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Er hatte herausgefunden, daß er nicht weiter im Kollektiv arbeiten wollte. Es war gut und notwendig, daß manche Leute sich dazu berufen fühlten, aber er gehörte nicht zu ihnen. Er konnte in der Tat nicht an Cairo denken ohne einen Stich von Ärger über Jackie zu verspüren, manchmal war es auch einfacher Schmerz wegen des Verlustes dieser öffentlichen Welt, dieses ganzen Lebensstils. Es war hart, ein Revolutionärsdasein aufzugeben. Darauf schien nichts zu folgen, weder logisch noch emotional. Aber es mußte etwas getan werden. Dieses Leben war vergangen. Inmitten eines langsamen Sinkfluges mit Querneigung im Luftgleiter verstand er plötzlich Maya und ihr besessenes Gespräch über Inkarnationen. Er war jetzt 27 m-Jahre alt, er hatte den Mars kreuz und quer bereist, er war auf der Erde gewesen und in eine freie Welt zurückgekehrt. Zeit für die nächste Seelenwanderung.

So flog er nun durch die ungeheuren Weiten von Candor und suchte nach einem Bild seiner selbst. Die zerrissenen, geschichteten, vernarbten Canyonwände waren so viele erstaunliche mineralische Spiegel. Und ihm wurde vor Augen geführt, daß er eine winzige Kreatur war, kleiner als eine Mücke in einer Kathedrale. Er flog herum und studierte jedes große Palimpsest von Facetten; ihm offenbarten sich zwei sehr starke innere Impulse, getrennt und sich gegenseitig ausschließend, aber dennoch verflochten wie das Grün und das Weiß. Einerseits wollte er ein Wanderer bleiben, über die Welt fliegen, gehen und segeln, für immer ein Nomade, der unablässig in Bewegung blieb, bis er den Mars besser kannte als jeder andere. O ja! Das war eine vertraute Euphorie. Er hatte das sein ganzes Leben lang getan. Es wäre die Form seines früheren Lebens jedoch ohne dessen Inhalt. Und die Einsamkeit dieses Lebens war ihm vertraut, die Wurzellosigkeit, die ihn so abgesondert machte und ihm diesen Blick durch das falsche Ende des Teleskops bescherte. Er hatte keine Heimat. Und so wünschte er sich jetzt diese private Anlaufstelle ebenso sehr wie die Freiheit oder noch mehr. Eine Heimat. Er wollte sich in einem vollen menschlichen Leben niederlassen, einen Ort suchen und dort bleiben, ihn vollständig kennenlernen, in allen Jahreszeiten, seine Nahrung ziehen, sein Haus und seine Geräte bauen und Teil einer Gemeinschaft von Freunden werden.

Diese Wünsche existierten, stark und nebeneinander — oder genauer, in einer subtilen raschen Oszillation, die seine Emotionen reizte und ihn schlaf- und ruhelos machte. Er sah keinen Weg, sie miteinander zu vereinbaren. Sie schlössen einander aus. Niemand, mit dem er redete, hatte auch nur einen nützlichen Vorschlag, wie diese Schwierigkeit zu lösen wäre. Cojote hatte Bedenken dagegen, Wurzeln zu schlagen. Aber auch er war Nomade und konnte es nicht wissen. Art hielt das Wanderleben für unmöglich. Aber ihm gefielen die Plätze, die er gefunden hatte.

Nirgals nichtpolitische Ausbildung war Ingenieurwesen im Mesokosmos; aber er fand, daß ihm das bei seinen Überlegungen wenig half. In größeren Höhen pflegte man immer noch in Kuppeln zu leben, und mesokosmische Ingenieurkunst wurde benötigt. Aber das wurde mehr und mehr verwissenschaftlicht und der künstlerische Aspekt würde mit zunehmender Erfahrung in der Lösung der Probleme zur bloßen Routine verkommen. Außerdem — strebte er nach einem Leben in der Kuppel, wenn so viele von den tiefer gelegenen Regionen des Planeten zu Land wurde, auf dem man frei gehen konnte?

