Blade starrte Vance einfach nur an und machte sich gar nicht erst die Mühe, etwas zu erwidern. Er konnte das Blut riechen, das durch die Adern dieses Mannes gepumpt wurde. Blade erkannte, dass Vance keinesfalls so gelassen und selbstsicher war, wie er vorgab. Über ihnen tickte die Uhr weiter und unterstrich sein Schweigen.
Gerade mal zwanzig Sekunden waren verstrichen, doch Blade war es wie eine Ewigkeit vorgekommen.
Whistler war tot.
„Was ist mit dem Präsidenten?“ wechselte Vance freundlich das Thema. „Wissen Sie, wer im Weißen Haus regiert?“
„Ein Arschloch“, gab Blade zurück, ehe er sich selbst daran hindern konnte.
Vance seufzte und machte im Geiste ein Häkchen. Blade war also einer von der Sorte.
„Also gut, reden wir über Vampire. Was können Sie mir über sie erzählen?“
„Da gibt es nichts zu erzählen“, gab Blade mit tonloser Stimme zurück. „Sie existieren.“ Er fühlte, dass Cumberland und Haie ihn durch den Spiegel beobachteten. Es war noch jemand mit ihnen in diesem Raum hinter der Scheibe. Blade atmete mehrmals heftig durch. Wer immer da bei ihnen war, verströmte den Geruch von Angst – und den Geruch von einem Sandwich mit Speck und Ei.
Blade rümpfte die Nase. Das war keine gute Kombination.
„Und Sie sind einer von ihnen?“ Vance rückte näher an Blade heran. Nach einer kleinen Pause fügte er an: „Was hat es mit dem Blut auf sich? Verspüren Sie sexuelle Erregung, wenn Sie Blut trinken?“
Blade warf ihm einen eisigen Blick zu und wünschte sich, der arrogante Bastard würde in Flammen aufgehen. Hinter dem Rücken bewegte er seine Hände in der Hoffnung, eine Schwachstelle in seinen Fesseln zu finden. Wäre er bei Kräften, dann hätte er die Fesseln längst in Stücke gerissen. In seiner gegenwärtigen Verfassung schaffte er es dagegen kaum, die Fäuste zu ballen. Er hatte seit achtundvierzig Stunden kein Serum mehr eingenommen. Er befand sich in der gleichen körperlichen Verfassung wie ein normaler Vampir, der seit einem Monat keinen Schluck Blut mehr bekommen hatte.
Vance stellte weiter seine Fragen, während Blades Magen knurrte. Er begann, heftiger zu atmen, da er versuchte, das Feuer zu bändigen, das durch seinen Körper jagte. Nur zu gut war ihm bewusst, dass sich eine Mahlzeit in greifbarer Nähe befand… ein Mensch, durch den warmes, köstliches Blut pulsierte… der Mann… so dicht bei ihm…
Blade biss die Zähne zusammen, um sich zu beherrschen.
Vance schwadronierte weiter, ohne auch nur zu ahnen, in welcher Gefahr er schwebte. „Sehen Sie, mir scheint es, dass dieser Vampirismus sehr stark einer sexuellen Desorientierung gleichkommt. Sie wissen schon, der Austausch von Körperflüssigkeiten und so.“ Vance warf einen Blick auf seine manikürten Fingernägel. „Man muss herausfinden, welche Ursache das hat. Ich frage mich zum Beispiel, wie Ihr Verhältnis zu Ihrer Mutter war. Standen Sie beide sich nahe?“
Blade kniff die Augen zusammen.
Sobald er frei war, würde er diesen Kerl umbringen.
Zehn Minuten später ging Dr. Vance hinüber in den Beobachtungsraum zu den beiden Detectives, zu denen sich inzwischen ein weiterer Mann gesellt hatte – Polizeichef Vreede. Er schloss die Tür hinter sich und blickte finster drein.
