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Tithonium war einer der tiefsten und schmälsten Marineris-Canyons, vier Kilometer tief und zehn breit. Er konnte knapp über die Plateauränder fliegen und sich dennoch Tausende von Metern über dem Canyonboden befinden. Tithonium war höher als Ius, wilder und von Menschenhand unberührt; selten bereist, da er nach Osten hin eine Sackgasse bildete, wo er sich verengte und der Boden aufrauhte und schroffer wurde, um dann jäh gegen riesenhohe Felswände zu branden. Nirgal erkannte die Straße, die sich rückwärts den östlichen Kopfwall nach oben wandte, die er in seiner Jugend oft gefahren war, als noch der ganze Planet seine Heimat gewesen war.

Die nachmittägliche Sonne hinter ihm versank. Die Schatten auf dem Land wurden länger. Der Wind blies weiter heftig, summte und winselte, fauchte und fuhr beißend über den Gleiter. Er blies ihn wieder über die Deckschicht des Randplateaus hinaus, wo Tithonium in eine Reihe ovaler Mulden überging, die das Plateau narbten: die Tithonia Catena, jede Senke eine riesige schüsseiförmige Eintiefung im Land.

Und dann fiel die Welt plötzlich wieder ab, und er flog hinaus über den immensen offenen Canyon von Candor Chasma, Shining Canyon, dessen Ostwände in diesem Moment im Sonnenlicht bernstein- und bronzefarben leuchteten. Im Norden lag der tiefe Eingang in Ophir Chasma, den zentralen Giganten des Marineris-Systems. Das war die Mars-Version vom Concordiaplatz, nur viel größer als die auf der Erde. Wilder, unberührter, urtümlich, gigantisch, jenseits aller menschlichen Maßstäbe, als ob er um zwei Jahrhunderte oder zwei Äonen in die Vergangenheit zurück geflogen wäre in eine Zeit vor der Anthropogenese. Roter Mars!

Und dort in der Mitte des breiten Candor war eine hohe rhombische Mesa, eine Insel aus Deckschicht, die fast zwei Kilometer über dem Boden des Canyons aufragte. Und in dem dunstigen Licht des Sonnenuntergangs konnte Nirgal ein Nest von Lichtern erkennen, eine Kuppelstadt im südlichsten Punkt des Rhombusses. Stimmen begrüßten ihn auf der allgemeinen Frequenz seines Interkoms und leiteten ihn dann zum Landeplatz der Stadt hinunter. Die Sonne verglomm über den Klippen im Westen, als er den Gleiter langsam gegen den Wind schwenkte und ihn genau auf der als Zielmarke auf den Landeplatz gemalten Figur Kokopelis niedergehen ließ.

Shining Mesa hatte einen breiten Gipfel, mehr von der Form eines Kinderdrachens als eines richtigen Rhombusses, dreißig Kilometer lang und zehn breit, der sich in der Mitte von Candor Chasma wie ein großes ValleyMonument erhob. Die Kuppelstadt nahm nur eine kleine Anhöhe an der Südspitze des Drachens ein. Die Mesa war genau das, was man auf den ersten Blick vermutete: ein abgetrenntes Fragment des Plateaus, welches die Marineris-Canyons aufgesplittert hatten. Sie war ein großartiger Aussichtspunkt, um die großen Wände von Candor zu betrachten, mit Blicken durch die tiefen, steilen Lücken hinein nach Ophir Chasma im Norden und Melas Chasma im Süden.

Natürlich hatte eine so spektakuläre Aussicht im Laufe der Jahre Menschen angezogen, und die Hauptkuppel war von kleineren umgeben. In einer Höhe von fünf Kilometern über Null war die Stadt immer noch überkuppelt, obwohl man darüber sprach, die Kuppel zu entfernen. Der Boden von Candor Chasma, nur drei Kilometer über Null, war von wachsenden dunkelgrünen Wäldern gefleckt. Viele Leute, die in Shining Mesa wohnten, flogen jeden Morgen hinunter, um sich agronomisch oder botanisch zu betätigen, und flogen am späten Nachmittag wieder auf den Gipfel der Mesa herauf. Ein paar dieser fliegenden Förster waren alte Bekannte von Nirgal und freuten sich, ihn herumführen zu können, die Canyons zu zeigen und was sie darin machten.

Die Böden der Marineris-Canyons verliefen im allgemeinen von Westen nach Osten. In Candor bogen sie um die große Zentralmesa herum und fielen dann steil nach Melas ab. Auf den höheren Teilen des Bodens lag Schnee, besonders unter den westlichen Wänden, wo die Stationen nachmittags im Schatten lagen. Das Schmelzwasser von diesem Schnee lief in den schmalen sandigen Betten gewundener Bäche hinunter, um dann gesammelt in einige seichte, schlammige rote Flüsse einzumünden, die sich gerade über dem Candor-Kap sammelten und in wilden, schäumenden Fällen auf den Boden von Melas Chasma stürzten, wo das Wasser vor dem Rest des Gletschers 61 in einen Teich strömte und rötlich gegen seine Nordflanke brandete.

