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»Doch, natürlich...« — obwohl das nicht stimmte —, »aber nicht genug, um Geschichten darüber zu erfinden.«

»Hältst du die wirklich alle für erfunden? Ich meine, wer sollte das tun? Was würden sie in diesem Falle unter sich erzählen?«

»Nirgal, die Menschen sind nicht vernünftig. Das mußt du lernen. Die Leute sehen irgendwo eine ältliche Japanerin und denken, die sieht aus wie Hiroko. Am Abend erzählen sie ihren Zimmergenossen, sie hätten heute Hiroko gesehen. Sie war auf dem Markt und hat Pflaumen gekauft. Der Partner geht zu seinem Arbeitsplatz und sagt: ›Mein Zimmergenosse hat gestern Hiroko gesehen, wie sie Pflaumen gekauft hat.‹«

Nirgal nickte. Das war ohne Zweifel richtig, wenigstens für die meisten Geschichten. Aber was war mit dem Rest, den wenigen Geschichten, die nicht in dieses Muster paßten... ?

»Inzwischen mußt du eine Entscheidung über diese Position im Umweltgerichtshof treffen«, sagte Jackie. Es handelte sich um ein Provinzgericht, das dem Globalen unterstand. »Wir können es so einrichten, daß Mem einen Posten in der Partei erhält, der wirklichen Einfluß hat; oder du könntest diesen nehmen, wenn du willst, oder beide, nehme ich an. Aber wir müssen es wissen.«

»Ja,ja.«

Es kamen Leute herein, um über etwas anderes zu diskutieren, und Nirgal zog sich zum Fenster zurück, in die Nähe des Kindermädchens und des Babys. Er war nicht an dem interessiert, was sie machten, an nichts davon. Das war bloß alles häßlich und abstrakt, eine ständige Manipulation von Menschen, ohne ihnen, die doch so viel Arbeit für sie verrichteten, je irgendeine Erkenntlichkeit zu erweisen. Jackie würde sagen, das ist Politik. Und es war klar, daß sie es genoß. Aber Nirgal nicht. Es war seltsam. Er hatte sein ganzes Leben offenkundig für diese Situation gearbeitet; und als sie jetzt gekommen war, gefiel sie ihm nicht.

Höchstwahrscheinlich könnte er genug lernen, um die Arbeit zu leisten. Er müßte die Feindseligkeit der Leute überwinden, die ihn nicht wieder in der Partei haben wollten; er müßte sich eine eigene Machtbasis schaffen, das heißt eine Gruppe von Menschen um sich sammeln, die ihm in ihren offiziellen Positionen helfen würden. Er müßte ihnen Gefälligkeiten erweisen, ihre Gunst erschmeicheln, sie gegeneinander ausspielen, so daß ein jeder seinem Wunsch willfahren würde, um gegenüber den anderen Überlegenheit zu gewinnen... Er konnte gerade hier in diesem Raum alle diese Prozesse in Aktion sehen, wenn Jackie mit einem Berater nach dem anderen zusammenkam und diskutierte, was gerade sein Spezialgebiet betraf, und ihn dann bearbeitete, um ihn sich noch stärker zu verpflichten. Natürlich würde sie sagen, wenn er sie darauf hinwies: so ist eben die Politik. Sie hatten jetzt die Kontrolle über den Mars, und wenn sie die neue Welt schaffen wollten, auf die sie gehofft hatten, dann mußten sie Politiker in letzter Konsequenz sein. Man konnte nicht allzu wählerisch sein, man mußte realistisch handeln. Man hielt sich die Nase zu und tat es. Darin lag wirklich ein gewisser Adel. Es war die notwendige Arbeit.

Nirgal wußte nicht, ob diese Rechtfertigungen der Wahrheit entsprachen oder nicht. Hatten sie wirklich ihr ganzes Leben lang gearbeitet, um die Herrschaft der Erde über den Mars zu überwinden, nur damit sie ihre eigene lokale Version des gleichen Systems an deren Stelle setzen konnten? Konnte Politik jemals etwas anderes sein als Politik — praktisch, zynisch, häßlich?

