Nirgal vermied solche Schreckensgeschichten und auch die meisten anderen. Er ging fast jeden Morgen zu den Versammlungen von Freier Mars in den Stadtbüros und jeden Nachmittag zum Fliegen. Im Laufe der Tage stellte er fest, daß er die Morgensitzungen nicht mochte. Er wollte bloß noch fliegen. Er hatte den Freien Mars nicht gegründet, ganz gleich, was man redete. Alles, was er in jenen Jahren getan hatte, war keine Politik in diesem Sinne gewesen. Vielleicht hatte es ein politisches Element gehabt; aber meistens hatte er sein eigenes Leben geführt und mit Leuten in der Demimonde und den Städten an der Oberfläche darüber gesprochen, wie sie ihr Leben gestalten und dennoch einige Freiheiten und Vergnügungen haben wollten. Okay, das war politisch gewesen, jede Aktion hatte auch eine politische Dimension. Aber es schien, daß er an Politik nicht wirklich interessiert war. Oder waren es die Regierungsgeschäfte?
Natürlich war Politik besonders uninteressant, wenn sie von Jackie und ihrer Schar dominiert wurde. Das war Politik einer anderen Art. Er hatte vom ersten Augenblick seiner Rückkehr an gesehen, daß Jackies innerem Kreis seine Rückkehr von der Erde nicht willkommen war. Er war den größten Teil eines m-Jahres fort gewesen; und während dieser Zeit war eine neue Gruppe von der Revolution in Schwung gebracht worden und in den Vordergrund getreten. Nirgal war für sie eine Bedrohung von Jackies Führungsrolle in der Partei und für ihren Einfluß auf Jackie. Sie waren entschieden, wenn auch subtil gegen ihn. Nein. Einige Zeit war er der Anführer der Eingeborenen gewesen, der Charismatiker des Stammes, der aus dem eingeborenen Volk des Mars bestand, der Sohn von Hiroko und Cojote — eine sehr mächtige Elternschaft, der man sich nur sehr schwer widersetzen konnte. Aber diese Zeit war vorbei. Jetzt hatte Jackie die Führung; und ihm gegenüber hatte sie ihre eigene mythische Abstammung von John Boone, wie ihre gemeinsamen Anfänge in Zygote und auch den parallelen (partiellen) Rückhalt des minoischen Kultes in Dorsa Brevia.
Ganz zu schweigen von ihrer direkten Macht über ihn in der ihr eigenen intensiven Dynamik. Aber ihre Berater konnten das nicht verstehen oder auch nur voll erkennen. Für sie war Nirgal eine bedrohende Macht, die durch die Krankheit auf der Erde keineswegs beseitigt worden war. Eine immerwährende Bedrohung für ihre eingeborene Königin.
So saß er die morgendlichen Versammlungen in den Stadtbüros ab, bemüht, ihre kleinen Manöver zu ignorieren und sich auf die Themen zu konzentrieren, die vom ganzen Planeten hereingingen und von denen viele Landprobleme oder kleine Streitigkeiten zum Thema hatten. Viele Städte wollten ihre Kuppeln abbauen, sobald der Luftdruck das ermöglichte; und kaum welche von ihnen waren bereit einzuräumen, daß das eine Maßnahme war, bei der die Umweltgerichtshöfe ein Mitspracherecht hatten. Manche Gebiete waren so trocken, daß Wasser der kritische Punkt war, und deren Ersuchen um Wasserzuteilungen gingen ein, bis es schien, daß das Nordmeer um einen Kilometer abgesenkt werden würde, wollte man durch Abpumpen die durstigen Städte des Südens versorgen. Diese und tausend andere Angelegenheiten stellten die vielen verfassungsmäßigen Netzwerke für die Verbindung lokaler Autonomie mit globalen Erwägungen auf die Probe. Die Debatten würden ewig dauern.