Nein. Er wollte in der freien Luft leben. Ein Stück Land finden, eigenen Boden haben, seine Pflanzen und Tiere, sein Wetter und seinen Himmel und alles sonst — das wünschte er sich. Ein Teil von ihm, einen Teil der Zeit.

Inzwischen wurde ihm klar, daß — was er auch wählen würde — Candor Chasma nicht der Ort für die Art von Siedlung war, die er sich vorstellte. Seine ungeheuren Perspektiven machten es schwer, es als einen Platz für sein Zuhause zu sehen. Condor Chasma war zu weit, zu unmenschlich. Die Canyonböden waren als Wildnis geplant und bestimmt; und in jedem Frühling würden die durch die Schneeschmelze angeschwollenen Flüsse über die Ufer treten, neue Kanäle graben und unter enormen Erdrutschen verschüttet werden. Das war alles faszinierend. Aber keine Heimat. Die Eingesessenen würden oben auf Shining Mesa bleiben und die Canyons nur bei Tag aufsuchen. Die Mesa würde ihr wahres Heim sein. Das war ein guter Plan. Aber die Mesa war eine Insel am Himmel, ein großartiges Touristenziel, eine Stätte für Flugferien, für nächtliche Parties, für teure Hotels, für die Jungen und die Verliebten — für alles, was fein und schön war. Aber überfüllt, vielleicht sogar überlaufen und gegen den Einfluß der Besucher ankämpfend. Die neu niedergelassenen Bewohner waren verzückt durch die herrlichen Aussichten. Leute, die ankamen wie Nirgal selbst, die irgendwann bei Dämmerung eintrafen und nie wieder fortgingen, während die alten Einwohner hilflos zusahen und über die guten alten Tage murrten, als die Welt neu und nicht so voll gewesen war.

Nein — das war nicht die Art von Heimat, die ihm vorschwebte. Obwohl er es liebte, wenn die Morgendämmerung die Westwände von Candor erleuchtete, im ganzen Spektrum des Mars strahlend, wenn sich der Himmel indigo- oder malvenfarben tönte oder in einem aufregenden irdischen Himmelblau... ein schöner Ort, so schön, daß er an manchen Tagen beim Fliegen das Gefühl hatte, es würde sich lohnen, auf Shining Mesa zu stehen, diesen Grund zu besitzen und zu versuchen, ihn zu erhalten; hinunterzugleiten und den knorrigen wilden Boden zu erforschen und an jedem Nachmittag zum Dinner wieder hinaufzuschweben. Würde ihm das ein Gefühl von Heimat geben? Und wenn er Wildnis wünschte — gab es da nicht andere weniger spektakuläre aber entlegenere Stellen, die dadurch noch wilder und anziehender wären?

Er drehte sich im Kreis, was dieses Thema betraf. Eines Tages, als er über die schäumende trübe Reihe von Katarakten und Wasserfällen in der Candor- Lücke flog, erinnerte er sich, daß John Boone dieses Gebiet unmittelbar nach dem Bau der TransmarinerisFernstraße in einem Solorover durchquert hatte. Was würde dieser meisterhafte Wortverdreher zu dieser erstaunlichen Gegend gesagt haben?

Nirgal rief in Pauline, dem Computer von Boone, Candor auf und fand ein gesprochenes Tagebuch, das während einer Fahrt durch den Canyon 2046 gemacht worden war. Nirgal ließ das Band laufen, während er von oben auf das Land hinunterschaute, und horchte auf die rauhe Stimme mit dem angenehmen amerikanischen Akzent, eine Stimme, der es nichts ausmachte, zu einem Computer zu sprechen. Beim Zuhören wünschte sich Nirgal, mit John’selbst reden zu können. Manche Leute sagten, Nirgal wäre erfolgreich in John Boones leere Fußstapfen getreten und hätte die Arbeit geleistet, die John getan hätte, wenn er noch lebte. Wenn das so wäre, was hätte John danach getan? Wie würde er gelebt haben?

