Beim Anblick des Schriftzeichens überkam Blade ein überwältigendes Gefühl der Furcht. Er war schon einmal hier gewesen, und jetzt erinnerte er sich auch daran, was als Nächstes kommen würde. Er wollte sich von den Pflöcken befreien, doch ihm fehlte längst die Kraft dafür. Er konnte nur zusehen, wie Whistler das Schwert hoch über seinen Kopf hob und ihn mit diesen schrecklichen schwarzen Augen anstarrte. Der Wind erreichte inzwischen die Stärke eine Hurrikans, der die Luft in kreischende Wirbel zerriss und die anderen Vampire wie Herbstlaub mit sich in den Himmel aufsteigen ließ.
Mit einem unglaublichen Krachen wurde die Pyramide vom Sturm zerrissen, die Wände flogen nach oben und zur Seite, als hätte sich im Inneren eine Explosion zugetragen. In ihrem Mittelpunkt war eine gähnende schwarze Leere zu sehen, aus der sich windende, schwarze Schatten austraten. Die breiteten sich zischend und kreischend in einer dunklen Welle auf der Erde aus, bis es so schien, als würden diese Geräusche die ganze Welt erfüllen und sogar noch das Tosen des Sturms übertönen.
Während Blade auf dem Boden lag und tonlos schrie, trat Whistler lächelnd ganz nah an ihn heran. Das antike Schwert sauste nach unten und bohrte sich mit entsetzlicher Geschwindigkeit in Blades Herz…
Blades Körper zuckte im Schlaf, seine Augen bewegten sich hastig hinter den geschlossenen Lidern. Dann wurde sein Atem gleichmäßiger. Er begann sich zu regen, als er langsam aufwachte und durch die schwarzen Gezeiten des Schlafs zur Oberfläche aufstieg.
Sein Bewusstsein kehrte allmählich zurück, und Blade konnte nach und nach seinen Körper wieder wahrnehmen. Arme und Beine fühlten sich merkwürdig schwer an, in seiner Brust verspürte er ein eigenartiges, dumpfes und zugleich kribbelndes Gefühl, als hätte ihn jemand mit einem Eispickel getroffen.
Blade runzelte die Stirn und versuchte, sich wieder abdriften zu lassen, doch es half nichts. Irgend etwas versuchte, sein Bewusstsein in das Land der Lebenden zurückzuholen, etwas Fröhliches und Gehässiges, das ihm ins Ohr flüsterte, dass es ganz gleich war, was er beim Erwachen sehen würde – es würde ihm nur noch mehr Schmerz bereiten.
„Aufwachen, Schlafmütze.“
Blade stöhnte und versuchte, sich an dem kostbaren Moment des grauen Vergessens festzuklammern, der den Schlaf vom Wachsein trennte. Er fühlte sich schwach und ausgemergelt. Sein ganzer Körper schmerzte, und es kam ihm so vor, als sei sein ganzer Kopf voller kleiner wütender Moskitos, die sich einen Weg aus seinem Schädel fressen wollten.
Er kniff die Augen zusammen, um in das gnädige Nichts des Schlafs zurückzukehren, doch eine leise Stimme irgendwo in seinem Hinterkopf schrie ihn an. Er ignorierte sie, aber sie wurde lauter. Blade wollte eine Hand an den Kopf nehmen, um seine Schläfe zu reiben, doch er musste feststellen, dass er an den Handgelenken gefesselt war.
Scheiße.
Es half alles nichts.
Seufzend öffnete er langsam die Augen.
Er befand sich in einem kleinen rechteckigen Raum ohne Fenster. An der Decke hingen zwei gelbliche, summende Neonröhren. Zwei ausgesprochen verärgert dreinblickende Männer mittleren Alters saßen ihm an einem langen Metalltisch gegenüber und sahen ihn finster an. Einer von ihnen war groß und wirkte streng, der andere war deutlich kleiner und trug ein Toupet, das eher danach aussah, als sei irgendein Tier auf seinem Kopf verendet. Sie waren beide lässig gekleidet, dennoch wirkte es so, als würden sie diese Kleidung wie eine Uniform tragen. Hinter ihnen befand sich ein großer Spiegel, durch den man von der anderen Seite sehen konnte. In einer Ecke hing eine Überwachungskamera, deren rotes Licht anzeigte, dass die Aufnahme lief. Sie machte surrende und klickende Geräusche, als sie näher an Blade heranzoomte.
