlig vernichtet worden. Die wenigen verbliebenen Werkzeuge und Ausrüstungsgegenstände hatte er sich zum größten Teil aus einem medizinischen Labor am Stadtrand „geborgt“. Die übrige Einrichtung war bereits vorhanden gewesen, als sie hier einzogen, offenbar von den Farmarbeitern zurückgelassen, die früher hier gewohnt hatten.
Es hatte Wochen gedauert, bis die Matratzen nicht mehr nach Ziegen gestunken hatten.
Er wandte sich wieder Blade zu und bemühte sich, mit ruhiger Stimme zu reden. „Sie zwingen uns zur Flucht. Seit Monaten sind wir kaum noch in der Lage, ihnen auch nur einen Schritt voraus zu sein…“
Blade legte eine Hand auf Whistlers Schulter und drückte sie. „Du machst dir zu viel Gedanken, alter Mann.“
Whistlers Augen blitzten wütend auf. Er wirbelte herum und schlug die Hand des anderen zur Seite. „Ich habe das hier schon getan, bevor du auf der Welt warst, Blade. In dem Augenblick, in dem du aufhörst, dir Gedanken zu machen, bist du tot.“
Einen Moment lang starrten sich die beiden an. Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Dann wurden Whistlers Züge sanfter. „Seit dem Tag, an dem ich dich fand, bist du für mich wie ein Sohn gewesen. Ich habe dir alles beigebracht, was ich weiß.“ Er atmete pfeifend ein, dann seufzte er. „Aber ich bin müde. Verstehst du das?“
Mit diesen Worten wandte er sich ab und ging weg.
In seinem spartanisch eingerichteten Zimmer saß Whistler im Dunkeln auf dem Bett und starrte auf den angelaufenen Ehering an seinem schwieligen Finger. Er drehte ihn langsam und gedankenverloren.
Auf der anderen Seite der Diele kniete Blade mit geschlossenen Augen vor einem kleinen Zen-Schrein. Weihrauch stieg aus einer matten silbernen Räuchervase auf, die hinter ihm auf dem Boden stand. Ein süßlicher und zugleich leicht beißender Duft breitete sich im Zimmer aus. Auf einem zeremoniellen Ständer ruhte Blades Schwert, die gravierte Titanium-Klinge glänzte im Mondschein. Darunter lagen seine Sonnenbrille und seine Lederjacke, deren Ärmel noch immer feucht waren vom Blut der Vampire. Die Stille im Zimmer wurde nur von der regelmäßigen Brandung und vom Wind, der sich in den Ritzen des Fensterrahmens fing, unterbrochen.
Blade konzentrierte sich auf das Rauschen des Meeres und zwang sich, all die hässlichen Geräusche in seinem Kopf zu ignorieren. Schreie und Schüsse spielten sich wieder und wieder in seinem übermüdeten Gehirn ab, untermalt vom unablässigen Motorgebrüll seines Chargers. Immer wieder tauchte Gedges Gesicht auf, wie er im Sterben lag, wie hinter der Angst und dem Schmerz der Triumph einer Klapperschlange gleich lauerte. Der Mann war davon überzeugt gewesen, dass sein Tod eine tiefere Bedeutung hatte, so als habe er irgendein Opfer gebracht.
Blade steckte in Schwierigkeiten, so viel war klar. Er hatte in aller Öffentlichkeit einen Menschen umgebracht, und dafür würde er bezahlen müssen.
Aber ihm und Whistler würde letzten Endes nichts passieren – so wie ihnen nie etwas passierte. Er musste bloß diese Kakophonie des Todes aus seinem Kopf bekommen, dann würde er sich dem Problem von jeder nur denkbaren Seite widmen und eine Lösung finden.