Nirgal konnte nur zustimmen. Er mußte lachen, als er die Stimme des Mannes vernahm und war überrascht zu hören, daß John vom Fliegen in der Höhe sprach. Nun konnte er etwas besser verstehen, weshalb die Issei so bewundernd über Boone sprachen, und daß der Schmerz über seinen Verlust bei ihnen nie verschwand. Wieviel besser wäre es, John hier zu haben als bloß diese Aufzeichnungen in einem Computer. Ein wie großes Abenteuer wäre es gewesen zuzusehen, wie John mit der wilden Geschichte des Mars fertig geworden wäre! Und Nirgal unter anderem die Bürde dieser Rolle erspart hätte. Aber so hatten sie nur diese freundliche, glückliche Stimme. Und das löste Nirgals Problem nicht.
Wieder zurück auf Candor Mesa, trafen sich die Flieger abends in einem Ring von Kneipen und Restaurants auf dem hohen südlichen Bogen ihrer Kuppelmauer, wo sie auf Terrassen eben noch innerhalb der Kuppel sitzen und den weiten Blick über die bewaldete Welt ihres Reichs genießen konnten. Nirgal saß unter diesen Leuten. Er aß und trank, hörte zu, redete manchmal, machte sich seine Gedanken über sie und fühlte sich wohl. Ihnen war es gleich, was ihm auf der Erde widerfahren war. Ihnen war es auch gleich, daß er unter ihnen weilte. Das war gut. Er war oft so abgelenkt, daß er seine Umgebung vergaß. Er fiel oft in Träumereien und erwachte wieder aus ihnen und erkannte, daß er wieder einmal in den schwül heißen Straßen von Port of Spain gewesen war, oder in der Flüchtlingssiedlung beim sturzbachartigen Monsun. Wie oft fand er sich da wieder! Alles, was seither geschehen war, verblaßte im Vergleich damit.
Aber eines Abends erwachte er aus einer Träumerei, als ihm war, als hätte eine Stimme gesagt: »Hiroko.«
»Was ist das?« fragte er.
»Hiroko. Wir haben sie beim Flug rund um Elysium getroffen, oben auf dem Nordhang.«
Das sagte eine junge Frau. Ihr Gesicht ließ nicht erkennen, ob sie wußte, wer das war.
»Hast du sie selbst gesehen?« fragte er scharf.
»Ja. Sie versteckt sich nicht oder sonstwas. Sie sagte, mein Flieger gefiele ihr.«
»Ich weiß nicht«, sagte ein älterer Mann. Ein Marsveteran, ein Issei-Immigrant aus den frühen Jahren, das Gesicht durch Wind und kosmische Strahlung so verwittert, daß es wie Leder aussah. Mit rauher Stimme sagte er: »Ich hörte, sie war unten im Chaos, wo die erste versteckte Kolonie war, und arbeitete an den neuen Häfen in der Südbucht.«
Andere Stimmen mischten sich ein. Hiroko war hier gesehen worden und war dort gesehen worden, war für tot erklärt worden und zur Erde gegangen. Nirgal hatte sie auf der Erde gesehen.
»Der hier ist Nirgal«, sagte einer zu der letzten Bemerkung und zeigte grinsend auf ihn. »Er sollte imstande sein, das zu bestätigen oder zu verneinen.«
Nirgal nickte überrascht und sagte: »Ich habe sie auf der Erde nicht gesehen. Es gab bloß Gerüchte.«
»Also genau wie hier.«
Nirgal zuckte die Achseln.
Die junge Frau errötete, weil sie nun wußte, daß er Nirgal war, und bestand darauf, Hiroko persönlich getroffen zu haben. Nirgal beobachtete sie genau. Das war etwas anderes. Bis jetzt hatte niemand ihm gegenüber eine so direkte Behauptung aufgestellt (außer in der Schweiz). Sie sah verwirrt und abwehrend aus, blieb aber fest. »Ich sage, daß ich mit ihr gesprochen habe!«
Warum derartig lügen? Und wie war es möglich, daß jemand deswegen zum Narren gehalten würde? Schauspielerei? Aber warum?
Nirgals Puls hatte sich gegen seinen Willen beschleunigt, und ihm war wärmer geworden. Tatsächlich war es möglich, daß Hiroko so etwas tun würde, sich verstecken und gleichzeitig nicht verstecken. Irgendwo leben, ohne sich um Kontakt mit der zurückgelassenen Familie zu kümmern. Es gab dafür kein deutliches Motiv, es wäre seltsam und durchaus unmenschlich, lag aber völlig im Bereich von Hirokos Charakter. Seine Mutter war eine verrückte Person, das war ihm vor Jahren klar geworden, eine Charismatikerin, die mühelos Menschen lenkte, aber wahnsinnig war. Zu fast allem fähig.
Falls sie lebte.
Er wollte nicht wieder hoffen. Er wollte nicht auf die Jagd nach ihr gehen; nur aufgrund der bloßen Erwähnung ihres Namens! Aber er beobachtete das Gesicht dieses Mädchens, als könne er die Wahrheit daraus lesen, als ob er sogar das Bild Hirokos noch dort in ihren Pupillen sehen könnte! Andere stellten die Fragen, die er gestellt hätte. Darum konnte er still sitzen bleiben und zuhören. Er mußte sie nicht allzu selbstsicher machen. Sie erzählte langsam die ganze Geschichte. Sie und einige Freundinnen waren im Uhrzeigersinn um Elysium herum geflogen; und als sie für die Nacht auf der neuen Halbinsel, die die Phlegra Montes gebildet hatten, haltmachten, waren sie zum Eis-Ufer des Nordmeers hinuntergegangen, wo sie eine neue Siedlung entdeckt hatten. Und dort waren sie inmitten der Bauleute auf Hiroko gestoßen. Einige der beim Bau Beschäftigten waren ihre alten Gefährten Gene, Rya und Iwao und der Rest der Ersten Hundert, die Hiroko schon seit den Tagen der verlorenen Kolonie gefolgt waren. Die Fliegergruppe war erstaunt gewesen, aber die verschollen geglaubten Kolonisten hatten sich über deren Erstaunen geradezu verblüfft gezeigt. »Niemand versteckt sich mehr«, hatte Hiroko der jungen Frau gesagt, nachdem sie ihr Komplimente für ihren Flieger gemacht hatte. »Wir verbringen die meiste unserer Zeit in der Nähe von Dorsa Brevia, sind aber jetzt schon seit Monaten hier oben.«