Nirgal, obwohl im Grunde an den meisten dieser Streitigkeiten nicht interessiert, schien sie dennoch der Parteipolitik vorzuziehen, die sich in Cairo abspielte. Er war von der Erde zurückgekommen ohne irgendeine offizielle Position in der neuen Regierung oder der alten Partei; und eines, was er sich in diesen Tagen abspielen sah, war der Streit darüber, ihn unterzubringen, ihm einen neuen Job mit begrenzter Macht zu geben — oder für jene, die ihn unterstützten, ihn in eine Position mit anwendbarer realer Macht zu bringen. Einige Freunde rieten ihm abzuwarten und für den Senat zu kandidieren, wenn die nächsten Wahlen kämen. Andere sprachen vom Exekutivrat, von Parteiposten oder einem Posten im Globalen Exekutivrat. Alle diese Jobs fand Nirgal in der einen oder anderen Weise abscheulich; und wenn er mit Nadia über Bildschirm sprach, stellte er fest, daß sie sich für ihn nur als Bürde erweisen würden. Obwohl Nadia sich emsig genug abmühte, war deutlich, daß ihr der Exekutivrat zuwider war. Aber er verzog keine Miene und hörte genau zu, wenn Leute ihm ihren Rat anboten.
Jackie ihrerseits hatte ihre eigene beratende Versammlung. Wenn Leute bei Meetings vorschlugen, Nirgal solle eine Art Minister ohne Portefeuille werden, blickte sie ihn noch ausdrucksloser als gewöhnlich an, was Nirgal auf den Gedanken brachte, daß ihr diese Möglichkeit am wenigsten von allen zusagte. Sie wollte ihn in irgendeiner Position festgenagelt sehen, die ihrem derzeitigen Posten untergeordnet war. Aber er blieb völlig außerhalb des Systems...
Da saß sie nun, das kleine Kind in den Armen. Es könnte sein Kind sein. Und Antar beobachtete sie mit der gleichen Miene, dem gleichen Gedanken. Ohne Zweifel hätte das auch Dao getan, wenn er noch leben würde. Nirgal wurde plötzlich durch einen Schauer von Kummer um seinen Halbbrüder geschüttelt, seinen Quälgeist, seinen Freund. Er und Dao hatten sich bekämpft, so weit er zurückdenken konnte. Sie waren aber trotz allem Brüder gewesen.
Jackie hatte Dao offenbar schon vergessen, genau wie Kasei. So wie sie Nirgal vergessen würde, sollte er getötet werden. Sie hatte zu den Grünen gehört, die befohlen hatten, den Angriff der Roten auf Sheffield zu zerschmettern. Sie hatte die starke Erwiderung der Kampfhandlungen befürwortet. Vielleicht mußte sie die Toten vergessen.
Das Kind schrie. Bei dem von Fett gerundeten Gesicht war es unmöglich, eine Ähnlichkeit mit irgendeinem Erwachsenen zu erkennen. Der Mund sah wie der von Jackie aus. Aber sonst... Es war erschreckend, diese Macht, die von anonymer Elternschaft ausging. Natürlich konnte ein Mann dasselbe tun, sich ein Ei besorgen, es befruchten und durch Ektogenese wachsen lassen und dann das Kind selbst aufziehen. Ohne Zweifel würde das auch passieren, besonders wenn noch mehr Frauen den Weg Jackies einschlugen. Eine Welt ohne Eltern. Nun, Freunde bildeten die wahre Familie. Aber er erschauerte doch vor dem, was Hiroko getan hatte und was Jackie tat.
Um seinen Geist von alledem zu klären, ging er fliegen. Eines Abends nach einem prächtigen Flug in den Wolken, als man im Lokal des Startplatzes saß, nahm die Konversation eine andere Richtung als gewöhnlich, und jemand erwähnte Hirokos Namen. »Ich höre, sie ist in Elysium und arbeitet da oben an einer neuen Kommune.«
»Wo hast du das gehört?« fragte Nirgal die Frau, wohl etwas zu scharf.
Sie sagte überrascht: »Du kennst doch diese Flieger, die letzte Woche hereingeschneit sind. Die um die Welt fliegen. Die waren im letzten Monat auf Elysium und sagten, sie hätten sie dort gesehen.« Sie zuckte die Achseln. »Das ist alles, was ich gehört habe. Nicht sehr zuverlässig. Ich weiß.«
Nirgal lehnte sich im Sessel zurück. Immer Information aus dritter Hand. Aber einige Geschichten schienen dennoch Hiroko widerzuspiegeln. Und ein paar, die zu sehr nach Hiroko aussahen, waren wohl erfunden. Nirgal wußte nicht, was er denken sollte. Sehr wenige Leute schienen sie für tot zu halten. Auch aus dem Rest der Gruppe wurden Sichtungen berichtet.
»Sie wünschen einfach, daß sie hier wäre«, sagte Jackie, als Nirgal das am nächsten Tage erwähnte.
»Wünschst du es denn nicht?«