Chief Vreede trat einen Schritt nach vorn. „Was halten Sie von ihm, Doktor?“
Vance schüttelte betrübt den Kopf und deutete auf Blade, der auf der anderen Seite des Spiegels saß. „Er ist hochgradig psychotisch, dazu kommen noch paranoide Züge.“ Der Doktor zog seinen Notizblock und warf einen Blick darauf. „Außerdem legt er ein gestörtes Verhalten an den Tag. Ganz offensichtlich ist bei ihm das Unrechtsbewusstsein nicht ausgebildet.“ Er klappte den Block zusammen und steckte ihn in die Gesäßtasche, dann breitete er als Geste seiner Ernsthaftigkeit die Hände aus. „Zu seinem eigenen Schutz und auch zum Schutz der Öffentlichkeit empfehle ich eine Verlegung in die Psychiatrische Einrichtung des Countys, damit er weiter behandelt werden kann.“
Cumberland schnappte nach Luft, mehrmals klappte er den Mund auf und zu wie ein gestrandeter Fisch. „Da mache ich nicht mit“, brach es aus ihm heraus. „Dieser Mann wird in Verbindung mit einer ellenlangen Liste von Kapitalverbrechen gebracht.“ Er baute sich vor Vance auf und sah ihm trotzig in die Augen. „Er soll noch heute Abend mit dem Flugzeug in die Haftanstalt in Washington gebracht werden.“
„Agent Cumberland, dieser Mann ist gar nicht in der Lage, sich einem Gerichtsverfahren zu stellen.“
Cumberland und Haie starrten Vreede ungläubig an. Haie räusperte sich: „Chief, wir haben einen FBI-Haftbefehl, der eindeutig mehr Gewicht…“
„Ihr Haftbefehl interessiert mich nicht.“ Polizeichef Vreede durchquerte den Raum und stellte sich neben Vance, um ihm den Rücken zu stärken. „Das hier ist meine Zuständigkeit. Wenn Sie damit ein Problem haben, wenden Sie sich an den Gouverneur.“
Dr. Vance machte eine entschuldigende Geste, die an die Detectives gerichtet war. „Es tut mir Leid, Gentlemen, aber es ist bereits alles arrangiert. Jeden Moment wird ein Team des Krankenhauses eintreffen, um die Verlegung zu überwachen.“
Einige Etagen tiefer betrat Danica die Polizeiwache durch den marmorverkleideten Eingang. Sie trug einen strahlend weißen Krankenhauskittel. Asher und Grimwood gingen direkt hinter ihr und knöpften im Gehen ihre Kittel zu. Vier vampirische Helfer, die als Pfleger gekleidet waren, folgten ihnen und trugen eine speziell verstärkte Zwangsjacke, eine Tasche mit unheilvoll aussehenden Metallfesseln sowie eine zusammenklappbare Krankentrage.
Danica ging zum Empfang hinüber. Jeder ihrer Schritte auf ihren hohen Absätzen hallte vom gefliesten Boden wider. Dem diensthabenden Sergeant hielt sie einen Ausweis hin und lächelte ihn freundlich an. „Hi. Wir sollen einen Patienten ins County General bringen. Können Sie uns sagen, wo er sich befindet?“
7
Mit einem fröhlichen Summen auf den Lippen trat Vance im Verhörraum wenig später zu Blade. Nach einem kurzen Blick zur Überwachungskamera öffnete er den Lederkoffer, der auf dem Tisch lag, und holte eine große Einwegspritze sowie eine Glasampulle mit einer farblosen Flüssigkeit heraus. Die Ampulle hielt er gegen das Licht und schüttelte sie ein paar Mal, um sicher zu sein, dass sich nichts abgelagert hatte. „Nur ein kleines Bonbon, damit du auch schön brav bleibst.“
Blade sah Vance hasserfüllt an. Irgend etwas stimmte nicht mit diesem Kerl. Er war aalglatt. Seine Stimme war zwar besänftigend, aber er bewegte sich wie ein Reptil, wie ein Alligator, der durch hohes Gras schlich, um sich seiner Beute zu nähern.
Der Typ roch nicht nach Vampir, aber er benahm sich wie einer.
Vance klopfte mit dem Fingernagel vorsichtig gegen die Spritze, um mögliche Luftblasen in der Flüssigkeit zu vermeiden, dann verzog er den Mund zu einem falschen Lächeln. „Die normale Dosis liegt bei zwei- bis dreihundert Milligramm. Aber um einen jungen Hybriden wie dich ruhig zu stellen…“ Vance musterte Blade und kniff die Augen zusammen, während er sein Gewicht schätzte. „Ich würde sagen, wir gehen gleich auf ein paar tausend Milligramm.“
Blade starrte Vance an, die Gedanken in seinem Kopf überschlugen sich.
Vance hielt die Spritze bereit und griff nach Blades Arm, doch der versuchte, vor ihm zurückzuweichen. Blade wollte nach dem Mann treten, aber seine Beine waren völlig taub und bewegten sich, als seien sie aus Beton. Schweiß trat auf Blades Stirn, als er sich mit aller Macht darauf konzentrierte, dass seine Beine ihm gehorchten.
Aber es half nichts. Entweder hatte man ihn bereits mit Medikamenten vollgepumpt, oder man hatte ihn verdammt lange bewusstlos hier sitzen lassen.
Adrenalin jagte durch seinen Körper und versetzte seinen Muskeln einen Energiestoß, der seinen wachsenden Hunger zusätzlich entfachte und der seine Sinne massiv schärfte. Sein Bauch fühlte sich an, als sei er mit flüssiger Lava gefüllt. Der Geruch von Vances Blut rief nach ihm wie ein düsterer, süßer Sirenengesang. Blade schloss einen Moment lang die Augen und kämpfte gegen das immer stärker werdende Bedürfnis, seinen Hunger jetzt und hier zu stillen.