Blade stöhnte auf. Das sah alles andere als vielversprechend aus. Er tastete mit der Zunge seine Mundhöhle ab und versuchte, den Kopf zu heben, der so schwer wie eine Kanonenkugel war. „Wer…“
Der ältere, deutlich unfreundlichere der beiden Männer sah ihn an. „Special Agent Ray Cumberland, FBI. Und das ist Special Agent Wilson Haie, mein Kollege. Wir sind Ihnen schon seit langer Zeit auf der Spur.“
Auch wenn Blade sich nach wie vor ein wenig desorientiert fühlte, war er doch beeindruckt von der Art und Weise, mit welcher Betonung dieser Mann seinen Dienstgrad aussprach. Er musste das lange vor einem Spiegel geübt haben.
Die Erinnerung traf Blade wie ein Schlag. Er schoss von seinem Platz hoch und war mit einem Mal hellwach. Langsam holte er tief Luft, fürchtete sich aber davor, den Namen auszusprechen, der ihm soeben wieder ins Gedächtnis gekommen war. „Whistler…?“
Cumberland schüttelte den Kopf. In seinen Augen lag kalte Verachtung. „Tot. So wie alle Ihre Opfer.“
Blade schloss die Augen.
Das konnte nicht die Realität sein, das war einfach nicht möglich!
Cumberland erhob sich. „Wie viele Leute haben Sie getötet? Dreißig? Vierzig? Fünfzig?“ Der Detective sprach mit beherrschtem Tonfall, doch Blade hörte die Wut heraus, die unter der Oberfläche brodelte und zu der sich eine gefährliche Dosis Arroganz gesellte.
„Einhundertsiebenunddachtzig“, brummte Blade und ignorierte, dass Haie daraufhin hörbar die Luft einsog. „Allein in diesem Jahr“, fügte er nur im Geiste an. Er versuchte, sich aufrechter hinzusetzen und dem Detective in die Augen zu sehen. „Aber das waren alles Vertraute – Leute, die für sie arbeiteten.“
„Und mit sie meinen Sie Vampire, richtig?“ Cumberland nahm wieder Platz und umfasste die Tischkante. „Und als Nächstes werden Sie uns wohl erzählen, dass Bigfoot auch in dieser Verschwörung mit drinhängt, wie?“
Der Detective grinste arrogant, während Blade ihm einen finsteren Blick zuwarf. „Und was tötet diese Blutsauger, Sie knallharter Typ, Sie? Vielleicht können Sie uns da ja ein bisschen auf die Sprünge helfen.“ Cumberland zählte an seinen Fingern ab: „Man kann sie pfählen, nicht? Und dann ist da das Sonnenlicht. Und was ist mit Kruzifixen, Wilson? Funktionieren die immer noch?“
„Keine Ahnung, Ray. Und wenn es ein jüdischer Vampir ist?“
„Ein guter Einwand.“ Cumberland lächelte kalt. „Und was ist mit Knoblauch, wenn der Vampir ein Hindu ist? Muss man dann Safran oder was anderes nehmen?“
Haie kicherte.
Cumberland schüttelte den Kopf und wurde wieder ernst. „Sie können Ihre Nummer so lange spielen, wie Sie wollen, Blade, es wird Ihnen nichts bringen. Sie sind ein eiskalter Killer, und Sie sind verdammt krank.“
„Diese Diagnose sollten wohl besser die Experten stellen, nicht wahr, Ray?“
Cumberland drehte sich um und sah, dass Doktor Edgar Vance in der Tür stand und ihm grüßend zunickte. Dann trat er ein, legte seinen Lederkoffer auf den Tisch und setzte sich zu Blade, der ihn auf den ersten Blick nicht leiden konnte.
Vance drehte seinen Stuhl zu Blade und sah ihn interessiert an. „Hallo, Blade, ich bin Doktor Vance. Ich arbeite für die Abteilung für geistige Gesundheit und ich habe den Auftrag bekommen, ein psychiatrisches Gutachten über Sie zu erstellen.“
Er sah die beiden Detectives an. „Gentlemen, würden Sie uns bitte ein paar Minuten allein lassen?“
Haie blickte zu Cumberland, der empört schnaubte, dann aber nickte. Die beiden standen auf, gingen hinaus und schlugen wütend die Tür hinter sich zu.
Vance lächelte Blade an und versuchte, ihm stumm sein Mitgefühl zu vermitteln. Er streckte ihm seine Hände entgegen und sprach mit Blade, als hätte er einen geistig minderbemittelten Welpen vor sich. „Ich kann mir vorstellen, dass dies alles auf Sie sehr erschreckend wirken muss. Aber ich möchte Sie wissen lassen, dass ich hier bin, um Ihnen zu helfen. Um das tun zu können, muss ich Ihnen ein paar Fragen stellen.“ Vance rückte seinen Stuhl zurecht. „Können Sie mir sagen, welcher Wochentag heute ist?“