Nirgal konnte das nicht beantworten. Er saß am Fenster und sah auf das Gesicht von Jackies schlafender Tochter hinunter. Auf der anderen Seite des Raums schüchterte Jackie die Delegierten des Freien Mars aus Elysium ein. Jetzt, da Elysium eine vom Nordmeer umgebene Insel war, waren sie dort entschlossener denn je, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, einschließlich der Einwanderungsbeschränkungen, die verhindern sollten, daß sich die Bevölkerung weit über ihre jetzige Anzahl hinaus entwickelte. »Das ist ja alles schön und gut«, sagte Jackie, »aber es ist jetzt eine sehr große Insel, eigentlich ein Kontinent, und noch dazu von Wasser umgeben, so daß er besonders feucht sein wird. Außerdem mit einer Küstenlinie von Tausenden von Kilometern, einer Menge guter Hafenplätze, die ohne Zweifel als Fischereihäfen nutzbar sind. Ich kann mit eurem Wunsch sympathisieren, die Entwicklung im Griff zu behalten, das ist uns allen klar; die Chinesen haben jedoch ein besonderes Interesse bekundet, einige dieser Plätze zu entwickeln. Und was erwartet man, das ich ihnen sagen soll? Daß die auf Elysium Ansässigen die Chinesen nicht leiden können? Daß wir ihre Hilfe in einer Krise annehmen, aber nicht wollen, daß sie in die Nachbarschaft ziehen?«

»Doch nicht deshalb, weil sie Chinesen sind!« rief der Delegierte.

»Ich verstehe. Wirklich! Ich sage Ihnen: Gehen Sie nach Südfossa zurück und erklären Sie dort die Schwierigkeiten, vor denen wir stehen, und ich werde alles tun, was in meiner Möglichkeit steht, um Ihnen zu helfen. Ich kann keine Resultate garantieren, werde aber tun, was ich kann.«

»Danke«, sagte der Delegierte und ging.

Jackie wendete sich an ihre Assistentin. »Idiot! Wer kommt als nächster? Ah, natürlich der chinesische Gesandte. Gut, laß ihn rein!«

Der chinesische Gesandte, eine Frau, war recht groß. Sie sprach Mandarin, und ihr Computer übersetzte in klares britisches Englisch. Nach dem Austausch der üblichen Höflichkeiten bat die Frau um die Einrichtung einiger chinesischer Siedlungen, vorzugsweise in den äquatorialen Provinzen.

Nirgal sah fasziniert hin. So hatte man ganz von Anfang an mit dem Siedeln begonnen. Gruppen terranischer Nationaler waren angekommen und hatten eine Kuppelstadt oder eine Klippensiedlung errichtet oder einen Krater überkuppelt... Aber jetzt zeigte Jackie eine höfliche Miene und sagte: »Das ist möglich. Natürlich wird man alles den Umweltgerichtshöfen zur Beurteilung vorlegen müssen. Aber es gibt auf dem Elysium-Massiv große Mengen bewohnbaren Landes. Vielleicht ließe sich hier etwas arrangieren, besonders wenn China gewillt ist, zur Errichtung einer Infrastruktur beizutragen.«

Sie besprachen Details. Nach einiger Zeit ging die Gesandte fort.

Jackie drehte sich um und schaute Nirgal an. »Nirgal, könntest du Rachel hereinrufen? Und versuche dich bald zu entscheiden, was du in Zukunft tun willst, bitte!«

Nirgal ging aus dem Haus durch die Stadt zu seinem Zimmer. Er packte seine kleine Sammlung von Kleidungsstücken und Toilettenartikeln zusammen, nahm die U-Bahn zum Flugplatz und bat Monica, einen der einsitzigen Luftschiffgleiter benutzen zu dürfen. Er war für den Alleinflug gerüstet und hatte genügend Stunden in Simulatoren und mit Lehrern verbracht. Unten in Marineris auf Candor Mesa gab es eine weitere Flugschule. Er sprach mit den Beamten auf dem Flugplatz. Sie gestatteten ihm, den Luftgleiter dorthin zu fliegen und ihn später von einem anderen Piloten zurückbringen zu lassen.

Es war Mittag. Die hangabwärts gehenden Winde von Tharsis hatten eingesetzt und würden im Laufe des Nachmittags noch stärker werden. Nirgal zog sich an und stieg in den Pilotensitz. Der kleine Luftgleiter kletterte, am Bug gehalten, am Startmast empor und wurde freigelassen.

Er stieg über Noctis Labyrinthus auf und wandte sich ostwärts. Er flog über das Gewirr verschachtelter Canyons. Ein Land, das durch große Spannungen von unten her aufgerissen worden war. Ein Flug aus dem Labyrinth. Ein Ikarus, der zu nahe an die Sonne herangeflogen war und verbrannt worden war, hatte den Sturz überlebt und flog jetzt wieder, diesmal abwärts, immer nach unten. Er nutzte den Vorteil, den ein starker Rückenwind ihm bot. Ritt auf einer Windsbraut und schoß über das zerrissene schmutzige Eisfeld hinab, das als Compton Chaos bezeichnet wurde, wo 2061 der große Kanalausbruch seinen Ausgang genommen hatte. Jene immense Flut war Ius Chasma hinuntergeflossen; aber Nirgal bog nach Norden ab, weg vom Gletscherfluß und dann wieder nach Osten, hinunter in den Kopf von Tithonium Chasma, das parallel zu Ius Chasma direkt nach Norden verlief.