»Dies ist die unglaublichste Gegend, die ich jemals gesehen habe. Sie ist wirklich das, an was man denkt, wenn man an Valles Marineris denkt. Hinten in Melas ist der Canyon so weit, daß man von der Mitte aus die Wände überhaupt nicht sehen kann. Sie liegen hinter dem Horizont! Die Krümmung dieses kleinen Planeten erzeugt Effekte, die man sich nie vorgestellt hat. All die alten Simulationen gingen so sehr an der Wahrheit vorbei. Die Vertikalen waren um Faktoren von fünf oder zehn übertrieben, soweit ich mich entsinne. Dadurch sah es aus, als ob man in einen Schlitz blickte. Es ist aber kein Schlitz. Oha, hier ist eine Felsensäule, die aussieht wie eine Frau in einer Toga. Ich nehme an, das würde Lots Weib sein. Ich frage mich, ob das Salz ist. Es ist weiß, aber ich glaube, das will nicht viel heißen. Ich muß Ann fragen. Ich möchte wissen, was die Schweizer Straßenbauer sich dabei gedacht haben, als sie diese Straße anlegten. Sie ist nicht sehr alpin. Eine Art von Gegenalpen, wo es nach unten geht, anstatt nach oben, rot statt grün, und es Basalt statt Granit gibt. Nun, es schien ihnen aber irgendwie zu gefallen. Natürlich sind sie Anti-Schweiz- Schweizer, darum ergibt das irgendwie Sinn. Oha, hier ist die ganze Gegend voller Schlaglöcher. Der Rover springt herum. Ich könnte es mit dieser Bank versuchen. Das sieht glatter aus als hier. Hoppla, dahin geht es, genau wie eine Straße. Oh, es ist die Straße. Ich bin wohl ein wenig vom Weg abgekommen. Ich fahre manuell, um des Vergnügens willen; aber es ist schwierig, ein Auge auf die Transponder zu halten, wenn es so viel anderes anzuschauen gibt. Die Transponder sind mehr für einen automatischen Piloten gemacht als das menschliche Auge. He, das ist die Bruchstelle nach Ophir Chasma hinein. Was für eine Lücke! Diese Wand muß — ich weiß nicht — zwanzigtausend Fuß hoch sein. Mein Gott! Da die letzte Candor Gap hieß, muß diese Ophir Gap sein, richtig? Ophir Gate wäre hübscher. Sehen wir auf die Karte! Hmm, das Vorgebirge auf der Westseite der Lücke heißt Candor Labes. Das bedeutet doch Lippen? Candor-Kehle. Oder — hmm — ich glaube nicht. Es ist aber doch eine höllische Öffnung. Sechs- oder siebenmal höher als die Klippen von Yosemite. Na ja! Eigentlich sehen sie gar nicht soviel höher aus, um ehrlich zu sein. Ohne Zweifel perspektivische Verkürzung. Sie sehen etwa doppelt so hoch aus oder — wer weiß? Ich kann mich nicht erinnern, wie Yosemite wirklich ausgesehen hat, zumindest hinsichtlich der Größe. Dies hier ist der erstaunlichste Canyon, den man sich vorstellen kann. Ah, da ist zu meiner Linken Candor Mesa. Das ist das erste Mal, daß ich sehen kann, daß es sich nicht um einen Teil der Candor Labes handelt. Ich würde wetten, daß der Mesagipfel eine phantastische Aussicht bietet. Man sollte ein Fly-in-Hotel dort errichten. Ich wünschte, ich könnte dort hinaufkommen und es sehen! Das wäre ein lustiger Platz, um hinzufliegen und ihn zu sehen! Allerdings gefährlich. Ich sehe ab und zu Windhosen, boshafte kleine Wirbel, dicht und dunkel. Dort trifft ein Sonnenstrahl durch den Staub auf die Mesa. Wie ein Riegel Butter, der in der Luft hängt. O Gott, was für eine schöne Welt!«