An den Ufern all dieser trüben roten Flüsse bildeten sich Waldgalerien. Sie bestanden zumeist aus kältefesten Balsas und anderen sehr schnell wachsenden tropischen Baumarten, die sich über dem Krummholz in neue Baldachine auswuchsen. In diesen Tagen war es auf dem Canyonboden, der großen windgeschützten, die Sonne reflektierenden Schüssel warm. Die Balsa-Schutzdächer gewährten einer großen Anzahl von Pflanzen- und Tierarten einen Platz, um sich zu entwickeln. Nirgals Bekannte erklärten, daß es sich hierbei um die vielfältigste biotische Gemeinschaft auf dem Mars handele. Wegen der Bären, Schneeleoparden und anderer Raubtiere mußten sie Gewehre mit Betäubungspfeilen mit sich führen. Manche Baumalleen zu durchqueren war schwierig wegen der Dickichte aus Schneebambus und Espen.

All dieses Wachstum war durch große Vorkommen von Natriumnitrat in Candor und Ophir-Canyons — große weiße Terrassenbänke aus extrem wasserlöslichem weißem Salpeter — unterstützt worden. Diese Mineralablagerungen schmolzen jetzt auf den Canyonboden und flössen die Ströme hinab, so daß sie die neuen Böden mit reichlich Stickstoff versorgten. Leider waren einige der größten Nitratvorkommen unter Moränenabgängen begraben worden. Das Wasser, das das Natriumnitrat auflöste, durchfeuchtete auch die Canyonwände und destabilisierte sie durch die radikale Beschleunigung der ständig laufenden Massenabgänge. Niemand begab sich mehr an den Fuß der Canyonwände. Die Flieger sagten, es sei zu gefährlich. Und während sie in ihren Luftgleitern umhersausten, besah sich Nirgal die Narben von Erdrutschen, die überall zu finden waren. Etliche hohe und bewachsene Moränen waren verschüttet worden. Die Verfahren zur Fixierung der Wände gehörten zu den vielen Gesprächsthemen an den Mesa-Abenden, wenn ihnen das Omegandorph ins Blut gegangen war. Man konnte aber wirklich nicht viel tun. Wenn Brocken an einer zehntausend Fuß hohen Felswand nachgeben wollten, würde sie nichts aufhalten. Daher konnte man auf Shining Mesa von Zeit zu Zeit, etwa einmal in der Woche, den Boden erzittern fühlen und beobachteten, wie die Kuppel flimmerte, und in der Magengrube das tiefe Rumpeln eines Zusammenbruchs hören. Oft gelang es, den Bergrutsch zu orten, der sich vor einer bräunlichen Staubwolke durch den Canyon wälzte. Flieger, die sich in der Nähe befunden hatten, kamen erschüttert und schweigend zurück oder gesprächig mit wilden Geschichten, wie sie mit ohrenzerreißendem Getöse über den Himmel geschleudert worden waren. Eines Tages war Nirgal in Bodennähe unterwegs, als er selbst in den Genuß kam. Es war wie ein sonischer Knall, der viele Sekunden anhielt. Die Luft zitterte wie ein Pudding. Dann war es ebenso rasch vorbei, wie es angefangen hatte.

Meistens führte er selbständig Erkundungen durch, und manchmal flog er mit seinen alten Bekannten. Die Luftgleiter waren für den Canyon perfekt, langsam, stabil und leicht zu steuern. Mehr Auftrieb, als nötig war, mehr Energie... Der Apparat, den er — mit von Cojote geliehenem Geld — gemietet hatte, erlaubte ihm, morgens nach unten zu schweben, um bei der botanischen Arbeit in den Wäldern zu helfen oder an den Flüssen spazieren zu gehen. Dann stieg er nachmittags immer weiter in die Höhe. Damit bekam man einen guten Begriff davon, wie hoch Candor Mesa eigentlich war, genau wie die noch höheren umgebenden Wände. Immer weiter hinauf, zur Kuppel, zu seinen langen Mahlzeiten und Partyabenden. Tag für Tag verfolgte Nirgal diese Routine, erkundete die mannigfachen Regionen der Canyons in der Tiefe und beobachtete das überschäumende Nachtleben der Kuppel. Aber er sah alles wie durch das falsche Ende eines Teleskops, eines Teleskops, das aus der Frage bestand: Ist dies das Leben, das wir führen wollen? Diese distanzierende und irgendwie verkleinernde Frage verfolgte ihn immer wieder, erregte ihn, wenn er im Sonnenschein kurvte, und suchte ihn in den schlaflosen Stunden zwischen dem Zeitrutsch und der Dämmerung heim. Der Erfolg der Revolution hatte ihn ohne eine Aufgabe zurückgelassen. Sein ganzes Leben war er über den Mars gewandert und hatte zu den Leuten über einen freien Mars gesprochen, über friedliches Bewohnen statt Kolonisierung, darüber, im Land einheimisch bis zu den Wurzeln zu werden. Diese Aufgabe war jetzt beendet. Das Land gehörte ihnen, um nach Wunsch darin zu leben. Aber er fand in dieser neuen Situation keine Rolle für sich. Er mußte sehr differenziert darüber nachdenken, wie er in dieser neuen Welt weitermachen sollte, nicht länger als Stimme des Kollektivs, sondern als ein Individuum in seinem eigenen Privatleben.